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Reuters Digital News Report 2019: Medien droht “größte Entlassungswelle seit Jahren”, weil Nutzer Paywalls verweigern

Der Reuters Digital News Report befürchtet die größte Entlassungswelle im Journalismus
Der Reuters Digital News Report befürchtet die größte Entlassungswelle im Journalismus

2018 war mit Blick auf das vielerorts verlorengegangene Vertrauen in Medien kein einfaches Jahr für den Journalismus und für Plattformbetreiber. Der jährliche Digital News Report der Universität Oxford und des Reuters Instituts wagt nun einen Blick in die Glaskugel – und sieht für 2019 eine massive Entlassungswelle im Medienbereich. Grund dafür sind vor allem fehlende Online-Einnahmen. Auch, weil Paywalls und Abomodelle in ihrer bisherigen Form Widerstand auslösen könnten.

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Der jährliche Reuters Digital News Report ist einer der wichtigsten und umfassendsten globalen Bestandsaufnahmen zum Zustand der Medien. Das Reuters Institut hat über 200 Experten aus 29 Ländern zu ihren Plänen und Einschätzungen befragt – vom Chefredakteur, dem Digitalchef bis hin zum Chief Data Officer eines Medienunternehmens. Aus Deutschland nahm zum Beispiel der Produktchef des Spiegel, Stefan Ottlitz, an der Befragung teil.

Als Ergebnis liefert das Institut eine fast 50 Seiten lange Abhandlung über das, was Medienschaffende in den kommenden Monaten beschäftigen wird, und insbesondere eine grundlegende Erkenntnis: Im Jahr 2019 werden Verlage die strukturellen Änderungen der Erlösquellen besonders zu spüren bekommen.

Abomodelle, die Umsatzverluste durch den marktübergreifenden Verfall der Werbepreise im Internet eigentlich aufhalten sollen, könnten laut den Prognosen des Reports an ihre Grenzen stoßen. Sie stehen zwar bei über der Hälfte der Befragten ganz vorne auf der Agenda – noch vor der Displaywerbung und Native Advertising. Reuters sieht in den präsenteren Bezahlschranken jedoch ein Problem, das auch bei der Onlinewerbung den Publishern zum Verhängnis wurde: Die User könnten sich zunehmend genervt fühlen.

„Abo-Blocker” sind die neuen Werbeblocker

Ein Großteil der Internet-Nutzer sei laut Reuters nicht bereit, für ein Abo einer einzigen Nachrichtenseite im Netz mehr auszugeben als für ein Netflix-Abo. Eine Folge könnte sein, dass sich ihr Widerstand erhöht und ähnlich wie die Adblocker in diesem Jahr sogenannte „Abo-Blocker” ihren Weg in den Mainstream finden. Die Browser-Erweiterungen blocken bestimmte Javascript-Codes und könnten damit einen Teil der schwachen Paywalls aushebeln, die keinen Login erfordern.

Für Medienhäuser bedeutet das zunächst, dass fehlende Einnahmen auch 2019 nicht kompensiert werden können. Und Reuters geht sogar noch weiter: Das Problem sei so akut, dass dem Journalismus eine der größten Entlassungswellen seit Jahren drohe. Dennoch gebe es für Verlage auch Lösungen, erneut in Form der großen Tech-Anbieter. Der US-Konzern Apple hat sich mit Texture erst kürzlich eine App einverleibt, die es erlaubt, mit einem Abo gleich mehrere Zeitschriften online zu lesen. Die Implementierung der Software in Apple News ist nur noch eine Frage der Zeit – das Netflix des Journalismus: 2019 könnte es wirklich kommen.

Verlage könnten ihre Inhalte auch mit Entertainment-Angeboten verknüpfen, um die Attraktivität eines Abos zu erhöhen, so der Report. In den USA bekommen Amazon Prime-Kunden etwa ein halbes Jahr gratis die dem Konzernchef Jeff Bezos gehörende Washington Post zu lesen. Für die Nutzer wäre ein Abo dann deutlich lukrativer.

Fake News-Problem verschärft sich – in privaten Gruppen und Netzwerken

Das zweite große Problem, das der Bericht ausmacht, ist altbekannt: Von Fake News und politischer Beeinflussung durch Missinformationen dürften Internet-User auch 2019 nicht befreit sein – die Art, wie sich die manipulativen Nachrichten verbreiten, ändere sich aber. Dem Report zufolge verlagert sich die Verbreitung von Fake-News von öffentlich zugänglichen Plattformen wie Facebook hin zu geschlossenen Netzwerken. Dazu zählt insbesondere Zuckerbergs Chat-Dienst WhatsApp. Dort lassen sich gefälschte Nachrichten im Gegensatz zu Facebook deutlich schwerer ermitteln und sind somit potenziell gefährlicher: Die Nachrichten sind verschlüsselt und werden in privaten Gruppen geteilt und verbreitet – und da sie von Bekannten oder Freunden kommen, ist ihre Glaubwürdigkeit sehr hoch. Fakten-Checker haben zudem keinen Zugang zu diesen Verbreitungswegen.

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In Indien und Brasilien konnte man bereits feststellen, welche Auswirkungen Falschnachrichten auf WhatsApp haben können. Dort endeten einige Fälle sogar tödlich. Die Maßnahmen, die WhatsApp in diesen Ländern eingeleitet hat – unter anderem eine große Aufklärungskampagne in regionalen Zeitungen – fruchten derzeit noch kaum.

Der Reuters-Report erwartet, dass sich die Plattformen in diesem Jahr intensiver mit Glaubwürdigkeit der Medien auseinander setzen werden, um Fake News zu bekämpfen – jedoch dann an erste Grenzen stoßen werden, wenn es um Deep Fakes, also täuschend echte Manipulationen von Videos, und Meinungsbildung in geschlossenen Gruppen geht. Keine rosigen Aussichten für 2019!

Facebook genauso wichtig wie Apple News

Dazu passt, dass sich Publisher in Zukunft sowieso von der Fake-News-„Urplattform“ Facebook abgrenzen wollen. Nur noch 43 Prozent der befragten Experten gehen davon aus, dass Facebook wichtig oder sehr wichtig für das eigene Geschäft ist. Google hat in dieser Hinsicht die Nase vorn: Satte 87 Prozent werten die Suchmaschine als bedeutend, wenn es darum geht, die Reichweite zu erhöhen oder zu halten. Interessant zudem: Der noch nicht in Deutschland verfügbare Dienst Apple News ist mit 43 Prozent bei den Entscheidern genauso wichtig wie das größte soziale Netzwerk Facebook. Kurz dahinter folgt YouTube (42 Prozent), danach Instagram (31 Prozent) und Twitter (29 Prozent).

Was die Formate angeht, in denen Medien künftig präsent sein sollten, sieht Reuters Stories und Gruppen auf dem Vormarsch. Aber auch im vergangenen Jahr gestartete Video-Plattformen wie Facebook Watch oder IGTV von Instagram könnten 2019 laut dem Institut im Fokus der Publisher stehen. 75 Prozent der Befragten gehen zudem davon aus, dass Audio eine stärkere Rolle spielen wird, insbesondere bei der Benutzung von Sprachassistenten wie Alexa oder Google Home. Spiegels Produktchef Stefan Ottlitz erwartet: „Nutzer werden Nachrichten in Zukunft über Sprache konsumieren, viel weniger übers Lesen“. Darauf müssten sich die Digitalchefs der Medienunternehmen schon jetzt vorbereiten.

Weitere Erkenntnisse des Reports:

– Mehr Unterstützung? Fast ein Drittel der Befragten erwartet, dass Stiftungen und Non-Profits in 2019 einen großen Teil der Finanzierung des Journalismus beiträgt. 18 Prozent gehen von einer Unterstützung der Plattformbetreiber wie Facebook aus.
– Mehr Zusammenarbeit? Internationale Zusammenarbeit hat in den vergangenen Monaten vor allem bei aufwendigen Daten-Recherchen wie den Panama Papers geholfen. 71 Prozent der Entscheider sehen insbesondere in der technischen Zusammenarbeit einen Vorteil, 67 Prozent in der Vermarktung. Die Hälfte wünscht sich eine journalistische Zusammenarbeit.
– Mehr Vielfalt? Für 56 Prozent der Befragten steht das Thema der Diversität in Newsrooms auf der Agenda.
– Mehr Personalisierung? Über Dreiviertel wollen in Künstliche Intelligenz investieren, um Nachrichten geschickter präsentieren zu können.

Ganz lesen können Sie den Reuters-Bericht in diesem PDF.

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Alle Kommentare

  1. Bitte macht so weiter. Die konsequente Verweigerung auf den Kunden zu hören und weiterhin politische Irrlichter zu hofieren mit “Meinungsbeiträgen”, Weglassen wesentlicher Informationen, Polit-Kampagnen einfach unkritisch abzudrucken oder irgendwelche Belehrungsbeiträge zu verfassen, führt einfach zum Mediensterben.

    Selbst alteingesessene Leser/Kunden zu verlieren, weckt niemanden auf. Man ist offensichtlich so sehr überzeugt in den Chefredaktionen von seiner politischen Berufung.

    Das Produkt entspricht einfach nicht den Anforderungen des Kunden. Marktbereinigung nennt sich das.

    Wenn das nun hinter einer Paywall verschwindet, soll mir das recht sein. Denn ist es weg, endlich.

  2. Den Beitrag von Herrn Schmiermund möchte ich ausdrücklich zustimmen. Insbesondere die “politische Berufung” und die ‘Meinungsartikeln’, die einem überall vor die Nase gesetzt werden, gehen mir auf die Nerven. Sowas lese ich gar nicht mehr, sondern bloß noch die Leserbriefe. Da finden sich mehr Informationen als in den ‘Meinungsartikeln’ irgendeines Journalisten. Was irgendein Journalist ‘meint’ ist mir total egal. Der kann mich mal. Wenn er nicht zu feige ist, dann kann er in die Politik gehen, aber nicht hintenherum Hetzartikel schreiben, die dann unter ‘Meinung’ von mir als Leser akzeptiert werden sollen.

    Wenn ich meine Tageszeitung lese (kostenlos, ich zahle dafür absichtlich seit 2015 nicht mehr) und später bei Facebook meinen Newsfeed durchlaufen lasse, dann bekomme ich oft mit, wie viele Informationen in den dazu passenden Artikeln der Tageszeitung fehlen. Nein danke.

  3. Spiegels Produktchef Stefan Ottlitz erwartet: „Nutzer werden Nachrichten in Zukunft über Sprache konsumieren, viel weniger übers Lesen“

    Echt? Ich dachte immer, das gäb’s schon und nennt sich Radio.

    Ich glaube kaum, dass ich mir SPon vorlesen lassen möchte. Ich lese deutlich schneller, als so ein Redakteur stottern kann.

    1. Ist auch gleich, denn für das verdammte Lügenblatt Der Spiegel gibt es keine Zukunft!

      Wenn DVA in den Knast geht, mach (nicht nur ich) den Spiegel dafür verantwortlich, dann gibt es nie wieder Frieden !

  4. Hier mal kurz die Preise für einige Online-Tageszeitungen:

    SZ Plus 37 Euro pro Monat

    Spiegel+ 20 Euro pro Monat

    FAZ 47 Euro pro Monat

    ———————————-

    New York Times $8 pro Monat (7 Euro)

    Guardian 50-Pfund-pro-Jahr (56 Euro) 4,67 € pro Monat

    Wer findet den Fehler?

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