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Der neue RTL-Deutschland Chef Reichart muss kämpfen und braucht mehr finanziellen Spielraum

Der künftige Chef der Mediengruppe RTL Deutschland, Bernd Reichart
Der künftige Chef der Mediengruppe RTL Deutschland, Bernd Reichart

Die langjährige RTL-Deutschland-Chefin Anke Schäferkordt tritt zum Jahreswechsel ab. Ihr Nachfolger, Vox-Geschäftsführer Bernd Reichart, braucht nach der Übernahme des Chefsessels der Mediengruppe RTL Deutschland zu Jahresbeginn mehr exklusive und innovative Inhalte, um die Marktführerschaft der Bertelsmann-Tochter zu verteidigen. Dafür braucht er mehr finanziellen Freiraum von der Gütersloher Zentrale. Eine Analyse zum Wechsel an der RTL-Spitze.

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Von Hans-Peter Siebenhaar

Am Ende geht alles doch sehr viel schneller als gedacht: Bereits zum 1. Januar wird Bernd Reichart den Chefsessel bei der RTL-Mediengruppe Deutchland übernehmen. Eigentlich lief der Vertrag von Anke Schäferkordt noch bis Ende 2019. Doch nach über 13 Jahren an der Spitze der Kölner Sendergruppe (RTL, Vox, Super RTL, N-TV, RTL Nitro) räumt die Fernsehmanagerin ihren Schreibtisch ein Jahr früher.

Eine gute Entscheidung. Denn so vermeidet die stets loyale Managerin einen mühsamen und lähmenden Übergangsprozess. Mit dem schnellen Wechsel an der Spitze der deutschen Fernsehtochter ist Bertelsmann-Chef Thomas Rabe ein Coup gelungen. Nicht einmal die Führungsetage war bis kurz vor der Bekanntgabe darüber informiert. Reichart galt bereits seit Jahren als Kronprinz bei RTL Deutschland. Schon 2013 sorgte Rabe dafür, dass der damals im TV-Konzern unbekannte Manager auf Anhieb Geschäftsführer von Vox wurde. Der Sender galt schon damals als Karrieresprungbrett. Schließlich leitete Schäferkordt selbst Vox von 1999 bis 2005.

Rabe und Reichart kennen sich lange. Reichart war rund ein Jahrzehnt für RTL in Madrid tätig. Dort gehörte er zum Führungsteam des spanischen Privatsenders Antena 3, an dem die in Luxemburg börsennotierte RTL Group maßgeblich beteiligt ist. Der ehemalige Lehramtsstudent für Sport und Englisch war damals eine Art Vertrauensmann des Gütersloher Konzerns. Die Personalie sorgt bei einigen wenigen in Köln für Frustrationen. Schließlich galt auch Frank Hoffmann, RTL-Sendergeschäftsführer, als ein möglicher Kandidat. Der 52-jährige Gütersloher ist schließlich länger bei RTL und hatte dort bisher auch eine größere Verantwortung.

Doch die meisten RTL-Mitarbeiter in Köln sind über die interne Lösung glücklich. Denn Reichart gilt als der Gentleman unter den deutschen Fernsehmanagern. Kollegen und Mitarbeiter schätzen seine Fähigkeit, genau zuzuhören. Dieses Talent wird Reichart brauchen. Bislang leitete der Programmspezialist nur einen überschaubaren Sender mit kaum mehr als 100 Mitarbeitern. Künftig trägt er die Verantwortung für eine Mediengruppe mit über 2.300 Mitarbeitern. Er wird sich um die digitale Inhaltestrategie des Marktführers kümmern müssen.

Die Zeiten für Reichart und sein Führungsteam, das er noch zusammenstellen muss, sind alles andere als einfach. Mit dem Triumph neuer Marktteilnehmer wie Netflix und Amazon, dem Aufstieg des Bezahlsenders Sky und seiner Allianzen mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen sowie durch die Offensive der Deutschen Telekom mit ihrem Magenta TV ist der ohnehin harte Wettbewerb noch härter geworden.

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Die wachsende Nutzung von Filmabrufportalen erhöht den Druck auf die klassischen Fernsehsender. Denn noch immer ist das Werbegeschäft für RTL, Vox & Co. der größte Umsatzbringer. Die RTL Group ist mit einem Umsatz von 6,4 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 739 Millionen Euro der größte TV-Konzern in Europa. Knapp 2,3 Milliarden Euro an Erlösen kamen zuletzt von RTL Deutschland. Von Reichart sind angesichts dieser starken Position keine lauten Revolutionen zu erwarten. Er ist ohnehin kein Ankündiger und Selbstdarsteller. Leise auftreten, sich kleiner machen als man ist, ist eines seiner Erfolgsgeheimnisse.

Vor anderthalb Jahren baute er für die damalige RTL-Sportrechteagentur Ufa Sports in Madrid das Geschäft auf und wechselte dann zu Antena 3. Der Job in Madrid war ein Härtetest. Der spanische Sender litt unter einem miserablen Werbemarkt, Einsparungen und Entlassungen. Mit Druck kann Reichart also umgehen. Er geht auf die Leute zu. Mitarbeitermotivation an der Basis ist eine seiner Stärken, die auch in Gütersloh zählen.

Schäferkordt hinterlässt in Köln ein gut bestelltes, starkes und selbstbewusstes Medienhaus. Doch Reichart weiß, er muss die exklusive Marktführerschaft bei den Inhalten – egal ob im linearen oder non-linearen Fernsehen – noch sehr viel stärker ausbauen. Einen Vorgeschmack gab der Programmmanager bereits bei Vox mit der ersten selbst produzierten Serie “Club der roten Bänder”, die vor zwei Jahren unter anderem den Deutschen Fernsehpreis einheimste. Mehr exklusive und innovative Inhalte werden freilich auch mehr Geld kosten.

Deshalb braucht Reichart aus Gütersloh mehr finanziellen Spielraum, um die starke Position von RTL Deutschland gerade in herausfordernden Medienzeiten wie diesen verteidigen oder gar ausbauen zu können. An den exklusiven und damit quotenstarken Inhalten – egal auf Fernseher, Tablet-PC oder Handy – wird sich die wirtschaftliche Zukunft der RTL Group entscheiden.

Dieser Text erschien ursprünglich in der Kolumne “Der Medien-Kommissar” bei handelsblatt.com. MEEDIA gehört zur Handelsblatt Media Group.

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