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Abschied von der Nachricht: Wie Medien ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden

Max Stossel, Mitgründer der kalifornischen Achtsamkeits-Bewegung „Time Well Spent“, war Speaker beim diesjährigen Vocer Innovation Day im Hamburger Spiegel-Gebäude
Max Stossel, Mitgründer der kalifornischen Achtsamkeits-Bewegung „Time Well Spent“, war Speaker beim diesjährigen Vocer Innovation Day im Hamburger Spiegel-Gebäude Foto: Melina Mörsdorf

Verfolgt man den Mediendiskurs in den USA, könnte man meinen: Die Nachricht als Darstellungsform ist endgültig dem Tode geweiht. Kritiker einer vermeintlichen journalistischen Paradedisziplin laufen zur Höchstform auf. Wo aber liegt die Zukunft des Berufsstandes? Signale, dass ein radikales Umdenken nottut, sind unübersehbar. Der Journalismus durchlebt die dritte Krise seit Beginn der Digitalära.

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Von Frederik Fischer

Kaum ein Tag vergeht ohne Abgesang. Alex Pareene vom „Columbia Journalism Review“ sieht die jüngste Entlassungswelle bei Buzzfeed und der Huffington Post als Beweis dafür, dass digitale Medien nur überleben können, wenn sie sich von Nachrichten verabschieden. „Die Tech-Plattformen (…) bieten Unternehmen die Möglichkeit zu verhindern, dass ihre Werbung neben politischen Nachrichten auftaucht – und davon machen Werbekunden zunehmend Gebrauch.“

Hossein Derakhshan sekundiert: „Die Herausforderung für Journalisten in den nächsten Jahren wird sein, sich jenseits von Nachrichten neu zu erfinden, ohne der Versuchung von Propaganda und Unterhaltung zu erliegen.“

Das niederländische Journalismus-Startup DeCorrespondent hat die Kritik an Nachrichten sogar zum Markenkern gemacht für ihren Eintritt in den US-amerikanischen Markt. Ihre Crowdfunding-Kampagne, die dem Team im Dezember mehr als 2,5 Millionen Dollar einbrachte, firmierte unter dem Motto „Unbreaking News“ und profitierte von dem weit verbreiteten Nachrichten-Überdruss.

Auch hierzulande konnten Nachrichtenkritiker aus den Vollen schöpfen. Erst ließen sich Medien von AfD-Politiker Frank Magnitz instrumentalisieren. Dann halfen die Medien einer kuriosen Gruppe aus Lungenfachärzten dabei, Falschnachrichten zu verbreiten. Und dann war da noch Sascha Lobos Generalabrechnung mit dem Nachrichtenjournalismus „So kann es nicht weitergehen“.

Aber natürlich wird es so weitergehen. Nahezu alle Nachrichtenredaktionen sind schon seit Beginn der Krise in einem katatonischen Zustand gefangen, den Harvard Professor Clayton Christensen als „Innovator’s Dilemma“ beschreibt: Das Ende des werbebasierten Geschäftsmodells ist absehbar, aber noch sind im Online-Journalismus alternative Erlösquellen so überschaubar, dass man weiter nach Klicks jagt.

Es gibt jedoch einige Anzeichen dafür, dass der Druck dieses Jahr so zunimmt, dass ein radikales Umdenken unumgänglich wird. Der erneute Fokus der Verlage auf digitalen Abos ist eine erste Reaktion auf diese Veränderung. Gerade wenn die Mitgliederfinanzierung aber eine tragende Säule des Geschäftsmodells werden soll, müssen sich Verlage stärker um die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser (sowie nicht zuletzt der eigenen Mitarbeiter) kümmern.

Die Selbstvergewisserung, qua Berufsbeschreibung und Sondererwähnung im Grundgesetz eine richtige und wichtige Aufgabe zu erfüllen, steht der Selbsterneuerung dabei im Weg. Diese Denke bremst eine dringend notwendige Reflektion über den Sinn und Zweck der eigenen Arbeit aus und hat den Journalismus schleichend in eine neue, dritte Krise geführt.

Die erste Phase griff direkt das Geschäftsmodell an, indem Kleinanzeigen ins Netz und weg von den Verlagen wanderten. Die zweite Phase führte in die Abhängigkeit von Tech-Plattformen, von der Verlage nur sehr kurzfristig profitierten.

Nun beginnt eine dritte Phase, in der Nachrichten nicht nur auf eine wirtschaftliche und technologische, sondern auf eine gesellschaftliche Disruption reagieren müssen. Der Angriff auf das überkommene Nachrichtenverständnis erfolgt dabei aus zwei Richtungen:

– Einem stärkeren Nutzerbewusstsein für die Tricks der Aufmerksamkeitsindustrie
– Der politischen Instrumentalisierung von Nachrichten in einer fragmentierten Öffentlichkeit

Die Tricks der Aufmerksamkeitsindustrie

Time Well Spent ist eine digitale Nachhaltigkeitsbewegung, die 2013 ihren Anfang im Silicon Valley nahm. Der ehemalige Google „Design-Ethiker“ Tristan Harris schuf innerhalb weniger Jahre in großen Teilen der Gesellschaft ein Bewusstsein für die vielen Tricks, die Plattformen anwenden, um Nutzer dazu zu verführen, immer mehr Zeit und Daten auf den jeweiligen Angeboten zu verbringen.

Schon nach kurzer Zeit, erhielt er dabei einflussreiche Unterstützung aus dem Silicon Valley. Roger McNamee, einer der frühen Investoren von Facebook, gründete mit ihm das „Center for Humane Technology“. Der Erfinder des Facebook Like-Buttons wandte sich gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber. Viele CEOs verbieten ihren eigenen Kindern inzwischen den Umgang mit Smartphones. Im Bewusstsein von immer mehr Nutzerinnen und Nutzer wirken die Plattformen nicht mehr wie coole neue Erfindungen, sondern wie Fast-Food-Klitschen: Man weiß schon vor dem Essen, dass man sich danach schlecht fühlt.

Journalisten finden sich hier in einer unseligen Doppelrolle wieder: Einerseits kritisieren sie völlig zu Recht das Treiben von Facebook und Co. Andererseits nutzen Medienhäuser vergleichbare Tricks.  Legendär ist die Datensammelwut und die Zahl der Skripte von Werbenetzwerken die mit jedem Seitenaufruf geladen werden. Jede Nutzerin und jeder Nutzer kennt zudem aufmerksamkeitsheischende Überschriften, Teaser und Fotos. Manchmal dienen diese Kniffe einem legitimen Zweck. Häufig sind sie aber auch nur zu erklären durch die Notwendigkeit Klicks zu produzieren und die Forderungen der Werbeindustrie zu erfüllen.  Selbst wenn die wenigsten Nutzer die Dynamiken im Detail verstehen: Was ankommt, ist das Gefühl gefoppt zu werden und wenig Gegenwert zu erhalten für die vielen Stunden, die man im Netz verbringt.

Auch auf inhaltlicher Ebene, wirken die althergebrachten Nachrichtenkriterien wie aus der Zeit gefallen. Der Fokus auf Skandale und Missstände, in der Hektik verbreitete Ungenauigkeiten, günstig produzierter Verlautbarungsjournalismus, Redundanzen in der Berichterstattung – die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Der Abschied von Nachrichten im Netz fällt dagegen leicht und gehört inzwischen sogar bei gut ausgebildeten Führungskräften zum guten Ton. Der Produktivitätsguru Tim Ferriss etwa vertritt die „Low Information Diet“ und erhält für den bewussten Nachrichtenverzicht derzeit große Resonanz in den USA. Im deutschsprachigen Raum verkauft der Autor und Unternehmer Rolf Dobelli („Die Kunst des klaren Denkens“) eine „Nachrichtendiät“ als Lösung gegen Informationsflut.

Kurzum: Die Online-Aufmerksamkeitsindustrie im Allgemeinen und Nachrichten im Besonderen werden von einer wachsenden Zahl an Menschen auch hierzulande als „ungesund“ eingestuft und gemieden. Wenn eine Umstellung auf Bezahlinhalte gelingen soll, aber auch wenn eines Tages kein Weg mehr an staatlicher Unterstützung vorbeiführen sollte, braucht Journalismus ein anderes, positiv besetztes Image.

Die politische Instrumentalisierung der Medien
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Neben allgemeiner Kritik an den Tricks der Aufmerksamkeitsindustrie sorgt auch die politische Berichterstattung dafür, dass Nachrichtenmedien häufig als Teil des Problems wahrgenommen werden. Dass Journalisten von Politikern und Unternehmen manipuliert und instrumentalisiert werden, ist natürlich kein neues Phänomen und hat zunächst mit dem Netz nichts zu tun.

Die Rolle die Nachrichten im Netz hat sich aber erweitert. Über eine Überschrift wie „Nazis rein“ hätte man sich früher vielleicht als durchschnittlicher Spiegel-Leser kurz geärgert und weitergeblättert. Heute werden solche Inhalte in rechtspopulistischen Online-Communities herumgereicht und als Triumph gefeiert nach dem Motto: „Seht, selbst der Mainstream feiert uns.“ Auch der WDR tappte in diese Falle mit der Einladung von David Berger, einem der reichweitenstärksten Stimmen der Neuen Rechten. Im Format „Tischgespräch“ konnte er ungestört seine Legendenbildung vorantreiben. Diese ‚Auszeichnung‘ der Qualitätsmedien wird seinen Namen noch bekannter machen. Die Berichterstattung trägt  mittelbar dazu bei, Falschnachrichten zu verbreiten, die immer wieder auf seinem Blog veröffentlicht werden.

Während man auf der politischen Seite eine Professionalisierung im Umgang mit Medien feststellen kann, haben die Medien selbst noch keine Strategien entwickelt, um auf diese „Hacks“ zu reagieren. Man kann sich dabei Nachrichtenkriterien vorstellen wie einen Algorithmus. Die Kriterien helfen Redakteuren bei der Auswahl und Gewichtung von Themen. Der Prozess der Relevanzbewertung erfolgt bei langjährigen Journalisten fast automatisch im Hintergrund. Das Blöde ist: Dieses gelernte Verhalten ist allgemein bekannt und kann dementsprechend leicht manipuliert werden. Anders gesagt: Ein Großteil der reflexhaften Berichterstattung über rhetorische Grenzüberschreitungen, obskure Absichtserklärungen oder politisches Ränkespiel ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass redaktionelles Verhalten vorhersehbar ist.

Die kalifornische Achtsamkeitsbewegung “Time well spent” gehörte zu den zentralen Themen beim Vocer Innovation Day

Auch das ist per se kein neues Phänomen, wird aber im neuen multidimensionalen Mediensystem besonders problematisch, da auch die echten Algorithmen der Plattformen diese Art von Inhalt bevorzugen. Diese Dynamik sorgt dafür, dass alarmierende Meldungen, polarisierende Positionen und vorschnelle Weiterdrehs aktueller Ereignisse eine größere Reichweite erzielen. So verfestigt sich bei vielen Menschen der Eindruck, dass Medien häufig schlampig recherchieren, auch wenn in der Summe tatsächlich seriöser Journalismus überwiegt. Dieser ist für viele allerdings weniger sichtbar. Das Ergebnis ist, dass Journalismus zunehmend an Ansehen verliert und den Meinungsmanipulatoren aller Lager in die Hände spielt.

Mit großer Aufmerksamkeit kommt große Verantwortung

Einfach Lösungen für diese komplexe Gemengelage an Herausforderungen kann es nicht geben. Fest steht aber, dass die traditionellen Nachrichtenkriterien im neuen Mediensystem ebenso schädlich sein können wie die Jagd nach Klicks. Journalismus war noch nie ein beliebiges Produkt. Immer schon ging es auch um einen öffentlichen Auftrag, und um das Gemeinwohl. Journalismus vertritt Werte. Journalismus selbst ist ein Wert. Werteorientierter Journalismus lässt sich aber nicht länger ohne eine Ethik der Aufmerksamkeit denken.

Eine Ethik der Aufmerksamkeit erfordert, die Verantwortung zu übernehmen für die Wirkung der eigenen Berichterstattung. Das wiederum erfordert ein Verständnis von den komplexen Zusammenhängen des derzeitigen Informationsökosystems. Es erfordert Empathie für das Publikum und es bedarf einer Dienstleistungsmentalität.

Ein konkretes Beispiel: Statt wie ferngesteuert immer von einem Aufreger-Thema zum nächsten zu eilen, wäre ein ethischer Umgang mit der Aufmerksamkeit der Leser, an Themen konsequente dranzubleiben. Jedes halbe Jahr könnte sich die Redaktion unter Einbindung der Leser auf sechs Schwerpunkte einigen und diese hartnäckig verfolgen. Wie würde beispielsweise eine Berichterstattung über CumEx aussehen, die Woche für Woche dokumentiert, was seitens Politik und Regulierungsbehörden nun genau (nicht) unternommen wird? Das Verhältnis von Wadenbeißer- zu Verlautbarungsjournalismus würde sich verschieben. Der Druck auf die Politik würde steigen und Journalismus als vierte Gewalt eine größere Wirkung entfalten.

Ein zweites Beispiel: Eine Frage, die das Bewusstsein für eine Ethik der Aufmerksamkeit schärft, lautet: „Ist dieser Inhalt die wertvolle Zeit der Leser wert?” Warum nutzt man nicht ein Umfragetool wie Opinary dazu, eine Woche lang und nach jedem Inhalt konsequent nur diese eine Frage zu stellen?

Den Plattformen wurde und wird zu Recht vorgeworfen, dass sie keine ausreichende Verantwortung für die Auswirkungen ihrer Technologien übernehmen. Teil der Wahrheit ist aber auch: Journalisten ducken sich selbst gerne weg. Sie verstecken sich nicht hinter opaken Algorithmen. Sie verstecken sich hinter Prozessen, Standards und ökonomischen Zwängen. Eine Ethik der Aufmerksamkeit hinterfragt diese Automatismen und zeigt Wege auf, zu einem zeitgemäßen und werteorientierten Journalismus.

 

Über den Autor: Frederik Fischer ist Chefredakteur von piqd.de, und aktiv im Vorstand von Vocer. Er arbeitet als Dozent für „Digital Journalism“ an der Hamburg Media School und der Universität der Künste in Berlin, sowie als Medientrainer im In- und Ausland.

 

Über die Reihe: Dies ist der zweite Teil eines mehrteiligen Essay- und Interview-Dossiers unter dem Titel “Werteorientierte Digitalisierung”, das MEEDIA im Rahmen des Digital Journalism Fellowships an der Hamburg Media School exklusiv veröffentlicht. Bereits erschienen:

Brecht auf Speed: Plädoyer für eine digitale Medienkritik und werteorientierte Digitalisierung

 

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Alle Kommentare

  1. Ausgezeichnete Analyse, insofern die Überlebenskämpfe der Nachrichten-Unternehmen als ein Vieleck von Problemen dargestellt werden. Dabei gibt es eben auch, das klingt ja durch, eine Krise beim Nachrichtenkonsumenten. Wer diese Krise lösen kann, kann überleben.
    Vielleicht könnte man von zwei Punkten aus denken: Zum ersten wollen LeserInnen natürlich Neues erfahren. Zum zweiten lesen Netz-Medienuser nicht das, was andere für sie als “Nachrichtenversorger” zusammengestellt haben, sondern bewegen sich interessegeleitet durch ihre Kanäle hindurch. Das von eigenen Interessen geleitete Lesen/Sehen/Hören ist der springende Punkt – die Relevanz ist (auch) eine Publikumsentscheidung. Insofern dürfte es keine Lösung sein, dass eine Redaktion ein Sonderthema über längere Zeit für relevant erklärt, es sei denn, dies entspricht in genügender Menge einem Interesse im Publikum.

  2. sciencefiles.org hat den Typen bereits entlarvt. Das der überhaupt noch ein Plattform bekommt spricht Bände. Naja 2019 wird ein schwieriges Jahr für Journalisten. Soll er genießen solange es noch geht.

  3. Hoch oben, aus 36.000 Kilometern Höhe, im Ausguck der ersten geostationären Medienakademie, wird dieser Beitrag heiß diskutiert!

    Was machen die Jungs & Mädels da unten?

    Haben sie keinen planetaren oder zivilisatorisch nützlichen Grundauftrag?

    Sind sie alle nur noch “schwebende und flirrende” mediale Simulationen, deren Schöpfungen sekundenlang auf mobilen, stationären und ambient Screens aufscheinen?

    Wer schaut das noch an? Wer perzipiert? Wer versteht? Wer schüttelt nur sein neuronales Belohnungssystem durch? Wer reflektiert verändert sein Handeln?

  4. Dass “in der Summe seriöser Journalismus überwiegt”, kann ich nicht bestätigen. Bei ausnahmslos allen Themen, bei denen ich tieferen Einblick in die Materie habe, kann ich die Beiträge unseres Qualitätsjournalismus nur einordnen in die Rubrik: “seriöse Recherche hätte die Kernaussage des Artikels geschreddert”. Mir scheint, anderen geht es in ihren individuellen Kompetenzfeldern ähnlich.

    Mir selbst sind vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen – einmal ARD-Gruppe, einmal ZDF-Gruppe – die Worte aus Interviews quasi im Munde umgedreht worden. Die jüngsten Skandale wundern mich daher überhaupt nicht, und als Einzelfälle kann ich sie auch nicht so ohne weiteres abtun.

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