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Instrumentalisierte Medien oder freie Medien? Warum Sascha Lobos Generalabrechnung eine gefährliche Weltsicht offenbart

Sascha Lobo, US-Präsident Donald Trump: Sind "die Medien" Schuld am Aufstieg der Populisten?

Sascha Lobo hat in seiner Kolumne bei Spiegel Online eine Wutrede gegen „die Medien“ veröffentlicht. Die Medien würden sich ihrer Verantwortung verweigern und ließen sich von rechts und von Populisten instrumentalisieren. Dabei ist Lobos Rant selbst pauschal, populistisch, lückenhaft und offenbart eine geradezu gefährliche Denkweise, wie Medien funktionieren sollten. Eine Gegenrede.

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Die zentrale These in Sascha Lobos Medien-Abrechnung bei Spiegel Online ist in fette Schrift gesetzt – wohl damit auch der Dümmste merkt, worauf es ankommt:

Der Aufstieg der autoritären Kräfte weltweit wäre ohne Medien nicht möglich gewesen, und zwar sowohl sozialer wie redaktioneller Medien. Die Verantwortung für eine weitere Stärkung der Rechten, Rechtsextremen, Autoritären liegt zum guten Teil bei ebendiesen Medien.

Es handelt sich hierbei um die nicht mehr ganz frische These von der (Mit)-Schuld der Medien am Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte, wie eben der AfD.

Lobo nennt hierfür ein paar Beispiele.

Beispiel Brexit

Zwar sei in erster Linie die „unterirdisch schlechte“ Politik verantwortlich für das Brexit-Debakel, aber ermöglicht worden sei der Brexit „durch eine massive Boulevard-Kampagne, verbunden mit einem ebenso massiven Medienversagen“. Lobo konstatiert eine unselige Wechselwirkung zwischen britischen Boulevardmedien und sozialen Medien, in denen „deren Lügen offenbar mithilfe russischen Geldes zu einem ständigen Wuthagel großgeliket“ wurden. Der britische Boulevard habe den Brexit „herbeigehetzt“, formuliert Lobo und fragt: „Was taten und tun ernst zu nehmende, redaktionelle Medien wie etwa die BBC?“

Nun, die BBC hat berichtet. Im Netz finden sich auf Anhieb unzählige Berichte und Beiträge der BBC vor und nach dem Brexit-Votum, die den Sachverhalt aus allen erdenklichen Perspektiven ausleuchten. In Großbritannien sah sich die BBC massiven Vorwürfen von beiden Seiten – dem Remain- und dem Leave-Lager – ausgesetzt, sie würde die jeweils andere Seite in ihrer Berichterstattung bevorzugen. Alte Medien-Faustregel: Wenn man von allen Seiten gleichermaßen wegen Unfähigkeit und Voreingenommenheit beschimpft wird, ist man meistens halbwegs auf dem richtigen Kurs. Was man der BBC nach Lobo-Lesart höchstens vorwerfen kann ist, dass sie nicht in Boulevard-Manier zurückgehetzt hat.

Beispiel Magnitz

Lobo schreibt: „Jede Redaktion in Deutschland weiß: Die AfD lügt, wenn es ihr in den Kram passt. Sonst auch, aber dann ganz besonders. Trotzdem verpuffte fast jede journalistische Vorsicht allein aufgrund von Informationen der AfD selbst.“

Es ist schon atemberaubend, wie schnell jemand wie Lobo bereit ist, jede Form von Differenzierung über Bord zu werfen, nur weil er sich ganz offenkundig auf der Seite des absolut Rechthabenden wähnt. Die AfD lügt also, wenn es ihr in den Kram passt und sonst auch. Punkt. Nach Lobo-Lesart ist das eine pauschal gültige Wahrheit, deren Überprüfung sich Journalisten in Einzelfällen dann wohl schenken können. Dass so ein moralisch aufgeladener Überlegenheits-Habitus zu einem massiven Backlash in den sozialen Medien führen würde, müsste der Digital-Experte Lobo eigentlich selbst am besten wissen.

Lobo wirft den Medien pauschal vor, die Sichtweise der AfD bei der Attacke auf deren Abgeordneten Magnitz unkritisch und ungeprüft übernommen zu haben. Und hinterher habe es noch nicht einmal eine Aufarbeitung des Versagens gegeben, mit Ausnahme „einer kleinen, medienkritischen Seite“. Gemeint ist Stefan Niggemeiers Medienmagazin Übermedien. Das klingt bei Lobo ganz so, als hätten „die Medien“ falsch und irreführend über den Fall Magnitz berichtet und danach kollektiv weggeschaut. Es stimmt, dass Medien in der ersten Aufarbeitung der Geschichte Fehler gemacht und überdreht haben. Aber sehr viele Medien haben die Geschichte danach auch fortgeschrieben, groß über neue Erkenntnisse der Ermittlungen berichtet. Auch dass Magnitz und die AfD den Fall instrumentalisiert und aufgebauscht haben, war in sehr vielen Medien zu lesen, u.a. in Lobos Hausmedium Spiegel Online. Wer das verpasst hat, musste schon aktiv wegschauen.

Lobo ist nicht nur im Besitz unwiderlegbarer, allgemeingültiger Wahrheiten (s.o.), er kann auch in die Zukunft schauen und weiß daher, dass der Fall Magnitz in „noch hundert Talkshows“ als Beweis „für das raue Klima bezeichnet werden wird“. Man sollte die Planer der ARD- und ZDF-Talkshows also informieren, dass sie ihre Gästelisten künftig mit Sascha Lobos Visionen abzustimmen haben.

Beispiel Trump

Er darf nicht fehlen. Lobo schreibt, dass ein amerikanischer Programmierer die Entwickler-Schnittstelle der New York Times verwendet habe, um herauszufinden, wie oft die Zeitung über den amtierenden US-Präsidenten berichtet hat. Das Ergebnis ist für Lobo „noch etwas schlimmer als man erwartet.“ Trump sei im zeitlichen Umfeld der Wahl mehr als fünfmal so häufig in den Überschriften der NY Times vorgekommen wie Obama zu dessen Wahl. Ja, und? Der Grund liegt vielleicht, nur ganz vielleicht, darin, dass Trump mindestens fünfmal so viele berichtenswerte Dinge gemacht oder gesagt hat, wie Obama. Das ist auch Lobo aufgefallen:

Natürlich tut Trump sehr, sehr viele Dinge, über die man nicht nicht berichten kann. Aber das ist nicht die einzige Erklärung für das unfassbare, jeden Menschen überfordernden Aufmerksamkeitsvolumen, weder bei der New York Times, noch bei so vielen anderen Qualitätsmedien.

Doch, lieber Sascha Lobo, das ist vermutlich die Erklärung.

Am Ende regt sich Lobo darüber auf, dass in den Medien großflächig über das Hamburger-Essen berichtet wurde, das Trump für ein erfolgreiches Football-Team ausrichtete. Dass am gleichen Tag herauskam, dass Trump „mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit eine Marionette von Putin“ sei, habe wegen des Burger-Gedöns wieder keiner mitbekommen, so Lobo. Dieser teuflische Trump! Diese dummen, dummen Medien!

Aber: 1. Lobo hat den Hinweis auf die „Marionette Putin“ ja selbst aus einem Medium, nämlich der Washington Post. 2. Dass Trump Verbindungen zu Russland nachgesagt werden und darum auch gegen ihn ermittelt wird, ist weiß Gott keine neue Entwicklung und dürfte auch von nur beiläufig an Politik Interessierten mittlerweile zur Kenntnis genommen worden sein. 3. Die Aussage, dass Trump eine „Puppet“ von Putin sei, bezieht sich nicht auf neue Beweise, sondern auf ein Zitat von Hillary Clinton in dem von Lobo verlinkten Artikel.

Was genau will Sascha Lobo den Medien also sagen, außer, dass er sie kollektiv für verantwortungslos und verlottert hält?

Das wird aus dem Text nicht konkret klar. Wie es anders, besser gehen sollte, darüber schweigt sich der SpOn-Kolumnist aus. Man kann an einigen Stellen herauslesen, dass er sich womöglich mehr Werte in den Medien wünscht und eine „Scheinneutralität“ verurteilt. Es ist die seit einiger Zeit virulente Forderung nach Haltung im Journalismus. Will Lobo, dass die Medien Haltung zeigen, indem sie deutlich weniger über Trump & Co. oder die AfD berichten? Wünscht er sich eine kollektive Absprache der wichtigen Medien, worüber in welchem Umfang berichtet werden soll, damit das Volk nicht auf dumme Gedanken kommt und beim nächsten Mal wieder nicht richtig abstimmt?

Aber wäre das dann nicht tausendmal gefährlicher, als es Auswüchse von wild gewordenen Boulevardmedien oder krasse Fehler und Fehleinschätzungen von freien Medien je sein könnten? Wenn man Lobos Rant gegen Medien so versteht, tritt dabei eine erstaunlich autoritäre Weltsicht zutage.

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