Partner von:
Anzeige

Wochenrückblick: Advent-Aufreger mit Blutwurst, Knecht Ruprecht und Kampagnen-Rache

Aufreger der Woche: Blunze, Fritze Merz, politischer Schönling, Knecht Ruprecht
Aufreger der Woche: Blunze, Fritze Merz, politischer Schönling, Knecht Ruprecht

Weil die Bild den Mindestlohn für Postzusteller vor Jahren nicht verhindern konnte, wollte sie jetzt Friedrich Merz als CDU-Vorsitzenden installieren - glaubt jedenfalls die taz. Blutwurst bei der Islamkonferenz sorgte ebenso für Aufregung wie der heutzutage schlecht beleumundete Knecht Ruprecht. Und sind die vom Zentrum für politische Schönheit eigentlich Künstler oder Aktivisten? Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Am Montag hat die taz einen großen Artikel unter der Überschrift “Wieder mitspielen” veröffentlicht. Es geht um das Verhältnis zwischen dem CDU-Politiker Friedrich Merz und der Bild-Zeitung. Die taz zimmert in dem Text die Theorie zusammen, dass eine Kampagne der Bild für die Kandidatur von Merz als CDU-Vorsitzender eine Art Retourkutsche dafür sei, dass Angela Merkel als Bundeskanzlerin 2007 eine Bild-Kampagne gegen den Mindestlohn ignorierte und darum die damals noch zu Springer gehörende Post-Firma PIN Group pleite ging. Zitat aus dem taz-Text:

Aber es wäre zu kurz gegriffen, diese Geschichte nur entlang von Friedrich Merz zu erzählen. Denn wichtig für die Frage, wie die Bild zu Friedrich Merz steht, ist auch die Frage, wie sie zur noch amtierenden Kanzlerin steht, Angela Merkel, Alter: 64, Größe: 1,65 Meter, Beruf: Auslaufmodell, Sternzeichen: Krebs, Vermögen: Protestantin.

Nach diesem Zitat folgt dann die Aufarbeitung der früheren, nach taz-Lesart gescheiterten PIN-Kampagne. Äh, ok. Kann es nicht auch sein, dass der konservative Merz für die konservative Bild einfach der “bessere” Kandidat ist. Oder dass die Merz-Story (früherer Widersacher der Kanzlerin kehrt zurück) einfach sexier für Medien ist, als die AKK-Story? Wie auch immer: In Kürze wissen wir, ob diesmal die angebliche Bild-Kampagne Wirkung gezeigt hat und Merz oder Annegret Kramp-Karrenbauer Angela Merkel als CDU-Vorsitzende nachfolgen. Und falls Merz gewinnt, dann KANN es ja nur an der Bild gelegen haben. Nicht wahr, liebe taz? (Update: AKK hat das Rennen gemacht! Die Kampagnenbilanz der Bild sieht da aber reichlich trübe aus …)

+++

Anfang der Woche gab es ein bisschen Aufregung über das Blutwurst-Gate des Horst Seehofer bei der Islamkonferenz. Beim Flying Buffet wurden doch tatsächlich auch Häppchen mit Blunze gereicht! Mit Kartoffelsalat! Kartoffeln! Hallo!? OK, es gab auch Vegetarisches und halal Essen aber eben auch Blutwurst! Und Alkohol! Diese Nicht-Begebenheit wurde von einigen Zeitgenossen in den so genannten Sozialen Medien hochgejazzt, weil Blutwurst ja aus Schwein gemacht wird und dieses für gläubige Muslime unrein ist. Da führt der Weg von der Wurst auf dem Highway in die Hölle. Der Bremer CDU-Politiker Mehmet Ünal tat sich besonders hervor. Als Ünals Parteifreund Ali Ertan Toprak das Wurst-Theater kritisierte, schrieb ihm der Herr Ünal:

Halt den Ball flach Ali! Du bist eine islamophobe Ratte und schämst dich nicht, noch Seitenhiebe zu verteilen, selbst wenn Muslime brüskiert oder provoziert werden. Für den Aufschrei über die Blutwurst hat der Tweet eines Schweinefleischkonsumenten gesorgt. Friss weiter Schwein!

Na, na, na. Das ist ja nicht so ganz die feine Art. Die Bremer CDU, Ünals Verband, distanzierte sich und forderte ihn nach weiteren Ausfällen dazu auf, nun doch bitte auszutreten. Dieser Bitte kam Ünal laut Bild-Bericht nach.

Nicht besonders gelungen finde ich aber auch, wie einige Medien die Blutwurstsache hochkochten. Der Tagesspiegel beispielsweise wählte die Überschrift: “Seehofer serviert Blutwurst bei Islamkonferenz” Unterzeile: “Was bietet man muslimischen Gästen an? Alles, nur kein Schweinefleisch. Was eigentlich Allgemeinwissen ist, hat ausgerechnet Innenminister Seehofer missachtet.”

Anzeige

Ganz so, als habe Seehofer persönlich die Blunze auf die Speisekarte gesetzt, um den Muslimen mal tüchtig eins auszuwischen. Im Artikel selbst steht in einer Stellungnahme des Innenministeriums, dass das Buffet “deutlich ausgezeichnet” gewesen sei und “das Personal instruiert, um zu den einzelnen Speisen auskunftsfähig zu sein”. Wozu also diese ganze hyperventilierende Aufregung? Mal wieder nur für den billigen, den schnellen Klick? Scheint so.

+++

Exakt dieselben Mechanismen wirkten auch bei der übergeigten Berichterstattung vom Donnerstag über ein angebliches “Knecht-Ruprecht-Verbot”, das angeblich die Grünen fordern würden. Ausgangspunkt war ein harmloser Artikel der Rheinischen Post über die Knecht-Ruprecht-Tradition, der Stimmen enthielt, die das Drohbild des finsteren Gesellen mit Rute heute nicht mehr für doll zeitgemäß halten. Kann man so sehen, muss man nicht. Unter den Leuten, die sich äußerten, war auch die Grünen-Politikern Josefine Paul. Das reichte aus, um bei diversen Medien das Klick-Triptychon “Grüne-Verbot-Weihnachten” in grellen Farben zu zeichnen. Wobei sich Medien und AfD-Leute schön gegenseitig befeuerten. Wenn es mal wieder darum geht, wie und warum die Gesellschaft immer gespaltener wird und dass Hass und Missgunst geschürt werden, sollten die Medien vielleicht nicht immer zuerst mit dem Finger auf Facebook & Co zeigen, sondern auch mal bei sich selbst anfangen.

+++

Das so genannte Zentrum für politische Schönheit (ZPS) ist eine Gruppe von Polit-Kunst-Aktivisten, die in der Vergangenheit schon des öfteren für Aufsehen gesorgt haben. Zuletzt mit der umstrittenen Aktion, eine Mini-Version des Holocaust-Mahnmals vor dem Haus des AfD-Politikers Björn Höcke nachzubauen. Diese Woche startete das ZPS die “Soko Chemnitz”. Angeblich hatten die Künstler-Aktivisten Nazis auf Video-Aufnahmen der Unruhen in Chemnitz identifiziert. Nun forderten sie dazu auf, die braunen Unholde DSGVO-konform zu denunzieren, zum Beispiel beim Arbeitgeber. Die Aktion bekam erwartungsgemäß ein breites Medien-Echo. Kurz danach die Auflösung: Die “Soko Chemnitz” sei ein “Honeypot” gewesen, eine Art Falle. Im Wahrheit habe das ZPS gewollt, dass potenzielle Nazis sich selbst in der Datenbank suchen und somit ihre Identität preisgeben. Wie die ZPS-Leute darauf kommen, dass erstens jemand, der seinen Namen in eine Internet-Suchmaske eingibt auch derjenige sein muss, und dass zweitens ebendieser dann auch ein Nazi ist, ist rätselhaft. Bleibt der Verdacht, dass es sich hier doch eher um Kunst handeln könnte und weniger um Aktivismus, was vielleicht auch ganz beruhigend ist.

Ein wunderbares zweites Adventswochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” rede ich mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt auch über das Thema “Soko Chemnitz”. Außerdem geht es um den anstehenden Start des ambitionierten Journalismus-Weiterbildungsprojekts Reporterfabrik. Hierzu haben wir mit Cordt Schnibben, Ex-Spiegel-Reporter und einer der Mit-Gründer der Reporterfabrik, gesprochen. Viel Spaß beim Reinhören!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia