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„Zukunftsprogramm“ mit weniger Volontären: Alle Details zu Funkes neuem Sparkurs

Ove Saffe ©Foto: imago/epd

Die vergangene Woche von der Funke Mediengruppe angekündigten Sparmaßnahmen werden konkreter. Das Medienhaus plant einen Stellenabbau in fast allen Bereichen des Konzerns – und reduziert im Rahmen seines „Zukunftsprogramms“ ausgerechnet die Zahl der Volontäre. Mit „verlegerischer Verantwortung“ habe das nichts zu tun, kritisiert der DJV.

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Gerade erst schien der Neuanfang perfekt. In Essen hat die Funke Mediengruppe Anfang Januar neue Redaktionsräume eingeweiht, nach eigener Lesart die modernsten im Lande. Das Gebäude in der Innenstadt erinnert an einen Steinkohleflöz, jenem Stoff, der das Ruhrgebiet historisch geprägt hat. Den gläsernen Turm daneben empfanden die Wiener Architekten einem Druckzylinder nach. Es sind Symbole, die Funke seit Jahrzehnten ausmachen. Sie sind ein Bekenntnis zum Ruhrgebiet, zum Standort Essen, aber auch zu Print.

Die anfängliche Euphorie aber hielt nicht lange. Zwei Wochen nach der Einweihung des neuen Hauptsitzes verkündete Funke einen der größten Sparkurse in der jüngeren Verlagsgeschichte. Mit dem Umzug steht bei einem der größten deutschen Verlage ein radikaler Kurswechsel an. Zeitungschef Ove Saffe spricht von einer „Kulturrevolution“. Funke will digitaler und effizienter werden. Die Tageszeitungen werden „im Sinne maximaler Kosteneffizienz“ neu aufgestellt. Was der Verlag damit meint, konnte man in der Pressemitteilung nur zwischen den Zeilen lesen: Eine dreistellige Zahl an Stellen streicht der Konzern, um einen zweistelligen Millionenbetrag zu sparen.

In Essen macht Funke seine Druckerei dicht. Den 120 Mitarbeitern werden Jobs in der 60 Kilometer entfernten Druckerei in Hagen angeboten. In der Berliner Zentralredaktion spart Funke künftig jeden vierten Mitarbeiter, etwa 22 Stellen. Auch den wichtigen Printtiteln in NRW wird ein Sparprogramm verordnet. Wieder einmal. Zehn Prozent der Stellen will Funke dort laut DJV streichen. Aus der Redaktion ist zu hören, dass alleine bei der WAZ, der größten deutschen Regionalzeitung, 14 Redakteure gehen müssen. Älteren Kollegen wurden Abfindungen angeboten. Die Westfalenpost in Warstein muss ihren Dienst Ende Februar einstellen, weil sie sich wirtschaftlich nicht mehr rechnet. 15 Mitarbeiter müssen bei der Zeitung wohl insgesamt gehen. Im Anzeigenbereich sollen dem Vernehmen nach rund 120 Mitarbeiter gehen. Bestätigen will der Verlag die Zahlen auf Nachfrage nicht.

Zumindest in NRW wird das Funke-Sparprogramm bald auch für den Leser sichtbar: Von den bislang 26 Geschäftsstellen bleiben langfristig nur fünf bestehen. Die Präsenz der Mediengruppe wird auf der Straße spürbar sinken.

Funke kürzt Ausbildung der Volontäre

Und nicht nur das: Funke spart in seinem „Zukunftsprogramm“ genannten Maßnahmenkatalog selbst dort, wo eigentlich Zukunft entstehen soll, nämlich bei den Volontären. Um die Hälfte will der Verlag die Ausbildungskapazitäten stutzen. Konkret wird Funke die Anzahl der hauseigenen Volontäre von derzeit 46 auf 23 verringern, wie ein Sprecher gegenüber MEEDIA bestätigte. Erstmals werden im Juli keine neuen Volos zugelassen. Betroffen davon sind neun Stellen. Ob die Ausbildung im Januar wie gewohnt weitergeht, steht laut dem Sprecher noch nicht fest. Den Regionalzeitungen der Gruppe gehen damit jedoch nicht nur sicher geglaubte Kräfte verloren. Sie werden in der Zukunft auch um weniger Talente kämpfen müssen.

Bei der Medienakademie Ruhr, wo die Funke-Volos in fünfwöchigen Kursen ausgebildet werden, würde sich ein solcher Rückzug auf die Bilanz auswirken. Der Leiter Daniel Lichtenstein sagt gegenüber MEEDIA: „Für uns bedeutet ein möglicher Wegfall von Volontären sicherlich einen Umsatzrückgang, aber wir stellen unseren Aus- und Fortbildungsbetrieb aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Funke Mediengruppe nicht ein.“ Weiter sagt er: „Wir bieten auch weiterhin Volontärkurse an, da wir auch Volontäre aus anderen Verlagen ausbilden.“

Dass die Mediengruppe selbst an der Ausbildung künftiger Redakteure spart, ist bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass sie die Maßnahmen unter den Titel „Zukunftsprogramm 2022“ stellt. In der Pressemitteilung zu den Sparmaßnahmen ließ sich Saffe noch wie folgt zitieren: „Wir schaffen ein Umfeld, in dem unabhängiger und professioneller Regional- und Lokaljournalismus gedeihen kann.“

Der stellvertretende verdi-Bundesvorsitzende Frank Werneke hat die neuerlichen Pläne der Funke-Gruppe als „unverantwortlichen Kahlschlag“ kritisiert. Der DJV verurteilte die Sparpläne als “konfusen und völlig überzogenen Aktionismus”. „Für diesen Kahlschlag gibt es keinen Grund“, sagt der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Unbestritten sei, dass auch die Funke-Mediengruppe vom Strukturwandel der Medien betroffen sei. „Wer in einer wirtschaftlichen Durststrecke qualifizierte und verdiente Journalisten in die Arbeitslosigkeit entlässt, hat von verlegerischer Verantwortung keine Ahnung“, so der DJV-Vorsitzende.

 

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Sorge um Qualität

In der Redaktion ist zu hören, dass man sich angesichts der Kürzungen vor allem um die Qualität der Titel sorgt. In der Tat brachten Sparzwänge Funke auch immer wieder dazu, die vielen Printtitel zu vereinheitlichen – was Verbänden zufolge den Auflagenrückgang nur noch verstärkt. Seit 2008 beschließt das Medienhaus im Fünf-Jahres-Takt neue Sparmaßnahmen. In dem Jahr baute die damals noch WAZ genannte Mediengruppe bei den NRW-Zeitungen 300 der rund 900 Redaktionsjobs ab. 2013 wurden alle 120 Stellen der Westfälischen Rundschau gestrichen, die seither ohne eigene Redaktion und damit ohne eigenes journalistisches Profil erscheint.

Auch bei der neuerlichen Sparrunde spricht Saffe davon, die Regionaltitel „straffer und standardisierter“ zu beliefern. Die Berliner Zentralredaktion bekommt das besonders zu spüren. Seit September 2015 beliefert die Redaktion im Gebäude „The Q“ in der Friedrichstraße die zwölf Regionaltitel (Morgenpost, Abendblatt, WAZ etc.) mit Mantelinhalten. Sie war damals schon als Effizienzmaßnahme gedacht. Künftig wird sie ohne das Service-Ressort auskommen müssen. Die ohnehin schon verlagsübergreifend genutzten Serviceseiten werden künftig von Raufeld Medien erstellt, einer Tochter des Konzerns. Das Politik- wird zudem mit dem Wirtschaftressort verknüpft, das Investigativ-Ressort ganz eingestellt. Jeder vierte Mitarbeiter muss gehen. Betroffen davon sind laut MEEDIA-Infos offenbar vorwiegend Produktionsredakteure, also technische Stellen.

Den Einsparungen auf der einen Seite stehen enorme Ausgaben für Zukäufe gegenüber. 2013 übernahm Funke vom Springer-Konzern einen großen Teil des Printgeschäfts. Dazu gehörten das Hamburger Abendblatt, die Berliner Morgenpost, Hörzu, TV Digital sowie weitere Zeitschriften. 920 Millionen Euro ließ sich das Medienhaus die Übernahme kosten. Schon damals mutmaßten Branchenkenner, dass sich der Verlag damit übernommen haben könnte.

Thüringer Printtitel bleiben unangetastet

Von den aktuellen Sparplänen am wenigsten betroffen scheinen die Tageszeitungen in Hamburg, Braunschweig und Thüringen. In Hamburg steht eine zentrale Redaktion für alle Wochenblätter auf dem Plan, in Braunschweig will Funke „die Wochenblattaktivitäten reduzieren“. Bei den drei Funke-Titeln in Thüringen (Thüringer Allgemeine, Thüringische Landeszeitung und Ostthüringer Zeitung) prüft der Konzern, ob er ländliche Leser mit einem E-Paper statt der gedruckten Zeitung erreichen kann. Die Kosten für die Zeitungszustellung hätten sich auch aufgrund staatlicher Maßnahmen drastisch erhöht, die Zustellung werde dadurch immer schwieriger, so Saffe. Gemeint ist wohl der Mindestlohn, der den Zeitungsverlagen ein Dorn im Auge ist. Eine Einstellung der Print-Ausgabe steht hier aber, anders als zunächst vermutet, nicht zur Debatte. In Thüringen hatte Funke erst 2016 Stellen eingestrichen, nachdem die Mantelredaktionen der Blätter vereinheitlicht wurden.

User-First-Prinzip

Die Sparmaßnahmen kommen bei Funke übrigens zu einer ungünstigen Zeit. Gerade befindet sich das Traditionshaus im strategischen Umbruch. Über den Herbst hinweg haben Redakteure in den NRW-Redaktion damit begonnen, das „User First“-Prinzip für die Zeitungen zu entwickeln. Mit dem Umzug in die neue Firmenzentrale ist das Konzept gestartet, bei dem die Mitarbeiter nun vor allem vom Digitalen her denken sollen. Das Vorbild sind die Hamburger Titel: Beim Abendblatt sei der Verkauf von Digitalabos nach dem Start des Konzeptes um 300 Prozent gestiegen, lobt Saffe in einer Pressemitteilung.

Noch vor drei Wochen betonte die Aufsichtsratsvorsitzende Julia Becker zur Einweihung der neuen Essener Firmenzentrale, wie wichtig engagierte Mitarbeiter für die ambitionierten Vorhaben seien – wohl auch mit dem Wissen, dass schon Tage später die Sparrunde verkündet wird. Ob sich das Medienhaus damit einen Gefallen tat, werden die nächsten Monate zeigen.

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