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Wochenrückblick: eine kurze und womöglich unvollständige Geschichte der Journalisten-Politiker-Umarmungen

Die Arme der Alice, Sound-Erfinder Claas Relotius, Klima-Greta, Barbara Schöneberger beim Fernsehpreis
Die Arme der Alice, Sound-Erfinder Claas Relotius, Klima-Greta, Barbara Schöneberger beim Fernsehpreis

AfD-Frau Alice Weidel hat Welt-Mann Henryk M. Broder umarmt und alle so: whaaat!? Dabei hat das gegenseitige Betatschen von Journalisten und Politikern eine gewisse Tradition. Außerdem in dieser MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne: Wer schämt sich für den Deutschen Fernsehpreis? Was macht die Welt mit ihren Relotius-Stücken? Und was erzählte Klima-Greta der Zeit?

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Ob sich Diplom-Provokateur Henryk M. Broder für das Foto schämt, in dem ihm die AfD-Vorsitzende Alice Weidel ihre Arme krakenartig um den Körper legt, ist nicht überliefert. Immerhin hat er sich bei seinen Lesern und seiner Redaktion (Welt) entschuldigt, sollte das Foto für Unannehmlichkeiten gesorgt haben. Weitere Ausführungen zur Causa Broder und AfD-Foto bitte hier nachlesen. Wie ist das nun mit diesen teuflischen Umarmungen? Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt hat via Twitter einen guten Ratschlag gegeben:

Leider haben sich nicht immer alle daran gehalten. Es fällt einem doch der eine oder andere Journalist ein, der schon mal Politiker umarmend gesehen wurde. U.a. dieser frühere leitende Angestellte aus dem Hause Springer mit dem früheren Vorsitzenden einer obskuren Kleinpartei:

Psst: Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass Medienjournalisten waschechte Medienmanager vor den entsetzten Augen der Branchenöffentlichkeit geherzt und umarmt haben (Ich war’s nicht!). Waren halt bloß keine Fotografen vor Ort. Glück gehabt. Und dann gab es ja auch noch diese Begebenheit, als die Bundeskanzlerin dem damaligen Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart eine Umarmung regelrecht aufdrängte. Schlimm:

Wie aber reagieren, wenn sich einem als lauterer Journalist der Papst, die Kanzlerin oder der Antichrist in umarmender Absicht nähern? Abhilfe schafft der Anti-Mobbing-Tanz! Bekannt aus einem nicht bestreikten Schulhof ihres Vertrauens:

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DAS Medienthema der Woche war aber natürlich die 20. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises. Kleine Pause … Ne, war nur Spaß. Im Ernst: Haben Sie das mitbekommen, dass der wieder mal verliehen wurde, der Deutsche Fernsehpreis? Im Fernsehen wurde der Fernsehpreis jedenfalls nicht übertragen, also zumindest nicht bei einem Sender, den man ohne weiteres auf der Fernbedienung findet. Versendet wurde der Fernsehpreis mit zwei Stunden Zeitverzögerung im ARD Kanal One (hieß früher mal Einsfestival). Live übertragen hat man ihn nur in diesem Internet bei wdr.de. So stiefmütterlich geht man normalerweise nur mit missratenen Shows oder Seifenopern um, die schon produziert sind, im normalen TV aber partout keiner gucken will. Moderiert wurde die Chose – wie jüngst stets – von Barbara Schöneberger, diesmal sekundiert von Steffen Hallaschka. Dabei hatte der Fernsehpreis auch mal echte Fernsehgeschichte geschrieben. Wir alle erinnern uns mit wohligem Schauder noch an die berühmte Szene, als Marcel Reich-Ranicki den Fernsehpreis 2008 für sein Lebenswerk ablehnte.

Ich kann mir das immer wieder anschauen. Es ist ein toller Moment der Wahrhaftigkeit, wie es ihn im Fernsehen selten gibt. Könnte es sein, dass die Live-TV-Abwesenheit der Veranstaltung mit diesem Reich-Ranicki-Trauma zu tun hat?

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Relotius restored! So ein bisschen. Die Welt hatte auch sechs Artikel des Spiegel-Meister-Fälschers Claas Relotius in ihrem Fundus. Nach ausgiebigster Prüfung wurden nun vier Texte wieder publiziert, weil angeblich keine Fehler drin sind, versehen mit einem Hinweis auf die Relotius-Affäre. Ich bin da so ein bisschen hin und hergerissen, ob das eine gute Idee ist. Einerseits: Wenn ein Text korrekt ist, spricht grundsätzlich nichts dagegen, ihn auch (mit einem Hinweis versehen) veröffentlicht zu lassen, bzw. wieder zu veröffentlichen. Andererseits sind die nun republizierten Texte zumindest teilweise im mittlerweile berüchtigten Relotius-Sound verfasst, der vor allem auf Jury-Mitglieder von Journalistenpreisen diese unfassbare und für manche unerklärliche Sog-Wirkung hatte. Kann man diesen ganzen atmosphärischen Einsprengsel, wie es irgendwo riecht und welche Farbe der Bauschaum hat, wirklich alle nachprüfen? Oder ist das letztlich wurscht? Ich weiß es wirklich nicht, aber ich gehöre ja auch zu jener Spezies, die den Autoren Claas Relotius bis zu dessen Enthüllung so rein gar nicht auf dem Zettel hatte.

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Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg ist nicht zuletzt auch ein Medienthema. Die mittlerweile 16-Jährige mit Asperger-Syndrom wird von den einen als Vorkämpferin gegen den Klimawandel gefeiert. Andere sehen sie als Opfer einer fiesen PR-Maschine. Die Wahrheit könnte ganz vielleicht irgendwo dazwischen liegen. Hoffnung auf Aufklärung machte ich mir, als ich die aktuelle Ausgabe der Zeit aufschlug. “Dieses Mädchen fordert die Welt heraus”, lautet die Zeile. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wirbt im zugehörigen Abonnenten-Newsletter: “In Davos erzählt die schwedische Schülerin der Zeit, was hinter ihrem Protest steckt und welche Hoffnungen sie sich macht.” Exklusiv-Interview mit Klima-Greta? Denkste! Wie im Artikel, der seltsamerweise im lifestyligen Ressort Z auftaucht und nicht im Politik-Teil, zu lesen ist, hat eine NGO aus Brüssel Greta Thunberg einen Berater in Davos zur Seite gestellt, der ihre Pressetermine verwaltet. Ein Gespräch sei leider nicht möglich, so der Herr Berater. Weil sie Greta aber hartnäckig hinterherdackelt ist, kann die Reporterin dann doch ein paar Fragen stellen. Etwa so:

“Warum bist du nach Davos gekommen?”

“Weil ich eingeladen worden bin.”

Was willst du verändern?”

“Alles”

“Hast du Hoffnung?”

“Nein.”

Immerhin, da hat der Giovanni nicht übertrieben, als er ankündigte, Greta Thunberg “erzählt” der Zeit, welche Hoffnungen sie sich macht. Keine. Dass ich nach der Ankündigung ein Interview erwartet hatte – selber schuld! Welche NGO das genau ist, die da die Presstermine koordiniert, hätte man vielleicht noch gerne gewusst, erfährt man aber leider nicht.

Ihnen ein hoffnungsvolles Wochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” spreche ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt auch über das Medienphänomen Greta Thunberg und es geht – Riesenüberraschung – auch um die Aufregung rund um Henry M. Broder. Auch der Fernsehpreis kommt vor! Dazu gibt es noch ein Interview mit dem Unternehmensberater Rolf-Dieter Lafrenz von Schickler, der erzählt, wie Verlage von Künstlicher Intelligenz profitieren können. Oder halt auch nicht. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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