Partner von:
Anzeige

Vertical Review: Wie sich die eigenen Follower zur Analyse von Themen nutzen lassen

bianca-jankovska-smartphone.jpg

Soziale Netzwerke verschaffen jedem Nutzer die Möglichkeit, selbst zum Medium zu werden. Für Journalisten, die mit ihrem Handwerk Geld verdienen wollen, funktioniert das nur bedingt: Für sie ergibt sich jedoch ein anderer Vorteil. Die Autorin Bianca Jankovska erklärt, wie sie besonders Instagram dazu nutzt, Themen zu finden und vorab zu testen.

Anzeige

Von Bianca Jankovska

Seit einem Jahr setze ich zur Verbreitung meiner Arbeit als Autorin ausschließlich auf Instagram statt auf Twitter. Das mache ich deshalb, weil ich beruflich weder besonders tagesaktuell noch weltpolitisch unterwegs bin, sondern mich den Themen Modern Work Life, Popkultur und mentale Gesundheit als großem Ganzen widme.

Meist schreibe ich Kolumnen oder Kommentare – und habe seit der Umstellung meiner Social-Media-Gewohnheiten einige Vorteile im Umgang mit Instagram beobachten können. Sie helfen mir einerseits, relevante Themen für meine Follower zu identifizieren, andererseits als Autorin eine neue Dimension der Nahbarkeit zu entwickeln.

Beiläufige Postings oft mit größter Relevanz

Es gibt diese Fotos, über die man gar nicht groß nachdenkt. Man schießt sie quasi im Vorbeigehen und hat dann zufällig einen Gedanken parat, den man hinzufügt und gemeinsam mit dem Foto als leicht konsumierbaren Schnipsel in die Storys lädt. Die vergangenen Monate haben mir gezeigt, dass es diese Momente sind, in denen Kreativität fließt, weil sie sich nicht in einem weißen Worddokument entfalten muss. Wer kein Problem (mehr) damit hat, Gedankengänge im öffentlichen Profil preiszugeben, kann stattdessen einfach Instagram nutzen und drauflosreden. Oft bin ich überrascht, was meine Audience interessiert und was nicht.

Ein Beispiel: Nach meinem Sommerurlaub in Italien habe ich meine Reiseerlebnisse gepostet und auch die hässlichen Momente geteilt – überfüllte Strände, enge Gassen, die sich nicht zum Autofahren eigneten. Daraufhin schrieb eine Nutzerin, dass sie von den ehrlichen Worten begeistert wäre, wo doch die meisten nur darauf erpicht sind, ihre Silhouette vor Sonnenuntergängen einzufangen und mit tiefgründigen Zitaten zu untermauern statt tatsächlich etwas über den Ort zu erzählen, an dem sie sich aufhalten.

Ich initiierte daraufhin den Hashtag #ehrlicherweise und forderte auch andere Nutzer auf, ihre Erfahrungen zu teilen. Der Ansturm in meinem Postfach war enorm. Abgebildet habe ich das dann als kurze Protokoll-Story auf watson.ch, die auch im Vergleich zu ähnlichen Artikeln ausgesprochen gut funktionierte. Wo wir schon beim nächsten Punkt wären:

Was bei Instagram funktioniert, klappt auch im Web

Die Story über ehrliche Reiseberichte mag zwar auf den ersten Blick nicht besonders innovativ sein, und doch traf sie diesen Sommer einen Nerv. 154 User ließen ihrem eigenen Reise-Frust über Paris, Bali, Los Angeles, San Francisco oder unvorbereiteten Touristen freien Lauf und hievten das Thema so in die Sparte „meistkommentiert“.

Anzeige

Was auch – gerade im Bereich Lifestyle – auf viel Resonanz stößt, sind emotional heikle Themen wie Online Stalking oder Besuche bei Ärzten. Anders als auf Twitter wird man hierfür auf Instagram nicht sofort persönlich von Fremden angegriffen, sondern stößt auf heimliche Verbündete. Sofern man sich als Journalistin nicht zu schade ist, persönliche Geschichten zu teilen und sich selbst als „ganz normale“ Userin der Plattform betrachtet, kann das Feedback auch sehr schön und motivierend für den eigenen Arbeitsalltag sein. So geschehen zum Beispiel nach einem Text über meine Suche nach freundlichen Frauenärztinnen in Berlin.

Während auf Twitter geplante Recherchen öffentlich nachvollziehbar sind, zumindest, sobald potenzielle Interviewpartnerinnen direkt im Thread darunter reagieren, läuft auf Insta alles ein wenig diskreter ab. Die nicht vorhandene Möglichkeit der Auto-Amplifikation empfinde ich dabei gar nicht als etwas Schlechtes. Einerseits kann man verbergen, gewisse Storys und somit auch Ideen sehen kann, und somit Live-Plagiarismus vorbeugen, andererseits antworten die Menschen auf Storys direkt und fast schon liebevoll-persönlich via DM. Als Autorin wirke ich auf Instagram nämlich deutlich nahbarer und menschlicher, da ich in den Story-Fragmenten durch Mimik, Gestik und das gesprochene Wort Charakter zeigen kann.

Das Antworten auf DMs wird bei Instagram sehr locker gehandhabt, während Twitter – zumindest für mich – immer eine gewisse Hürde darstellte. Das mag auch daran liegen, dass viele Journalisten auf Twitter Eindruck schinden wollen, während sie auf Instagram einfach eine ganz normale Person sein können, die morgens verschlafen in die Kamera blinzelt.

Bevor nun der Einwurf kommt, dass das alles auch auf Facebook möglich und der Austausch mit der Twitter-DM-Funktion vergleichbar ist, möchte ich widersprechen. Facebook ist für meine Zielgruppe (18 bis 25-jährige Frauen). Und ja, der Austausch mag mit der Twitter-DM-Funktion vergleichbar sein, richtig, und doch sehe ich in Instagram ein niederschwelligeres Social-Media-Tool, um Menschen auch außerhalb der Journo-PR-Mensch-Wissenschafts-Blase zu erreichen. Oft ergeben sich durch den Dialog mit den Userinnen neue Schwerpunkte, Blickwinkel und Zuspitzungen, die ohne ihnen nicht möglich gewesen wären. Denn…

Bei Instagram sind mehr Nutzer als bei Twitter

…. der ganz „normale“ aber dennoch verhältnismäßig junge Nutzer, der ganz „normale“ Mensch von nebenan hat Twitter gar nicht so stark im Blick, wie wir das denken mögen. Twitter ist und bleibt eine zu gewissen Teilen sicherlich elitäre Nischenplattform für Journalisten, Politiker oder Wissenschaftler. Normalos hingegen möchten sich wohlfühlen und persönlich fernab des oftmals wirren, kalten und distanzierten Politik-Strudels unterhalten werden.

Das heißt nicht, dass Instagram nicht politisch ist oder nicht noch politischer werden kann. Es bedeutet, dass die Themen dort anders ans Publikum herangetragen werden können als durch schlichtes Posten eines Links. Wir können ästhetisch und kritisch zugleich sein und bleiben. Sehr junge Menschen mit gutem und persönlichem Storytelling an uns als Marke binden.

Aus Erfahrung kann ich sagen: Userinnen und User mögen Gesichter, die sie wiedererkennen, denen sie vertrauen. Wo wir wohl beim wichtigsten Wert wären, um Instagram erfolgreich für Geschichten-Akquise zu nutzen: Vertrauen. Und Authentizität. Ja genau. Die zwei Werte, die zwar gerne auf Powerpoint-Präsentation geschrieben werden, aber umso mehr auf ihre Umsetzung in der digitalen Realität warten.

Bianca Jankovska, 1991 in Wien geboren, studierte Publizistik und Politikwissenschaft an der Universität Wien und Antwerpen. Sie lebt als freie Autorin, Social-Media-Konzepterin und Dozentin für Neue Medien (HU) in Berlin. Gemeinsam mit Regina Lechner, Mark Heywinkel und Florian Prokop gibt sie in der MEEDIA-Nutzwert-Serie “Vertical Review” Tipps rund um mobile Hochkantformate wie Instagram und Snapchat.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia