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Fake-Fake im Fall Relotius: Weltwoche beschwindelte Leser mit vermeintlichem Tom-Kummer-Kommentar

Tom Kummers (re.) Weltwoche-Kolumne über Claas Relotius (li.) ist frei erfunden

Wenn ein Fälscher über Fälscher schreibt, aber das Geschriebene selbst eine Fälschung ist: Für seine Sendung „Schawinski“ im SRF hatte Roger Schawinski keinen Geringeren als den legendären Interview-Fälscher Tom Kummer eingeladen. Doch anstatt über die Motivation des Ex-Spiegel-Reporters Claas Relotius zu diskutieren, ließ Kummer gleich zu Beginn eine Bombe platzen: Der vermeintliche Brief an Relotius aus der aktuellen Ausgabe der Weltwoche trage zwar seinen Namen, stamme aber nicht aus seiner Feder.

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Schawinski zeigte sich vor laufenden Kameras sichtlich überrascht: „Hast Du das nicht geschrieben? Ist das ein Fake-Fake?“ „Ich weiß gar nicht, wovon Du redest, erwiderte Kummer in der SRF-Show, die unter anderem den Spiegel-Skandal zum Thema hatte. Der 59-Jährige war selbst 2000 als Fälscher aufgeflogen, nachdem er unter anderem Interviews mit Hollywood-Größen wie Sharon Stone und Bruce Willis komplett erfunden hatte.

Auftakt für den Fälscher-Talk im Schweizer Fernsehen war ein Weltwoche-Artikel vom 4. Januar mit dem Titel „Lieber Claas Relotius“, der Kummer als Verfasser anführte. Im vermeintlichen Brief zeigte Kummer sich erfreut, nun endlich nicht mehr der größte Betrüger im deutschsprachigen Journalismus zu sein. „Da haben sich die Redakteure wohl einen Spaß erlaubt“, gibt der in Bern ansässige Journalist mit regungsloser Miene gegenüber Schawinski zu verstehen.

Köppel: „Ein ironische Persiflage nach Mark Twain“

Konfrontiert mit den Vorwürfen bestätigte Chefredakteur Roger Köppel noch am Montagabend gegenüber dem SRF, dass der Artikel tatsächlich nicht von Kummer stamme. Geschrieben habe ihn der Weltwoche-Redakteur Michael Bahnerth. Die Aktion sei eine „ironische Persiflage nach Mark Twain gewesen“. Kenntlich gemacht hätte man es mit dem Begriff „Fake News“, der über der Kolumne stand. Wohl noch so ein Gag, der nicht wirklich zünden mag. Denn freilich ließ sich die Dachzeile auch als einfache Einordnung in die aktuelle „Fake News“-Debatte verstehen. So erging es wohl auch der Weltwoche-Leserschaft: Laut SRF erreichte kein Leserbrief, kein erboster Anruf die Redaktion. Die Persiflage floppte. Der Fake-Fake schlug zunächst keinerlei Wellen. Hätte Kummer nicht selbst und scheinbar am Rande erwähnt, dass er nicht hinter dem Weltwoche-Artikel stecke, wäre wohl niemand außerhalb der Weltwoche auf die Idee gekommen.

Insgesamt 28 Texte von Relotius waren zwischen 2012 und 2016 im Schweizer Magazin erschienen. Ende Dezember kündigte Köppel an, man werde die Artikel „so weit wie möglich“ nachprüfen. Laut dem Chefredakteur und Verleger befänden sich fast ausschließlich Interviews unter den publizierten Relotius-Texten. „Dem beschuldigten Autor wird selbstverständlich Gehör eingeräumt“, so Köppel damals.

Kummer: „Der Vergleich mit Relotius ist falsch“

Derweil schien Kummer im SRF reichlich unmotiviert, das Vertrauen in die Medien wiederherzustellen. Stattdessen wiederholte er seinen bisherigen Standpunkt: Allen – den Chefredakteuren, Lesern und Werbern – sei doch klar gewesen, dass seine Interviews pure Fiktion gewesen seien. Mit seinen Texten hätte er Hollywoodstars als Kunstfiguren vorgeführt. Und wer das nicht erkannt hätte, sei selber schuld: „So blöd kann doch niemand sein.“

Kummer und die Weltwoche ebenso wie Köppel haben übrigens eine besondere und lange Historie: Der Schweizer Autor hatte einst auch für das Magazin des Tages-Anzeiger geschrieben. Als die Fälschungen im Jahr 2000 publik geworden waren, musste sich der damalige Chefredakteur dafür verantworten. Sein Name: Roger Köppel. Mit „Welcome back, Tom“ begrüßte Köppel, mittlerweile Chefredakteur der Weltwoche, ihn 2013 zurück im Journalismus und erklärte, er genieße denselben Grad des Vertrauens wie alle anderen Autoren. Doch Kummer betrog erneut. Zwar legte er Prominente nicht mehr erfundene Worte in den Mund, dafür verwendete er aber ganze Textpassagen aus Reportagen anderer Journalisten – darunter 20 Jahre alte Artikel von Matthias Matussek.

Schawinskis Einwand, dass derartige Fälschungen Wasser auf den Mühlen der „Fake News“-Kritiker seien, war Kummer nur ein gelangweiltes „Das ist wirklich ein Problem“ wert. Dennoch will der 58-Jährige nicht mit Relotius in einen Topf geworfen werden: „Der Vergleich mit Relotius ist falsch.“ Der Spiegel-Reporter hätte politische Reportagen geschrieben und auf die Redaktion direkt Einfluss ausgeübt. Kummer hingegen habe nach seinem Selbstverständnis hingegen „als Einzelkämpfer das System unterwandert“.

Apropos Einzelkämpfer: Erst vor rund einer Woche hatte sich ein Unbekannter gegenüber mehreren Medien als Claas Relotius ausgegeben und Interviews angeboten – bis er schließlich von Spiegel-Chefredakteurin Susanne Beyer konfrontiert wurde. Unbekannte geben sich als Fälscher aus, und Medien erfinden Artikel im Namen von Fälschern: Der Journalismus in der Post-Relotius-Ära treibt derzeit seltsame Blüten.

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