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“Wir müssen nicht von Netflix wachgeküsst werden”: UFA-Chef Nico Hofmann kritisiert den Streaming-Hype

Diskutierte beim TV-Gipfel u.a. mit Andreas Bartl von RTL II (l.): UFA-Chef Nico Hofmann
Diskutierte beim TV-Gipfel u.a. mit Andreas Bartl von RTL II (l.): UFA-Chef Nico Hofmann

Bei den Medientagen in München ging es am Dienstag um die Video-on-Demand-Strategien von Deutschlands Fernsehmachern und den Wandel durch Druck von Netflix & Co. Obwohl niemand der Teilnehmer gegen die internationale Konkurrenz ätzen wollte, machte zumindest Produzent Nico Hofmann deutlich, dass er von dieser These nichts hält – auch kritisierte er das "Setup" des Gipfels, der eines der Highlights der Medientage ist.

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Der CEO der zu Fremantle Media gehörenden Produktionsfirma UFA nutzte seinen ersten Wortbeitrag beim TV Gipfel der Medientage, um aus seiner Sicht entstandene und verbreitete Missverständnisse geradezurücken. “Wir müssen nicht von Netflix wachgeküsst werden”, stellte der Produzent fest. Die Fernsehbranche müsse weder sich noch das, was sie in oder für Deutschland produziert habe, verstecken. „Die Landschaft ist vielfältiger geworden. Ich bitte, diese Vielfalt anzuerkennen.“

“Senden Originals seit 1963”

Hofmanns durchaus emotional vorgetragenes Statement  nahm Bezug auf das “Setup” der Veranstaltung. Vor der Diskussionsrunde empfing Moderator Torsten Zarges Kelly Luegenbiehl, verantwortlich für europäische Eigenproduktionen beim Streaminganbieter Netflix. In einem offensichtlich detailliert vorbereiteten Einzelgespräch erklärte sie den Erfolg von Netflix-Produktionen wie beispielsweise “Dark”, beteuerte, dass die Interessen am deutschen Markt nicht nur monetäre sind, sondern das Land auch viele kreative Köpfe hervorbringe und nutzte die Gelegenheit, um fünf weitere Eigenproduktionen aus Deutschland anzukündigen. Hofmann kritisierte, dass man nach dem 30-minütigen Einzelauftritt nun ebenfalls 30 Minuten zu fünft (übrigens ohne Netflix-Beteiligung) diskutiere. Er halte es für “schwierig” nun an “zweiter Front” zu erklären, wie man darauf reagiere und zu erklären, wie die “normale Welt” funktioniere. Er begrüße den erweiterten Wettbewerb durch Netflix und Amazon, wies aber auch darauf hin, dass die Streamingdienste bislang nur fünf bis sechs Prozent des Gesamtumsatzes seiner Firma ausmachten. 

Ohne Netflix direkt anzugreifen, machten weitere Teile der Runde deutlich, mit dem Hype um diesen wie auch weitere Streamingdienste nicht einverstanden zu sein. “Im ZDF senden wir Originals seit 1963. Das muss man einfach mal sagen”, pflichtete Heike Hempel bei. Jährlich gebe der öffentlich-rechtliche Sender 150 Filme in Auftrag, hinzu kämen 300 Serienepisoden, so die stellvertretende Programmdirektorin. Beim ZDF habe man aber auch eine andere Zielsetzung als die Konkurrenz, sei nicht wirtschaftlich getrieben. Man mache Fernsehen für alle und nutze auch deshalb alle möglichen Ausspielwege. “Auch bei uns am Lerchenberg ist angekommen, dass die Mediathek ein eigener Kanal mit eigenen Gesetzen ist.” Man arbeite daran, die Mediathek im Digitalen als gleichberechtigten Ausspielweg neben dem klassischen Fernsehen zu etablieren – in Zukunft möge sie das Lineare womöglich überholen – womit die Runde beim eigentlichen Thema angekommen war. 

Es sollte um die Digital-Strategien der großen Sender und Produzenten gehen. Und so erklärte RTL-II-Geschäftsführer Andreas Bartl, dass das Digitale mittlerweile das Potential zum Seismografen habe. Wenn in der Mediathek etwas gut funktioniere, könne man auch erwarten, dass es im TV gut läuft, so der Fernsehmanager. Bei RTL II sei die Entscheidung für eine weitere Staffel von “Love Island” hingegen auch gefallen, weil das Format im Digitalen sehr erfolgreich war.

“Wir müssen jeden Monat neue Anreize setzen”

Viel mehr aber beschäftigte die Diskutanten die Monetarisierung des digitalen Geschäftes. Dabei bleibt für die RTL-Medien klar, dass Reichweitenvermarktung alleine nicht funktioniert. Weitere, signifikante Erlöse müssten über den Abonnement-Markt kommen. Für die RTL-Mediathek TV Now erklärte Digital-Chef Jan Wachtel die Pläne. Der ehemalige Bild-Mann will in der Mediathek am Freemium-Modell festhalten, frei verfügbare Inhalte von bezahlpflichtigen Premium-Inhalten trennen. Letzteres können und werden sicher Eigenproduktionen sein, ebenso aber exklusive Lizenzware. „Ich glaube, dass man jeden Monat neue Anreize setzen muss. Es muss etwas da sein, das man ins Schaufenster halten kann.“

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Dass sich die Medienhäuser vermehrt Gedanken über ihre digitalen Aktivitäten machen, liege – auch wenn der Moderator darauf hinauswollte – nicht an der Konkurrenz aus den USA, widersprach Wachtel. Vielmehr reagiere man auf die Veränderung des Nutzerverhaltens. Während Netflix mehr als eine Milliarde US-Dollar für Technologie ausgibt, würden weder RTL noch weitere Wettbewerber daran anknüpfen, machte Wachtel klar. Überzeugen wolle man ohnehin über den Inhalt. Der Vorteil gegenüber der Konkurrenz sei dabei, dass man kleiner sei. “Unsere Stärke wird darin liegen, näher am spezifischen Kunden zu sein. Wir machen kein globales, sondern ein lokales Produkt.” Eine These, die auch Hofmann mittlerweile unterstütze. Der Befürworter einer weltweiten Plattform in Konkurrenz habe seine Haltung geändert. Es brauche zuerst starke, nationale Inhalte. Erst im weiteren Schritt folge eine mögliche Internationalisierung durch Lizensierung. 

Algorithmen sollen “öffentlich-rechtliches Empfehlungssystem” steuern

Eine weitere Stärke, dann auf technologischer Ebene, versuchte Hempel deutlich zu machen. Der Sender hatte vor einiger Zeit seine Mediathek neu aufgelegt, Möglichkeiten zur Personalisierung geschaffen und arbeitet ebenfalls mit Algorithmen. Hempel gehe es dabei aber weniger darum, ein “öffentlich-rechtliches Empfehlungssystem” zu schaffen. „Wir versuchen auf Dinge hinzuweisen, von denen die Nutzer noch nicht wissen, dass sie sie mögen.“ Im Falle der Banker-Serie “Bad Banks” zeige man beispielsweise nicht direkt artverwandte Serien an, sondern passende Dokumentationen oder Reportagen. „Es geht nicht darum, Blasen zu vertiefen und zu verkleinern.“ Es gehe mehr darum, den Horizont zu erweitern.

„Wer hier produzieren will, muss sich um Talent bemühen.”

Ohne zumindest teilweise wieder auf Netflix zu kommen, brachte die Runde die Diskussion aber nicht zu Ende. Wieder gab es deutliche Worte, wieder von Hofmann. Bei allem Verständnis für den Wettbewerb, mahnte er – zunächst ohne konkrete Namen zu nennen– vor unfairem Verhalten. Gemeint ist der Umgang mit kreativen Talenten. So könne es nicht angehen, wenn große Spieler daherkommen, und diese mit viel Geld einfach wegkauften. „Wer hier produzieren will, muss sich um Talent bemühen.” Es seien lokale Produktionsstätten, Sender, Anstalten, die über Jahre Autoren und Regisseure ausbildeten. „Wir brauchen faire Bedingungen an diesem Markt. Das gilt für Amazon, Netflix, HBO und alle, die da kommen.” Wieder sekundierte Hempel: “Autoren fallen nicht vom Himmel, sondern werden an Filmhochschulen ausgebildet, machen ihre ersten Filme im Debütprogramm der Öffentlich-rechtlichen, oder im ‘Kleinen Fernsehspiel’. Das ist jahrelange Aufbauarbeit, die geleistet wird.“

Während die mahnenden Worte und die Kritik der Fernsehmacher von den Gästen gespannt verfolgt worden sind, ist unklar, ob und wann sie Kelly Luegenbiehl von Netflix erreichen werden. Kaum von der Bühne geschritten, verließ sie den Saal – wohl um einen Flieger zu erwischen. 

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