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“Journalistische Mängel” oder Zensur? Badische Zeitung hält Text über NS-Vergangenheit eines Anzeigenkunden zurück

Chefredakteur Thomas Fricker von der Badischen Zeitung
Chefredakteur Thomas Fricker von der Badischen Zeitung

Die traditionsreiche Badische Zeitung will einen bereits gedruckten Beitrag nicht online veröffentlichen, der sich mit der NS-Vergangenheit eines Anzeigenkunden beschäftigt. Der Autor des Beitrages wittert Zensur und spricht von einem "fatalen Fehler". Die Chefredaktion weist jeden Vorwurf von sich.

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Im Juli hat die Badische Zeitung einen Text über die Geschichte des Freiburger Bettenhauses “Betten Striebel” veröffentlicht und darin unter anderem die NS-Vergangenheit des Unternehmens thematisiert. Anlass war das 80-jährige Betriebsjubiläum der Firma, das sie unter anderem mit einem beigelegten Heft in der Zeitung feierte. Das Unternehmen – dies blieb in der Beilage aber unerwähnt – war zur NS-Zeit durch die sogenannte Arisierung eines jüdischen Kaufhauses entstanden. Dabei wurden jüdische Kaufleute unter der NS-Herrschaft gezwungen, ihre Geschäfte an Deutsche abzugeben – meist weit unter dem eigentlichen Wert.

Wer den Beitrag online lesen wollte, wurde anders als bei anderen Beiträgen dieser Art auf der Webseite aber nicht fündig: Der Chefredakteur des Blattes, Thomas Fricker, veranlasste, den Beitrag weder online zur Verfügung zu stellen noch Leserbriefe zu diesem Thema zu drucken. Lediglich im E-Paper kann er noch gelesen werden.

Ein Umstand, den der Autor Bernd Serger, einst selbst Mitglied der Chefredaktion, nun öffentlich auf Facebook anprangert. Er hält die Entscheidung für einen “fatalen Fehler – beschämend und kurzsichtig dazu” und verweist darauf, dass die Firma Anzeigenkunde bei der Zeitung sei. Dies sieht er als Grund für die Verweigerung. Weiter heißt es: “Ich habe gegen diese Form der Zensur auch bei der Verlagsspitze der Badischen Zeitung mehrfach protestiert und die Rücknahme dieser Entscheidung gefordert – bislang vergeblich”. Auch deshalb habe er so lang gewartet, den Fall öffentlich zu machen.

Chefredakteur Fricker widerspricht der Darstellung, er habe den Artikel allein deshalb nicht online gestellt, um den Anzeigenkunden nicht zu verschrecken. Er begründet seine Entscheidung mit “journalistischen Mängeln” in dem Beitrag, “die leider erst nach Drucklegung des Wochenendmagazins offenkundig geworden sind”. Die heutige Inhaber-Familie, die die Geschäfte des Unternehmens in den 80er Jahren übernommen haben, hätten nichts mit der Aneignung des Geschäftes durch die Familie Striebel zu tun, so Fricker gegenüber MEEDIA. “So wichtig das Thema prinzipiell ist, der Autor hat meiner Meinung nach die falschen Personen aufs Korn genommen.”

Serger schreibt in seinem Text zwar, dass der Eigentümer der Firma mittlerweile gewechselt habe („Die Familie Hamer hat mit der ‚Arisierung‘ des Kaufhauses Julius Marx nichts zu tun.”), dies gehe für Fricker jedoch “völlig unter”.

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Darüber hinaus würden Meinung und Darstellung grob vermengt werden: “Der Autor gebärdet sich wie ein Richter, er will von der Inhaber-Familie öffentliche Erinnerungsarbeit erzwingen, womit er seine Kompetenzen meines Erachtens weit überschreitet”. Für viele Leser sei vor allem hängengeblieben, dass die Firma Striebel „irgendwie antisemitisch“ sei.

“Einseitige Parteinahme für die Firma”

Für Serger stellt der Chefredakteur mit seiner Begründung den Sachverhalt auf den Kopf: “Mir geht und ging es vor allem um das ‘Ansehen unbescholtener Bürger’, die 1937 alles aufgeben und aus dem Land fliehen mussten, um ihr Leben zu retten”, schreibt er auf Nachfrage von MEEDIA. “Ich wollte an ihr Schicksal erinnern und ihnen in Freiburg wieder einen Namen geben”. Daran würde Herr Fricker in seiner “einseitigen Parteinahme für die Firma Striebel und gegen aufklärerischen Journalismus” nicht denken. “Und das ist der eigentliche Skandal”. Rein inhaltlich sei ihm außerdem kein Fehler nachzuweisen. Zwei Monate habe er an der Geschichte recherchiert.

Aus Sicht eines Lesers wirkt die ganze Sache jedenfalls irritierend – insbesondere weil auch Leserbriefe nicht veröffentlicht wurden, “um weiteren Schaden zu vermeiden”, wie es heißt. Gemeint ist damit der “Schaden” für die derzeitige Inhaberfamilie, die sich nach der Veröffentlichung des Beitrages in der Badischen Zeitung auch Beschimpfungen gefallen lassen musste, weshalb sich der Chefredakteur im Nachhinein auch mit ihnen getroffen hat.

Unklar ist, warum sich die Chefredaktion nicht dazu entschieden hat, den Beitrag in einer kommentierten Form online zu stellen oder die von Fricker angesprochenen journalistischen Mängel zu beseitigen. Fricker dazu gegenüber MEEDIA: “Gegen die Variante der Publikation einer überarbeiteten bzw. kommentierten Version habe ich mich entschieden, weil der Beitrag in Google-Zeiten die heutige Inhaberfamilie langfristig in ein, wie ich überzeugt bin, falsches Licht gerückt hätte”. Das aber hätte der ganzen Diskussion womöglich etwas den Wind aus den Segeln genommen.

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Alle Kommentare

  1. Die beiden Herren bei der Badischen Zeitung haben wohl noch andere Probleme miteinander …

    Jede Zeitung und vor allem die Leserbriefseiten sind ja quasi “zensiert”. Themen, die Redakteure für nicht wichtig erachten, erscheinen nicht. Und viele Leserbriefe werden nie gedruckt. Auch hier könnte man sich Verschwörungen zusammenreinem.

  2. Da die Familie Hamer den Namen “Bettenhaus Striebel” weitergeführt hat, stellt sie sich dadurch in die Tradition der Familie Striebel – mit allen Konsequenzen. Zudem ergibt sich aus dem Text, dass der heutige Inhaber seit 1980 leitend in der Firma tätig ist. Damit hat er sicherlich schon einige frühere Jubiläen ausgerichtet – vermutlich hat das Unternehmen bereits 1987 die 50 Jahre gefeiert und dabei den eigentlichen Gründer verschwiegen.

    Der Autor Serger belässt es im Artikel allerdings nicht beim Sachverhalt, sondern interpretiert das unglückliche Verhalten von Ernst Rothschild und schließt mit einem Appell an die heutigen Besitzer. Das ist journalistisch problematisch.

    Wieso aber würgt die Badische Zeitung das Thema ab? Wo sie doch eine Chance gehabt hätte, in der Universitätsstadt Freiburg das Thema sogar noch grundsätzlicher auszuweiten bis hin zu einer Live-Veranstaltung mit (Lokal-)Historikern? Wahrscheinlich, weil in Freiburg 47.155 Verkaufsexemplare im 3. Quartal 2018 immer noch nicht niedrig genug sind (3. Quartal 1998: 71.271 Verkaufsexemplare), um wirklich zu begreifen, was gerade junge Menschen interessieren könnte.

    1. Kriechen Sie doch nackt und unter Aufgabe sämtlicher wirtschaftlichen Vorteile aus ihren teutschen Professorenstelle zu den “Opfern” bzw. ihren Angehörigen! Als teutschen Professor sind Sie offenbar sich selbst, aber natürlich auch aller Welt SCHULDIG!!

    2. “Da die Familie Hamer den Namen “Bettenhaus Striebel” weitergeführt hat, stellt sie sich dadurch in die Tradition der Familie Striebel – mit allen Konsequenzen.”
      Sollten hier nicht endlich auch die deutschen Medien mit gutem Vorbild vorangehen?
      Siehe die die Vergangenheit von so Konzernen wie Bertelsmann, Burda, Springer, Georg von Holtzbrinck, Hugenberg etc. und deren massive Verstrickungen mit den NationalSozialististen….
      (Wetten, dass dieser Post zensiert wird?)

      1. Im Zweifel einfach den Namen ändern. Die “Linkspartei” heißt ja auch nicht mehr SED.

      2. Bei Ihnen denke ich auch oft an eine Namensänderung, Ronald. Wie wäre es mit “MBS”, natürlich nur in Anlehnung an den Spitznamen des neuen saudischen Herrschers (der mit der Knochensäge-Spezialeinheit) und nicht daran, was einem amerikanischen Muttersprachler zuerst bei dem Kürzel einfallen würde?

  3. Oh, ist das der neue moralische Standard? Die NS-Vergangenheit von Personen oder Organisationen muss bei Berichterstattung immer mit erwähnt und auch im Internet publiziert werden?

    George Soros, der großartige humanistische Philanthrop, der so viele linksgrüne Stiftungen und Aktivisten finanziert, war im 2. Weltkrieg übrigens an der Arisierung von jüdischem Eigentum in Ungarn beteiligt. Davon liest man merkwürdigerweise sehr wenig. Journalistische Mängel oder Zensur?

    1. “George Soros, der großartige humanistische Philanthrop, der so viele linksgrüne Stiftungen und Aktivisten finanziert, war im 2. Weltkrieg übrigens an der Arisierung von jüdischem Eigentum in Ungarn beteiligt.”

      Wo haben Sie diesen Unfug her? Oder aber bitte mit Quellenangabe…

      1. Genau, Herr Bruns, Soros hat selbst darüber gesprochen, in einer Ausgabe der amerikanischen Interview-Sendung “60 Minutes” in den 1990er Jahren: https://youtu.be/SGWizajL7tA?t=258

        Der Hintergrund ist: Soros war damals 14 Jahre alt und lebte unter falscher Identität (als angeblich “christliches Patenkind”) bei einem Nazi-Kollaborateur in Ungarn, der für die Enteignung von jüdischem Eigentum zuständig war und für den Soros in dem Zusammenhang kleine Helfertätigkeiten ausführte.

        Was mich persönlich daran am meisten verstört, ist sein Kommentar dazu: “Well actually, in a funny way, it’s just like in markets: If I weren’t there, somebody else would be taking it away anyhow.” (“Es ist schon lustig, aber es ist genau so wie an den Kapitalmärkten. Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, dann hätte es sich jemand anderes genommen.”)

        Fressen oder gefressen werden. Das ist die Moral von Soros, schon als 14-jähriger Jugendlicher und auch später als Börsenspekulant.

      2. Wer hier schon auf ein Weblog (!) verweist, das sich auch noch dem „Kampf gegen die Weltherrschaft“ widmet, macht sich mit seiner Quellenangabe mindestens ziemlich lächerlich, Herr Bruns.

      3. Ronald, wenn Sie intellektuell redlich wären, und zumindest leidlich kompetent, dann würden Sie sich mit der Primärquelle auseinandersetzen. Das ist die Sendung “60 Minutes”, die in den USA auf dem Sender CBS läuft.

        Aber ich weiß schon, da erwarte ich viel zu viel von Ihnen.

      4. RTE/irisches Fernsehen: Wenn Sie redlich wären und zudem rechnen könnten, dann würden Sie herausfinden, dass Soros, gebürtig 1930, „als 14-jähriger Jugendlicher“ im Jahre 1944 (!) gelebt haben muss (also ein Jahr vor der Kapitulation der Nazis!).

        Zu dieser Zeit jedoch wurde er von einer ungarischen Tänzerin versteckt, die unter Ihrem Namen die Tanzschule der jüdischen Besitzerin weiterführte, um sie vor der Konfiszierung durch die Nazis zu retten. Als 14-Jähriger (!) im Jahre 1944 in einem jüdischen und antifaschistischen Umfeld aufgewachsen: Glauben Sie Ihren Unfug im Ernst selbst?

        Aber ich weiß schon, dass von Ihnen hier so gut wie nichts Gutes zu erwarten ist …

      5. Ronald, wenn Sie lesen könnten anstatt von Tugendfuror blind Ihre Texte mit extra Ausrufezeichen zu spicken, dann würden Sie feststellen, dass ich Soros’ Alter zum Zeitpunkt der Enteignungen schon längst erwähnt hatte.

        Kämpfen Sie weiter für das Gute, Ronald! Pionier sei bereit, immer bereit!

  4. Ich finde es höchst amüsant, dass Herr Serger sich über diesen Vorgang aufregt. Als Chef der Heimatredaktion spielte er bei der Bürgermeisterwahl in Kappel-Grafenhausen eine sehr unrühmliche Rolle und zwang den dortigen Redaktionsleiter einen (1!!) Tag vor der Wahl Leserbriefe zu veröffentlichen, die den Amtsinhaber unterstützen. Der gewann übrigens damals die Wahl mit einem äußerst geringen Vorsprung von 25 Stimmen, musste aber später den Stuhl räumen. Als Bauernopfer wurde der Redaktionsleiter entlassen und bei einem Wochenblättchen geparkt. Inzwischen ist der Redaktionsleiter verstorben.

  5. @ Prof Dr Andreas Vogel

    “Da die Familie Hamer den Namen “Bettenhaus Striebel” weitergeführt hat, stellt sie sich dadurch in die Tradition der Familie Striebel”

    Schuldig bis ins 7. Glied. Über die eigene Sippe hinausreichend.

    Zumindest wir wissen jetzt: das Bettenhaus Striebel hat durch einen Arisierungsprozeß während der Nazi- Herrschaft in den 30iger Jahren den Besitzer gewechselt.

    Liebes Meedia-Team: es fehlt noch der Bogen zur AfD. Kommt da noch etwas ?

    Oder bleibt es bei der Anklage. Entweder: journalistische Mängel, und/oder aber Zensur.

    Wobei ich bisher immer belehrt wurde, daß Zensur nur vom Staat ausgehen können. Daß ihr mir nicht in dem Mief umkommt, den ihr hier anrührt.

  6. Mancher Journalist sollte es einfach mal ganz persönlich mit einer Selbstentmannung und daran anschließenden Grillgenuß versuchen.
    Man mag für den kulinarischen Sonderweg sicher die Worte “bunt”, “Bereicherung” und “liberal” finden. Das ständige Bedürfnis jeden in seiner Umwelt mit irgendwelcher entdeckter “Nazi”-Vergangenheit zu belästigen, könnte vielleicht dadurch kuriert werden. Die ultimative Lust an der pathologischen Zerstörung seiner Mitmenschen sowie das damit einhergehende Bedürfnis auf Hass und Hetze könnte vielleicht durch diesen Fleischgenuss der Vergangenheit angehören. Und die zukünftige Umweltbilanz durch Vermeidung der persönlichen Überbevölkerung könnte man dadurch auch gleich aufbessern.

  7. … und morgen wird dieser “Skandall” dann bei den üblichen linken Blättchen zu lesen sein und natürlich dem öffentlichen-rechtlichen Arbeitgeber, der zuvor genannten “selbständigen” Auftragnehmer.
    Wenn interessiert die Geschäftstätigkeit eines Bettenverkaufsunternehmens in der Nazizeit?

  8. @Bernd Bruns @Irish TV – Soros sagt im Interview deutlich, er habe keine Rolle gespielt bei der Enteignung, “I was only a spectator”.

    1. Sie meinen, genau so keine Rolle gespielt wie die heutige Eigentümerfamilie des hier so umstrittenen Bettengeschäfts? 😉

  9. Die jetzigen Betreiber sind, sicherlich wie jeder Angestellte, der dort einmal gearbeitet hat, nicht an der Entwicklung in der Nazi-Zeit schuld. Es wäre auch hilfreich, wenn man als Journalist an die Lebenden denkt, die nichts dafür können. Das man einen alt eingesessenen Namen behält, ist verständlich. Das der Hinweis auf den Inhaberwechsel in dem Artikel “untergeht”, ist an den Beschimpfungen zu erkennen, die die jetzigen Firmeninhaber ausgesetzt waren. Deren Existenz zu gefährden für eine Aufklärung, die nicht mehr die Verursacher trifft, ist zumindest fragwürdig. Das bedeutet nicht, dass man das Thema totschweigen soll. Aber es zu individualisieren, wo das schuldige Individuum gar nicht mehr existent ist, und die neuen Besitzer als Blitzableiter fungieren müssen, ist unredlich.
    Vielleicht ist es aber auch nur eine journalistische Notlösung bei einem Aufklärderbedürfnis, weil mittlerweile die allermeisten Beteiligten und sicherlich auch Schuldigen aus dieser Zeit tot sind.

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