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Der gespaltene Kandidat: Friedrich Merz‘ Auftritt bei "Anne Will"

Annalena Baerbock von den Grünen, Friedrich Merz von der CDU bei Anne Will: Gegner oder bald Verbündete?

Die „Anne Will“-Sendung am gestrigen Sonntagabend trug zwar den Titel „Das gespaltene Land“, interessant war aber vor allem, wie sich der CDU-Hoffnungsträger Friedrich Merz bei seinem ersten großen Talkshow-Auftritt nach Bekanntgabe seiner Kandidatur für den Parteivorsitz schlagen würde. Merz gab sich keine Blöße. Man erkannte aber auch, wie schwierig es für ihn sein wird, unterschiedliche Strömungen unter einen Hut zu bringen.

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Das TV-Publikum sah einen lockeren, souveränen Friedrich Merz, der wohl dosierte Sticheleien der Moderatorin („reicher Besserwessi der gehobenen Mittelschicht“) ebenso weggesteckte, wie er die vielen Forderungen der Grünen-Chefin Annalena Baerbock und der SPD-Vize und Ministerpräsidentin von MeckPomm, Manuela Schwesig, parierte. Überhaupt war das Duo Schwesig/Merz die interessanteste Konfrontationspaarung des Abends, die zu Recht auch die meiste Sendezeit erhielt (zu Lasten vor allem des Tagesspiegel-Herausgebers Stephan-Andreas Casdorff, der nur sehr selten zu Wort kam).
Während Merz eindeutig die Hoffnungen der Unionisten auf einen konservativen Neuanfang nach der Ära Merkl verkörpert, so ist bei der SPD noch nicht klar, wohin die Reise geht. Kaum jemand mag sich indes vorstellen, dass die Sozen mit dem aktuell präsenten Spitzenpersonal in einen wann auch immer kommenden Bundestags-Wahlkampf ziehen werden. Manuela Schwesig ist da schon jemand, die eine mögliche Zukunft der Sozialdemokratie darstellen kann, besser jedenfalls als die vielfach verbrauchten Kräfte Andrea Nahles und Olaf Scholz.
Insofern war uns Zuschauern bei „Anne Will“ schon ein kleiner Blick auf den nächsten Bundestagswahlkampf erlaubt, in dem die Konfliktlinien durchaus wieder zwischen CDU/CSU und SPD verlaufen könnten. Dazu passt auch, dass die Bissigkeit der Grünen-Chefin gegenüber Merz spürbar zurückgenommen war. Die Linien einer möglichen kommenden Politik sortieren sich schon heute, wenn auch noch im embryonalen Stadium.
Das Kunststück, das Merz glaubhaft aufführen muss, ist nicht ganz einfach – immer vorausgesetzt, er gewinnt die Wahl zum Parteivorsitzenden. Offensichtlich hat er sich vorgenommen, die CDU neukonservativ aufzuladen, ohne eine hundertprozentige Abkehr des Erbes von Angela Merkel zu vollziehen. Merz schwört auf die Einhaltung von Rechtsstaat und Rechtsordnung und bedient die Erzählung von der Grenzöffnung für den Flüchtlingsstrom 2015. Damit drückt er bewusst Knöpfe, die Merkel-Gegner ansprechen.
Gleichzeitig lobt er die damalige Aufnahme als großartigen humanitären Akt und sagt „ich grenze mich nicht gegen Angela Merkel ab“. In dieser Hinsicht ist Merz ein gespaltener Kandidat. Die große Frage wird sein, ob er diesen Spagat lange genug glaubhaft wird aufführen können.
Das ist die Voraussetzung dafür, dass er AfD und Grünen wieder Wähler abjagen kann, was ja sein erklärtes Ziel ist. Zurecht hat Merz bei „Anne Will“ festgestellt, dass Wähler der Grünen heute auch in den reichen Elbvororten sitzen, eine Klientel, die klassischerweise eher der Union zugeneigt sein dürfte.
Anne Will sprach den wunden Punkt des kommenden CDU-Vorsitzenden in spe an diesem Abend an: sein Image als Kapitalisten-Freund und abgehobener Reicher, was gerade in D-Land ein gefährlicher Vorwurf sein kann. Frau Schwesig witterte das und hieb sogleich in diese Kerbe, indem sie Merz vorhielt, er müsse doch mal dazu stehen, „in der Wirtschaft gut Kasse gemacht zu haben.“ Da zeigt sich, dass Merz schnell reagieren kann. Er verwies auf die negative Konnotation der Formulierung „Kasse machen“ und erklärte, er habe viel und hart gearbeitet und stets seine Steuern gezahlt: „Wenn ich erfolglos gewesen wäre, würde niemand in Frage stellen, ob ich in die Politik zurück kann.“ Da hat sich einer mit den Argumenten der Gegenseite vertraut gemacht.
Wir erleben nun die paradoxe Situation, dass CDU/CSU im Bund gemeinsam regieren, bei „Anne Will“ aber schon mal in Wahlkampfmodus gehen, ohne dass die beiden Protagonisten überhaupt schon gewählt wären, bzw. in Schwesigs Fall noch unklar ist, ob sie überhaupt eine führende Rolle bei einer kommenden Wahl anstrebt. Andererseits: Wer soll es bei den Sozen denn sonst machen?
Eine Merz-CDU stünde demnach irgendwie für das Wertkonservative (wobei sowohl Werte als auch das Konservative noch näher zu definieren wären), für den „kompromisslosen“ Rechtsstaat ohne dabei „rechts“ zu sein (noch so ein Kunststück, das der Politik-Artist Merz aufführen will) sowie einen „gesunden Patriotismus“. Letzterer in Abgrenzung zum als ungesund, wenn nicht gar krankhaft empfundenen Patriotismus der AfD.
Eine Schwesig-SPD würde auf der anderen Seite vor allem fordern: Garantien für 100 Prozent beitragsfreie Kita-Abdeckung, Garantien für 100 Prozent Mobilfunkabdeckung mit 5G. Und die ebenso macht- wie geldhungrigen Konzerne und Reichen sollen an die Kandare genommen werden. Es ist die alte Groß-Konfliktlinie zwischen CDU und SPD, die zwischen Merz und Schwesig plötzlich wieder erkennbar ist. Mehr Staat und Umverteilung (SPD) vs. weniger Staat und Steuersenkungen (CDU). Das muss für die politische Kultur nicht Schlechtes heißen, dass sich die beiden nicht mehr ganz so großen Parteien in dieser zentralen Frage wieder voneinander wegbewegen. Für die AfD wäre das ganz gewiss eine schlechte Nachricht.
Sich in diesen Politik- und Debattenfeldern fehlerfrei zu bewegen ist in unserer multimedialen, multithematischen Welt mit ihren zigfach verflochtenen Interessen natürlich alles andere als leicht. Es gilt Koalitionspartner in spe (die Grünen) nicht zu sehr zu verprellen, man darf sich aber auch nicht anbiedern. Muss offen sein für Kompromisse und trotzdem die berühmte Haltung zeigen. Gleichzeitig sitzt die eigene Partei mit dem künftigen Haupt-Gegner (SPD) noch in einer Regierung.
Bislang hat sich der Politik-Artist Friedrich Merz bei der „Tournee“, wie er das selbst nannte, zur Vorsitzendenkür noch keine groben Schnitzer erlaubt und auch sein Auftritt auf der großen Talkshow-Bühne „Anne Will“ war überzeugend. Der eigentliche Test folgt freilich erst, falls er tatsächlich ins Amt kommt. Merz ist schlau genug, dass er das selbst am besten weiß und seinen Spagat schon weidlich geübt hat.

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