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Medien-Debatte um Massakervideo von Christchurch: Presserat erreichen 35 Beschwerden gegen Bild-Zeitung

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© Picture-Alliance/ Montage: MEEDIA

Nach dem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch ist in der deutschen Medienbranche eine Debatte entstanden, wie viel die Berichterstattung zeigen darf – und soll. Ihren Ursprung nahm sie durch die Entscheidung der Bild, Szenen des Videos zu zeigen, das der Attentäter live online stellte. Beim Presserat sind mittlerweile 35 Beschwerden gegen die Bild eingegangen.

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“Die Bilder, die nach dem Anschlag in Christchurch um die Welt gingen, gehörten zum Kalkül des Täters. Journalisten dürfen sich nicht zum Werkzeug machen lassen – über die Tat informieren müssen sie trotzdem”, schreibt Ronen Steinke, Autor der Süddeutschen Zeitung, in einem Kommentar zum Anschlag in Christchurch. Dem Attentäter sei “eher weniger wichtig” gewesen, wie viele Menschen er tötet. “Wichtiger war ihm, wie viele Menschen das sehen würden.”

Der genaue Blick solle sich nicht “auf die actionfilmhafte Inszenierung” richten, “nicht auf die perverse Ästhetik etwa des Tatvideos, das nun die Bild-Zeitung aufgegriffen und reproduziert hat”. Er fragt: “Der Sog der Egoshooter-Perspektive ist hoch, die Erniedrigung der Opfer jetzt millionenfach, wo bleibt der Erkenntniswert dieser Bilder, der dies rechtfertigen könnte?”

Wie sollte die Berichterstattung aussehen?

Unter deutschen Journalisten ist eine medienethische Diskussion entbrannt, nachdem die Bild eine kommentierte Fassung einzelner Sequenzen aus dem Video des Täters veröffentlicht hatte. Die neuseeländische Polizei warnte bereits am Freitag kurz nach der Tat davor, das Material zu verbreiten. Bild-Chef Julian Reichelt begründete das Vorgehen in einem Kommentar und musste sich in den sozialen Medien starker Kritik aussetzen (MEEDIA berichtete). “Durch Journalismus wird aus einem Ego-Shooter-Video ein Dokument, das Hass demaskiert und aufzeigt, was der Terrorist von Christchurch ist: kein Kämpfer, kein Soldat”, argumentierte er. Man dürfe das Video nicht den sozialen Netzwerken überlassen.

Dem widerspricht Frank Überall ausdrücklich. Der DJV-Vorsitzende hat in einer Stellungnahme von Montag mitgeteilt: “Journalismus hat die Aufgabe, aufzuklären, Informationen einzuordnen, sie zu recherchieren, Hintergrund zu liefern. Welchen Erkenntnisgewinn haben Mediennutzer davon, durch die Perspektive der Body Cam des Attentäters einen Teil des grauenhaften Geschehens zu sehen?” Für ihn stehe es außer Frage, dass “journalistische Medien nicht das Video des Attentäters zeigen dürfen, auch nicht in längeren Ausschnitten“.

Während Facebook millionenfach das Video löscht, zeigen “hierzulande einzelne Boulevardmedien Teile des Films auf ihren Digitalseiten”. Wenn sich jetzt Bürger beim Deutschen Presserat beschwerten, sei das die logische Konsequenz, so Überall.

35 Beschwerden beim Presserat eingegangen

Auf Anfrage von MEEDIA erklärt der Presserat, dass von den Beschwerden zum Video bislang nur die Bild betroffen sei. “Uns liegen derzeit 35 Beschwerden zur Veröffentlichung der Video-Sequenzen auf Bild.de bzw. auf dem Facebook-Auftritt von Bild vor”, so Referentin Sonja Volkmann-Schluck. Eine weitere Person habe zudem die abgedruckten Bildausschnitte aus dem Video in der Print-Ausgabe des Boulevardblattes kritisiert.

Entscheidend für die Prüfung des Videos, erläutert Volkmann-Schluck, sei Ziffer 11 des Pressekodex und dabei vor allem die Richtlinien 11.2 und 11.5. “Hier muss eine Abwägung stattfinden, ob ein öffentliches Interesse an dieser Form der Berichterstattung vorlag oder nicht.”

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sprach im Interview mit dem Deutschlandfunk über die Verbreitung und er nannte diese “grotesk”. Der Täter plane das mediale Echo in seine Tat ein und habe darauf gesetzt, dass Menschen – und eben auch journalistische Medien – das Video verbreiten. Berichterstattungen wie bei der Bild gleichen einer “Attentatspornografie” mit der Gefahr, “dass wir nun nicht mehr über die entsetzlichen Taten nachdächten und unser Mitgefühl artikulierten”, so der Forscher.

Bewusste Entscheidung gegen die Bilder
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Auch andere Redaktionen haben Stellung bezogen: Spiegel Online (SpOn) hat beispielsweise auf eine Veröffentlichung verzichtet und in einem Kommentar dazu begründet, nicht als Komplize des Attentäters dastehen zu wollen.

SpOn-Kolumnist Sascha Lobo hat in einem anderen Text weitere Punkte angesprochen, beispielsweise wie mit dem Manifest des Mannes umzugehen sei. Er warnt davor, daraus voreilige Schlüsse zu ziehen und nimmt Bezug auf Kevin Roose, der für die New York Times schreibt. Der Tech-Journalist twitterte: “Ich fühle mich nicht 100 Prozent sicher, was echt ist und was nur Trollerei, Zurschaustellung, Medienköder ist. Bitte seid vorsichtig.”

Lobo schreibt: “Nach dem Attentat entscheidet sich, ob Medien und Gesellschaft einen ‘Erfolg’ im Sinne des Täters zulassen. Die Reaktionen und Nicht-Reaktionen auf den Terrorakt sind dafür entscheidend, und dabei gibt es richtige, neutrale und falsche Umgangsweisen.” Unter eine “monströse Umgangsweise” listet er die Berliner BZ auf, die inklusive Selfie des Täters und Foto seines Sturmgewehrs titelte: “Er tötete Unschuldige als Rache für den Terror am Breitscheidplatz”. Laut Lobo erfülle die Zeitung damit “die PR-Strategie des Terroristen”.

Gegen diese Überschrift der BZ und deren Online-Auftritt erreichten den Presserat bislang vier Beschwerden. “Hier sahen die Beschwerdeführer die Gefahr, die Schlagzeile könne bei islamfeindlichen Personen Zustimmung finden bzw. zur Nachahmung veranlassen”, erläutert Referentin Volkmann-Schluck. Derzeit prüfe der Presserat die Beschwerden und entscheide dann, ob ein Verfahren gegen die BZ eingeleitet wird.

Verantwortung für Berichterstattung übernehmen

Ebenfalls lesenswert ist ein Blogeintrag von Stefan Fries: Der Journalist greift den Aspekt der Namensnennung des Täters auf und kommt zum Schluss, dass Medien dies nicht tun sollten. “Was bringt dem Nutzer der Name von jemanden, den er sowieso nicht kennt?”, fragt Fries. “Er führt nur dazu, dass derjenige genau die Aufmerksamkeit bekommt, die er sich wünscht, und die er – ich wiederhole das bewusst – nur bekommt, weil er Menschen getötet hat.” Das könne Nachahmer animieren und ihn zum Vorbild für andere Täter machen.

Zum Bereitstellen des Manifests hat er eine deutliche Meinung: “Ich halte die Mehrheit der Nichtjournalisten nicht für bescheuert. Wenn sie das Dokument lesen wollen, bitte sehr. Aber warum muss ich als Journalist es ihnen denn zugänglich machen?” Das würden sie schon selbst finden, meint er. “Solche Dokumente verlangen Einordnung, die Journalisten liefern können. Denn das ist ihr Job: Kontext liefern.”

Sein Credo: Medien müssen für ihre Berichterstattung Verantwortung übernehmen.”Wenn wir das nicht tun, besteht eben die Gefahr, dass man von Terroristen instrumentalisiert wird. Terroristen, denen es um die Verbreitung von Terror geht, für die sie uns brauchen, tun das.”

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Alle Kommentare

    1. Meine Damen und Herren, heute singt wieder für Sie: Das Niveau…nein…Herr Reis!

      Schade, dass Sie zu einem sinnvollen medialen Umgang mit den offensichtlichen Publizitätszielen des Herrn T. nichts Gehaltvolles beitragen wollen. Wahrscheinlich ist es Ihnen auch zu kompliziert. Das legt jedenfalls Ihre verächtliche Namenswahl nahe.

  1. @ Björn Schünemann:

    Wenn man dieses Video nicht gezeigt hätte, hätte der Medienkonsument trotzdem jede relevante Info erhalten. Trotzdem haben die Medien die Pflicht über solche Vorfälle zu berichten. Und wenn es mehr Verbrechen gibt, dann soll auch mehr darüber berichtet werden. Auch wenn es KRANKE Menschen geben mag, welche sich dadurch angestachelt fühlen. Oder sollen wir unsere Gesellschaft nach diesen kranken Hirnen ausrichten? Was kommt dann als nächstes? Keine schwimmenden Enten mehr zeigen, weil das für einen Psycho ein Trigger ist?
    Und zu behaupten, die steigende Verbrechensrate liegt daran, dass darüber detailliert berichtet wird halte ich für absurd. Viel eher sollt man mal in Frage stellen, warum es Kriminelle gibt, welche bei der fünfzigsten Straftat noch immer eine Bewährungsstrafe bekommen.
    Auch kann man sich fragen, warum hier jetzt eine Diskussion aufkommt, aber wenn es zum Beispiel um Assad geht, man gar nicht genug Tote zeigen kann.

    1. @Florian Hohenwarter
      Das war ja auch nicht meine Aussage/ Gedankenansatz. Es geht nicht darum, nicht zu berichten, es geht um die Art des “wie”! Das Video zu zeigen, nur um die Meldung minutiös auszugestalten wäre sicher nicht nötig gewesen. Es ist das selbe, wie bei einem Bombenattentäter zu erklären, wie genau er seine Bomben gebaut hat, grade zu Anleitungen gibt, wie er wo Explosivmittel erworben hat, wie ers gebaut hat, was z.B. 100 Nägel da drinnen bewirken ect. ect. Das sind- meiner Auffassung – alles Informationen die unnötig sind und nur die Sensationslust der “Konsumenten” befriedigen, denn die solln ja damit gelockt werden, die Zeitung oder das Abo für den entsprechenden TV-Kanal zu kaufen, nur darauf zielen Sensationsnachrichen ab. Der rein nachrichtenrelevanten Berichterstattung ist völlig genüge getan mit einer beispielhaften Vermeldung: ” … hat heute so und so viele Menschen erschossen. Ermittlungen zu Folge bestand der und der Hintergrund” Erledigt, Punkt! Mehr nicht! Und nicht Bodycam, da häschert ein Irrer hinter nem anderen her bestenfalls noch mit Machete in der Hand, das Blut spritzt in die Kamea und was weiß ich, was für Monstrositäten. Das muß nun wirklich nicht sein! Und das hat nichts mit Beschneidung der Pressefreiheit zu tun, sondern etwas mit vernunftbegabtem Anstand! Das ist genau so unmöglich wie das im Web kursierende Bild, wo so ein Verbrecher mit der Panzerfaust in Anschlag geht und 20 Reporter stehn um ihn rum, das beste Bild zu knipsen. Das ja minutiös festzuhalten, das der grad im Begriff, ist Menschen umzubringen, nur um den Millionenfachen Aufmacher auf der Titelseite zu kriegen. Das ist doch abartig, oder finden Sie das ok? (wenn dem so ist, ist es Ihre Meinung, nicht aber meine!)

  2. So etwas zu sehen, im Hintergrund, das eben ist kein hollywoodreifer Actionstreifen sondern knallhafte Ernsthaftigkeit in totaler Realität und Ernsthaftigkeit, kann so manches kranke Hirn beim Betrachten dazu animieren, ähnliche Taten in Betracht zu ziehen. Der Presse hingegen gehts nur um Sensationen. “Die Moral kommt nach dem Fressen” sagt man, hier findet dies in umgekehrter Anwendung statt: die Moral wird durch so etwas zerbröselt, das Fundament wird durch fortführende Dauerbeschallung irgendwann nicht mehr tragen. Die Medien vereinnahmen für sich, “doch nur berichten zu wollen” mit schamlosestem Blick aufs Detail, bereiten damit aber gerade zu Schulungen für den nächsten Attentäter, man könnte sagen, die Medien bilden Terroristen aus. Sie wissen, wie es unten kocht und brodelt und halten das Streichholz noch hin. Es vergeht doch bald kein Tag, wo nicht über Mord und Todschlag ausführlichst berichtet wird, nur, das eben ist nicht “i´ll be back” oder “yippi ka je Schweinebacke”, das ist die bittere Realität! Genau so, wie bei Diebesware der Hehler dran ist, genau so müßten es, wie beim Videomaterial die Chefreakteure sein, denn die tragen eine Mitschuld, das die Verbrechensrate in der Gesellschaft steigt. Denen ist nur die Auflage interessant, höherer Auflagen bringen mehr Geld für die eigene Brieftasche, nur aus diesem Gesichtspunkt heraus wird publiziert. Differenziert man es, ist es exakt die selbe Kerbe wie die nackte Frau in der Bildzeitung. Wie lange brauchte es, bis sich der Restver- und Anstand durchsetzte, daß das frauenfeindlich, herablassend ist?! Jeder weiß oder wußte, daß das nichts in einer Tageszeitung zu suchen hatte, wurde aber gemacht, um die Auflage zu steigern. Nichts anderes geschieht bei der Berichterstattung von Gewalt, einzig die Schauplätze haben sich geändert, wars früher der “Puff” ists heute der Schauplatz der Mafia/ Terrorismus. Setzt man das ganze in ein Synonym, paßt am besten der volle Eimer beim Schweinefüttern im Stall voll mit “sappsch” und die Viecher schmatzen. Und was die täglich fressen, wird aus denen auch.

  3. Natürlich bedient der Journalismus auch Sensationslust, wenn dem nicht so wäre gäbe es die Bildzeitung nicht und auch nicht die yellowpress.

  4. Niemand hat sich beschwert wenn in den Medien angebliche Opfer von Assad gezeigt wurden. Sogar das tote Flüchtlingskind Aylan Kurdi wurde tagelang auf allen Kanälen zur Schau gestellt. Diese Debatte ist doch pure Heuchelei!

  5. Die BILD-Zeitung wendet sich mehr und mehr gegen Merkels Politik. Dafür wird sie vom zwangsfinanzierten Staatsfunk und von den mainstream Medien gemobbt. So einfach ist das.

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