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“Vertrauensverhältnis zur Autorin zerstört”: WDR zieht Konsequenzen aus Fehlern in der Doku “Menschen hautnah”

Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen
Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen

Der WDR hat erste Konsequenzen aus den Fehlern in der Dokureihe "Menschen hautnah“ gezogen. Dies gab der Sender am Freitagnachmittag bekannt. Anfang der Woche hatte ein Journalist den öffentlich-rechtlichen Sender via Twitter auf Unstimmigkeiten in drei Folgen des Formats aufmerksam gemacht. Erste interne Prüfungen hatten unter anderem Mängel bei Namen- und Altersangaben ergeben.

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Update, 18. Januar 2019, 15.35 Uhr: 

Der WDR hat in einer am Freitagnachmittag veröffentlichten Mitteilung bekannt gegeben, dass der Sender weitere Mängel in der Dokumentation “Ehe aus Vernunft” gefunden hat. “Nach Sichtung des vorhandenen Drehmaterials musste die Redaktion nun feststellen, dass bei diesem Film die echte Beziehungsgeschichte des Paares Sascha und Tanja in unzulässiger Weise zugespitzt wurde. Zwar handelt es sich um eine reale Beziehung, die Gefühlslage wurde aber verzerrt dargestellt.” Den Film werden Zuschauer fortan nicht mehr in der Mediathek finden.

Ellen Ehni erklärt zudem: “Das Vertrauensverhältnis zur Autorin ist zerstört. Deshalb werden wir sie ab sofort nicht mehr beauftragen.“ Außerdem wolle Sender die Maßnahmen zur Qualitätssicherung ausbauen. Dazu zählten die Ausweitung des Vieraugen-Prinzips und die Gegenrecherche sowie die Präzisierung der Kriterien für die Protagonistensuche.

Bereits am Donnerstag hatte sich der Sender in einer Mitteilung zu den Vorwürfen geäußert. “Via Twitter sind wir auf Ungereimtheiten bei drei Dokumentationen der Sendereihe ‘Menschen hautnah’ aufmerksam gemacht worden”, erklärte der WDR. Der Nutzer und Journalist Paul Bartmuß hatte am Dienstag in einem Thread auf dem Twitter detailliert aufgelistet, wo er Mängel in den WDR-Dokumentationen gefunden habe. Dabei handelt es sich um die Folgen “Heimliche Liebe“ vom 13. November 2014, “Liebe ohne Zukunft? Heimliche Affären und ihre Folgen”, die erstmalig am 15. Dezember 2016 ausgestrahlt und am 27. November 2018 wiederholt wurde sowie “Ehe aus Vernunft – Geht es wirklich ohne Liebe?” vom 10. Januar 2019. Auf seine Einwände reagierte der WDR einen Tag später auf dem Kurznachrichtendienst ein: “Die genannten Ungenauigkeiten entsprechen nicht den journalistischen und redaktionellen Standards im WDR.”

Die Unregelmäßigkeiten sind in drei Ausgaben der Reihe zu finden, wie der WDR bekannt gab. Dies sei in einem ersten Prüfungsschritt festgestellt worden, weitere Untersuchungen dauern an. Konkret geht es um Fehler bei Jahreszahlen und Altersangaben. Die Mängel beschreibt der öffentlich-rechtliche Sender in der Mitteilung wie folgt:

Diese wurden nicht sorgfältig genug geprüft. Zudem wurde im aktuellen Film nicht eingeordnet, dass die Protagonisten bereits in zwei Dokumentationen der Sendereihe zu einem weiteren Beziehungsthema portraitiert wurden. Auch wurde versäumt, kenntlich zu machen, dass die beiden Protagonisten, bis auf eine Ausnahme, nicht unter ihren richtigen Namen in der Sendung erscheinen wollten.

Die Redaktion habe zudem mit der für die drei Filme verantwortlichen Autorin Katharina Wulff-Bräutigam und der Protagonistin gesprochen. Die habe bestätigt, dass “der Charakter der Beziehung korrekt wiedergegeben worden ist”. In der laufenden Prüfung hat sich dazu herausgestellt, dass zwei andere Protagonisten für die betroffenen Dokumentationen über eine Komparsen-Website gewonnen wurden. “Wir haben keine Anhaltspunkte, dass ihre Geschichten nicht stimmen.”

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Ellen Ehni, WDR-Chefredakteurin Fernsehen, äußert sich wie folgt: “Diese Vorgehensweise ist für ein dokumentarisches Format wie ‘Menschen hautnah‘ nicht akzeptabel. Die Redaktion war darüber nicht informiert. Wir werden unsere Qualitätssicherung an dieser Stelle verstärken.” Zu den bereits festgestellten Mängeln in den Filmen sagt Ehni, dass diese nicht den journalistischen und redaktionellen Standards entsprechen würden. Dies sei sehr zu bedauern. “Wir werden die Filme an den entsprechenden Stellen korrigieren und dies transparent machen. Unsere Prüfung dauert an, eine abschließende Bewertung können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vornehmen.”

Gegenüber der Süddeutschen Zeitung hat der WDR angegeben, dass die Autorin in den Jahren 2002 bis 2019 insgesamt elf Dokumentationen sowie drei Magazinbeiträge für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk drehte. Zur beruflichen Zukunft der Journalistin machte der Sender keine Angaben.

tb

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Alle Kommentare

  1. Wäre es im Rahmen eines solchen Artikel-Surrogats nicht evt. interessant zu erfahren um welche konkreten Ausgaben es ging? Und zu welchen Themen? Ich meine, nicht dass man es nicht ahnen könnte, aber…

  2. Interessant in der Mediensendung des DLF war es heute ein Hörer. Naja, bekanntlich hackt ja die eine ö/r Krähe der anderen ö/r Krähe kein Auge aus solange alle auf der hellen Seite der Macht stehen.

  3. Der Hinweis zur berfl. Zukunft der Autorin, lenkt in die falsche Richtung. Ellen Ehni spricht von “Qualitätssicherung” – schon eine merkwürdige technisch nüchterne Formulierung, geht es in Wahrheit um die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung im Zuständigkeitsbereich der Chefredakteurin.
    Sollte Ehni ernsthaft an der Glaubwürdgkeit und journalistischen Sorgfaltspflicht gelegen sein, darf sie vor Konsequenzen in den eigenen Reihen nicht halt machen. Zumal diese Redaktion nicht zum ersten Mal in die Schlagzeilen gerät. Erinnern wir uns an eine Dokumentation über Tomas Middelhoff, die in letzter Sekunde aus dem Programm genommen wurde als herauskam, dass der berühmte Protagonist an der Dokumentation selbst mit Regie führen durfte.

    Ein transparenter Aufklärungsbedarf besteht nun wiederholt, welche Konsequenzen die Chefredakteurin im redaktionellen Veratwortungsbereich zieht. Redaktionell verantwortlich, für mehrere jetzt zur Prüfung stehende Menschen hautnah Dokumantationen, ist die WDR-Redakteurin, Jessica Briekmann. Sie war in die laufenden Recherchen eingebunden (jedenfalls obliegt das ihrer redaktionellen Aufgabenpflicht als betreuende Redakteurin) und als sendeverantwortliche Redakteurin steht ihr Name im Abspann. Briekmann kann also nie und nimmer entgangenen sein, dass gleich in mehreren von ihr betreuten Dokumentarfilmen die gleichen Portagonisten zu verschiedenen Themen, mit unterschiedlichen Namen und Altersangaben vorgestellt werden. Vor Ehnis Zeiten war es im öffentlich rechtlichen Rundfunk schlicht undenkbar, dass die gleichen Protagonisten in einer Sendereihe zu verschiedenen Themen auftauchten, Expereten und Politiker natürlich ausgenommen. Hier sind die Regeln und die Sorgfaltspflicht jedenfalls Seitens der Redaktion untergraben worden.

    Soweit es Ehni jetzt um Aufklärung der Sachverhalte und Verletzung der “journalistischen und redaktionellen Standards” geht, darf ihre “Qualitätssicherung” keinen Bogen um die eigenen Reihen und Kollegen machen.
    Abwarten wie transparent die Chefredakteurin ihre zugesagte Qualitätssicherung durchgeführt und wie transparent sie nach außen kommuniziert wird.

    1. Ja, man muß jetzt Zweifel haben, ob da tatsächlich nur eine Autorin durch die angeblich vorhandene Qualitätssicherung (wenn’s wirklich eine gäbe, hätte diese die Häufung der gleichen Akteure doch erkennen müssen) gerutscht ist, oder ob noch andere die mangelnde Kontrolle zur Aufhübschung der Stories genutzt haben. Die ellenlange Liste der Preise und Auszeichnungen der Doku-Serie “Menschen hautnah” (die übrigens, wie bei Relotius, die Inflation der Medienpreise beweist) zeigt jedenfalls mehrere Episoden, die von Jessica Briegmann verantwortlich betreut worden. Diese sollten alle überprüft werden, finde ich. Denn ob da die “Qualitätssicherung” funktioniert hat, wer will’s beschwören? Die Juries scheinen ja auch keine zu betreiben, bevor sie ein Meister- oder Machwerk prämieren. Auf solche fragwürdigen Gütesiegel ohne Echtheitsanspruch sollte man besser verzichten.

      1. In jeder Spielunke, auf jedem Festival und in jeder noblen Bar trifft man Menschen hautnah und kann sich direkt mit denen unterhalten.
        Da brauchts weder Preise, noch Qualitätssicherung.

  4. “Wir haben keine Anhaltspunkte, dass ihre Geschichten nicht stimmen.” – Herrlich, einfach herrlich.

    Aber wer schon einmal wie ich am eigenen Leib erfahren hat, wie ein öffentlich-rechtliches Reporterteam “recherchiert”, wundert sich über rein gar nichts mehr …

    1. Nein, das ist nicht nur herrlich, nur einfach herrlich, es ist absolut genial!

      Ich freue mich!

      1. „Nein, das ist nicht nur herrlich, nur einfach herrlich, es ist absolut genial!“ Nicht nur herrlich, nur einfach herrlich? Nun ja, „genial“ ist Ihr Kommentar jedenfalls nicht, im inhaltlichen Sinn.

        Ich freue mich nicht.

      2. Wally Gengster-Geyer!

        Aber warum denn nicht? Man sollte wirklich diese absolute Lebensfreude atmen, sich voll den schönen Geschichten, die das Leben schreibt und spielt, widmen; und stets ein einfaches Lied über Liebe und Glück trällern, oder mitsummen.
        Es kommt nicht auf den Inhalt an, sondern auf die wunderschönen Gefühle. Das ist bitte mehr als genial!

        Ist doch gut, wenn alles stimmt und alles richtig ist und sich alle freuen. Was wollen Sie denn? Lügengeschichten über Hass und Hetze? tzzz…

      1. Solche Seifenopern können nicht stimmen! Es ist nicht die Zeit dafür! Ich wundere mich immer über den Glauben mancher Menschen an den Wirklichkeitsgehalt von Märchen. Märchen wurden und werden erzählt, damit die Menschen sich wohlfühlen. Insofern, sei`s drum, lasst sie weitererzählen, unser Land braucht den Schwachsinn, sonst kann man es hier nicht mehr aushalten…

  5. Relotius ist also kein Einzelfall! Wer weiß, wie viele Autoren sonst noch manipulieren, um ihre Geschichten “schöner” und preiswürdiger zu machen? Ich fürchte, das ist weiter verbreitet, als die Medien zugeben wollen, und der Fall beim Spiegel stellt nur die Spitze des Eisbergs dar. Da kann noch so einiges in den stillen Wassern verborgen liegen.

    Toll übrigens, daß der WDR schon am nächsten Tag die Tweets zur Kenntnis genommen hat (siehe Thread-Datumsstempel). Das ist zwar bei Sozialen Medien eine gefühlte halbe Ewigkeit, doch besser spät als nie, so wie es einem passieren kann, wenn man eine bekannte Zeitung auf einen peinlichen Fehler aufmerksam machen will. Da kann man tweeten und emailen so oft man will, korrigiert wird nichts, wahrscheinlich wird’s noch nicht einmal gelesen. Da sitzen wohl Fazken in der Redaktion, die meinen, daß Leser sowieso nichts zu melden haben. Verglichen damit ist der WDR ja noch Gold.

  6. Vermutlich hat so jede zweite oder dritte Redaktion ein U-Boot namens “Relotius” in ihrer Flottille. Mal kleine, mal große, mal Mann, mal Frau. Man kann gespannt sein, was dann wo irgendwann noch auftaucht.

  7. Nein, Relotius ist alles andere als ein Einzelfall. Ich darf in diesem Zusammenhang an eine “Story” des WDR erinnern: “Heilung unerwünscht”. Das ist der Regividerm-Skandal, der größte Medienskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.

    Nicht nur, daß der WDR ERHEBLICH gepfuscht hat und vertuscht hat, nein, der eigentliche Skandal ist, wie danach die anderen Medien den Pfusch weitergetragen und den Betrug am Zuschauer verschwiegen haben – obwohl denen da bereits bekannt war, daß es sich um einen riesigen Skandal handelt.

    Hier sind die Fakten, fein sauber recherchiert, was außer mir übrigens niemandem gelang: http://www.kindersprechstunde.at

    Aber ich bin ja auch kein Journalist. Ich bin Ingenieur. Ich kann das.

    1. Wer von der sogenannten Neurodermitis (allgemein verwendeter Begriff) betroffen ist bzw in der Familie und Bekanntenkreis Fälle hat, weiß wie schwer sich das Leben gestaltet und wie froh man ist über jedes hoffnungsvolle Präparat und jede Hilfestellung zur Symptombekämpfung und zur psychischen Entlastung.
      Vor allem bei Kindern ist das ein gelegentlich massives Problem. Ausser Cortison hilft da zumindest in den schlimmsten Zeiten gar nichts – war schon früher so, wie ich aus meinem Umfeld weiß, aber zusätzlich braucht es natürlich ständig Pflegemaßnahmen u anderes.

      Ich verstehe den “Heilung unerwünscht”-Skandal nicht bzw kann mir nicht vorstellen, dass jemand ernsthaft vermitteln kann, ein Salberl, das man im Grunde selbst in der Küche zusammenmischen kann, würde mit einem Schlag eine mittelschere bis sehr schwere Krankheit heilen können.

  8. Relotius ist ÜBERALL! Dem aufmerksamen Medienkonsumenten ist das schon seit Jahren bekannt! Das was uns als “selbstkritische Berichtigung” präsentiert wird, das sind doch nur die Fälle, welche sich nicht unter der Decke halten lassen.

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