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DuMont, Funke und Co.: Die letzte gedruckte Zeitung erscheint 2033 – was müssen Verlage bis dahin tun?

Professor Klaus Meier

Die Zeitungsverlage sind in der Krise, wie die Entwicklungen bei Funke und DuMont zeigen. Doch was bedeutet es, wenn es irgendwann kein einziges lokales Blatt mehr in einem Landkreis gibt? Wer stellt dann Öffentlichkeit her? Journalistik-Professor Klaus Meier sieht bereits Innovationen im deutschen Markt und rät zudem, einen Blick ins Ausland zu wagen. Ein Gastbeitrag

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Von Klaus Meier

Die lokale und regionale Zeitungslandschaft in Deutschland wird sich in den nächsten zehn Jahren deutlich stärker verändern als in den letzten zehn Jahren. Weil Tageszeitungen seit mehr als 100 Jahren die Hauptinformationsquelle im Lokalen waren und sind, wird dies die lokale Öffentlichkeit und damit unsere Demokratie stark beeinflussen.

Quo vadis Lokaljournalismus? Was bedeutet es, wenn es irgendwann kein einziges lokales Blatt in einem Landkreis gibt? Wer stellt dann Öffentlichkeit her? Wer bietet dann Orientierung, Navigation und Teilhabe am politischen Prozess und wer kontrolliert die lokalen Machthaber? Diese zentralen Fragen bewegen uns seit einigen Jahren, aber sie werden drängender denn je – und einfache Antworten gibt es nicht.

Die Diagnose: Die letzte gedruckte Zeitung erscheint 2033

Das Jahr 2019 hat nicht gut begonnen: Die Funke-Mediengruppe wird bei den drei Zeitungstiteln in Nordrhein-Westfalen zehn Prozent Personal streichen. Und DuMont will sich nun endgültig vom Geschäft mit den Tageszeitungen trennen – nach Jahren der Einsparungen und Konsolidierungen. Dabei handelt es sich nicht um lokale Kleinverleger, sondern um die nach Marktanteilen dritt- und viertgrößten Zeitungsverlage in Deutschland.

2012 habe ich die Auflagenzahlen der gedruckten Tageszeitungen in Deutschland der vergangenen 20 Jahre in eine Trendberechnung geschickt. Das Ergebnis war frappierend: Fast alle Werte lagen tatsächlich sehr genau auf einer Kurve, die sich langsam, aber immer stärker senkt. Die Statistik sagte uns voraus: 2022 würden noch ca. 11 Millionen Exemplare verkauft – und 2034 sei dann Schluss. Was aus heutiger Sicht noch frappierender ist: Alle Auflagenzahlen bis 2018 liegen fast genau auf dieser Linie – alles in allem sogar leicht darunter: Mit heutiger Berechnung erscheint 2033 die letzte gedruckte Tageszeitung, also in 14 Jahren (siehe Grafik).

Die gedruckte Auflage der Tageszeitungen (Quelle: BDZV/IVW; eigene Berechnung von Prof. Klaus Meier: Trendlinie mit Excel)

Natürlich ist der Sinn solcher Berechnungen nicht die exakte Prognose eines Sterbedatums, sondern das Wachrütteln in der Gegenwart: Die Zukunft der Lokalzeitung liegt sicherlich im Digitalen und nicht in der Printausgabe. Dort, wo es in fünf bis zehn Jahren noch eine gedruckte Ausgabe geben wird, wird sie noch teurer sein und nur von einer Bildungselite gekauft werden, die sich mehrheitlich kurz vor oder in Rente befindet. Schon jetzt – und erst recht in Zukunft – erreichen Zeitungen mehr Publikum digital als gedruckt.

Sparmaßnahmen bis hin zur Zombiezeitung

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) wird nicht müde zu betonen, dass die Gesamtreichweite der Tageszeitung steigt: Im Herbst 2018 lasen zumindest ab und zu gedruckt 60 Prozent, digital 67 Prozent und zusammen 89 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung eine Tageszeitung. Keine Frage: Die Tageszeitungen haben ein attraktives Angebot, das sehr breit genutzt wird. Aber werden die Zeitungsverlage in ihrer Vielfalt das Sterben der gedruckten Ausgaben überleben? Und werden wir auch rein digital eine Zeitungslandschaft haben, die jeden Landkreis abdeckt?

Einerseits hat nach Angaben des BDZV die Zahl der gedruckten Lokalteile in Deutschland nicht abgenommen. Andererseits werden Lokalredaktionen zusammengelegt und so manche Redaktion muss mehrere Lokalteile bespielen oder bekommt Inhalte von angrenzenden oder konkurrierenden Verlagen zugeliefert – bis hin zur Zombiezeitung, die gänzlich ohne eigene Redaktion auskommt.

Qualität: Glanz und Elend – aber besser als früher

Aufgrund der genannten Trends könnte man vermuten, dass die Qualität des Lokaljournalismus schlechter geworden ist. Das ist aber nicht der Fall. Eine umfangreiche Studie mit 103 Lokalteilen von Klaus Arnold und Anna-Lena Wagner an der Universität Trier hat gezeigt, dass in Summe zwar nach wie vor hintergründiger und kritischer über das lokale Geschehen informiert werden könnte, dass sich der Lokaljournalismus aber gegenüber den früher ermittelten Defiziten verbessert hat, etwa im Bereich der Themenvielfalt und Unabhängigkeit.

Der Lokaljournalismus in Deutschland war und ist geprägt vom weiten Spektrum zwischen Glanz, Mittelmaß und Elend: Es gibt sowohl die unterbesetzte Redaktion, die sich schwer tut, auch nur annährend Qualitätsansprüche umzusetzen, als auch die Redaktion, die höchste Qualität und preiswürdige Arbeit abliefert.

Es spricht für das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis des Lokaljournalismus, dass die beiden wichtigen Journalistenpreise im Lokalen keine Reportagen (wie im überregionalen Journalismus), sondern gemäß Demokratiefunktion und Wächteramt auszeichnen: der Lokaljournalistenpreis der Konrad Adenauer Stiftung (seit 1980) und der Wächterpreis der Tagespresse der Stiftung „Freiheit der Presse“ (seit 1969).

Die jüngsten Preisträger sind über ganz Deutschland verstreut: von Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten über Pforzheimer Zeitung, Main-Post und Kieler Nachrichten zum Nordkurier (Konrad Adenauer Preis), vom Tölzer Kurier bis zum Westfälischen Anzeiger (Wächterpreis) – um nur einige zu nennen. Auch andere Preise, wie etwa der Ralf Dahrendorf-Preis für Lokaljournalismus, betonen den Wert des (Lokal-)Journalismus für die Demokratie.

Wer kann die Aufgaben des Journalismus und professionelle Unabhängigkeit garantieren?

Im Kern hat Journalismus drei Aufgabengebiete:

  1. Orientierung und Navigation im Informationsdschungel bieten, also gesellschaftlich wichtige Themen von unwichtigen trennen
  2. den Menschen Teilhabe an Öffentlichkeit und Politik ermöglichen und zur regionalen Identität, einer regionalen Heimat, beitragen
  3. Wächter des lokalen Machtgefüges sein, also den Mächtigen auf die Finger schauen und Machtmissbrauch ans Tageslicht bringen.

Dazu braucht es neben einer soliden (Aus-)Bildung und Mut vor allem professionelle (hauptberufliche), wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit.

Diese Aufgaben haben zwei Konsequenzen: Erstens können weder aktivistische Blogs noch Informationsplattformen von Städten und Gemeinden diese Funktionen erfüllen, weil beides anwaltschaftlich und interessengeleitet ist. Zweitens ist es fragwürdig, inwiefern Einzelkämpfer oder kleine Zusammenschlüsse freier Journalisten das Rückgrat eines Verlags in ihre Unternehmung einziehen können.

Denn Hauptberuflichkeit meint auch: Ich kann mich zu hundert Prozent auf Journalismus, also auf Recherche, Gewichtung und Aufbereitung, auch auf Moderation und Diskurs mit dem Publikum, konzentrieren und muss nicht nebenbei dafür sorgen, dass ich mit dieser Tätigkeit Geld verdiene oder bei aufdeckenden Recherchen juristische Probleme abfedern kann. In Nischen und als (häufig unterfinanzierte) Ergänzungen des bestehenden Verlagsangebots funktionieren lokale digitale Startups zwar, aber ob sie flächendeckend Lokalzeitungen ersetzen können, wenn es diese in einem Landkreis gar nicht mehr geben sollte – dafür gibt es zurzeit keine empirischen Erkenntnisse in Deutschland.

Einige bestehenden Nischenangebote sind allerdings aus journalistischer Sicht innovativ. Beim merkurist.de zum Beispiel können Nutzer selbst Themen vorschlagen, die sie für wichtig halten: in Großstädten wie Frankfurt oder Mainz ebenso wie in kleinen Orten wie Ottweiler oder Idar-Oberstein.

Strategie: profilgebende, exklusive Themen mit lokalem Bezug

Hilfreich für einen nüchternen Blick in die Zukunft des Lokaljournalismus sind Innovationen in Verlagen und Erfahrungen aus anderen Ländern, in denen das Sterben der gedruckten Tageszeitung schon deutlich weiter fortgeschritten ist:

Eine Reihe von Zeitungsverlagen versucht zurzeit, sich nicht nur durch Einsparungen, sondern vor allem durch umfassende redaktionelle Projekte auf die Zukunft einzustellen. Mit zwei Konsequenzen: Einerseits sollen digitale Ausspielwege im Kern der Verbreitung stehen, die gedruckte Zeitung also allenfalls an gleicher Stelle, aber bald schon an zweiter Stelle. Produktionsabläufe, IT-Infrastruktur und redaktionelle Strategien müssen konsequent darauf ausgerichtet werden. Andererseits sollen trotz weniger Redakteure die Produkte optimiert werden.

Die Main-Post in Würzburg zum Beispiel hat den Weg eingeschlagen, bei den Stoffen zu differenzieren: In profilgebende, exklusive Themen mit lokalem Bezug und Mehrwert für viele lokale Leser wird der Schwerpunkt der redaktionellen Tätigkeit gesteckt. Andere Themen und Arbeiten, die nicht notwendiger Weise von Journalisten übernommen werden müssen, werden standardisiert, automatisiert oder ausgelagert. Vereine, Schulen sowie andere Gruppierungen und Einrichtungen sollen selbst Text und Foto einsenden. Unter der Überschrift „Sie haben das Wort!“ heißt es: „Sie haben so die Möglichkeit, einen Teil der Zeitung mitzugestalten.“ Wenngleich dabei die Redaktion „prüft, was veröffentlicht werden kann“.

Unabhängigkeit der Redaktion von politischen und wirtschaftlichen Interessen – in Verbindung mit einer Beteiligung der Leser. Diese Kombination ist ein wesentliches Element der Zukunftsfähigkeit der lokalen Tageszeitung, egal ob sie gedruckt oder digital erscheint. Transparenz und Dialog werden zu überlebenswichtigen Elementen: Redaktionen müssen erklären, warum welche Themen in der Zeitung stehen, woher Informationen und Fakten kommen und wie sich Leser einbringen können. Es gibt noch Potential darin, die Leser zu bestärken, dass sie die Lokalzeitung als „ihre Zeitung“ wahrnehmen und aus „Abonnenten“ sogar „Mitglieder“ werden.

Entwicklungen in Spanien und den USA

Ein Blick in andere Länder kann verdeutlichen, wie es vielleicht in fünf bis zehn Jahren bei uns weitergeht. Zwei Länder als Beispiele:

  • Spanien hat traditionell eine geringe Zeitungsreichweite, das Land litt unter einer lang anhaltenden Wirtschaftskrise – und die Medienunternehmen leiden erheblich mit. Dies hat aber dazu geführt, dass es inzwischen mehr als 3.000 digitale Medien gibt, davon gut 1.000, die nur digital erscheinen, wie eine Studie der Universität Navarra gezählt hat. Etwa drei Viertel davon sind lokal verbreitet. 81 Prozent finanzieren sich über Anzeigen, aber immerhin 363 digitale Medienangebote über Abonnement und 77 über Crowdfunding, was die Autoren der Studie erstaunt hat: „Vor kaum einem Jahrzehnt wurde allgemein angenommen, dass niemand für digitale Nachrichten zahlen würde, besonders in Spanien.“ Sie ziehen die Schlussfolgerung, dass der digitale Medienmarkt beständig zugenommen hat und heute „ziemlich diversifiziert“ ist – „mit spürbarer Stärkung“.
  • In den USA spricht man schon seit einigen Jahren von „news deserts“: Einer Studie der Abteilung Journalistik an der University of North Carolina zufolge haben 171 US-counties (Bezirke) keine lokale Zeitung und viele der Zeitungen in den anderen counties erscheinen nur wöchentlich. In wohlhabenden Gegenden können Online-Startups die Lücken füllen, aber ländliche Gebiete und Minderheitenviertel in Großstädten werden als besonders trockene Nachrichtenwüsten bezeichnet. Die Lücken sind gut als Einfallstor für Partisan-Websites geeignet: Plattformen für Online-News, die sich als „newspaper“ bezeichnen, aber sehr einseitig berichten und Lügen verbreiten. Politico hat ein entstehendes Netzwerk aus rechts-ideologischen lokalen Websites als „Baby Breitbarts“ bezeichnet und nennt als Beispiele den Tennessee Star und den Maine Examiner.

Was bedeutet das für Deutschland?

In Deutschland bleibt es abzuwarten – zum Beispiel auch wie sich Inkubatoren, die journalistische Startups fördern, langfristig auf dem digitalen Lokaljournalismus auswirken: Beispiele dafür sind die Initiativen der Landesmedienanstalten, z.B. das „Media Lab Bayern“ oder das „Journalismus-Lab Vor Ort NRW“.

Wenn die Menschen merken, dass sie unabhängige lokale Informationen brauchen, bezahlen sie vielleicht auch für neue Angebote in der digitalen Medienwelt – so die Hoffnung. Die Befürchtung ist, dass lokale Öffentlichkeit zum Spielball von politischen und wirtschaftlichen Interessen wird.

Die gedruckte Tageszeitung jedenfalls wird in jedem Zukunftsszenario an Bedeutung verlieren, egal ob wir den Blick auf fünf, zehn oder 14 Jahre bis 2033 richten.

Zum Autor: Klaus Meier ist seit 2011 Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt –  davor war er an der Technischen Universität Dortmund und der Hochschule Darmstadt. Meier ist Autor und Herausgeber verschiedener Lehrbücher zur Journalistik. Weitere Infos zu seiner Person gibt es unter journalistik.ku.de oder klaus-meier.net.

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