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„Es gibt keine Parallelen zum Fall Relotius“: WDR-TV-Chefin Ehni über Fehler bei „Menschen hautnah“

Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen

Nachdem der WDR auf Mängel in drei Folgen des Doku-Formats „Menschen hautnah“ aufmerksam gemacht wurde, hat der Sender nach einer Prüfung unzulässige Verzerrungen festgestellt. Die Zusammenarbeit mit einer Autorin wurde daraufhin beendet, sie wehrt sich und sieht sich als „Bauernopfer“. MEEDIA hat mit der WDR-Fernsehchefin Ellen Ehni über den Vorfall, redaktionelle Fehler und die Konsequenzen daraus gesprochen.

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Via Twitter wurde der WDR auf Ungereimtheiten bei drei Dokumentationen der Sendereihe „Menschen hautnah“ aufmerksam gemacht. Der Nutzer und Journalist Paul Bartmuß hatte am Dienstag vergangener Woche in einem Thread auf dem Twitter detailliert aufgelistet, wo er Mängel in den WDR-Dokumentationen bezüglich Alter, Jahreszahlen und Namen von identischen Protagonisten gefunden hatte. Alle drei Filme stammen von derselben Autorin.

Im Zuge der Untersuchungen fand der öffentliche-rechtliche Sender weitere journalistische Unstimmigkeiten in einer Dokumentation mit dem Titel „Ehe aus Vernunft“. Einerseits hat die Autorin der Doku zwei Protagonisten über das Suchportal komparse.de verpflichtet. Dort werden laut Betreiber* neben Komparsen, Lichtdoubles, Talk-Gäste auch Menschen „in ihren realen Lebenssituationen mit ihren realen Problemen, Beziehungen, Träumen und Wünschen“ gesucht und gefunden. Allein im Jahr 2018 sollen es insgesamt 7.150 Gesuche gewesen sein. Auf der anderen Seite habe die Sichtung des Drehmaterials ergeben, so der WDR in einer Pressemitteilung, dass die Beziehungsgeschichte des Paares in der Doku unzulässig zugespitzt wurde.

Der betroffene Film ist nicht mehr in der Mediathek zu finden, zudem beendete der WDR die Zusammenarbeit mit der Autorin (MEEDIA berichtete).

Frau Ehni, gegenüber der FAZ sagt die Autorin, dass Filmproduktionsfirmen und Sender regelmäßig über komparse.de nach Protagonisten für seriöse Dokus – nicht nach Komparsen wohlgemerkt – suchen, deren Biographie und Geschichte echt ist. Können Sie sicher sein, dass bei „Menschen hautnah“ nicht auch andere Autoren dieses Portal nutzen?
Da kann ich nicht sicher sein. Die Redaktion war bis zu diesem Vorfall nicht davon ausgegangen, dass über einen solchen Weg Protagonisten gesucht worden sind. In dem konkreten Fall hat die Autorin über diese Webseite recherchiert. Das war mit der Redaktion nicht besprochen. Das ist auch unsorgfältige Arbeit seitens der Autorin gewesen. Richtig ist, dass über komparse.de nicht nur Darsteller und Schauspieler, sondern auch Protagonisten mit echten Geschichten vermittelt werden. Wichtig ist, dass wenn über diese Seite recherchiert wird, es der Redaktion gegenüber transparent gemacht wird und die Redaktion im Einzelfall überprüfen kann, ob ein Protagonist mit echter Geschichte von komparse.de für den TV-Beitrag infrage kommt. Denn wir müssen sicherstellen, dass diese Person ihre Geschichte nicht aus finanziellem Interesse erzählt oder als Darsteller bereits in anderen Formaten verschiedene Rollen angenommen hat, die der Mitwirkung in unserem Programm widersprechen. Klassische Darsteller bzw. Komparsen kommen in Dokus lediglich in nachgestellten Szenen – sog. Reenactment-Szenen – vor. Diese Szenen werden auch entsprechend gekennzeichnet.

Wie werden denn für gewöhnlich die Protagonisten gesucht?
Der Regelfall ist, dass ein Autor mit einem menschlichen Schicksal bzw. einem Thema auf die Redaktion zukommt und sagt „Ich kenne diese Person und der ist Folgendes passiert“. Das checken wir dann, ob es so stimmt und dann entscheiden wir darüber, ob wir diese Geschichte erzählen wollen. Es gibt Themen wie „Magersüchtige Männer“, da weiß man, bei welchen Institutionen, Therapeuten, Selbsthilfegruppen und Kliniken man nach solchen Protagonisten suchen kann. Das ist der zweite Rechercheweg. Und es gibt einen kleinen Ausschnitt an Themen bei „Menschen hautnah“ wie Vernunftehe, bei der es keine Institutionen oder Ähnliches gibt, bei denen man nachfragen kann. In diesem Fall ist ein Aufruf in Foren wie Facebook & Co. erfolgt, was auch in Ordnung ist. Aber komparse.de ist für solche Themen bei „Menschen hautnah“ nicht akzeptabel.

Die Autorin wusste, wie sie betont, gar nicht, dass das Komparsen-Portal beim WDR verboten ist. Sie verweist zudem auf die Echtheit der Geschichte – trotz aller Mängel, die der Sender festgestellt hat. Sie fühlt sich als „Bauernopfer“. Der WDR hätte auch anders mit ihr umgehen können.
Die Tatsache, dass sie komparse.de genutzt hat, hat nicht die Beendigung der Tätigkeit nach sich gezogen. Es gibt zwei Komponenten: Einerseits hat sie die Redaktion nicht umfassend über ihren Rechercheweg informiert. Dadurch ist das Vertrauensverhältnis gestört. Und sie hat die Aussagen des Protagonisten und seiner Partnerin in unzulässiger Weise zugespitzt. Das entspricht nicht unseren journalistischen Standards. Auf dieser Basis gibt es kein Vertrauen mehr, um mit der Autorin zusammenzuarbeiten.

Sie hatten angekündigt, dass die Vier-Augen-Kontrolle intensiviert werden soll, ebenso sollen das Fact-Checking und eine stärkere Kontrolle der Protagonisten eingeführt werden. Wie hat die Redaktion bislang Skripte und auch Recherchen überprüft?
Richtig ist, dass wir uns in mehreren Stufen in der Redaktion mit einem Stoff befassen. Es wird in einer Konferenz über den Stoff beraten, das heißt, es beschäftigen sich immer mehrere Leute mit dem Thema. Dann wird der Dreh und der Schnitt besprochen, immer eng zwischen Autor und Redaktion. In diesem konkreten Fall haben wir es mit einem Rechercheweg zu tun, von dem wir ausgegangen waren, dass er sich aus sich selbst heraus für „Menschen hautnah“ ausschließt. Wir werden in Zukunft auch darauf achten, inwiefern ein Interview transkribiert werden kann, damit man es nachlesen kann – und damit Autoren und Redaktion immer üben den kompletten Wissensstand gemeinsam diskutieren können. Dann können beide Seiten gemeinsam entscheiden, wie die Geschichte richtig wiedergegeben ist.

Der Protagonist Sascha Mahlberg aus der Doku „Ehe aus Vernunft“ kam über das Komparsen-Portal. Laut einer Recherche der Zeit hat der Mann seit 2007 169 Mal für Werbung, Fernsehen und Film vor der Kamera gestanden. Warum ist das der Redaktion nicht aufgefallen?
Der Zeit-Artikel, nur für den zeitlichen Ablauf, ist nach dem Dreh der Doku entstanden, also nachdem wir mit diesem Protagonisten gedreht hatten. Jetzt werden Sie natürlich sagen, ihnen hätte auch woanders auffallen können, dass…

Exakt, so etwas in der Art würde ich einwenden.
Wir wussten ja nicht mal, dass dieser Protagonist über die Komparsen-Webseite gekommen war. Um so etwas für die Zukunft auszuschließen, wird es eine systematische Gegenrecherche bei solchen Personen geben. Damit wollen wir prüfen, ob sie eventuell schon in anderen Zusammenhängen als Darsteller aufgetreten sind. Damit wären sie dann für „Menschen hautnah“ ein No-Go. Außerdem werden wir einen Katalog erstellen, der mit den Autoren auch noch kommuniziert wird, wo wir ganz klar festlegen, welche Recherchewege für die Redaktion „Menschen hautnah“ zulässig sind.

Nun fällt dieser Vorfall in die Zeit nach den Enthüllungen um Claas Relotius. Beide Fälle sind zwar inhaltlich nicht miteinander zu vergleichen. Dennoch: Ist die harte, sehr schnelle Reaktion des WDR gegenüber der Autorin auch diesen Enthüllungen geschuldet?
Nein. Sie haben ja gerade festgestellt, dass es keine Parallele zwischen Relotius und diesem Fall gibt. Das liegt alleine daran, dass die Geschichte dieses Paares echt ist. Wir haben in diesem Zusammenhang festgestellt, dass die Autorin nicht offen mit der Redaktion über ihren Rechercheweg gesprochen hat und nicht über alle Schritte informiert hat. Und sie hat in dem konkreten Fall, obwohl die Geschichte völlig echt ist, die Gefühlswelt dieser Protagonisten in unzulässiger Weise verzerrt.

Was war in der Doku „Ehe aus Vernunft“ unzulässig verzerrt?
Die beiden sprechen in dem Interview über die persönlichen Gefühle füreinander. Wir bewegen uns da in einem weichen Bereich, der der Faktenrecherche nur bedingt zugänglich ist. In diesem weichen Bereich hat sich das Paar in dem Rohmaterial anders geäußert, als es in der zusammenfassenden Version in dem Fall stattgefunden hat. Und das ist eine nicht zulässige Zuspitzung gewesen. Der zweite Protagonist, der über komparse.de gekommen ist, hat uns zudem schriftlich und mündlich zugesichert, dass seine Geschichte, wie wir sie wiedergegeben haben, völlig echt ist. Wir haben es hier also nicht mit Fälschungen, sondern mit echten Geschichten zu tun.

*Der Betreiber von Komparse.de hat nachträglich darum gebeten, dass sein Name aufgrund von Datenschutzbedenken nicht genannt wird.

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