Partner von:
Anzeige

Faktenfälscher: Warum MEEDIA den Namen des Autors nennt, den Spiegel, SZ und Zeit nicht mehr beschäftigen

Der Preis ist heiß: Im Journalismus werden viele Trophäen ausgelobt, Dirk Gieselmann gewann zwei der renommiertesten Preise
Der Preis ist heiß: Im Journalismus werden viele Trophäen ausgelobt, Dirk Gieselmann gewann zwei der renommiertesten Preise © Foto: Henri-Nannen-Preis/Deutscher Reporterpreis

Eine Geschichte kann noch so perfekt sein – im Journalismus ist sie ein Muster ohne Wert, wenn sie nicht die Wahrheit widerspiegelt. Die Relotius-Affäre beim Spiegel hat in der Medienszene zum Verhältnis Realität vs. Reporting im Bereich der mit Branchenpreisen ausgezeichneten Stücke eine breite Debatte ausgelöst. Nicht jeder hat daran offenbar ein Interesse, wie aktuell der Fall Gieselmann zeigt.

Anzeige

Es wäre so verführerisch, zur Tagesordnung überzugehen. Schließlich leistet die Relotius-Kommission beim Spiegel nach allem, was man hört, energische und konsequente Aufklärungsarbeit. Das Nachrichtenmagazin macht ernst mit seiner Ankündigung, sein systemisches Versagen aufzuarbeiten und die Abläufe zu korrigieren. Und erzeugt die auf Betrugsmanöver und Faktenschummeleien Einzelner konzentrierte Diskussionen nicht ein schiefes Bild, das die Masse der sauber arbeitenden Journalisten ausblendet? Liefert all das nicht vor allem den “Lügenpresse”-Rufern eine unnötig offene Flanke?

Und wenn schon. Denn tatsächlich – man könnte sagen: in Wahrheit – geht es nämlich ums Eingemachte, um die DNA des journalistischen Selbstverständnisses. Eines Berufs, der weit mehr erfordert als Geltungsdrang, als den Willen, vor der Welt (und den Kollegen) glänzen zu wollen. Bei einigen Preisverleihungen so darf man annehmen, haben sich die Prioritäten in den Köpfen der Juroren verschoben. Manches, was den Hauptpreis abräumte, war zu schön, um wahr zu sein. Im echten Journalismus ist es nur zu oft genau umgekehrt, wie jeder erfahrene und integre Berichterstatter weiß. In mancher Jury fehlt der Mut zur Farbe Grau, das Schillernde wurde zum Beuteschema und Signal an die nächsten Generationen von Preisträgern.

Wer aber auf der Bühne die renommiertesten Branchen-Trophäen der Republik entgegengenommen hat, sollte dort auch stehen, wenn es darum geht, sich für bewusste Täuschungen bei seiner Arbeit zu verantworten. Aus diesem Grund hat sich MEEDIA entschlossen, im aktuellen Fall den betroffenen Autor zu nennen, als sich zeigte, dass dieser nicht zufällig geschlampt oder sich mit Fakten vertan, sondern diese ganz offensichtlich bewusst falsch präsentiert hat. Für das Magazin der Süddeutschen Zeitung, den Spiegel und die Zeit in einer Weise, dass diese Medien ihn künftig nicht mehr beauftragen werden. Sein Name ist Dirk Gieselmann, ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis und dem Reporterpreis.

Das wichtigste Asset des Journalismus in der digitalen Welt: das Vertrauen der Leser

Natürlich sind die Vorwürfe, denen Gieselman sich ausgesetzt sieht, nicht vergleichbar mit denen in der Causa Claas Relotius (aber was reicht daran im Journalismus überhaupt heran?). Aber es gibt auch keinen Grund, die Sache mit dem Hinweis herunterzuspielen, der Autor habe schließlich hauptsächlich “bunte” Stücke ohne die ganz große gesellschaftliche Fallhöhe verfasst. Der von der Zeit in Print und Online publizierte “Atlas der Angst” ist von eben diesem Kaliber und zudem ein Stimmungsmache-Artikel.

Wer als redaktioneller Berichterstatter auch in scheinbar unwesentlichen Details Tatsachen verdreht, Orte und Zeiten passend macht oder Abläufe anders als geschehen komponiert, damit es besser ins vollendete Bild passt, handelt gegen die wichtigste Grundregel der vierten Gewalt: die wahrheitsgetreue Berichterstattung nach bestem Wissen und Gewissen. Wer diesen Punkt zur Verhandlungsmasse erklärt, setzt zugleich das gerade im Digitalzeitalter wertvollste Asset des Journalismus mutwillig aufs Spiel: das Vertrauen des Lesers. Für solche Fehltritte darf es, im Interesse der gesamten Branche, null Toleranz geben. Und bei der Aufdeckung sollte volle Transparenz auch gegenüber den Lesern im Vordergrund stehen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Doch das sehen offenbar nicht alle Redaktionsverantwortlichen so. Zwar hat die Relotius-Affäre bei den Qualitätsmedien dafür gesorgt, dass Verdachtsfällen entschlossen nachgegangen wird und Konsequenzen nicht lange auf sich warten lassen. Aber die Leser werden, wie in diesen Tagen durch die Zeit im Fall Gieselmann, merkwürdig ausschnitthaft informiert. Wer sich einen Eindruck verschaffen will, um welche Fehler in welchen Artikeln es genau geht, ist auf verlorenem Posten. Die Chefredaktion von Zeit wie von Zeit Online nennt weder den Namen des Autors noch Links zu den betroffenen Texten.

Anzeige

Die Zeit kann in eigener Sache klarer kommunizieren, als sie es im Fall Gieselmann getan hat

Auch der Beitrag im Blog “Glashaus”, in dem Redaktions-Interna kommuniziert werden, schaffte es, wenn überhaupt, dann nur kurze Zeit auf die Homepage. Am Rosenmontag, einem allgemein eher traffic-schwachen Tag für Newsportale. Souverän wirkt das nicht. Die Zeit kann in eigener Sache selbstbewusster und klarer kommunizieren. Sie hätte es, so möchte man den Verantwortlichen zurufen, in diesem für ihr Publikum so sensiblen Punkt transparenter tun sollen, ja müssen.

Die Anonymisierung von Autor und konkreten Sachverhalten soll den ehemaligen freien Mitarbeiter schützen – dass durch den defensiven Umgang mit dem Thema zugleich die eigene Medienmarke als Verbreiter der fehlerhaften Texte vor negativer Publicity bewahrt wird, erweist sich dabei manchem Medienstrategen gewiss als willkommener Beifang. Man darf auf die Reaktion der Leser gespannt sein, so sie es denn überhaupt mitbekommen haben.

Wenn es eine Parallele zu Relotius gibt, dann die, dass Gieselmann als Schreiber und Geschichtenerzähler ebenfalls ein Riesentalent ist. So etwas weckt Begehrlichkeiten, nicht nur bei Jurys, sondern auch bei Redaktionen, die ihren Lesern zurecht nur das Beste liefern wollen. Dass dies Authentizität und der unverstellte Blick aufs Leben ist statt eines szenarisch-aufgehübschten Rokoko-Abbilds, scheint noch immer nicht in allen Medienmacher-Köpfen angekommen zu sein. Solange diese Schieflage nicht kollektiv korrigiert worden ist, wird nach dem letzten Fälschungsfall vor dem nächsten Fälschungsfall sein.

 

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Entschuldigung, aber die AfD hatte den Namen bereits am 25.2.2019 veröffentlicht. Nicolaus Fest hatte die Freundlichkeit.

    Er schreibt:

    Zu den Besonderheiten der “Aufarbeitung” gehört, dass die Redaktion den Namen des Fälschers konsequent verheimlicht. Transparenz gilt eben immer nur für andere.

  2. SPIGEL, Stern und ZEIT sollten konsequent auf sog. “Reportagen” verzichten. Veräppeln kann man sich selbst.

  3. Wenn sich ein rechtskräftig z.B. wegen Betrug verurteilter Straftäter nebenbei aufopferungsvoll und ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert und dafür einen Preis erhält, bleibt er trotzdem ein Straftäter.

  4. Warum erwähnt Altrogge nirgendwo, dass Gieselmann sowohl den Nannen-Preis (in der Kategorie “Humor”!) als auch den Reporterpreis jeweils für den wunderbaren 11-Freunde-Liveticker erhalten hat – und keineswegs für irgendwelche gefälschten Reportagen. Um wieder das Fass von den geblendeten Preis-Jurys und schwindler-affinen “Branchenpreisen” aufzumachen, eignet sich dieser Fall jedenfalls nicht.

  5. Man muss diese Schmiergazetten auch ein Stück weit verstehen.
    Man verliert als Zeitzeuge ja langsam den Überblick über die Fäscher und Presiträger bei Spiegel, Stern, Zeit und SZ.
    Da hat man vielleicht ganz plump darauf gehofft, dass der Leser diesen neuen Skandal als solchen gar nicht wahrnimmt.
    Hoffentlich bleibt meedia bei all den zu erwartenden Beschimpfungen als “Nazi” und “Nestbeschmutzer” bei dieser klaren Linie.

    1. Vielleicht sollten Sie erst mal Ihren Sprachkompass neu justieren. Glaube nämlich nicht, dass Meedia eine “Nazi”-Beschimpfung riskiert, wenn es bei der brancheninternen Kommentierung (berechtigt) den Finger in die Wunde legt. Das passiert dann doch eher Zeitgenossen, die sich gezielt und in pauschalisierenden Rundumschlägen ausländerfeindlich äußern. “Nazi” ist dann nicht immer die treffende Bezeichnung, aber doch auch ein wenig “verdient”.

  6. Mittlerweile ist Meedia eines der letzten deutsprachigen Medien, die ich lese. Die aufrechte, ungefärbte Haltung zu kontroversen Themen ist ausgezeichnet! Bitte haltet euere Realitätssicht und folgt nicht der Einheitstagesordnung der meisten sogenannten Medien, die nur noch aus einer hyperventilierenden Twitter-Selbsthilfe-Kreis Hysterie besteht.
    Danke, dass ihr solche Themen anpackt!

    1. Ja, für seriöse Medienkritik gibt es einen Markt, der Quartals-Linksextremist Stefan Niggemeier konnte die Erwartungen, die er einst geweckt hatte ja leider nie erfüllen.

      1. Der kann auch an dem Framing der ARD nix Schlimmes finden – hat allerdings auch eine wöchetliche Radiokolumne beim RBB.

  7. Das eigentliche Problem sind nicht Fehler in einer Geschichte, sondern Fehler bei der Auswahl der Geschichten. Bei der Zeit gilt, dass die einzelnen Ressorts unabhängig von der Chefredaktion über ihre Themensetzung entscheiden. So ist es möglich, die inzwischen 14-jährige illegale BSG-Krankengeld-Falle, seit 23.07.2015 in der Konstruktionsstufe der unverhältnismäßigen gesetzlichen Krankengeld-Falle, voraussichtlich ab 01.05.2019 unter den Teppich zu kehren, ohne auch nur eines der vielen tausend Opfer zu gedenken

    https://www.krankenkassenforum.de/aktuelles-und-meinungen-zur-gesundheitspolitik-f9/krankengeldfalle-terminservice-und-versorgungsgese-t10146-s135.html#p91468

    Unterdrückte Fakten sind gefälschte Fakten, oder so ähnlich …

    1. Tut mir leid, aber das ist totaler Quatsch. Vor allem aber: was hat das mit dem Thema des Artikels zu tun?

  8. Breitseiten kann man nicht liefern!

    Vielleicht Herrn Relotius als Sprachbildberater verpflichten

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia