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Rolle rückwärts beim Weser-Kurier: Der „IS“ heißt dort künftig nicht mehr „Daesch“

Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser Kurier
Moritz Döbler, Chefredakteur des Weser Kurier

Der Bremer Weser-Kurier (WK) dürfte bisher die einzige deutsche Tageszeitung gewesen sein, die die Terrormiliz „Islamischer Staat“ nicht mit diesem selbstgewählten Namen bezeichnete, sondern nur den abwertend gemeinten Begriff „Daesch“ verwendete. Nach knapp drei Jahren verlässt der WK nun diesen Sonderweg und nennt ihn im Nachhinein einen Irrweg.

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Von Eckhard Stengel

Knapp drei Jahre ist es jetzt her, dass der damals noch recht neue WK-Chefredakteur Moritz Döbler auf der Titelseite schrieb: „Der selbst ernannte Islamische Staat ist eine gotteslästerliche Mörderbande, die für Unterdrückung und Terror steht. An ihr ist nichts islamisch, und sie ist kein Staat.“ Deshalb werde der WK künftig nur noch die Bezeichnung „Daesch“ verwenden. Dazu Döbler: „Daesch ist eigentlich nur die lautmalerische Abkürzung des gleichen irreführenden Namens, aber auf Arabisch. Doch hat er sich bei den Gegnern weltweit eingebürgert und wird im arabischen Sprachraum abwertend verwendet. Wenn wir also die Wahl haben zwischen zwei umstrittenen Begriffen, dann nehmen wir lieber diesen.“

Fortan schrieb die Regionalzeitung konsequent nur noch vom „Daesch“. Dabei war sie so eifrig, dass sie vereinzelt sogar Zitate verfälschte. So ersetzte sie in einer wörtlich zitierten Pressemitteilung der Bundesanwaltschaft den Begriff „Islamischer Staat“ eigenmächtig durch „Daesch“ („Der Angeschuldigte ist hinreichend verdächtig, in sechs Fällen als Mitglied der ausländischen terroristischen Vereinigung Daesch aus niedrigen Beweggründen Menschen getötet und hierdurch gegen das Völkerstrafgesetzbuch verstoßen zu haben.“)

Weil aber dieser Begriff hierzulande so unüblich ist, ergänzte die Redaktion jeden Artikel, in dem irgendwo das Wort „Daesch“ auftauchte, vorsichtshalber mit dem Hinweis: „Der Weser-Kurier verwendet den Begriff ‚Islamischer Staat’ nicht, weil diese Terrorgruppe weder religiös motiviert noch ein Staat ist. Wir sprechen wie ihre Gegner von Daesch.“

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Künftig kann sich die Redaktion diesen Aufwand sparen. Denn sie hat ihren Alleingang jetzt beendet. Die Leserschaft erfuhr dies am vergangenen Wochenende durch einen redaktionellen Hinweis am Rande eines vierseitigen Dossiers der WK-Korrespondentin Birgit Svensson über die Terrormiliz („Der IS ist nicht geschlagen“). Darin begründet die Zeitung ihre Rolle rückwärts mit den Worten: „Kein anderes Medium in Deutschland ging diesen Weg. Inzwischen ist der Islamische Staat noch weniger ein Staat, wie Svenssons Analyse auf diesen Seiten zeigt. Insofern mag es seltsam anmuten, ausgerechnet jetzt zu dieser Bezeichnung zurückzukehren. Aber es hat immer weniger Sinn, eine Terrormiliz, die an Bedeutung verliert, ständig mit einer erklärungsbedürftigen Namensgebung hervorzuheben. Daher haben wir uns, ermutigt von einigen Leserinnen und Lesern, entschlossen, unseren Sonderweg zu verlassen.“

Dass der WK diesen Alleingang 2015 gestartet hatte, begründet er mit den Worten: „Es war eine Empfehlung unserer Korrespondentin Birgit Svensson, mit der wir dem Weg französischer und einiger angelsächsischer Medien folgten.“ Und die Redaktion fragt selbstkritisch: „War der Bremer Sonderweg ein Irrweg? Am Ende schon, aber andererseits lohnt es sich immer, erst recht für eine Redaktion, sich über Begriffe und was sie aussagen, Gedanken zu machen. Insofern danken wir Ihnen, dass Sie uns mehr oder weniger geduldig begleitet haben, und hoffen auf Ihr Einverständnis.“

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Alle Kommentare

  1. Ich lese den Weser Kurier und fand die Erklärung der Redaktion für “Daesh” schon immer lächerlich “ist nicht islamisch und ist kein Staat” etc.
    Wenn es danach geht, kann man auch nicht mehr von der RAF sprechen – ist schließlich weder rot noch eine Armee.

    Wortklauberei, die nichts bringt. Außer natürlich Leser zu verwirren.

    1. Oh doch, für das Branding ist das ungemein wichtig! Stellen Sie sich mal vor, die “DDR” hätte wahrheitsgemäß “SOD” gehießen, also “Sozialistische Ostzonen-Diktatur” – dann wäre uns zumindest die Linkspartei in ihrer aktuellen Form erspart geblieben.

  2. “sich über Begriffe und was sie aussagen”….lol und das von einem Journalisten.
    Die müssten mal im Duden nachschlagen und müssten dann feststellen, dass sie bei einer Vielzahl von Begriffen einfach keine Ahnung von deren Definition haben.
    Bestes Beispiel ist die ganze AfD Problematik.
    Wer heutige Parteien mit damaliger Zeit vergleicht und daraus auch noch Schlüsse für die nahe Zukunft zieht ist meiner Meinung nach schon sehr nah am Straftatbestand der Relativierung und würde es nicht gerade Agenda sein und wir noch in einem Rechtsstaat leben, würden dafür auch viele Journalisten angeklagt werden.

  3. Der Versuch Suhaj und Ronald Wissen einzuprügeln, wird kaum funktionieren.
    Sowas kann man bei SPON und ZON kaum brauchen. Dort geht es um Gendern und Gurkensex.

    1. Man muss die Fanatiker bekämpfen, wo auch immer sie auftauchen. Ob in Syrien, Irak oder Deutschland.

  4. Journalisten, die eigenständig denken. Selten in Deutschland.
    Da hat es dem Regime mit seinen Islamisierungsbemühungen sicher gestört, wenn man abschätzig von Daesch gesprochen hat und so die Islamisten in Deutschland verärgerte.

    1. … der nicht viel besser als der IS bzw. Daesh ist! Aber warum nicht mehr als RTE unterwegs? Schiss vor dem türkischen Geheimdienst?

    2. Ist „IrishTV“, das es im Übrigen nicht mehr gibt, ein türkischer Sender (gewesen)? Und warum sollte diese Meldung „unserem Präsidenten“ gefallen, unterstützte die Türkei doch lange dschihadistischen Terrorismus, bis türkische Zivilisten und ein Soldat 2015 selbst zu Opfern wurden und es 2016 zu einem Selbstmordattentat in Istanbul kam?

      Dumm gelaufen, wenn man mit den Troll-Aliasnamen langsam durcheinanderkommt …

      1. Oh, hier beißen ja gleich zwei an! Heute ist ja wirklich ein guter Tag, ich hab auch noch Anglerglück. 😉

        Erstmal eine kleine Lehrstunde: “Daesh” oder “Daish” als Akronym klingt auf arabisch so wie das Wort für “Fanatiker”. Der IS mochte diesen Namen so wenig, dass er jedem, der ihn verwendete damit drohte, ihm die Zunge herauszuschneiden. “IS” klingt da gleich viel freundlicher.

        Die Türkei machte lange Zeit mit Daesh gute Geschäfte – es gab einen regen Handel mit Erdöl aus den IS-Gebieten zum Import in die Türkei, der von Erdogans Sohn abgewickelt wurde. Das funktioniert mittlerweile nicht mehr, weil der IS mit der Türkei keine gemeinsame Grenze mehr hat und auch keine Ölquellen in Syrien oder Irak mehr kontrolliert. Ein gemeinsamer Erfolg von Trump, Putin und Assad seit der russischen Intervention in Syrien Ende 2015.

        Unsere türkischen Spezialfreunde werden natürlich trotzdem nicht gerne daran erinnert, aber wenn es schon auf den Tisch kommt, dann wirkt es doch viel seriöser, wenn man illegale Geschäfte mit einem “Islamischen Staat” gemacht hat als mit irgendwelchen Daesh-“Fanatikern”, oder?

        Davon abgesehen unterstützt die Türkei auch jetzt noch dschihadistischen Terrorismus – oder halten Sie die islamistischen Milizen (neuerdings vereinigt unter dem Namen “NFL”), die sich die Türkei als Hilfstruppen in Afrin und Idlib hält und auch bezahlt, für “moderate Opposition”?

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