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Was uns der Fall Relotius lehrt: Die Leser brauchen vorgefertigte Lebensmuster unantastbarer “Edelfedern” nicht

Spiegel-Fälscher Claas Relotius wurde für seine Artikel mehrfach ausgezeichnet – wie konnte das passieren?
Spiegel-Fälscher Claas Relotius wurde für seine Artikel mehrfach ausgezeichnet – wie konnte das passieren?

Bei der Causa Claas Relotius werden nicht nur Methoden und Arroganz des Spiegel-Reporters deutlich, meint MEEDIA-Gastautor Ulrich Schulze. Der Journalist und ehemalige Chef vom Dienst bei FAZ und SZ sieht grundsätzliche Themen der Medien berührt und stellt drei Fragen in den Raum: Was folgte aus den früheren Fakes der sogenannten Leitmedien? Welche Qualität und welche Freiräume haben die so genannten „Edelfedern“, und welche Maßtstäbe setzt die unendliche Flut der Journalistenpreise?

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Von Ulrich Werner Schulze

Zuerst ein Blick in die Chronologie ähnlicher Ereignisse und Eklats an vier Beispielen.

– Tom Kummer: Der Autor täuschte das SZ Magazin im Jahre 2000 mit gefälschten Interviews und nannte dies “Borderline-Journalismus”. Fünf Jahre danach fiel mit der Berliner Zeitung erneut ein renommiertes Medium erneut auf Kummer herein, als der Autor eine bereits mehrfach veröffentlichte Story als neu verkaufte – warum eigentlich? Qualitätsjournalismus?

– 2011 musste der Spiegel-Redakteur René Pfister den Nannen-Preis kurz nach der ehrenvollen Verleihung kleinlaut zurück geben, nachdem ihm die Jury diesen aberkannt hatte. Der Einstieg zu seiner Reportage über den CSU-Politiker Horst Seehofer hatte der Spiegel-Mann dem Hörensagen entnommen: Er selbst war nie im Keller des Politikers, nie hatte er dort dessen Modell-Eisenbahn gesehen, die er so ausschweifend und formvollendet beschrieben hatte. Der Etikettenschwindel flog nur auf, weil Pfister diesen Umstand freimütig beim Interview auf der Bühne einräumte. Heute heißt es an der Ericusspitze,im Gegensatz zu den Erfindungen von Relotius stimme die Geschichte mit der Modelleisenbahn im Seehofer-Keller ja; der Ruf der Recherche-Qualität des Spiegel war dennoch beschädigt.

• Eine andere Geschichte blieb ohne Folgen. Heribert Prantl, Chef der Innenpolitik der SZ, inzwischen Leiter des Meinungsressorts, schrieb im Jahre 2012 auf der Seite 3 eine Geschichte über Andreas Voßkuhle, den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes. Darin: eine Szene aus der Küche Voßkuhles. Die Beschreibung suggeriert eine authentische Szene aus der Küche und die damit verbundene Nähe des Autors zum Gegenstand seiner Berichterstattung. Aber Prantl war gar dort nicht gewesen; er musste es kurz darauf zugeben. Die SZ veröffentlichte eine korrigierende Notiz. Schwamm drüber – berühmter Kollege, kann passieren. Und Spiegel Online sprang dem Kollegen flankierend bei. Kolumnist Jan Fleischhauer verspottete Kritik am Prantl-Text gar als “schönes Beispiel für die Erregungsbereitschaft der Medien”.

mit der Bemerkung, es habe schließlich nur ein Halbsatz zur Wahrheit gefehlt. Übrigens wurde der Autor dafür nicht sanktioniert.

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• Ein weiteres Beispiel aus jüngerer Zeit: dpa Südafrika. Die Agentur verbreitete eine Geschichte über einen Taxifahrer, der Kundinnen offenbar sexuell nötigte. Fake news. Die Geschichte basierte auf Veröffentlichungen aus weit zurückliegenden Jahren und war von einer Hospitantin auf die aktuelle Zeit “frisiert” worden. Niemand hatte Verdacht geschöpft. Die dpa zog die Geschichte zurück.

Das sind nur wenige Beispiele, aber damit nähern wir uns dem Nukleus des Vorgangs Relotius. Es handelt sich hierbei – wie ereichtlich – keineswegs um einen bedauerlichen „Einzelfall“, wie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein zum Thema befragter Kollege behauptete.

Das Grundproblem des Journalismus, wenigstens in Deutschland, besteht darin, dass man sogenannten Leitmedien und „Edelfedern“ offenbar einfach alles abnimmt, es eher durchgehen lässt oder zumindest nicht näher überprüft. Auffällig an den Beispielen ist, um welche Medien es sich handelt: Spiegel und SZ, sozusagen der FC Bayern und der BVB der Journalisten-Bundesliga. Unantastbar. Und nicht nur das. Bei der Rolle des Reporter-Forums und des dort ausgelobten Reporterpreises, den Relotius mit gerade 33 Jahren schon viermal gewonnen hatte, wird auch deutlich, dass man sich bei den Leitmedien wechselseitig „hilft“, wenn es darum geht, die vermeintliche Untastbarkeit des Edelfeder-Journalismus zu verteidigen.

Der dritte Komplex betrifft die Flut der Journalistenpreise. Die Szene feiert sich selbst; die Medien inszenieren sich, statt nüchtern über andere zu berichten. Auffällig oft gewinnen „Edelfedern“ von den fälschlicherweise als Leitmedien genannten Blättern – treffender wäre die Bezeichnung Leidmedien. Geradezu grotesk arrogant ist es bei dem Deutschen Reporterpreis. Cord Schnibben, eine so genannte graue Eminenz und langjähriger Spiegel-Autor, hat ihn mit anderen Kollegen unter dem Dach des Reporter-Forums e.V. initiiert. Dass der Spiegel-Kollege Relotius den Preis in Serie abräumt, obwohl er sich offenbar sogar den dort geltenden Dokumentationspflichten, verweigert, wirft kein gutes Licht auf die Auszeichnung.

Es gibt nur zwei logische Folgen aus diesem neuerlichen Medien-Skandal: Schafft den Begriff Leitmedien, schafft die Bezeichnung „Edelfedern“ und schafft endlich die Inzucht der Journalistenpreise ab. Und dann geht wieder ans Handwerk: Demut, Respekt, Recherche, Nachricht – und dann, vielleicht, ein Kommentar. Bisher läuft es ja anders herum: Meinung first. Aber die meisten Leserinnen und Leser sind in der Lage, sich ihre Meinung selbst zu bilden; sie brauchen das vorgefertigte Lebensmuster der „Edelfedern“ nicht.

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Alle Kommentare

  1. Die Frage ist doch: Was wissen wir und was wissen wir nicht…

    Diese ganze gegenseitige Lobhudelei unter der Presse oder wenn sich ein designierter Chefredakteur vor Amtsantritt zu Themen äußert die ihm im Grunde genommen vor Amtsantritt überhaupt nichts angehen, kann er machen wenn er in Amt und Würden ist, aber nicht als Außenstehender…

  2. “Die Leser brauchen vorgefertigte Lebensmuster unantastbarer “Edelfedern” nicht”
    Diese “Edelfedern” waren bis zu ihrem Fall außerordentlich erfolgreich.
    Also gibt es einen Markt.
    Sowohl bei den Lesern als auch in den Redaktionen.
    Wobei gerade in den Redaktionen anscheinend sehr gerne weggesehen wurde und wohl auch weiterhin weggesehen wird.
    Und zu Herrn Prantl:
    Gerade dessen Aufstieg in die Chefetage der einst wirklich angesehenen SZ und jetzigen “Prantl-Prawda” hat bei einigen Menschen die Haushaltskasse nachhaltig entlastet.

  3. “Aber die meisten Leserinnen und Leser sind in der Lage, sich ihre Meinung selbst zu bilden;”

    Nein, sie sind es eben nicht!

    Der Leser sucht händeringend nach Bestätigung seiner selbst. Dieses “Ich hab es doch gewußt” und ” Endlich sagt es mal jemand” ist immer noch die stärkste Antriebsfeder. Und wenn eine Zeitung nicht das bietet was Leser*innen suchen, gehen sie weiter und sie werden bei der nächsten Zeitung fünding. In letzter Zeit immer mehr im Netz. Nicht mehr oder weniger fürchten die Medien. Die Redakteure sitzen deshalb Woche für Woche zusammen und zerbrechen sich den Kopf darüber was der Leser will. Nur so geht Auflage 2018. Keiner wird gezwungen die Bild zu lesen, die SZ oder Spiegel. Es geht um Bestätigung.

    1. Der Leser ist schuld! Klar!

      Kleiner Funfact am Rande: die genannten Leidmedien verlieren seit Jahren Auflage und Leser.

  4. „Und dann geht wieder ans Handwerk: Demut, Respekt, Recherche, Nachricht – und dann, vielleicht, ein Kommentar.“

    Ich halte Demut und Respekt durchaus für gegeben – dem Arbeitgeber, nicht dem Leser gegenüber. Relotius Lieferung vor allem Mainstream, auf Biegen und Brechen, sprich: die eine oder andere Ente ergibt sich aus der Aufgabenstellung. Ist bei allen anderen auch so.

    Denn das ist das wahre Problem des Journalismus: es bedient die falsche Aufgabe: eine unangebrachte Erziehung des Lesers.

  5. Ich habe Pippi in den Augen. Das in einem deutschen Medium lesen zu dürfen. Ich hoffe, der Autor wird nicht wegen rechter Umtriebe geschasst…

  6. »Was uns der Fall Relotius lehrt: …«
    Wer ist uns ?

    – Dieser Artikel bestätigt erneut, dass es der deutschen Medienlandschaft vielfach nicht gelingt ordnungsgemäß im Sinne gesetzlich auferlegter öffentlicher Pflichten die Allgemeinheit kompetent in Für und Wider zu unterrichten. FAZ, 22.12.2018:
    » .. In einem „Spiegel-Online“-Video hat Moreno davon berichtet, dass es schwer gewesen sei, die Chefs beim „Spiegel“ von seinen Entdeckungen zu überzeugen. Relotius habe schließlich als „Superstar des deutschen Journalismus“ gegolten.
    Am Samstagabend meldete „Spiegel Online“, dass Relotius auch Spendengelder veruntreute, die er im Nachgang zu einer Reportage im Jahr 2016 gesammelt
    hatte. ..«
    https://goo.gl/qtWWP5

    Man täte gut daran, solchen Wertungen mehr Raum zu geben:
    Prof. Dr. Ulrich Teusch, Politikwissenschaftler und Journalist,
    geb. 1958, spricht von Lückenpresse :
    » … “Medien werden Glaubwürdigkeit nicht zurückgewinnen” …
    Mir geht es um das Mediensystem. Allerdings befreit das den einzelnen
    Kollegen nicht von seiner Verantwortung. «
    – kress.de, 24.08. 2016 –
    https://goo.gl/VkM8SM «
    Rolf Hochhuth, deutscher Dramatiker (z.B. “Der Stellvertreter”), geboren 1931, bemerkte schon 2012 überspritzt:
    » ZEIT/FAZ : Nur weil nicht in Berlin, sondern in Hamburg und Frankfurt ihre Redaktion, hält man irrtümlich immer noch für denkbar, dass sie nicht offizielle Organe des Kanzleramtes sind.«
    (Buch: Hochhuth: »Was vorhaben muß man/ Aphorismen«, Seite 67)

  7. Überschrift

    >Die Leser brauchen vorgefertigte Lebensmuster unantastbarer “Edelfedern” nicht<

    war womöglich ein Scherz. Ulrich Werner Schulze wollte wahrscheinlich formulieren:

    Leser mit Stories zu blenden, welche den gewünschten Zeitgeist stützen bezeichnet man als Propaganda. Sie stellen das Gegenteil dar von dem, was die auf korrekte Medienberichte angewiesenen Leser einer offenen Gesellschaft benötigen.

  8. Ich kann Ihre seltsame Auflistung nicht nachvollziehen. Wo steht denn, man dürfe im Journalismus nur beschreiben, das man mit eigenen Augen gesehen hat? Nach wie vor gelten zwei voneinander unabhängige Quellen als ausreichend. Von Fake-News kann also keine Rede sein, allenfalls von schlechtem Stil.

    1. Genau das bezweifle ich: dass die Mehrheit der Artikel zwei UNABHÄNGIGE Quellen verwendet.

  9. Als sich zu Beginn des Ukrainekonflikts die Beiträge langjähriger Beteiligter (Pseudonym seit Jahren bekannt) in den Leserkommentaren zunehmend gegen die einseitige “Berichterstattung” der jeweiligen Artikel wandte, wurden diese in toto als “russische Trollkommentare” abgetan und die Kommentare kurz darauf abgeschaltet.

    Seitdem ist es dort (wie auch ARD/ZDF/Zeit/Tagesspiegel) eher schlimmer geworden.

  10. Der aktuell größte Fälschungsskandal des deutschen Journalismus erinnert thematisch an den in 2004 vom SPIEGEL zu Fall gebrachten Frankfurter Anthropologen und vermeintlichen “Schädelfälscher” Reiner Protsch von Zieten. Auch die Einleitungsszene dieses alten Spiegel-Artikels in Ausgabe 42/2004 begann mit dem heute so in Verruf geratenen prosaischen Erzählstil: “Schnee fiel, als im Winter 1978 zwei Herren aus Bayern die sterblichen Reste des Seligen Nantwein im Stahlkoffer nach Frankfurt am Main brachten.” Das im Winter des Jahres 1978 also Schnee gefallen ist, war dem SPIEGEL der Erwähnung wert. Der SPIEGEL recherchierte Fall “Mogelei im Knochenkeller” galt seinerzeit als der größte Wissenschaftsskandal in Deutschland. Nicht zuletzt dieser Spiegel-Artikel hat Professor Protsch von Zieten zu Fall gebracht und dessen Institut die Auflösung beschert. Das Landgericht Frankfurt hat dann 2009 zur allseitigen Gesichtswahrung Herrn Professor Protsch von Zieten wegen vermeintlichem “Umlabelns” einer “Affenschädelsammlung” verdonnert; eine vergleichweise Lappalie, angesichts der massiven Vorwürfe, die ja noch 2004 im SPIEGEL standen, die aber vor Gericht keinen Bestand hatten.

  11. “Ein Meisterwerk”, hallte es durch den Hinterkopf von Ullrich Fichtner. Das stand bei aller gebotenen Bescheidenheit fest. Er senkte die Kaffeetasse versonnen, studierte die Zeilen auf dem Ausdruck vor ihm. Der frühe Abend tauchte die Ericusspitze in goldenes Licht, zwei Tauben stritten auf dem Dach über ihm um einen schmackhaften Kadaver. Ihr Ringen drang schwach an Fichtners Ohr, in dem just imaginärer Applaus noch lauter aufbrandete. Auch die Zeilen vor ihm verhießen Gold. Geschrieben über Relotius. “Geschrieben von Relotius” war ein Markenname gewesen, Preisgarant made in Hamburg. Eine Entdeckung. Seine Entdeckung. Nun galt es den genialischen Jüngling zu stürzen. Intermediärer Infantizid. Welchem Baumeister großer Werke war dies Glück je zugefallen? Nicht weniger als ein Genuss durfte es sein, musste sinnlich sein, den Schüler übertreffen. Musste erlebbar machen, was nie gelebt hatte. Musste Gefühl schüren, wo nur Kälte geherrscht hatte. Musste das Omega sein zum Alpha, vom Alpha, das Schlusswort der Meisterklasse.

    Fichtner lächelte. Auf die Zukunft!

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