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Neue „Digital first“-Strategie bei der Mopo: Rauswurf von Onlinern sorgt für Wut und Ernüchterung

Foto: DuMont Mediengruppe

Die Hamburger Morgenpost forciert mit einer neuen „Digital first“-Strategie den Ausbau von Reichweite und deren Vermarktung. Schon drei Tage nach Vorstellung der Pläne trat in der Belegschaft Ernüchterung bis Wut ein: Zwei „tragende Säulen“ des Online-Teams sollen die Mopo verlassen – zusätzlich verbreitet sich in der Belegschaft Sorge über die Vernachlässigung journalistischer Standards.

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Die als Jahresauftaktveranstaltung abgehaltene Betriebsversammlung am Freitag vergangener Woche war bei der Hamburger Morgenpost keine kleine Sache: Chefredaktion und Geschäftsführung hatten geladen, um die Belegschaft auf eine neue Strategie einzustimmen. Aus dem DuMont-Hauptquartier in Köln – die Mopo gehört seit 2009 zu DuMont – war Co-Geschäftsführer Philipp Froben angereist, um das „Digital first“-Konzept zu erläutern. Wenn Aufbruchstimmung aufkam, dann nur drei Tage lang. Die Stimmung innerhalb der Morgenpost-Redaktion ist mittlerweile gedämpft, um das Mindeste zu sagen.

„Digital First“: Zwei Online-Journalisten verlieren ihre Jobs

Denn schon am Montag dieser Woche seien die Pläne vom Freitag „auf den Schrotthaufen“ geworfen worden. So wettert der Betriebsrat der Morgenpost in einem internen Informationsschreiben, das MEEDIA vorliegt. Mit „Digital first“ ging erst einmal die Kürzung der Stellen zweier „zentraler LeistungsträgerInnen für die digitale Mopo“ einher, wie es weiter heißt. Getroffen hat es unter anderem Miriam Khan, ihres Zeichens CvD und Producer Digital.

Brisant: Khan, zuletzt für zwei Jahre festangestellt, habe bereits eine Zusage zur Entfristung ihres Vertrages enthalten. „Die Vorgänge landeten Ende Januar beim Betriebsrat – natürlich haben wir gleich zugestimmt“, schreiben die Arbeitnehmervertreter. „Nun lagen die Vorgänge wochenlang bei der Personalleitung – plötzlich stockten die Verfahren.“

Hinzu kommt: Wie es aus Redaktionskreisen gegenüber MEEDIA heißt, habe Philipp Froben auf der Betriebsversammlung drei Tage zuvor noch gesagt, erst einmal keinen Personalumbau vornehmen zu wollen – auch wenn er grundsätzlich nicht auszuschließen sei. Auf Nachfrage bei der DuMont Mediengruppe in Köln wollte man die Vorkommnisse nicht kommentieren. „Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir grundsätzlich keine Informationen zu Personalthemen bereitstellen“, teilte eine Sprecherin des Hauses mit. So bleibt unklar, ob die Stellen grundsätzlich wegfallen oder anderweitig verwendet werden.

Auf das Vertrauen in Verlags- wie auch Redaktionsführung haben die Vorgänge mit Sicherheit nicht eingezahlt. „Wir sehen diesen Vorgang als eine dreiste Respektlosigkeit im Umgang mit Miriam und Philipp an“, so der Betriebsrat, der die Mopo-Führung genauso in der Verantwortung sieht wie die Konzernmanager im Hauptquartier in Köln.

Ausbau des Reichweitenmodells als Reaktion auf bislang unzureichende Vermarktungsergebnisse

Mit dem Verzicht auf die beiden Kollegen steigt in der Belegschaft die Sorge vor weiteren Konsolidierungsmaßnahmen zu Lasten der Mitarbeiter. Wie viele andere Medienhäuser steht die Hamburger Morgenpost unter wirtschaftlichem Druck, zuletzt liefen die Geschäfte schlechter als geplant, was auch einen Abbau weiterer Stellen (allerdings weniger als erwartet) bedeutete.

Wie der Branchendienst Horizont vergangenes Jahr berichtete, lag das Wachstum aus digitalen Werbeerlösen im Geschäftsjahr 2017 weit unter den Erwartungen, wuchs um sieben statt um gewünschte 50 Prozent. Dabei ist Mopo.de in der Reichweite äußerst erfolgreich unterwegs. Mit durchschnittlich 290.000 Unique Usern pro Tag gehörte die Mopo laut AGOF-Daten im Januar 2019 zu den 50 stärksten redaktionellen Medienmarken Deutschlands. Unter den lokalen und regionalen News-Angeboten aus dem Norden erreicht kein Konkurrent mehr Nutzer. Zum Vergleich: Das Hamburger Abendblatt kam im Januar auf 170.000 Unique User pro Tag. IVW-Zahlen gibt es von der Mopo seit Herbst 2018 keine mehr, da DuMont die Zahlen seiner Angebote hier nur noch unter der Dachmarke „DuMont Newsnet“ ausweist.

Während Daten wie diese durchaus auf eine Schwäche in der Vermarktung der digitalen Produkte hinweisen, forciert die Mopo als Reaktion auf die mauen Geschäftszahlen weiterhin den Ausbau der digitalen Reichweite. Dem Vernehmen nach sieht „Digital first“ vor, die Zahlen durch einen höheren Output zu steigern. „Wir sollen Reichweite prügeln, wie es nur geht“, meint jemand aus der Redaktion. Zunehmen sollen auch die Aggregation und Kuration von Themen, die bereits an anderen Stellen veröffentlicht wurden. Denkbar sind nach MEEDIA-Infos auch weitere Blogs nach dem Beispiel des bereits angesprochenen HSV24-Blogs, in dem sämtliche Informationen rund um den Verein aggregiert werden.

Neuer Mopo-Vize irritiert mit Industrievergleichen

Obwohl an der Spitze der von der Chefredaktion entworfenen „Content-Pyramide“, die das Organigram der Produktion veranschaulichen soll, weiterhin „mundgeblasener Premium-Content“, so wurden originäre Stücke mit Mopo-DNA von der Chefredaktion genannt, an der Spitze steht und man dem Vernehmen nach nicht mit der Marke spielen wolle, wächst die Sorge in der Belegschaft, künftig weniger aufwändige und eigenrecherchierte Inhalte zu erstellen als vielmehr das Internet abzuschreiben. Details der neuen Organisation sollen in den kommenden Wochen in neuen Arbeitsgruppen – die Rede ist von 17 an der Zahl – ausgearbeitet werden. In einer dieser Gruppen soll bestimmt werden, welche Drittquellen als seriös oder unseriös gewertet, also mit weniger Bedenken aggregiert werden können als andere. Maßnahmen wie diese steigern die Verunsicherung genauso wie von der Chefredaktion getätigte Vergleiche mit aus der Industrie stammenden Begriffen wie „DIN-Normen“.

Äußerungen, die mehreren Aussagen zufolge auf den neuen stellvertretenden Chefredakteur Alexander Krug zurückgehen, und nach denen man auch mal „Fünfe gerade sein lassen“ müsse, werden von Mitarbeitern als mögliche Gefährdung journalistischer Standards eingestuft. Krug kam im November vergangenen Jahres zur Mopo und ist als stellvertretender Chefredakteur vor allem für das Digitale zuständig. Er wechselte kommt von der Digitalagentur Supercat, wo er Chefredakteur Content & Creation war.

Der neue Redaktionsleitung gehe es darum, so heißt es dem Vernehmen nach weiter, möglichst schnell viele Inhalte zu produzieren, sich schnell für neue Geschichten zu entscheiden, wenn andere nicht „hart“ zu kriegen sind oder das Interesse an den Themen nachlässt. Die klare Stoßrichtung lautet: Effizienz. Auch, wenn es weiterhin darum gehe, korrekte und wahrheitsgemäße Inhalte zu produzieren, steige damit das Fehlerpotential, heißt es von besorgter Seite.

DuMont: „Werden kommunizieren, wenn es relevante Informationen gibt“

Innerhalb DuMonts gelten die Schreiben der Betriebsräte grundsätzlich als überspitzt und mit einer „besonderen Lesart“ versehen. Dem etwas entgegensetzen will man seitens des Konzerns allerdings nicht. Auf Nachfragen von MEEDIA bezüglich der strategischen Ausrichtung wie auch der zitierten Äußerungen reagierte das Unternehmen wortkarg: „Wir werden gerne aktiv kommunizieren, wenn es relevante Informationen gibt.“

Unterdessen heizt sich die Stimmung innerhalb der Morgenpost-Gruppe weiter auf. Für den kommenden Montag ist eine neue Betriebsversammlung angesetzt. Die Einladung versandt hat der Betriebsrat.

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