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Jörg Thadeusz über den Fall Relotius und Reporterpreise: "Journalismus ekelt mich passagenweise an"

Spiegel-Skandal-Reporter Claas Relotius (l.): Jörg Thadeusz will künftig keine Reporterpreise mehr überreichen

Der Skandal um die umfangreichen Fälschungen des Spiegel-Reporters Claas Relotius sind natürlich auch Thema in unserem wöchentlichen Podcast „Die Medien-Woche“ mit Stefan Winterbauer (MEEDIA) und Christian Meier (WELT). Es gibt Interviews mit dem designierten Spiegel-Co-Chefredakteur Ullrich Fichtner und mit Jörg Thadeusz, der zahlreiche Journalistenpreise moderiert und Relotius selbst einige Auszeichnungen überreicht hat. Thadeusz sieht die Flut an Preisen überaus kritisch.

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Das habe er Cordt Schnibben, einem der Gründer des Reporterpreises schon vor der Enthüllung des aktuellen Skandals mitgeteilt. Thadeusz erklärt im Medien-Woche-Podcast, er habe ihm geschrieben: „Lieber Cordt, mich ekelt Journalismus passagenweise an. Ich möchte nicht mehr in der Jury sitzen und ich möchte unter keinen Umständen mehr diese Veranstaltung moderieren.“ Beim jüngsten Reporterpreis war Relotius erneut ausgezeichnet worden. Insgesamt viermal hatte er den Reporterpreis gewonnen. Mittlerweile hat Relotius die Preise zurückgegeben ist damit einer wahrscheinlichen Aberkennung zuvorgekommen.
https://soundcloud.com/medien-woche/mw68-der-skandal-um-spiegel-reporter-claas-relotius-und-die-folgen
Thadeusz übt auch scharfe Kritik an der großen Zahl an Journalistenpreisen: „Es gibt 500 Journalistenpreise in Deutschland, da kann man nicht mehr von Bescheidenheit sprechen.“ Der Journalismus würde vermutlich nicht schlechter werden, wenn es weniger Preise gäbe, so der Moderator. Über die Art und Weise, wie solche Preise ausgewählt wurden sagt er: „Für uns bleibt die ganz hässliche Frage im Raum, warum ergreift es Jurys so sehr, wenn man so eine richtig schöne, fette antiamerikanische Geschichte ein ums andere mal aufschreibt?“ Bei den prämierten Stücke sei eine gewisse Masche erkennbar gewesen, es seien immer dieselben Medien und Journalisten ausgezeichnet worden. Als positives Gegenbeispiel nennt Thadeusz den Theodor-Wolff-Preis, der Lokaljournalisten ehrt. Diesen Preis wird an eine Person jeweils nur ein einziges Mal vergeben.
Der designierte Spiegel-Print-Chefredakteur Ullrich Fichtner sagt im Gespräch im Medien-Woche Podcast u.a.: „Ich denke, dass wir mit den Veröffentlichungen bewiesen haben, dass wir sehr kritisch mit uns selbst sein können. Mir fällt kein Beispiel ein in der deutschen Presse, bei dem jemals so offen mit einem ganz klaren Fehler und einem schlimmen Unfall umgegangen wäre.“ Fichtner gibt aber auch zu, dass der Fall nun eine schonungslose Aufarbeitung erfordere und  man sich beim Spiegel kritisch selbst befragen müsse: „Wir befinden uns in einer großen Krise. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel, unsere Werte, die wir mehr als 70 Jahre hochhalten.“ Zur vielfach geäußerten Kritik, sein Text zum Skandal bediene sich eines ähnlichen Stils wie jener von Relotius sagt Fichtner: „Sie werden mir glauben, dass ich den Text in einer sehr gedrängten und dramatischen Situation für dieses Haus geschrieben habe und nicht an preiswürdige Formulierungen gedacht habe. Es ist vielleicht ein Stil, der mir eigen ist. Ich habe den Text so gut gemacht, wie ich ihn machen kann.“ Bei aller Kritik sei aber auch klar: „Wir müssen unsere Verfahren überprüfen, wir müssen überprüfen, ob wir richtig aufgestellt sind. Wir müssen überprüfen, ob wir einen Fall wie Relotius bei anderer Organisation früher hätten erkennen können. Aber wir werden nicht grundsätzlich infrage stellen, wie wir hier arbeiten.“

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