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Von der Zwecklösung zum Glücksgriff: Warum Steffen Klusmann beim Spiegel in der Krise der richtige Chef sein könnte

Unter Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann soll die im Haus schon lange geforderte Integration von Print- und Online-Redaktion gelingen
Unter Spiegel-Chefredakteur Steffen Klusmann soll die im Haus schon lange geforderte Integration von Print- und Online-Redaktion gelingen

Seit der Entmachtung von Stefan Aust 2008 hat Der Spiegel eine Reihe von Führungswechseln erlebt und allein vier Chefredakteure verschlissen. Heute hat ein Neuer seinen ersten Arbeitstag als wichtigster Magazinmacher der Republik: Steffen Klusmann, ehemals Chef der eingestellten FTD, zuletzt beim manager magazin im Einsatz. Die Umstände könnten schwieriger kaum sein – der Verlag sieht sich mit dem größten Umbauprojekt und dem größten Skandal seiner Historie konfrontiert. Aber erstmals scheint das Haus auch geeint im Willen um Reformen. Für Klusmann eröffnen sich dadurch Chancen, die seinen Vorgängern verwehrt blieben. Und er scheint das Zeug zu haben, diese auch zu nutzen.

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Wenn Steffen Klusmann das Wort ergreift, kommt oft „Scheiße“ dabei heraus – dann wird es scheiße eng, scheiße gefährlich, man könnte scheiß Probleme bekommen. Es können Dinge aber auch mal scheiße geil werden. Mit 52 Jahren, davon knapp zwei Jahrzehnte in Führungspositionen bei Wirtschaftsblättern, hat sich der Journalist, der seit heute neuer Chefredakteur beim Spiegel ist, einen erstaunlich unkonventionellen Sprachstil bewahrt. Folgt man der ihm eigenen Diktion, so hat er die scheiß Probleme bereits, und die sind sogar scheiße gefährlich. Aber davon ahnt der designierte Blattmacher des Nachrichtenmagazins an diesem Tag wohl noch nichts.

Klusmann nimmt die Dinge wie sie kommen – er muss

Es ist der 7. Dezember, Klusmann hat eine Handvoll Medienjournalisten zum Hintergrundgespräch geladen. Für ihn ein besonderer Tag, auch wenn das nichts mit seinem neuen Job zu tun hat: Genau sechs Jahre zuvor war die letzte Ausgabe der Financial Times Deutschland erschienen. Der Verlag Gruner + Jahr hatte nach zwölf teuren Jahren den Stecker für die angesehene, aber hoch defizitäre Zeitung gezogen, deren Chefredakteur damals Steffen Klusmann hieß. Die Redaktion verabschiedete sich mit Stil – die Abschiedsnummer des lachsfarbenen Blatts mit dem Logo Final Times und der Headline „Endlich schwarz“ gilt in Medienkreisen als legendär und ist längst ein Sammlerstück.

Financial Times Deutschland

Die “Final Times”: am 7. Dezember 2012 erschien die letzte Ausgabe der FTD

Manche meinen, dass diese Fähigkeit, selbst einer Katastrophe wie der Einstellung der von ihm geleiteten Zeitung eine gewisse Eleganz abzugewinnen, etwas über die Führungspersönlichkeit des Chefredakteurs aussagt. Ein Pragmatiker, der Dinge nimmt, wie sie kommen und das Beste daraus macht. Damit kann man es weit bringen in einer Zeit, in der die Bäume für die Branche schon lange nicht mehr in den Himmel wachsen und der digitale Veränderungsdruck unerbittlich zunimmt.

Klusmanns Karriere jedenfalls tat das Aus der FTD keinen Abbruch, er blieb Blattmacher von Capital, hatte ein kurzes Intermezzo als stern-Vize, bevor er Ende 2013 vom Spiegel-Verlag als Chefredakteur des manager magazins vom Baumwall abgeworben wurde. Vergangenen Herbst ging es dann nochmals aufwärts – und wie: Klusmann wurde als Chefredakteur des Nachrichtenmagazins und Nachfolger des glücklos agierenden Klaus Brinkbäumer berufen, dem Vernehmen nach auch auf Wunsch und mit ausdrücklicher Zustimmung des Minderheitsgesellschafters Gruner + Jahr.

An diesem Freitag also, kurz vor dem zweiten Advent, wird Klusmann sein Führungskonzept erläutern. Im Konferenzraum K4, wo sonst die Blattkonferenzen des Magazins stattfinden, predigt mit dem Jahreswechsel der mächtigste Journalist an der Ericusspitze den hier neuerdings von allen Seiten beschworenen Kulturwandel. Damit dieser im traditionsgemäß veränderungsresistenten Umfeld weniger Widerstände erzeugt, haben Geschäftsführung und Gesellschafter ein redaktionelles Spitzentrio für das Gesamthaus installiert: Ullrich Fichtner als Chefredakteur Printmagazin, Barbara Hans als Chefredakteurin von Spiegel Online und den digitalen Aktivitäten und darüber, quasi als Chef-Chef, Steffen Klusmann.

Sein Posten heißt offiziell „Vorsitzender der Chefredakteure“, ein Titel, den Klusmann schon einmal in Zeiten der wegen allgemeiner Finanznot fusionierten G+J-Wirtschaftsmedien führen durfte. Beim Spiegel mit seiner Geschichte eines besonders hierarchischen Führungsstils wirkt ein solches Managementkonstrukt sperrig, aber das ist ohnehin Makulatur. Chefredakteur dürfen sich mehrere nennen, das letzte Wort aber hat in allen redaktionellen Belangen Klusmann. Wobei man, natürlich, vor allem auf Teamplay setzt, um die gewaltigen Aufgaben zu meistern: Integration von Print und Online, Fusion von Ressorts. Ein in der historisch gewachsenen Zweiklassengesellschaft beim Spiegel extrem herausfordernder Change-Prozess, der Jahre dauern könnte und ganz sicher kein Selbstgänger sein wird.

Nicht einmal vier Wochen nach seiner Warm-up-Konfi mit den Medienjournalisten ist das Personalkonzept an der Spitze bereits durcheinandergewirbelt, bevor die Neuregelung überhaupt in Kraft treten konnte. Der Fall Relotius überschattet den Amtsantritt von Klusmann und seinen Co-Chefredakteuren. Ullrich Fichtner wird seinen Posten ruhen lassen, bis seine mögliche Verantwortung als Förderer und Führungskraft des Reporters geklärt ist, der dem Nachrichtenmagazin einen Fälschungsskandal ungeheuren Ausmaßes eingebrockt hat. Der Fall, so machte Klusmann es vergangenen Freitag in einer Mail an die Belegschaft deutlich, müsse zunächst vollständig aufgeklärt werden. Das wird wohl Monate dauern. Kaum jemand rechnet damit, dass Fichtner dann noch aufsteigt. Die gerade besetzte zentrale Position des Magazin-Verantwortlichen erscheint wieder vakant, und angesichts der internen lodernden Auseinandersetzungen in Sachen Relotius steht Klusmann vor der Frage, wie viel Risiko er im Bemühen um Veränderung zu gehen bereit ist. Man müsse aufpassen, dass der Spiegel „arbeitsfähig“ bleibe, schrieb Klusmann in seiner Mitarbeiter-Mail zum Rückzug von Fichtner und setzte hinzu: „Klar, jeder ist austauschbar, nur mancher eben schwerer.“

Die drei Chefredakteure hatten nämlich eine ausgeklügelte Führungsstruktur erabeitet. Darin wird es zum Beispiel keine stellvertretenden Chefredakteure mehr geben, sondern Managing Editors, die ihnen organisatorische wie auch Personalaufgaben abnehmen, einen Nachrichtenchef, der hauptsächlich das Online-Geschäft steuert sowie Blattmacher für die Kanäle Print wie Online, die auf Textqualitäten achten, große Stories vorbereiten und begleiten, gemeinsame, crossmediale Projekte umsetzen. Klusmann kann oder will kein Vorbild für eine derartige Struktur nennen. Branchenkenner indes fühlen sich an das Organigramm erinnert, mit dem einst Dominik Wichmann den stern zukunftsfähig machen wollte. Gruner + Jahr beendete das Experiment (und Wichmanns Vertrag) nach einigen Monaten, das Magazin kehrte danach im Wesentlichen zur alten Praxis zurück. Nicht einmal Führungskräfte hätten das komplexe System komplett verstanden, lästerte man damals am Baumwall hinter vorgehaltener Hand.

Beim Spiegel hingegen zeigt man sich von der Strukturreform überzeugt. Auch einen Art Director wird es geben, der, anders als bislang, alle layouterischen Inhalte im Blick hat und eine gemeinsame visuelle Sprache entwickeln soll. Damit wird die grafische Schlüsselposition aufgewertet – in der Vergangenheit soll es gang und gäbe gewesen sein, dass ein „AD“ des Spiegel ausgerechnet bei so wichtigen Themen wie der Cover-Gestaltung per Vertrag nicht zuständig war. Darunter werden – im Optimalfall – paritätisch besetzte Ressortleitungen sitzen, die Print- wie Online-Redakteure als eine Einheit führen werden. Eine Entwicklungsredaktion wie auch so genannte „Querschnittressorts“ mit spezifischen Aufgaben (Investigativ, Audience Development) laufen nebenher. Für die Fusion hat die Führung drei Pilotressorts bestimmt, die als erstes zusammengehen werden. Der Rest soll sukzessive folgen.

“Er trägt sein Herz auf der Zunge”

Einfacher gesagt: Es wird Klusmanns Job sein, aus zwei ziemlich heterogenen Redaktionen eine zu machen, die aber ein Verständnis für alle Marken und Kanäle entwickelt. Das erfordert Führungsstärke. Wer nun erwartet, dass der neue Spiegel-Chef aus diesem Grund vor allem Signale setzt, die Dominanz vermitteln, sieht sich getäuscht. Klusmann sitzt bei Pressegesprächen im Konferenzraum nicht „am Balken“, sondern außen neben den Kollegen, die– Teamspirit hin oder her – zugleich seine Untergebenen sind. Der Vorsitzende der Chefredakteure spielt sich hier nicht in den Vordergrund, er hält den Ball erstmal flach. Ehemalige Weggefährten kennen ihn nicht anders. Klusmann sei nie jemand gewesen, der – auch wenn er dort hingehört – unbedingt in der ersten Reihe stehen muss, intern wie extern. “Auch wenn es der FTD sicher gut gestanden hätte, wenn jemand auch mal nach außen geht.“ Beim Spiegel, so scheint es, geht es mit Priorität erst einmal um „drinnen“, um die Großbaustelle Integration.

In diesem Jahr haben die Gesellschafter – neben den eigenen Mitarbeitern sind das das Verlagshaus Gruner + Jahr sowie die Augstein-Erben – den Beschluss gefasst, das über Jahrzehnte gewachsene Ungleichgewicht im eigenen Haus aufzulösen – in sämtlichen Bereichen. Mitarbeiter mit Altverträgen, Unternehmensanteilen sowie damit verbundenem Stimmrecht sehen ihre Pfründe in Gefahr, für die anderen geht es um Geld und Mitsprache bei Unternehmensentwicklungen. Ein Kampf um die Macht beim Spiegel, in dem vor allem die Beschäftigten in den Digitalabteilungen auf Gleichberechtigung pochen. Der ist aufgrund der verzwickten Gesellschafterregelung beim Spiegel nur zu gewinnen, wenn die andere Seite mitmacht – denn die hat die Mehrheit bei allen Entscheidungen.

Dabei ist Zurückhaltung Klusmanns Art nicht. Seine Kommunikation ist nicht aufgeregt, aber direkt, er nimmt kein Blatt vor den Mund, weiß Menschen für sich einzunehmen. Ehemalige Mitarbeiter bezeichnen oder bestätigen ihn dabei als „maximal uneitel“. Klusmann, das sind lieber Pullover als Hemd und Schlips, „er hat sich immer unwohl darin gefühlt“, erinnert sich ein alter FTD-Kollege. Klusmann ist lieber intuitiv und impulsiv als bedacht und zögerlich.”Er trägt sein Herz auf der Zunge”, beschreibt es ein ehemaliger stern-Mann. Einige seiner Charaktereigenschaften sind für Spiegel-Redakteure und speziell Chefredakteure eher ungewöhnlich, möglicherweise ungewöhnlich geworden. „Klusmann hat null arrogante Autoren-Attitüde“, beschreiben es die einen. Von „kumpelhaft“ sprechen die anderen.

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Auch wenn jetzt, nach Jahren des Stillstands und der Ratlosigkeit, alles schnell gehen soll beim Spiegel, will die neue Führung eine Hauruck-Aktion offensichtlich vermeiden. Denn auch beim Spiegel steht viel auf dem Spiel. Beide weitgehend autark voneinander funktionierende Redaktionen sind in ihren Ökosystemen erfolgreich unterwegs – die eine noch, die andere mittlerweile. Noch immer ist Print ein ertragreiches Geschäft, Spiegel Online allerdings von sich aus längst profitabel. Vergangenes Jahr erzielte der Verlag erstmals mehr digitale Werbeerlöse als im Print-Segment. Trotzdem ist der Wandel ein wirtschaftlich notwendiger Schritt – erstmals in der Geschichte fährt der Spiegel ein Sparprogramm, baut Stellen ab. 15 Millionen Euro pro Jahr sollen eingespart werden. Klusmann und Team müssen den Wandel gestalten ohne bereits (oder noch) Funktionierendes zu zerstören.

Ein wichtiger Fokus liegt deshalb auf Spiegel Plus, dem digitalen Bezahlangebot der Spiegel-Marken. Auch wenn man Spiegel Onlines Reichweite wie auch sein Vermarktungsgeschäft kaum kannibalisieren wird, muss Plus wachsen – 110.000 Abonnenten will der Spiegel dem Vernehmen nach für seine Digitalangebote bereits zählen, 41.000 davon seien bezahle Spiegel-Plus-Abos – zwei- bis dreitausend neue (Probe-)Abos kämen monatlich hinzu. Mit der Konvertierungsrate sei man zufrieden, heißt es im Spiegel-Gebäude, ohne konkret zu werden.

Der Spiegel wird im Paid-Segment noch stark wachsen müssen, so viel ist klar – auch weil der Verlag kaum bis keine Nebengeschäfte hat. Anders als Springer, Burda oder Gruner + Jahr verdient das Nachrichtenmagazin sein Geld fast ausschließlich mit Publizistik Geld – keine Apps, keine Classifieds und kein Commerce-Geschäft. Eine neue Regel lautet deshalb: Was konvertiert wird ausgebaut. Im Digitalen wird es deshalb das neue Ressort „Leben“ geben, auf dem offenbar Konvertierungshoffnungen ruhen. Dieses reine Digitalressort soll Geschichten aus dem schönen, wahren und smarten Leben erzählen, über Emotionen und Nutzwert Abonnements verkaufen. Wie es heißt, soll das Ressort durch bereits vorhandene Teams besetzt werden. Schwer dürfte das nicht fallen: 500 Ganztagsstellen wird die neue Spiegel-Redaktion zukünftig haben, Assistentenstellen, Aushilfen, etc. inklusive. Viel daran ändern wird sich nicht: Bis Ende 2021 sollen keine betriebsbedingten Kündigungen durch die Integration der Redaktionen ausgesprochen werden.

Wer den Spiegel führt, braucht Fingerspitzengefühl

Klusmann wird bei aller Progressivität aufpassen müssen, den Bogen nicht zu überspannen. Zwar ist er sich durchaus bewusst, dass der Spiegel mit seinem Heft noch sehr gute Umsätze erzielt und länger als man anderes Verlagshaus daran festhalten wird. Aber: Klusmann hat auch eine andere, extreme Seite. Den Glaube an Print als überlebensfähige Gattung hält er für eine Illusion, die Digitalisierung für unaufhaltsam. Was sie bedeuten kann, hat er selbst erfahren müssen. Schon zu FTD-Zeiten hat er seine Bereitschaft deutlich gemacht, sich ohne Schmerz und falsche Nostalgiegefühle vom Papier zu entkoppeln. „Diese Einstellung war mit ein Grund, weshalb Wolfang Büchner damals beim Spiegel nicht gut ankam“, erinnert sich jemand, der die Zeit miterlebt hat. Auch deshalb ist zu erwarten, dass Klusmann zumindest in dieser Hinsicht auf die Bremse tritt.

Wer beim Spiegel führt, muss Fingerspitzengefühl vorweisen. Klusmann ist unbelastet, was ihm gerade in der immens wichtigen Aufarbeitung der Relotius-Affäre einen unschätzbaren Vorteil verschafft. Im Moment sind alle Augen auf ihn gerichtet, innen wie von außen. Darin liegt auch eine Chance. Denn als Klusmann im August 2018 als Nachfolger von Klaus Brinkbäumer verpflichtet wurde, löste die Personalie nicht unbedingt Euphorie aus. Der Mann vom manager magazin galt vielen als Zwecklösung, als Spatz in der Hand von Mitabeiter KG und den übrigen Gesellschaftern, die über die Jahre immer wieder externe Aspiranten durch Uneinigkeit und Indiskretionen vergrätzt hatten. Nachdem eine interne Nachbesetzung des Chefpostens zuletzt verworfen worden war, war der Blattmacher aus dem eigenen Verlagsimperium der größte – manche sagen: der einzige – gemeinsame Nenner der Gesellschafter. Nun könnte er sich als Glücksgriff erweisen.

Dass Klusmann in seinen Gruner-Zeiten nicht nur das Ende der FTD managen musste, sondern auch den Umzug sämtlicher Wirtschaftstitel verantwortete, mag ihm Respekt einbringen. Seine Art wird ihm wohl vor allem in der jüngeren Generation des Hauses helfen, gegenüber Alteingesessenen wird er sich womöglich anders profilieren müssen. „Man neigt schnell dazu, nicht mehr alles so ernst zu nehmen“, erinnert sich jemand an Klusmanns energische, teils impulsive Art.

Zugute kommen kann ihm dabei sicherlich seine Karriere als Blattmacher – Klusmann wird von vielen, mit denen MEEDIA gesprochen hat, als leidenschaftlicher Magazin-Journalist und Blattmacher mit „viel Herzblut“ beschrieben. Aber sind vom neuen Chefredakteur auch Entscheidungen zu erwarten, die bislang eher gegen das Verständnis des Spiegel gesprochen haben. Dass der Medienkonsum zum Nachteil des gelernten, ausführlichen und ausschmückenden Magazin-Journalismus sein wird, gehört genauso zu seinen Überzeugungen. Gut möglich, dass der neue Chefredakteur größeren Wert auf den exklusiven Kern eines Artikels legt als auf seine Ausführlichkeit. Hilfreich wiederum dürfte seine inhaltliche Expertise sein. Klusmann ist Wirtschaftsjournalist mit Erfahrung.

Der Erfolg Klusmanns wird freilich nicht nur an ihm, sondern auch am Rest der Führungsmannschaft hängen. Für viele liegt seine inhaltliche Schwäche in der Politik, ein für den Spiegel identitätsstiftendes Fach. Er ist gut darin beraten, sich die richtigen Leute an die Seite zu holen, die mögliche Defizite ausgleichen. Auf Management-Ebene stehen ihm bereits einige zur Seite, die er aber bereits ganz gut kennt. Produkt-Chef Stefan Ottlitz ist ebenso ehemaliger FTD-Mann wie sein neuer Nachrichtenchef Stefan Weigel. Den hat Klusmann kurzfristig auch in die Relotius-Aufklärungskommission beordert und damit nebenbei auch durchblicken lassen, dass der den ehemaligen Altvorderen beim Spiegel diese Aufgabe nicht im Alleingang zutraut.

Wie viel Diplomat steckt im neuen Spiegel-Chef?

Wichtigste Unterstützerin – zumindest vorerst – dürfte aber Susanne Amann sein. Der neue Chefredakteur hat die Ressortleiterin Wirtschaft gerade zum Managing Editor ernannt und damit befördert. Amann, ebenfalls Ex-FTD, ist mindestens noch bis Frühjahr Sprecherin der Mitarbeiter KG. Mit ihr an der Spitze der KG genießt Klusmann – wenn auch nicht unbedingt Wunschkandidat erster Stunde – erst einmal Rückendeckung. Einiges wird davon abhängen, ob sie noch einmal zur Wahl antreten und gewinnen wird. Entschieden habe sie sich zwar noch nicht, heißt es ihrem Umfeld, wirklich erwartet wird es aber nicht. Amanns Bilanz fällt im Haus durchaus unterschiedlich aus. Einige bescheinigen ihr ein großes Durchsetzungsvermögen und einen ebenso großen Reformwillen. Andere sehen das Handeln der KG-Chefin auch von Eigeninteressen getrieben. Bei der Besetzung verschiedener Top-Positionen war in der Vergangenheit immer wieder auch ihr Name im Gespräch – welche Rolle Amann selbst dabei einnahm, wirkte bisweilen undurchsichtig.

Eine neue KG kann einen Strategiewechsel mit sich bringen, Bauchentscheider Klusmann wird dann auch diplomatische Fähigkeiten beweisen und die ihm von Wegbegleitern bescheinigte Impulsivität und Neigung zur Ungeduld kontrollieren müssen. Auf der anderen Seite hat er in den vergangenen Jahren durchaus Geschick bewiesen und zuletzt fünf Jahre lang als Blattmacher beim manager magazin mit griffigen Titelthemen gepunktet.

“Er hat erst alles verloren, jetzt steht er ganz oben”, sagt ein früherer Konkurrent, der ihn als “stets fair” bezeichnet. Ein Eindruck, den die erste Amtshandlung des künftigen Spiegel-Machers bestätigt: Die heikle Nachricht vom vorläufigen Amtsverzicht des designierten Print-Chefredakteurs Fichtner kommunizierte er ohne Spitzen, die Lesart ist bei aller Klarheit kollegial und frei von Anflügen der Selbstgerechtigkeit. In der Ellbogengesellschaft beim Spiegel, wo man sich lange Zeit stets in herzlicher Feindschaft zugetan war, ist das durchaus ein neuer Ton, der vielleicht mit einem speziellen Antrieb des Neuzugangs zusammenhängt. “Klusmann führt nicht, um Chef zu sein, sondern aus Überzeugung”, sagt der ehemalige stern-Mann. “Ich habe mich gewundert, dass sie nicht eher auf ihn gekommen sind.”

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Alle Kommentare

  1. Habe ich es richtig verstanden, dass er als ehem. Chef eines eingestellten Presseerzeugnisses beste Voraussetzungen fuer den neuen Job mitbringt?

    1. So scheint es…, der sich äußert bevor er überhaupt den Chefposten angetreten hat…

  2. Das ist typisch Meedia. Vor einigen Tagen noch selbstkritisch über die Szene, in der sich die “Leitmedien-Schreiberling” gegenseitig mit Preisen und Lob die Taschen voll hauen und nur 100 Stunden später wieder die übliche Arschleck-Art.
    Widerlich.
    Der Klusmann hat sicher eine gute FTD Abschiedstory geliefert, aber mehr auch nicht. Er ist gescheitert und die Relotius-Aufklärung war selbstverliebt.

    Also gilt für Klusmann wie für Meedia:
    macht bitte genau weiter wie bisher, so entlarvt ihr euch super selbst

  3. Meine Güte, was für Kommentare hier wieder. Klusmann war ein ganz großartiger Chefredakteur der FTD und hat für sehr viel frischen Wind im biederen, regierungstreuen und reaktionären Wirtschaftsjournalismus à la Handelsblatt (Sorry, MEEDIA) gesorgt. Für die defizitäre Verlagskonstellation war er jedoch nicht verantwortlich. Ebenso war er dies bei Relotius nicht. Und es ist gut und richtig, dass er sich früh (übrigens gerade mal zwei Wochen vor Antritt!) zu Wort gemeldet hat, denn sämtliche Aufklärung und Aufarbeitung wird unter seine Ägide fallen, er wird sich rechtfertigen müssen. Und er hat es nicht wie Fichtner nahezu frei von eigener Verfehlung getan, sondern in einem beim SPIEGEL bislang nicht gekannten Ausmaß an Selbstkritk. Ich wünsche Steffen Klusmann alles Gute. Er ist der Richtige für alle kommenden und zwingenden Erneuerungsprozesse beim SPIEGEL.

  4. Liebe Meedias,

    etwas mehr Sorgfalt bei der BU dieses Artikels hätte gut getan: Die Final Times erschien am 7.12. 2012 und nicht 2013!

    1. Liebe Meedias,

      müssen erst Leser Sie auf Kommentarmüll dieser Art aufmerksam machen?

  5. Den Spiegel zu drehen, heißt min.10 Jahre Aufräum-Arbeit und ein Plan, eine Strategie, eine Vision. Die von meedia kurz vorgestellten Änderungs-Pläne (eine Redaktion “Leben” für online. Hört, hört ! Und das Investigativ-Resort läuft so nebenher, auweia….) hören sich doch sehr nach Weichspüler an. Mit Klusmann hieven sich G&J-Seilschaften in die Führungspositionen. Kommt ein Neuer, ist das üblich; also geschenkt. Was es bedeutet, kann man sich indes an fünf Fingern abzählen. Daß er Frau Ammann zum Managing Editor macht, die ihn zuvor als KG-Chefin ins Amt lotste, paßt schon mal ganz gut ins Bild. Haben die beiden eigentlich eine Vita außerhalb des Mediengeschäfts vorzuweisen ? Vielleicht sich mal politisch geäußert /betätigt oder im Wind gestanden ? Ein Blatt auf eigene Rechnung in den Sand gesetzt oder was im Ausland aufgebaut ? Viele Fragezeichen, no radical chic, stinknormale, biederdeutsche Journaille eben…..

  6. “Scheiße” zu sagen (und gelegentlich wohl auch zu reden) scheint ja ein Top-Kriterium für einen Chefredakteur zu sein. Ich freu’ mich auf Klusmann in der einen oder anderen Talkshow.

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