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"Wir werden uns noch nach ihr sehnen": So respektvoll würdigt die linke taz das Polit-Phänomen Angela Merkel

Chefredakteur Georg Löwisch, taz-Titel nach Merkel-Rückzugsankündigung: "In dem Moment endet auch die Gegnerschaft."

Angela Merkel überall: An den Zeitungsständen der Republik war die Bundeskanzlerin heute omnipräsent. Der angekündigte Rückzug beherrschte die Titelseiten, die je nach Medium eher als Nachruf oder als Nachtreten gerieten. Ausgerechnet die linke taz indes trotzte der kollektiven Merkel-Dämmerung mit der Schlagzeile „Wir werden uns noch nach ihr sehnen“. Warum, erklärt Chefredakteur Georg Löwisch.

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Illustriert ist die Titelseite der taz mit einem 18 Jahre alten Foto, das Angela Merkel unpassend zur Jahreszeit in einem Strandkorb zeigt. Blattmacher Löwisch dazu: „Der erste Impuls des Seite 1-Teams war: Die 18 Jahre als Parteivorsitzende visualisieren, den weiten Bogen spannen. Deshalb haben wir mehrere Fotos aus dem Jahr 2000 herausgesucht. Das Strandkorb-Bild hat das Rennen gemacht, weil es den Ausstieg illustriert und auf ein Leben nach der Politik verweist.“
In der Bewertung der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin schwingt Respekt mit. Löwisch gegenüber MEEDIA: „Angela Merkel hat am Montag Größe gezeigt. Und das zum Ausdruck zu bringen, steht gerade einer Zeitung zu Gesicht, die sie aus guten Gründen von Anfang an kritischer betrachtet hat als andere.“ Aber es gab auch Seiten, die von der taz gelobt wurden. Merkel wurde etwa als „Bollwerk gegen die rechten Bataillone“ oder „martialisch auftrumpfende Politiker“ wie Donald Trump bezeichnet.
Der taz-Chefredakteur hat sich bereits früher in diesem Jahr mit dem Thema Rücktritt der Kanzlerin beschäftigt und rückblickend mit seinen Spekulationen ins Blaue hinein ins Schwarze getroffen: Im Juni begann Löwisch einen Essay mit dem Satz „Angela Merkel sollte gehen“, um später über das Szenario zu formulieren: „Es könnte immer noch ein selbst gewählter Zeitpunkt werden: in die Sommerpause kommen, die Landtagswahlen abhaken, dann, rechtzeitig vor dem Bundesparteitag in Hamburg im Dezember, den Abgang verkünden.“
Löwisch dazu: „Ironischerweise erschien der Text in den Wochen, als Merkel nach eigener Darstellung ihre Entscheidung getroffen hat, die Welt aber im Dunkeln ließ.“ Schon damals hatte der taz-Macher durchaus Sympathie für die Kanzlerin bekundet und einen fairen Umgang mit Merkel eingefordert: „Es geht um die Würde dieser Kanzlerin, die in 13 Jahren viel bewegt hat, die Frau mit dem wunderbaren Habitus. Wenn das Land Angela Merkel eines schuldet, dann ist es Anstand am Schluss.“
Zum aktuellen Titel sagt Löwisch: „In meinem Kommentar schreibe ich, dass Angela Merkel ab diesem Montag im realpolitisch brutalen Sinne Geschichte ist. In dem Moment, in dem die Macht endet, endet auch die Gegnerschaft.“ Übrigens wäre die taz heute beinahe mit einer anderen Headline zum Merkel-Rückzug erschienen, wie der Blattmacher verrät: „Als Zeile im Rennen war zum Schluss zum Strandkorbfoto ‚Agenda 2021‘ zu titeln. Schließlich entschied sich die Seite 1-Konferenz für die andere Zeile.“

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