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Das plötzliche Verstummen: Warum uns der Tod von Stefanie Tücking so sehr berührt

Stefanie Tücking
Stefanie Tücking

Der unerwartete Tod der SWR3-Radiomoderatorin Stefanie Tücking hat im Web für gewaltige Reaktionen gesorgt. Allein am Wochenende verzeichnete Google über eine Million Suchanfragen. Ihre Wikipedia-Seite war die meistbesuchte in Deutschland an diesen beiden Tagen. Warum bewegt der Tod der Moderatorin so viele Menschen?

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Ich kannte Stefanie Tücking nicht. Also, so ganz stimmt das natürlich nicht, irgendwie kannte ich sie schon. Allerdings in dem Sinne, wie man die Stimme aus dem Radio eben kennt oder die Person, die früher mal die Musiksendung “Formel 1” präsentiert hat. Persönlich bin ich ihr nie begegnet und damit geht es mir wie den meisten der vielen tausend Menschen, die vom plötzlichen Tod der SWR3-Moderation berührt wurden und minütlich Trauer- und Beleidsbekundungen oder kleine Geschichten auf der Kondolenzseite ihres Senders oder sonstwo im Internet hinterlassen.

Am Wochenende ist Stefanie Tücking im Alter von 56 Jahren völlig überraschend gestorben. Wenn jemand so unerwartet aus dem Leben geht, zumal in einem Alter, in dem gesunde Menschen noch lange nicht an den Tod denken, ist das immer ein schrecklicher Schnitt. Für Angehörige und Freunde ist der Tod immer ein einschneidendes Erlebnis, auch wenn jemand am Ende des Lebens steht und mit über 90 Jahren stirbt. Mit Mitte 50 kommt noch eine brutale Plötzlichkeit hinzu. Da gab es keine Phase, in der man sich gedanklich mit dem Ende auseinandersetzen konnte. Es ist ein Schock.

Bei prominenten Menschen erfasst dieser Schock in abgemilderter Form auch Leute, die keine persönliche Beziehung zu dem oder der Verstorbenen hatten. Wir werden daran erinnert, dass wir sterblich sind, dass der Tod manchmal auch unerwartet und viel zu früh kommt. Solche Nachrichten lassen uns hochschrecken aus dem mit hundertausend Kleinigkeiten vollgestopften Alltag, dem Stress mit dem Job, den Kindern, dem Haushalt. Plötzlich wird man mit der Nase auf das Existenzielle gestoßen, das wir meistens so erfolgreich aus der täglichen Mühle ausgeblendet haben.

Das trifft umso mehr zu, wenn es eine aus unserer Generation trifft, diese Stimme aus dem Radio, die wir seit der Jugend kannten, damals noch mit ihrer Achtziger-Löwenmähne. Die Stimme. Das ist noch so ein Punkt, der womöglich dafür sorgt, dass der Tod von Stefanie Tücking so viele bewegt: Sie war eine Stimme im Radio. Radio gilt als Nebenbeimedium, es ist damit aber auch ein Begleit-Medium. Radio-Stimmen sind bei uns am Frühstückstisch und nachts im Auto. Vielleicht vor dem Zubettgehen, vielleicht beim Joggen. Diese Stimmen sind vertraut, ohne dass das sonderlich auffällt. Sie begleiten uns durch den Tag, die Nacht und manche auch durchs Leben. Radio geht durchs Ohr direkt ins Hirn, wo eben auch die Gefühle sitzen und es gilt nicht umsonst als das vielleicht emotionalste und direkteste Medium. Es ist der Dreiklang aus Stimme, Persönlichkeit und Musik, der Emotionen wachküsst. Im besten Fall, bei Steffi Tücking war das so. Erst wenn eine so markante und vertraute Stimme plötzlich verstummt, spüren wir, wie sehr sie fehlt.

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Beschäftigt man sich ein wenig näher mit der Person Stefanie Tücking, wirft man, wie zig Tausende Google an, wird es nicht besser. Man findet die Beschreibungen einer Frau, naturverbunden, geliebt und respektiert von Freuden, Familie und Kollegen. Die alten Filmausschnitte aus “Formel 1”, wie sie mit James Brown tanzt, mit Michael Douglas schäkert. Aber auch die neueren Aufnahmen aus dem SWR-Studio, wie sie mit Hörern spricht und lacht. Das pure Leben. Die zahllosen Trauer-Bekundungen im Social Web sprechen Bände. Dass jemand “mitten im Leben” steht ist eine Phrase, aber Phrasen sind halt manchmal zutreffend. Bei ihr war das wohl der Fall.

Wie sehr die Leute Anteil nehmen, sieht man auch an Google. Tippt man “Stefanie Tü…” ein, schlägt die Suchmaschine sofort “Stefanie Tücking Todesursache” vor. Die Leute suchen offenbar in großer Zahl eine Antwort, ein Warum. Für den Tod von Steffi Tücking aber auch für sich selbst. Das muss kein schäbiger Voyeurismus sein, es ist ein Bedürfnis nach Sinn. Letztlich aber ist die Todesursache nicht wichtig. Die Frage nach dem Sinn kann eine Todesursache nicht beantworten. Was zählt ist, dass ein Leben gelebt wurde und dass es jetzt zu Ende ist.

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Alle Kommentare

  1. Schön und einfühlsam geschrieben, Herr Winterbauer.

    Dann bleiben wir einfach einfühlsame, nachdenkliche, verletzbare, gerechte, suchende, lustige, ernste, fehlerbehaftete Menschen, die sich sagen trauen, was sie denken und einfach tun, was zu tun ist. Dann hat es sich gelohnt – das Leben, egal wie lange es auf Erden dauert.

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