Partner von:
Anzeige

“Widersprüchlich”, “rückwärtsgewandt” bis “er hat Recht”: Was Medienmacher zu Mathias Döpfners Twitter-Thesen sagen

Wie aktiv sollten Journalisten bei Twitter sein? Medien-Chefs reagieren auf die Aussagen von Springer-Chef Mathias Döpfner
Wie aktiv sollten Journalisten bei Twitter sein? Medien-Chefs reagieren auf die Aussagen von Springer-Chef Mathias Döpfner

Anfang dieser Woche veröffentlichte die dpa ein Interview mit Springer-CEO Mathias Döpfner, in dem er sich unter anderem über das Treiben von Journalisten in sozialen Netzwerken äußerte – und zu Zurückhaltung, wenn nicht sogar zur "vollkommenen Enthaltsamkeit", mahnte. MEEDIA hat mit führenden Medienmachern Döpfners Social-Media-Aussagen diskutiert – und kontroverse Reaktionen erhalten.

Anzeige

Im Interview mit der Deutschen Presse Agentur (hier zum Nachlesen) äußerte sich Döpfner in mehreren Antworten zu den Aktivitäten von Journalisten in sozialen Medien und erklärte unter anderem, weshalb er selbst nicht bei Twitter und Co. aktiv sei – “das kostet zu viel Zeit, produziert zu viel negative Energie und zu wenig Erkenntnis”. Zwar müssten Journalisten die sozialen Medien für Recherchezwecke nutzen, so der Springer-Chef. “Aber die eigene Präsenz von Journalisten in sozialen Medien erscheint mir zunehmend problematisch.”

Dass sich Journalisten mit eigenen Aussagen zurücknehmen sollten, sich möglicherweise sogar in Enthaltsamkeit üben sollten, wird in der Branche diskutiert – und zwar genauso kontrovers wie die Frage, ob Journalisten in sozialen Medien überhaupt “privat” unterwegs sein könnten. MEEDIA hat elf leitende Journalisten, Chefredakteure und Verlagsmanager zu ihren Einschätzungen der Aussagen befragt:

Mathias Döpfner kann Aktivitäten in sozialen Medien wenig abgewinnen, sie seien Zeitverschwendung und produzierten zu viel negative Energie – wie bewerten Sie diese Einschätzung?

Christoph Schwennicke, Chefredakteur Cicero:
“Ich habe Mathias Döpfners Äußerungen mit Interesse, Zustimmung und Verwunderung gelesen. Es hat nämlich etwas ausgesprochen Widersprüchliches, wenn diese kritischen Worte zum Twittern von Journalisten vom obersten Chef eines Medienkonzerns kommen, der seine Redakteure wie kein Zweiter dazu verpflichtet hat, für die Reichweite der Texte zu twittern und zu facebooken, was das Zeug hält. Da stöhnen viele Springer-Kollegen hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand seit langer Zeit. Weil das da richtig in zusätzliche Arbeit ausufert! Konsequenterweise hätte daher der Zusatz hinzugehört: So war das bei uns. Wir rücken von dieser Politik im Lichte neuer Erkenntnis ab.”

Tina Hassel, Leiterin ARD-Hauptstadtstudio:
“Im Interesse unserer Nutzerinnen und Nutzer sind wir Journalisten dort digital unterwegs, wo wir unser Publikum antreffen. Selbstverständlich umfasst das auch soziale Medien, wie Twitter oder Facebook, gerade mit Blick auf jüngere Menschen. Wir erreichen sie über diese Kanäle, die heute nun einmal Bestandteil unserer digitalen Infrastruktur sind. Dabei geht es auch darum, den sozialen digitalen Raum nicht allein Kräften zu überlassen, die dort desinformieren, manipulieren oder hetzen. Auch deshalb ist es wichtig, dass wir Journalisten mit sachlichen Informationen und gut recherchierten Fakten auch in der digitalen Welt zur öffentlichen Debatte beitragen.”

Andreas Petzold, ehem. Herausgeber des stern:
“Schon klar, es „trendet“ gerade, soziale Medien für Zeitverschwendung zu halten. Ich halte Döpfners Position für grundfalsch.
Der Austausch im digitalen Raum kann durchaus gewinnbringend sein und zu neuen Erkenntnissen führen. Niemand muss sich darauf einlassen, auf Kneipenschläger-Niveau zu kommunizieren.”

Antje Homburger, stv. Chefredakteurin dpa:
“Es geht auf jeden Fall um das „Wie“ der Aktivitäten in den sozialen Medien. Recherche und Monitoring sind eh unerlässlich, und eigenes Twittern und Posten hilft dabei, die sozialen Medien besser zu verstehen. Schwierig kann es aber dann werden, wenn sich Journalisten etwa in heillosen Auseinandersetzungen verstricken und verlieren.”

Jörg Quoos, Chefredakteur Funke Zentralredaktion:
“Mit der negativen Energie hat Döpfner sicher Recht, auch Zeit wird in sozialen Medien viel verschwendet. Wer sich damit nicht wohlfühlt, sollte es lassen. Für mich überwiegen die Vorteile und ich möchte viele Anregungen, die ich über social media bekomme, nicht missen.”
Anja Reschke, Leiterin Innenpolitik NDR:
“So drastisch würde ich das nicht sehen. Klar ist der Ton auf Twitter manchmal echt übel und macht nicht unbedingt gute Laune. Aber man kriegt schon mal Themen oder news mit, man kann – zumindest Teilen seines Publikums  – zuhören und erspüren, wo sich eine Debatte gerade hin entwickelt.  Ich denke nur an den UN-Migrationspakt, der in den sozialen Medien bereits heftig diskutiert wurde, lange bevor das Thema in den klassischen Medien aufgegriffen wurde.”

Daniel Drepper, Chefredakteur BuzzFeed Deutschland:
“Reporterinnen und Reporter sollen nicht mehr mit ihrem Publikum kommunizieren? Sich und ihre Arbeit nicht mehr aktiv zeigen können, um ihrer Arbeit und ihrem Medium ein Gesicht zu geben, um Quellen zu gewinnen? Nicht mehr transparent ansprechbar sein, auch für mögliche Korrekturen, zusätzliche Fragen oder Hintergründe? Und das im Jahr 2019, inmitten steigender Skepsis und gesellschaftlicher Spaltungen? Das halte ich für extrem rückwärtsgewandt, wenn nicht sogar gefährlich. Und es verschenkt viel Potenzial.”

Julia Bönisch, Chefredakteurin Sueddeutsche.de:
“Natürlich nerven Pöbeleien, aber ich finde die Inhalte in sozialen Medien häufig durchaus unterhaltsam. Bei einer Beschränkung auf 280 Zeichen muss man schnell zur Pointe kommen, deshalb habe ich schon häufig sehr gelacht bei manchen Tweets.”

Michael Bröcker, Chefredakteur Rheinische Post:
“Nicht ganz so radikal. Die sozialen Medien sind für mich, aber auch für uns in der Redaktion, eine wichtige Quelle für Informationen, Anregungen und Hinweise. Sie schärfen meine Argumentation, sie können Debatten konstruktiv treiben (leider auch unnötig anheizen) und sie sind nicht zuletzt für Medienmarken ein Marketingtool und ein Reichweitenstimulator.”

Sonja Schwetje, Chefredakteurin n-tv:
“Ich glaube, es gehört zum professionellen Umgang mit sozialen Medien, selbst zu entscheiden, wieviel Zeit man investiert und zu welchem Zweck. Die Abwägung, ob einem das Resultat dann die Zeit wert ist, kann jeder selber treffen und steuern.”

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine:
“Alles ist eine Frage der Dosierung. Ich habe bisweilen mit dem Konsum „klassischer“ Medien Zeit verschwendet und negative Energie produziert und mit sozialen Medien das Gegenteil erreicht – und natürlich umgekehrt. Daher empfehle ich einfach Gelassenheit.”

Ist es für Journalisten (die einer Medienmarke angehören) möglich, “privat” zu twittern? Weshalb ja, weshalb nein?

Andreas Petzold, ehem. Herausgeber des stern:
“Nein, das ist nicht möglich. Als Journalist twittert man automatisch markengebunden. Ganz einfach, weil das digitale Publikum den Journalisten immer als Vertreter seines Mediums wahrnimmt.”

Michael Bröcker, Chefredakteur Rheinische Post:
“Nein, da hat Mathias Döpfner aus meiner Sicht recht. Gerade die Journalisten, die ein starkes inhaltliches Profil entwickelt haben oder von Amts wegen in einer exponierten Funktion sind, können im Netz nicht so tun, als seien sie dort privat unterwegs. Meine Reichweite und meine Follower bei Twitter haben mich ja nicht abonniert, weil ich so ein netter Kerl bin und so toll Fußball spiele, sondern weil ich der Chefredakteur einer relevanten regionalen Medienmarke bin. Man sollte Amt und Funktion ohnehin nie zu persönlich nehmen. Und deshalb ist „privates Twittern“ eigentlich schizophren. Wir Journalisten geben gerne „private views“ im Profil an, damit wir presserechtlich auf der sicheren Seite sind, aber de facto sind wir dort natürlich immer auch als Botschafter unserer Marken.”

Sonja Schwetje, Chefredakteurin n-tv:
“Natürlich ist jeder Journalist auch Mensch und Privatperson. Daher kann man bestimmte Inhalte auch privat twittern. Alles, was mit politischen Positionen zusammenhängt, ist aber nicht unabhängig von der Medienmarke zu sehen und sollte damit in Einklang stehen.”

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine:
“Im Prinzip natürlich, Journalisten hören ja – zum Glück – nicht auf, Menschen und Bürger zu sein. Bei Themen, über die Sie im weitesten Sinne berichten, wird es rasch komplizierter: da ist das Private rasch buchstäblich politisch.”

Tina Hassel, Leiterin ARD-Hauptstadtstudio:
“Wenn Journalisten twittern, sollten sie sich bewusst sein, dass sie dabei immer auch als Vertreter ihres Mediums gesehen werden – obwohl wir alle natürlich nur „für uns selbst“ sprechen oder twittern. Das gilt es immer wieder klar und deutlich zu machen – und dabei nicht zu vergessen: Für journalistische Profile sind journalistische Grundsätze maßgeblich. Für uns in der ARD gelten außerdem die Grundsätze der öffentlich-rechtlichen Medien: Orientierung geben und die Meinungsbildung unterstützen, ohne eine Meinung vorzugeben. Nebenbei: Private Urlaubsfotos oder ähnliches gehören selbstredend nicht in einen journalistisch betriebenen Account.”

Jörg Quoos, Chefredakteur Funke-Zentralredaktion:
“Ein Journalist ist auf Twitter nie privat, daher müssen seine Tweets genauso sorgfältig verfasst sein wie alle anderen Beiträge. Twitter ist ein Profitool, auf dem ich mich informiere. Bei Facebook ist der private/dienstliche Mix okay.”

Antje Homburger, stv. Chefredakteurin dpa:
‘”Privat’ zu twittern ist eher schwierig. Wer bei dpa arbeitet und twittert, muss wissen, dass Meinungen und Einschätzungen mit dpa in Verbindung gebracht werden können. Das muss im Hinterkopf sein, wenn man in sozialen Medien unterwegs sein will.”

Sebastian Turner, Herausgeber Tagesspiegel:
“Ja, wenn sie meinen, sie sollten Urlaubsfotos oder ihre Beilagenwahl zum Hauptgericht verbreiten. Ich verwende den Zusatz „hier privat“ selbst nicht, poste aber auch nie Privates. Bei relevanten Standpunkten gibt es keinen Unterschied zwischen privat und beruflich.”

Journalisten haben Spaß an der Debatte, viele sind meinungsstark und wissen, wie sie mit wenigen Worten Aufmerksamkeit erregen – wie gefährlich kann das werden?

Julia Bönisch, Chefredakteurin SZ.de:
“Klar kann das dazu verleiten, mal eben einen Spruch rauszuhauen, der nicht angemessen ist. Auf Twitter gilt ja – anders als in der Redaktion – nicht das Vier-Augen-Prinzip. Ich finde aber: Gerade wir Journalisten (übrigens auch Politiker, Stichwort Habeck) sollten doch Profis sein im Umgang mit Öffentlichkeit, wir können die Wirkung von Worten einschätzen. Deshalb ist nicht Twitter ist schuld, wenn man sich hinreißen lässt. Für den eigenen Tonfall ist jeder selbst verantwortlich.”

Anzeige

Jörg Quoos, Chefredakteur Funke-Zentralredaktion:
“Gefährlich wird’s, wenn die Provokation der Community mit steilen Thesen zur Droge wird, deren Dosis ständig erhöht werden muss. Da mutiert der klügste Kolumnist irgendwann zum Netzdeppen. Und auch nach Mitternacht oder dem zweiten Glas Rotwein empfehle ich: ‘Hands off!'”

Christoph Schwennicke, Chefredakteur Cicero:
“Sehr. Wir alle kennen die Versuchung. Aber man muss ihr nicht erliegen. Was ich zu sagen habe, sage ich via Cicero. Und so, wie es sich dort im Ton geziemt.”

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine:
“Die Gefahr ist auf allen Kanälen dieselbe: wenn Journalisten sich nicht mehr als Beschreiber und Beobachter sehen, sondern als (Mit)Gestalter oder gar Missionare/Aktivisten, wird es schwierig.”

Michael Bröcker, Chefredakteur Rheinische Post:
“Eigentlich gar nicht, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt und Häme als Instrument ausschließt. Fair, konstruktiv, in der Wortwahl ruhig, so macht Debatte Spaß. Und: Wer austeilt, muss einstecken können. Auch muss nicht jeder verbale Kampf bis aufs Blut geführt werden. Diese charmante Grundidee, der andere könnte vielleicht sogar recht haben, ist eine der wichtigsten Eigenschaften für Journalisten.”

Viele Journalisten verbreiten exkl. Meldungen/Eilmeldungen noch vor VÖ auf der eigenen Plattform via Twitter – Döpfner empfindet das als (wirtschaftlich) schädlich – wie stehen Sie dazu?

Andreas Petzold, ehem. Herausgeber des stern::
“Das ist nichts anderes als eine Vorabmeldung, die früher als Fax rausgegangen ist. Wer die Info heute via Twitter raus schickt, wird auch das sicherlich mit seiner Redaktion abgestimmt haben. Bei exklusiven Meldungen ist es besonders wichtig, vorab den digitalen Raum zu nutzen, um die Urheberschaft der Information für das Medium zu reklamieren. Was daran wirtschaftlich schädlich ist, kann ich nicht erkennen.”

Antje Homburger, stv. Chefredakteurin dpa:
“Bei dpa ist eine Veröffentlichung von exklusivem Inhalt und/oder Eilmeldungen schlicht verboten. Wenn wir in den sozialen Medien auf eine dpa-Berichterstattung hinweisen, dann geht das grundsätzlich nur, wenn dieser Inhalt bereits bei dpa gesendet und von einem dpa-Kunden digital veröffentlicht wurde und darauf auch verlinkt wird.”

Christoph Schwennicke, Chefredakteur Cicero:
“Da hat Döpfner vollkommen recht. Auch wenn die Exklusivmeldung ökonomisch nicht mehr die Bedeutung hat, die sie mal hatte.”

Julia Bönisch, stv. Chefredakteurin SZ.de:
“Ich sehe das viel differenzierter: Klug getextet, ist das einfach gutes Marketing für die eigene Geschichte. Wir haben bei unseren großen exklusiven Recherchen wie den Panama Papers oder den Implant Files Twitter gezielt eingesetzt, um die Menschen darauf vorzubereiten, dass sie bei uns richtig guter Stoff erwartet. Das hat bestens funktioniert.”

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine:
“Ich würde mich als Chefredakteur immer freuen, wenn Exklusives mit unserer Marke verbunden bliebe. Aber die Grenzen sind durchaus schwer zu ziehen: wer etwa dem „CDU-Versteher“ Robin Alexander auf Twitter folgt, weiß doch in aller Regel, dass er für Springer arbeitet. Zahlt das gar nicht bei Springer ein? Ich denke schon.”

Tina Hassel, Leiterin ARD-Hauptstadtstudio:
“Wichtig ist, dass für uns Journalisten in der ARD in den sozialen Medien genauso das Zwei-Quellen-Prinzip gilt, wie im Linearen auch: Informationen, die wir twittern, sind von mindestens zwei Stellen gegengeprüft und bestätigt. Außerdem verweisen wir über Tweets und Posts natürlich auch auf unsere eigenen Sendeinhalte, unsere Angebote im Netz und auch im linearen Programm. So werden Menschen darauf aufmerksam, die die klassischen Verbreitungswege ansonsten vielleicht gar nicht nutzen würden. (…)”

Michael Bröcker, Chefredakteur Rheinische Post:
“Ein guter Punkt, aber schwierig zu beantworten. Gerade die Politikjournalisten ziehen ihre „Kunden“ bei Twitter natürlich auch über ihren Informationsvorsprung. Aber am Ende sind sie angestellte bei einem Medienhaus, dort sollte die Hoheit über die Vermarktung des Exklusiven auch liegen. Am liebsten wäre mir: im Netz „anfüttern“, dann aber bitte die Leser zur Medienmarke locken.”

Sebastian Turner, Herausgeber Tagesspiegel:
“Es ist so schädlich wie Agenturmeldungen – also eher positiv. Wir sehen vor allem positive Effekte.”

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von MEEDIA (@meedia.de) am

Wie stehen/standen Sie persönlich zu Mitarbeitern, die bei Twitter und Co. aktiv sind (Begrüßung oder Ablehnung?), was sind Ihre Empfehlungen?

Julia Bönisch, Chefredakteurin SZ.de:
“Wir schreiben niemandem vor, sich überhaupt anzumelden oder dort aktiv zu sein. Wer sich aber für einen Twitter-Account entscheidet, dem geben wir mit: Twitter ist eine öffentliche Plattform, also verhalte dich dort so, als seist du als SZ-Repräsentant im Fernsehen oder sonst wie in der Öffentlichkeit unterwegs.”

Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur Augsburger Allgemeine:
2Ich habe großes Vertrauen in meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch in dieser Frage. Dass ich jede Aktivität auf jedem Kanal begrüsse, der unsere Mar”e befördert, unsere Debatten lebendiger macht, unsere Leserinnen und Leser erreicht, wissen sie alle. Aber nicht jeder muss alles machen.”

Sonja Schwetje, Chefredakteurin n-tv:
“Für Journalisten ist es eine Form von Vielfalt, unterschiedlichste Plattformen zur Kommunikation der Inhalte nutzen zu können. Man sollte aber sorgsam abwägen, inwieweit man Plattformen mit exklusivem Content stärkt, und welche Vorteile die eigene Medienmarke davon hat.”

Wann sind die Grenzen fürs Twittern eines Journalisten überschritten?

Julia Bönisch, Chefredakteurin SZ.de:
“Bei Pöbeleien, extrem derben, sexistischen Witzen und ähnlichem ist für mich persönlich die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Aber es muss doch jeder selber wissen, welches Bild er auf Twitter von sich zeichnen möchte, das will ich niemandem vorschreiben.”

Andreas Petzold, ehem. Herausgeber des stern:
“Wenn der Konsens des journalistischen Ethos verlassen wird.”

Tina Hassel, Leiterin ARD-Hauptstadtstudio:
“Das wäre der Fall, wenn Dinge getwittert werden, die man nicht auch im persönlichen Gespräch wiederholen würde; wenn es beleidigend wird, oder natürlich wenn journalistische Grundsätze und Regeln nicht eingehalten werden.”

Christoph Schwennicke, Chefredakteur Cicero:
“Ich würde es mit einem kategorischen Imperativ sagen. Schreibe so wenig Wertendes wie möglich auf diesen Kanälen. Und wenn Du es tust, schreibe nur das, was Du in Ton und Aussage auch in Deinem angestammten Medium sagen würdest.”

Daniel Drepper, Chefredakteur BuzzFeed Deutschland:
“Das kommt auf die Arbeitsplatzbeschreibung der Journalistin oder des Journalisten an: Wenn er für den Twitter-Account einer Medienmarke zuständig ist: Nie.”

Für die Madsack Mediengruppe, in der Geschäftsführer Thomas Düffert und MAZ-Chefredakteurin Hannah Suppa angefragt wurden, antwortete ein Sprecher mit einem allgemeinen Statement:
“Wir bei der Madsack Mediengruppe sind überzeugt, dass ein konstruktiver Austausch mit Lesern, Kunden und Kollegen auch in sozialen Medien die tägliche Arbeit in vielen Fällen bereichern kann. Ja, auch wir spüren „negative Energie“. Es wird sich manchmal im Ton vergriffen, es kommt zu Anschuldigungen, sogar Beleidigungen, Fake News werden verbreitet. Gerade deshalb ist es für uns aber wichtig, uns bei entscheidenden Diskussionen zu beteiligen, Dinge faktisch gerade zu rücken, Meinungen zu vertreten, Gesicht zu zeigen. Denn jeder unserer Journalistinnen und Journalisten ist auch ein Markenbotschafter seines Mediums. Deshalb werden Kolleginnen und Kollegen bestärkt, soziale Medien zu nutzen. Die Grenzen zwischen beruflicher und privater Nutzung sind fließend – ein privat twitternder Journalist wird immer in seiner Funktion wahrgenommen werden. Wir setzen hier auf die Urteilskraft eines jeden Einzelnen und haben für den Zweifelsfall Empfehlungen formuliert, die Orientierung bieten.”

 

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Es kommt nicht darauf an, in welchem Medium man publiziert, für redaktionelle Texte gibt es immer die gleichen traditionellen Regeln, die wichtigsten sind.

    Recherchieren soll man immer an der Quelle und nicht in anderen Medien. Wenn das nicht möglich ist, muss man mehrere Quellen für die Recherche berücksichtigen und dabei auch unterschiedliche Aussagen berücksichtigen.
    Es ist nicht immer möglich, vor Ort nachzuprüfen, ob Auskunftspersonen die Wahrheit sagen. Dann baut man ihre Aussagen am besten als Zitate ein.
    Gibt es über eine Sache mehrere Meinungen, dann möglichst viele davon zitieren.
    Auch in einem kritischen Artikel ist eine sachliche und höfliche Sprache notwendig.
    Interviews lässt man vom Interviewten gegenlesen.
    Kommentare werden als solche bezeichnet.

  2. Herr Döpfner hat Recht, und alle anderen sollten “in sich” gehen! Die Gründe:

    1. Verleger und Herausgeber und Journalisten müssen sich genau überlegen, ob sie die Garantenstellung ihrer Zeitung im Verbreitungsbereich disponibel machen, und im Effekt Marc Zuckerberg, Jack Dorsey und Sundar Pichai als “Meta-CEOs” Zeitungen in den Social-Media-Kanälen mit an Bord nehmen!

    2. Mit “in sich” gehen ist der Nucleus accumbens und das mesolimbische System im Gehirn angesprochen. Die Stimulierung und Selbststimulierung des Nucleus accumbens mit seinen Dopaminrezeptoren vom Typ D2 per Twitter und Twitter-Interaktionen ist gefährlich, weil sie das Urteilsvermögen insgesamt verändert und beschleunigende Kommunikation antreibt. Das ist sogar mit Suchtverhalten zu vergleichen.
    Journalistische und kreative Arbeit beinhaltet Geduld, Frustrationstoleranz, Sorgfalt, konstruktive Selbstdisziplin im Umgang der Grunddisposition “Depression”, die allen kreativen Berufen innewohnt (Frank Berzbach: Kreativität aushalten …).
    Vor allem aber muss unbeirrte Beobachtungs- und Urteilskraft in komplexer Umwelt und Ambiguitätstoleranz gewahrt werden. Die quälende Frist zwischen Erstellung eines Textes, Bildwerkes und der Veröffentlichung muss ausgehalten werden können.
    Die “Instant-Selbstermächtigung- und Selbststimulation” beim Umgang mit Social-Media ist ein ernstes Qualitätsproblem, eine neuro-physiologische und neuro-psychische Aufgabe für den arbeitsmedizinischen Gesundheitsschutz in Redaktionen.
    Arbeitszeiten-Beschränkung, soziale Einbettung und Team-Accounts bestimmen über qualitative Fragen der Social-Media-Nutzung.

    3. Wer Social Media nutzt, verschenkt auch Daten, die selbst nutzbar sind. Zeitungen verändern damit die Ökonomie ihrer Stadt. Die Selbsttragfähigkeit
    von Zeitungen wird unterminiert. Und die Betriebswirtschaft muss gewaltige defensive Ausgaben schultern, um nicht bei der nächsten Innovation oder Kannibalisierung durch die “MetaCEOs” Marc Zuckerberg, Jack Dorsey und Sundar Pichai überfordert zu werden.

    4. Beim Datenschutz haben wir es schon mit Überforderung und dem “Verletzlichkeitsparadoxon” zu tun. Je komplexer die CMS-Technologien und
    Cloud-Einbindungen, desto mehr Kosten für Datenschutz entstehen.
    Facebook, Twitter und Instagram perforieren den Datenschutz im Leserkreis
    und in der Zeitung und kolonisieren den Medienmarkt, der den Zeitungen
    vorbehalten sein sollte.

    5. Die Prinzipien Öffentlichkeit und Inklusion werden konsequent verletzt. Unter
    der Flagge “Transparenz” wird werden Kontexte, Debatten, Diskurse in zehntausende Fragmente und Postings aufgelöst. Das perzipierende Publikum
    wendet sich ab, weil Zeitung nicht mehr die Welt erklärt, sondern chaotisiert.

    Bis hin zur Förderung von Komplexitätsverweigerung und allgemeinen Ambiguiäts-Intoleranz, wie sie im populistischen Stakkato der Drehbücher des Stephen Kevin Bannon erdacht und nun zu hunderttausenden in Internetforen getrollt werden (auch hier).

    5. Die Prinzipien Öffentlichkeit und Inklusion werden konsequent verletzt. Unter
    der Flagge “Transparenz” wird werden Kontexte, Debatten, Diskurse in zehntausende Fragmente und Postings aufgelöst. Das perzipierende Publikum
    wendet sich ab, weil Zeitung nicht mehr die Welt erklärt, sondern chaotisiert.

    Was sind das für Herausgeber, Redakteure, Journalisten, die von Kommunikation mit “dem Leser” schreiben, wenn sie Twitter-Kanäle (o.ä.) rechtfertigen, dabei aber nur umgrenzte digitale “Eliten” mit Mitgliedsaccount in USA ansprechen, auf denen Bots, Agentur-Influencer, Fakes, Trolle, Pseudonyme, Nerds und hybride Agenten und Populisten herumwieseln?

    Die Aufgabe des Tages lautet:
    Zuerst gilt es, die Produktivitätsparadoxa in den Redaktionen in den Griff zu bekommen, das Prinzip Zeitung zu verteidigen und die Kernprozesse von Lokalzeitungen tragfähig und erlösfähig zu machen.

    Ab 270.000 Einwohnern beginnt die Teilzeit-Tragfähigkeit eines Lokalbloggers bei Kosten von 0,66 €/Einwohner/Jahr.

    Facebook erzielt dagegen rund 16 €/Jahr (2016) pro Mitglied, erfasst aber alle Daten, die im Verbreitungsgebiet eines Facebook-Kanals aufgesammelt werden. Manche Apps sauen mit Ultraschall-Cookies herum, und horchen das TV-Verhalten der Zeitungsleser aus (2017 waren über 234 Apps mit Silverpush-Spy-Technologie infiziert).
    Dazu kommen die Erträge von Google, Amazon und Werbenetzwerken, die auf dem Prinzip Daten-Sammlung und Auswertung basieren. Daten die illegal gesammelt und zu Schatten-Profilen zusammengeführt werden.

    Ich möchte das nicht in der Zeitung haben, und dann noch eine Paywall durchschreiten müssen!

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia