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"Ich finde das noch immer sehr traurig": Charlotte Roche über die TV-Trennung von Jan Böhmermann, deutsche Talkshows und ihr Comeback

Charlotte Roche ist Buchautorin und Moderatorin

Mit „Feuchtgebiete“ gelang Charlotte Roche ein Bestseller, auch ihre Talkshows erreichten ein breites Publikum. Fast sechs Jahre nach dem Aus von „Roche und Böhmermann“ feiert die Buchautorin ihr TV-Comeback als Gastgeberin einer Ausgabe des Doku-Talks „Die Geschichte eines Abends“ (NDR). Bei MEEDIA spricht sie gemeinsam mit Redaktionsleiter Fabian Döring (Die Box) über das Format, die TV-Trennung von Jan Böhmermann und was sich an Talkshows verbessern sollte.

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Zuletzt hat man sie vor fast sechs Jahren im Fernsehen gesehen bei „Roche und Böhmermann“, wo Gäste rauchen und trinken durften. Nun nehmen sie an einem Talk-Format teil, das ebenso ungewöhnlich ist: „Die Geschichte eines Abends“ im NDR. Was ist das Konzept?
Roche: Wir tun genau das, was Fernsehmacher schon immer machen wollten: einfach draufhalten und die Protagonisten machen lassen. In der Realität klappt das selten. Dann kommt der Kameramann und bemerkt, dass das Licht falsch eingestellt ist oder beim Ton etwas nicht stimmt. Wenn man dann dreimal die Begrüßung nachspielen muss, wird es schnell steif. Bei diesem Konzept ist das nicht so: Egal, ob einer von dem Drehort weggeht oder sonst etwas macht, die Kameras nehmen alles auf. Das ist wie eine große Party. Ein Drehbuch oder Thema gibt es nicht.
In ihrem Fall werden der Ex-Fußballer Tim Wiese, die Politikerin Annalena Baerbock und die Schauspieler Christine Neubauer und Robert Stadlober bei Ihnen in einer Landhütte zu Gast sein und zum ersten Mal aufeinander treffen. Eine skurrile Mischung…
Roche: Genau! Und es war sicher auch nicht leicht, die Gäste zu bekommen. Durch das Konzept der Sendung springen viele bei der Anfrage schon ab.
Döring: Die Leute, die kommen, sind einfach mutig. Das hat Charlotte neulich sehr gut auf den Punkt gebracht: Das Format ist wie ein freier Fall. Die Gäste und der Gastgeber müssen Lust haben auf etwas Anderes. Obwohl die Sendung im Fernsehen nur 45 Minuten lang ist, geht so ein Abend oftmals bis tief in die Nacht. Und das spiegelt sich am Ende in der Sendung wider: die Gäste haben Zeit, auch mal zu schweigen, sich zu vereinzeln und sich kennenzulernen.

Robert Stadlober, Charlotte Roche, Tim Wiese, Annalena Baerbock und Christine Neubauer (v.l) bei „Die Geschichte eines Abends“ im NDR

Geht es also vielmehr um das Private an den Leuten statt um ihre jeweilige Agenda?
Döring: Ja, aber privat nicht im Sinne von Skandalen, sondern eher im Sinne vom Interesse an der Frage: wer seid ihr eigentlich? Das macht auch den Zauber aus.
Roche: Natürlich sind die Gäste auch sehr Talkshow-erfahren. Da ist es meistens so, dass jeder seine Redezeit hat und auch über sein Buch, seine CD und den neuesten Film spricht. Teilweise finde ich das sehr einschläfernd. Bei „Die Geschichte eines Abends“ ist das anders. Da gibt es keine festen Regeln. Darum schätze ich die Sendung so.
Sehen Sie die Kühle bei Talkshows allgemein als Problem in Deutschland?
Roche: Ich kenne das aus eigener Erfahrung, in Talkshows zu sitzen. Das große Problem ist, dass man ungern in den Gesprächspart des anderen hineinreden möchte, auch wenn das gewollt ist. Man ist verdammt dazu, der brave Zuhörer zu sein. Sonst denkt jeder, dass ich den anderen Gästen Redezeit klauen will. Deswegen kommt es in solchen Talkshows selten zu einem wirklichen Gespräch.
Wie könnte man das lösen?
Roche: Es braucht mehr Ehrlichkeit. Ich mag es überhaupt nicht, wenn sich Talkshow-Gastgeber zurücknehmen. Das ist wenig unterhaltsam.
Döring: Es ist eine sehr einseitige Sache, wenn man immer Empathie einfordert und sie nicht gibt. Wer nimmt sich das Recht eigentlich heraus, immer nur zu fragen?
Roche: Und teilweise bohren die Moderatoren auch massiv im Privatleben der Gäste. Wenn man aber eine Frage zurückstellen möchte, redet man gegen eine Betonwand. In “Die Geschichte eines Abends“ gebe ich von mir viel preis und dafür kann ich von Gästen auch viel verlangen. Der Vorteil ist aus meiner Sicht zudem, dass ich während der Sendung gar keine Karten mit Fragen habe und dass es kein Publikum gibt und keine sichtbaren großen Kameras. Genau so kommt Intimität zu Stande.
So ähnlich war das Konzept von „Roche und Böhmermann“ auch ausgelegt: Dunkles Studio und viel Intimität. Trotzdem hielt die Sendung nur ein Jahr und wurde 2013 eingestellt. Warum?
Roche: Ja, leider! Ich finde das noch immer sehr traurig. Da sind intern Sachen passiert, über die wir aber nicht öffentlich reden wollen. Das haben wir so vereinbart. Und daran will ich mich halten.
Jan Böhmermann hat weiter TV-Karriere gemacht. Mit dem “Neo Magazin Royal“ moderiert er eine Satire-Sendung, zusammen mit Olli Schulz hat er auch ein Jahr lang das Konzept von „Roche und Böhmermann“ wiederbelebt. Schauen sie seine Sendungen gelegentlich?
Roche: Nein, das kann ich nicht. Wegen der schlimmen Trennung und durch das, was ich dadurch verloren habe, empfinde ich es als unangenehm das zu gucken.
Also haben Sie auch keinen Kontakt mehr zu Böhmermann?
Roche: Nein, leider nicht.
Sie hätten nach dem Aus des Talk-Formats auch ihre TV-Karriere weiterführen können. Warum haben Sie das nicht getan?
Roche: Also quasi „Roche und Böhmermann“ nur ohne Böhmermann? Ich glaube ich musste den Verlust von Jan erstmal verkraften. Ich brauch immer etwas länger, sowas zu verarbeiten.
… und in der Zukunft?
Roche: Ich schließ es nicht aus.
Beim SZ-Magazin haben sie derzeit online eine Kolumne „Jetzt könnte es kurz wehtun“. Darin schreiben Sie über Dinge aus dem Leben, häufig feministisch, unterhaltsam und polarisierend. Fehlt so etwas dem Unterhaltungsjournalismus?
Roche: Also wenn sie mich als Konsumenten fragen, auf jeden Fall. Ich schreibe in Büchern gerne, was ich lesen würde und in meinen Kolumnen natürlich auch. Und für so eine Kolumne kann man richtig draufhauen. Das macht echt Spaß. Auch wenn dann sehr viel Gegenwehr kommt, das war ja bei allen Sachen so, die ich bisher gemacht habe. Dann denke ich immer, dass ich doch etwas richtigmache.
Dass sie heute in der breiten Masse so bekannt sind, liegt auch an ihren Bestsellern, etwa „Feuchtgebiete“ von 2008. Angefangen haben Sie ihre Karriere bei Viva. 2003 schrieb der stern über Sie: „Das breite Publikum wird sie vermutlich nie erobern, dafür ist sie zu seltsam“ – eine Fehleinschätzung. Wie wollen Sie ihre Erfolge noch toppen?
Roche: Dabei bin ich so mainstream geworden (lacht). Früher war es wirklich so: Im Nischenfernsehen konnte ich richtig schön arrogant über alle abkotzen, die erfolgreich oder Mainstream sind. Und dann kam „Feuchtgebiete“… seitdem habe ich Verständnis für den erfolgreichen Mario Barth. Aber so einen Erfolg muss man lange verarbeiten. Nicht nur die Trennung von Jan Böhmermann. Feuchtgebiete zu verkraften hat bei mir zehn Jahre gedauert. Da war mir total klar, dass ich mich selbst nicht mehr toppen kann. Und ich versuch es auch gar nicht erst.
„Die Geschichte eines Abends“ läuft seit 2015 im NDR-Fernsehen. Die Folge mit Charlotte Roche als Gastgeberin wird am 30. November um 0.15 Uhr ausgestrahlt. Vorab gibt es den Doku-Talk in der Mediathek ab 18 Uhr.

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