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Wenn Journalismus zur Bad Bank wird: Was der Räumungsverkauf bei DuMont für das Zeitungsgeschäft bedeutet

© Foto: Fotolia/ Montage: MEEDIA

Die Nachricht als solche überrascht Insider nicht, allenfalls der Zeitpunkt. Gerüchte waberten schon seit Monaten, und der Name DuMont fiel dabei immer öfter. Jetzt, im Februar 2019, ist es soweit: Mit der Kölner Mediengruppe will der erste deutsche Traditionsverlag sein Zeitungsgeschäft komplett abstoßen. In einer Branche, die nach außen noch so selbstbewusst auftritt, ist Panikstimmung angesagt.

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Nicht einmal vier Jahre hat es gedauert, bis das verlegerische Erbe von Alfred Neven DuMont nach dessen Tod zur Disposition steht – oder besser gesagt das, was davon noch übrig ist. Allenfalls die Marken um den Kölner Stadtanzeiger können als Filetstück durchgehen, die Blätter in der Hauptstadt (Berliner Zeitung, Berliner Kurier) oder in Hamburg (Morgenpost) dürften Kaufinteressenten eher abschrecken. Sie werden wohl allenfalls im Paket mit den wenigen lukrativen Titeln zu symbolischen Preisen verkäuflich sein. Wenn überhaupt.

DuMonts für viele irritierend wenig medienaffiner CEO Christoph Bauer hat dem Niedergang kein entschlossenes Gesamtkonzept entgegenzusetzen gehabt, das über wiederkehrende Kostenrunden hinausging. Dem seit Oktober 2013 agierenden Vorstandschef mangelte es an Mut und Visionen. Der – laut eigener Vita – Experte im „Change Management“ suchte sein Heil in der Digitalisierung, nur offenbar nicht in der des Journalismus, wie man aus heutiger Sicht feststellen muss. Damit war das einst so einflussreiche Zeitungsimperium DuMont früher als andere Königslande der Verlegerwelt reif für den finalen „Change“, raus aus allem, was der Vierten Gewalt einst heilig war. Zeitungs-Journalismus als Bad Bank im Medienhaus-Business.

Es ist billig und in vieler Hinsicht wohl zutreffend, wenn man den CEO von DuMont nun als Totengräber seiners Verlagsgeschäfts identifiziert. MEEDIA hatte diesen Aspekt und das riskante Spiel mit dem Erbe des „Alten“ bereits 2016 in einem Porträt von Christoph Bauer mit der Headline „Der Spar-Kommissar“ beleuchtet. Zur Wahrheit gehört es aber auch, dass Alfred Neven DuMont zum Ende seines Lebens selbst die Schieflage seines Verlags begünstigt und so die fatale Entwicklung eingeleitet hat. Da waren verlegerisch ambitionierte, aber gleichwohl als gigantische Fehlinvestments geltende Zukäufe (u.a. in die längst abgewickelte Frankfurter Rundschau). Geld, das bei damals noch gesunden Titeln später für Zukunftsinvestitionen fehlte. Oder auch das wenig glückliche Händchen des Verlegers bei der Regelung seiner Nachfolge. Der Streit mit seinem Sohn Konstantin Neven DuMont und dessen Rauswurf markiert ein unrühmliches Kapitel kölscher Verlagsfolklore in seiner überlangen Regentschaft.

Die Branche ist in Aufruhr – „Jeder redet mit jedem“, sagt ein Verlagsvorstand

Nun ist es also ante portas, das „Ende einer Dynastie“, wie der Chefredakteur des Mediendienstes Horizont heute schrieb, dessen Redaktion die Verkaufspläne am Morgen exklusiv enthüllt hatte. Der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands spricht von einem „verlegerischen Offenbarungseid“ und sieht die Politik in der Pflicht, Verantwortung für „Meinungsvielfalt und Qualitätsjournalismus“ zu übernehmen. Und auch der Präsident des Zeitungsverleger-Verbandes BDZV meldete sich bereits gestern auf einer Veranstaltung zu Wort, um zu beklagen, dass die derzeitige Vielfalt an Tageszeitungen nicht aufrecht zu erhalten sei: Den Verlagen, so Springer-Chef Mathias Döpfner, bleibe nur die Wahl, Konsolidierer zu sein – oder Konsolidierter. Alimente vom Staat lehnt Döpfner jedoch rundheraus ab: „Lieber Insolvenzen bei Zeitungen als der Verlust ihrer Unabhängigkeit durch Subventionen.“

Am Ende bekommt die Republik vielleicht beides. Denn die Branche ist insgesamt in Aufruhr. „Jeder redet mit jedem“, fasst ein Vorstand eines großen Verlagshauses die aktuelle Situation auf Entscheiderebene zusammen. Während am Markt auf Produktebene zwischen den Häusern teils erbitterte Rivalität herrscht, wird hinter den Kulissen um Optimierungen und Marktbereinigungen gerungen. DuMont ist dabei ein Baustein, aber lange nicht der einzige. In den kommenden Monaten erwarten führende Manager eine ganze Reihe von Einstellungen und Übernahmen. „Der Markt ist in Bewegung, jedem ist klar, dass jetzt gehandelt werden muss“, so ein Insider. Nach Jahren der (aus Sicht der Zeitungsverlage oft eher moderaten und kalkulierbaren) Auflagen-Erosion sei seit Mitte vergangenen Jahres ein massiver Einbruch der Anzeigenumsätze hinzugekommen. Dieser sowie die künftigen Mehrkosten bei der Zustellung verdüstere die Aussicht auf einen profitablen Betrieb der Titel zusehends, heißt es aus vielen Häusern.

Viele nutzen das Schreckgespenst Digitalisierung als Alibi für massive Einschnitte

Die brutale Wahrheit lautet: Kaum jemand wird es gelingen, sich dem Markttrend gänzlich zu entziehen. Aber jene, die glaubten, der Gefahr vor allem mit einem wuchtigen Tritt auf die Kostenbremse ausweichen zu können, sind als Erste mit ihrem Latein am Ende und reihen sich ein ins Feld der Verlierer oder der „Konsolidierten“, wie sie der BDZV-Präsident nennt. Wer die DNA seines Geschäfts nicht verstanden hat und wessen vorderste Handlungsmaxime der eigene Bonus nach der nächsten Jahresbilanz scheint, ist als Change Manger in Medienhäusern der Digitalzeit nicht nur auf lange Sicht eine denkbar schlechte Wahl. Die Einschläge kommen schneller und härter, als es die schillernden Business-Pläne der selbsternannten Mover & Shaker vorgaukeln. Effizienz ist im modernen Verlagsgeschäft unabdingbar, aber ohne Relevanz fehlt schlicht die Geschäftsgrundlage.

Zu viele Manager haben den Raubbau an ihrem Geschäftsmodell über Jahre sehenden Auges in Kauf genommen, Redakteursstellen gestrichen und am Produkt gespart, um die Rendite zu sichern. Das Schreckgespenst Digitalisierung wurde zum Alibi und Vorwand für Einschnitte, die einen lebensbedrohlichen und letztlich -vernichtenden Aderlass zur Folge haben. Vor allem der regionale Journalismus ist von der schleichenden Aushöhlung betroffen: Immer weniger Journalisten müssen immer mehr Aufgaben schultern, klagen Redakteure fast allerorten. Die Premium-Inhalte, von denen in Interviews der Führungskräfte und auf Kongressen immer wieder die Rede ist, sind häufig längst Mangelware. Marken schwächeln, die Kundenbindung geht schrittweise verloren. Was in der Startup-Szene, auf die viele Verleger neidisch schielen, ein No-Go wäre, ist in der Medienwelt leider Realität: Das Produkt gerät aus dem Fokus, der unabhängige Journalismus verliert die Priorität. Wenn es so weiter geht, darf man sich über weitere Branchen-Schlagzeilen wie die vom Ausverkauf bei DuMont nicht wundern.

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