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Twitter-Kampagne gegen Migrationspakt durch Fake Tweets? Experten kritisieren Studie zur Rolle von Social Bots

Der UN-Migrationspakt wurde heute in Marakkesch verabschiedet
Der UN-Migrationspakt wurde heute in Marakkesch verabschiedet

Eine Social-Bot-Studie des Berliner Startups Botswatch sorgt derzeit für Aufsehen im Netz: 28 Prozent aller Tweets zum UN-Migrationspakt gehen demnach auf künstliche Twitter-Nutzer zurück. Das ist viel mehr als bei sonstigen politischen Debatten. Unklar ist allerdings, wie genau die Forscher bei ihrer Studie vorgingen. Experten kritisieren die Erhebung.

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Verbreitet wurde die Studie am Montag in der Zeitung Die Welt (Paid). Sollte es stimmen, dass über ein Viertel der Tweets zum umstrittenen UN-Migrationspakt von Bots stammen, wäre dies ein Zeichen für eine gezielte politische Kampagne im Netz. Den Analysten zufolge liegt der Durchschnitt bei politischen Diskussionen sonst nämlich bei zehn bis 15 Prozent.

Die Bots geben sich als reale Menschen aus und verbreiten auf Twitter dubiose Behauptungen – mit dem Ziel, die politische Agenda beeinflussen zu wollen. Der Welt zufolge haben sie in dem Diskurs unter anderem Geschichten gestreut, wonach die Bundesregierung versuche, die Öffentlichkeit zu täuschen: Das Abkommen sei rechtlich bindend und führe dazu, dass die Regierung vorsätzlich Flüchtlinge nach Deutschland hole.

Allerdings es gibt Zweifel an der Methodik der Berliner Analyse-Firma. Für die Studie hat Botswatch eigenen Angaben zufolge rund 800.000 Tweets untersucht, die zwischen dem 24. November und dem 2. Dezember veröffentlicht wurden. Zur Methode heißt es in dem Welt-Artikel nur, dass Botswatch “eine Technologie entwickelt hat, um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung auf digitalen Plattformen durch solche Social Bots darstellen zu können”. Die genauen Kriterien aber sind unklar.

Zur Verdeutlichung hat Botswatch eine Grafik mit einer sogenannten Netzwerkwolke gebaut. Die stellt die Verbindungen zwischen den analysierten Accounts zur Schau – sprich: wer verbreitet die Inhalte von wem. Dabei wird ersichtlich, wie stark die Debatte von der AfD getrieben war (sicherlich keine Überraschung). Über mögliche Bots sagt die Grafik aber genauso wenig aus wie die Studie an sich.

Zu kompliziert

Experten warnen daher davor, der Studie allzu viel Wahrheitsgehalt zuzuschreiben. “Weil weder die Studie noch die Methode veröffentlicht wurden, ist es unmöglich die Zahlen zu interpretieren”, sagt der Analyst Luca Hammer gegenüber MEEDIA.

Unter anderem weist er auf Twitter darauf hin, dass es nicht einfach sei, Bots maschinell zu erkennen. Man müsse etwa darauf achten, wie einzelne Accounts auf Anfragen reagieren. Für Programme sei das in der großen Zahl nicht machbar.

Auch der Forscher Simon Kruschinski meldet auf Twitter Bedenken an dem Wahrheitsgehalt der Studie:

Darüber hinaus ist auch völlig unklar, wie groß die Auswirkungen der möglichen Social Bots auf die Meinungsbildung im Netz und damit möglicherweise auch die politischen Entscheidungen waren. Die Autoren der Studie bilden nicht den kompletten Zeitraum der Debatte ab. Schon fünf Tage nach Beginn der Auswertung stimmte der Bundestag über den Migrationspakt ab. Dabei stand das Thema schon Tage vorher auf der Agenda.

Obwohl also die Kriterien für die Auswahl der Bots nicht offenliegen, die Auswirkungen völlig unklar sind und abseits des Beitrages in der Welt (der auch nur auf Auszügen der Studie basiert) kein weiteres Material zur Verfügung steht, sorgte die Bots-Studie im Netz und den Medien für Aufmerksamkeit. Die Studie, bzw. das, was von ihr bekannt ist, bildet nach journalistischen Standards keine ausreichende Grundlage für eine solche Berichterstattung.

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