Partner von:
Anzeige

Mit Wolf Schneider, Giovanni di Lorenzo, Jan Böhmermann: Schnibbens und Schravens Reporterfabrik startet Beta-Phase

Wollen professionelle und Bürgerjournalisten via Web-Akademie weiterbilden: Cordt Schnibben (l.) und David Schraven (r.) gründen die Reporterfabrik
Wollen professionelle und Bürgerjournalisten via Web-Akademie weiterbilden: Cordt Schnibben (l.) und David Schraven (r.) gründen die Reporterfabrik

Sie haben nichts geringeres vor, als den Weg der "redaktionellen Gesellschaft" zu beschreiten – dazu haben Ex-Spiegel-Mann Cordt Schnibben und David Schraven von Correctiv eine Art digitale Volkshochschule hochgezogen, die Interessierten Medienkompetenz und journalistisches Handwerk vermitteln soll. Vor ein paar Tagen startete die "Reporterfabrik" die Betaphase – ein erster Einblick.

Anzeige

“Wenn ihr erster Satz für einen Schulaufsatz taugt, dann schmeißen Sie ihn weg.” “Nichts ist wahrscheinlicher, als im Ozean des Geschrieben zu ersaufen.” Es sind klare, sprachlich schöne Sätze wie diese, die Wolf Schneider so einzigartig machen – und die sich bald jeder, wieder und wieder anhören kann, um zu lernen.

Der 91-jährige Gründungsleiter der renommierten Henri-Nannen-Schule ist Dozent bei der Reporterfabrik, die so etwas wie eine Volkshochschule für journalistisches Handwerk sein will. Rein digital, per Videos, Podcasts, Handouts, werden in Workshops journalistische Kenntnisse vermittelt, Handwerk erklärt.

Jetzt ist die Reporterfabrik mit einer Beta-Version online, acht Workshops sind zunächst für ausgewählte Nutzer verfügbar, gegen Ende Dezember folgen weitere sechs, einen Monat später noch einmal 24 Workshops. Mehr als 1.100 einzelne Tutorial-(Episoden), verteilt auf 100 Workshops und 120 Podcasts sollen so für das erste Jahr der digitalen Akademie zusammenkommen.

Zwei Jahre hat der Aufbau der Fabrik, für die der ehemalige Spiegel-Reporter Cordt Schnibben sowie das stiftungsfinanzierte Recherchebüro Correctiv verantwortlich zeichnen, gedauert. Während sich zu Beginn zwei Menschen damit beschäftigt haben, ist die Bildungsplattform eigenen Angaben zufolge mittlerweile ein Projekt mit 16 stetig beschäftigten Leuten, mehr als 200 arbeiten für die Reporterfabrik, wenn man Dozenten und Produktionskräfte mitzählt.

Neben Wolf Schneider, der zwei Dutzend Faustregeln “für gutes Deutsch” aufstellt, referieren Experten wie Investigativjournalistin Anette Dowideit (insgesamt mehr als 160 (!) Minuten lang) oder Fact-Checkerin Tania Röttger über ihre Fachgebiete. In den kommenden Wochen sollen Videos von Alice Schwarzer (als Blattmacherin), Richard Gutjahr zum Thema Reporter-Equipment, Stefan Niggemeier als Medienkritiker oder Moritz von Uslar zur Darstellungform Interview folgen.

Angereichert ist der Frontalunterricht in vielen Fällen mit Aufgabenblöcken, in denen theoretisch Gelerntes direkt angewendet werden kann. Nicht selten werdend dabei gewisse Grundkenntnisse bereits vorausgesetzt – beispielsweise wenn nach den Einführungsvideos (die u.a. heißen: “Journalist – was ist das?”) ohne vorhergegangene Erklärung danach gefragt wird, was Journalistenregeln wie “Unter 3” oder “Man bites dog” bedeuten. Wiederum praktisch: Am Ende jeder Session liefert die Reporterfabrik ein Handout zum Download.

Anzeige

Trotz ihres Namens, trotz Anwendungstipps und teils langen Kursen: Die Reporterfabrik mag Otto-Normalnutzer mit gewissen Grundlagen und Tools versorgen, Journalisten gehen am Ende aber nicht vom Band. Das kann auch nicht das Ziel der Macher sein, viel mehr geht es um etwas Größeres. “Unsere Idee ist ganz einfach: Wir möchten, dass möglichst viele Menschen verstehen, wie Medien ihr Leben beeinflussen; und was sie beachten sollten, wenn sie selbst Texte, Fotos oder Videos veröffentlichen”, sagt Cordt Schnibben. Am Ende, so bezeichnen es die Macher, soll eine  “redaktionelle Gesellschaft” stehen.

Wer die Reporterfabrik betritt soll also verstehen, wie Journalismus gemacht wird, Regeln und Mechanismen nachvollziehen können. Die Reporterfabrik ist – vor allem aus Sicht von Correctiv, das auch mit dem Campfire-Festival in Düsseldorf für eine bessere Kommunikation zwischen Journalisten und Lesern eintritt – ein weiterer Baustein in der Vermittlung von Medienkompetenz, eine Art Transparenz- und Vertrauensprogramm. Ein notwendiges.

Damit gehen die Journalisten und Macher eine wichtige Aufgabe an, die der staatliche Bildungsapparat – leider – meist noch links liegen lässt. Das wissen auch die Macher, die mit “Reporter4You” ein extra auf Schulen und für Schüler ausgelegtes Gratis-Programm aufgelegt haben. 14 Module stehen dort zur Verfügung, ebenso eine Datenbank, die 300 Journalisten an Bildungseinrichtungen vermitteln soll.

Finanziert wird das Ganze offenbar größtenteils von Spenden – als Geldgeber aufgeführt werden die Stadt Hamburg aber auch Unternehmen wie die Telekom, Facebook oder Stiftungen wie die LfM-Stiftung Vor Ort NRW oder die Robert-Bosch-Stiftung. Darüber hinaus setzen die Macher aber auch auf ein Freemium-Modell. Ein Teil ihrer Inhalte ist frei im Netz verfügbar, für bestimmte Sessions aber will die Reporterfabrik Geld vom Nutzer. “Wir hatten zunächst erwogen, einen Teil der Gelder für die Reporterfabrik über ein Crowdfunding einzusammeln”, schreibt Correctiv-Chef David Schraven. “Wir haben uns aber dafür entschieden, zunächst die Lernplattform zu entwickeln, um so den Nutzer zeigen zu können, wozu wir ihr Geld brauchen. Und nur, wer von den Lehrinhalten profitiert, soll auch dafür zahlen.”

Die Spanne reicht von fünf Euro für den Kurs mit Wolf Schneider über 15 Euro bis hin zu 25 Euro für andere Workshops (“Fake News entdecken”) oder so genannte Masterclasses. In der teuersten Kategorie fährt die Reporterfabrik zudem Special-Interest-Inhalte auf; beispielsweise einen Workshop von Cordt Schnibben über die Darstellungsform der Reportage oder langes Interview mit Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Darin gibt der Chefredakteur der Zeit nicht nur seine Wein-Vorlieben preis, sondern er beantwortet auch biografische und berufliche Fragen. Ob solch ein Format – das in ähnlicher Form auch gratis im Netz zu finden ist – auf große Nachfrage stößt, bleibt abzuwarten.

Die kommenden Wochen werden die Macher ihre Beta-Phase dazu nutzen, das Angebot technisch wie auch in der Nutzerführung zu verbessern. Ab Januar soll die Reporterfabrik dann für jeden – auch via eigener App – zugänglich gemacht werden.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia