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“Krachlederner Starrsinn, der vor Zynismus nur so strotzte”: Die Pressestimmen zur Landtagswahl in Bayern

Die CSU hat in Bayern die absolute Mehrheit verloren – für viele Beobachter liegt das am Streit innerhalb der Union und der großen Koaltion in Berlin
Die CSU hat in Bayern die absolute Mehrheit verloren – für viele Beobachter liegt das am Streit innerhalb der Union und der großen Koaltion in Berlin

Die CSU hat in Bayern die absolute Mehrheit verloren und die Grünen werden als Gewinner der Landtagswahlen im Freistaat gefeiert. Gründe für das schlechte Abschneiden der Union erkennen politische Beobachter und Analysten viele – das Hauptproblem aber sitzt nach Ansicht der Kommentatoren weniger in München, sondern in Berlin. Eine Presseschau:

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Es war eine Landtagswahl, die nicht in Bayern, sondern in der Hauptstadt Berlin entschieden worden ist. Hier sind sich die meisten Kommentatoren einig. Vor allem die Verwerfungen innerhalb der Union haben offenbar für Unzufriedenheit gesorgt. Während sonst inhaltliche Positionen über einen Wahlkampf entscheiden, hätten dieses Mal vor allem die Protagonisten im Vordergrund gestanden.

Horst Seehofer

“Keine Frage: Diese bayerischen Landtagswahlen sind in Berlin entschieden worden”, kommentiert Eva Quadbeck in der Rheinischen Post. “Die Hauptakteure auf dem Berliner Parkett, Union und SPD, sind in München dafür abgestraft worden, dass sie über ihren Streit um Flüchtlingspolitik und die Zukunft des Verfassungsschutzpräsidenten die Bodenhaftung und das Gespür fürs Volk verloren haben. Die CSU muss aber gar nicht anklagend mit dem Finger in Richtung Berlin weisen. Die beiden handfesten Regierungskrisen im Juni und im September hat jeweils CSU-Parteichef Seehofer angezettelt.”

Den Parteivorsitzenden der CSU und Bundesinnenminister identifiziert auch Stefan Kuzmany bei Spiegel Online als Problem. “Die CSU wird sich ändern müssen, in ihrer politischen Positionierung hinkt sie der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Stammland mittlerweile weit hinterher. Die Menschen in Bayern denken in nahezu allen Politikfeldern progressiver als die Parteiprogrammatik es wahrhaben will. Niemand verkörpert diese Diskrepanz stärker als der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer.”

Die CSU hat bei der Landtagswahl in Bayern nach ersten Hochrechnungen 35,5 Prozent erreicht. #ltwBY18

Gepostet von Süddeutsche Zeitung Magazin am Sonntag, 14. Oktober 2018

Andrea Nahles

Seehofer sei der “wirkungsmächtigste Wahlkämpfer der Gegenwart”, analysiert auch Gabor Steingart in seinem Morning Briefing. “Sein Krieg gegen die Kanzlerin ramponierte erst das Ansehen Angela Merkels, dezimierte dann die CSU und trug schließlich zum desolaten Abschneiden der SPD in Bayern bei, deren Bundesvorsitzende Andrea Nahles im CDU-CSU-Bruderkrieg hilflos zuschaute.” Mit ihr geht der Kommentator hart ins Gericht: Nahles bewohne nun eine Scholle, “wo zu jeder Jahreszeit die Phrasen gedroschen werden. Sie hat keine Fehler gemacht, wie heute manche Zeitungen schreiben. Sie ist der Fehler. Es gibt kein einziges politisches Problem, für das sie nicht eine billige Parole anzubieten hätte. Sie hat die SPD in ein politisches Outlet-Center verwandelt”.

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“Der SPD-Spitze um Andrea Nahles stehen jetzt unruhigere Zeiten bevor als Markus Söder und Horst Seehofer bei der CSU”, schreibt Nikolaus Blome bei Bild.  “Die SPD wird nicht einmal mehr als Opposition ernsthaft gebraucht. Die Grünen sind das neue Rot.” Und: “Das ist die Botschaft des Wählers: Die Zeiten von Alleinregierungen sind selbst in Bayern vorbei. Und die SPD hat als Volkspartei aufgehört zu existieren. Die andere, die CDU, sollte gewarnt sein.”

Markus Söder

“Söder und Seehofer haben das alles ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen – vor allem ohne jede Rücksicht auf die Bundespolitik, auf die Kanzlerin und ihre Koalition, auf die Stabilität dieses Landes. Dieser krachlederne Starrsinn, der vor Zynismus nur so strotzte, kam bei den Menschen gar nicht gut an”, schreibt Chefredakteur Elmar Jehn im Berliner Kurier.

“Seehofer und Söder schaden der Demokratie”, heißt es bei den Stuttgarter Nachrichten. Christian Gottschalk warnt davor, einfach weiterzumachen. “Das ‘weiter so’ wird von verbalen Werbesprüchen kaschiert werden, die Neuerung versprechen, die tatsächlich nicht da ist. Bei all jenen, die durch ihr Kreuz am Sonntag für Veränderung plädiert haben, wird das den fatalen Beigeschmack zurücklassen, dass die kleinen Leute nicht gehört werden und so eine Wahl ohnehin nichts bringt.”

Bayern

Mit der Situation, den Folgen und möglichen Koalitionen mit verbundenen Risiken in Bayern, setzen sich weitere Kommentatoren auseinander. Jasper von Altenbockum fragt in der FAZ, ob der Freistaat nun aus den Fugen geraten sei – und findet folgende Antwort. “Es sieht selbst nach diesem Erdbeben eher nach business as usual aus. Nichts anderes bedeuten die kommenden Verhandlungen, die in einer veränderten politischen Landschaft stattfinden mögen. Ist der Staub dieser Landtagswahl aber erst einmal verflogen, wird sich vielleicht auch die Einsicht durchsetzen, dass Koalitionen der Normalfall der Bundesrepublik waren und sind.”

Margit Hufnagel von der in Bayern erscheinenden Augsburger Allgemeine schreibt: “Für die Grünen wird sich nun die Frage stellen, ob ihr ganz persönliches Märchen mit einem tragischen Ende schließt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Partei in Schönheit stirbt, ist hoch. So oder so. So sehr schwarz-grün für das bayerische Lebensgefühl stehen mag, so groß sind die Differenzen zwischen den Parteien. Verweigern sich die Grünen einer Koalition, bleiben sie auf der harten Oppositionsbank und können sich nur an einem Blick auf den Abend des 14. Oktober laben.”

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Alle Kommentare

  1. Der Sieger sind nicht die Grünen, sondern die Freien Wähler. Die Grünen fangen gerade an, das zu begreifen, kann also noch ein paar Wochen dauern, bis es auch ihre Super-Fans in den Redaktionen kapieren.

    PS: Niemanden in Bayern interessiert, was der “Berliner Kurier” über bayrische Landespolitik schreibt.

    1. Und die meisten in Bayern wissen: Die CSU hat das über Jahrzehnte hervorragend gemacht – hier geht es WIRKLICH den allermeisten gut. Keine andere Partei, kein anderes Bundesland hat das erreicht. Das haben die WählerInnen sicher nicht abgestraft und an der starken Beteiligung der Nichtwähler war deutlich erkennbar, dass hunderttausende in Bayern auf keinen Fall eine große Veränderung haben wollen – egal wie viele Städter wegen was auch immer auf die Grünen setzen. Die Bayern werden mit großer Wahrscheinlichkeit nach den kommenden 5 Jahren und bei all dem, was da an Veränderungen und Unfähigkeiten noch kommt, wissen, was sie an einer starken und durchsetzungsfähigen Regierung haben. Zum Nachlesen für die heutige, offensichtlich geschichts-vergessene und erkennbar immer noch nicht neutrale Journaille: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/regierungsbildung-in-bayern-csu-und-fdp-besiegeln-schwarz-gelbe-koalition-a-586454.html

  2. Die bayrische CSU hat einen strategischen Fehler gemacht: sie zeigt zu wenig politische Präsenz in Berlin! Der CSU-Generalsekretär hätte mehr leisten müssen, und die Politik von Seehofer & Söder besser erklären müssen!

    Für das konservativ-bürgerliche und liberale Lager gibt es jetzt mit den “blauen Schmuddelkindern” eine satte 64,1 Mehrheit im bayrischen Parlament.

    RRG ist gerade noch bei 30,4 Prozent, wobei es schon 3,2% unter der 5 Prozent-Hürde liegen.

    Für RRG ist das trotz Zugewinnen der Grünen kein Schuss vor dem Bug, sondern “mittschiffs”!

    Die Kommentierungen seitens der öffentlich-rechtlichen und qualitätsvollen Leitmedien laufen alle schief aus!

    Das Momentum liegt rechts der Mitte!

    Es muss mir nicht gefallen – aber ich muss es feststellen!

  3. Liebe Redakteure aus Hamburg und Berlin – Schadenfreude verstellt Erkenntnis: ist niemandem aufgefallen, dass gestern es eine “interne Links-Verschiebung Grün auf Kosten SPD” gegeben hat, bei gleichzeitiger Stärkung des Mitte->Rechts-Lagers versus Links->Mitte-Lager: 4,8% mehr Stimmen gegenüber 2013 für ersteres Lager und ebenfalls 15 Sitze mehr, bei Links-Mitte bleibt´s beim alten.

    Ja, die CSU ist gerupft, wie weiland die SPD: sowohl AfD wie die konservativere Freien Wähler haben rechts der CSU die Unzufriedenheit mit der Durchsetzungskraft in Berlin aufgenommen – zusammen hat Mitte->rechts mit 59% nur 3% weniger gegenüber Stoibers Superwahl mit 62%.

    Wie kann man besoffen vom tütelitüt der netten Grünen-Frontfrau so besoffen sein, dass eine einfache Arithmetik nicht gelinkt?

    Liebe Norddeutsche über dem Weisswurst-Äquator, liebe Insulaner aus Berlin – lest mal “Don Alphonso” – ein linker Bayer, der Euch Bayern erklären könnte (so ihr die Erkenntnis wollt 🙂 ).

    Ein Zuagroaster aus München

    1. Hahahahaha… auf den Punkt gebracht. Leider zeigen diese ganzen depperten Kommentare nur, wie leidend “die Presse” und ihre Journalisten sind. Man kann es nicht glauben. Habeck – leicht angeheitert – hat das gestern Nacht noch begriffen… Nix wird’s mit dem Regien in Bayern. Und das ist auch gut so… Wenn die Leute sich wieder normalisieren und begreifen, das ihnen seit Wochen suggeriert wird von den deutschen Medien, dann werden sich bei der nächsten Wahl – wie so üblich – die Wähler wieder anders entscheiden. Wie war das mit der CSU 2008. Sie musste mit der FDP koalieren… Schlafzeilen im Spiegel: “Das Ende der jahrzehntelangen Alleinherrschaft ist perfekt: Vier Wochen nach dem bayerischen Wahlbeben haben CSU und FDP den Koalitionsvertrag unterzeichnet. Die Liberalen bekommen zwei Ministerposten: Wirtschaft und Wissenschaft.”…. Ja mei sagt der Bayer… jetzt wars mal wieder nötig… und in ein paar Jahren heißt es: “Schaungma amoi dann seng mas scho”.. Gell Schreiberlinge aller Couleur. Wie wärs denn, wenn Ihr Euch mal mit den richtigen Mißständen in diesem Lsand und in diesen Verwaltungen beschäftigt. Und statt laut herumzukreischen und das wars dann, diese Dinge VERFOLGEN würdet. Deshalb isses o.k. wenn Ihr heute ein bißchen rumplärrt – wie die Grünen gestern – und übermorgen ist alles vorbei und wir haben auch das überstanden.

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