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Haltung gegen "die da oben": vom Elend des politischen Kabaretts und dem Populismus des Besserwissens

Kabarrettistin Carolin Kebekus, Schriftsteller Ferdinand von Schirach, Kolumnist Thomas Fischer: zwischen "Schrei-Modus" und "Depri-Sound"

Im politischen Kabarett geht es vordergründig um Haltung und Tabubruch, doch für MEEDIA-Kolumnist Thomas Fischer weniger oberflächlich betrachtet in Wahrheit um „Reiz-Reaktion-Verstoffwechselung“, die beim ZDF-Format „Die Anstalt“ besonders dann den Fernsehabend verderben kann, wenn sie Intelligenz und Kalauer im Verhältnis 1:9 mixt. Außerdem in Folge 4 von Fischers kleiner Presseschau: eine Abrechnung mit der „Spaltungs-Rhetorik“ zum Tag der deutschen Einheit sowie die Rolle des Käsebrots im Werk des frisch gekürten Literaturpreisträgers Ferdinand von Schirach.

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  1. Kabarett, politisch

Heute werfe ich zunächst einen – ganz subjektiven – Blick auf Elend oder Glanz des deutschen „politischen“ Kabaretts. In der vergangenen Woche habe ich nämlich im ZDF einmal wieder “Die Anstalt“ angeschaut; und danach drängt es aus einem heraus. Denn es ist  zwar im Grundsatz schön, an einem frühherbstlichen Abend die Füßchen hochzulegen und zu hoffen, dass auf dem Flatscreen vor einem etwas vorhersehbar Richtiges geschieht. Aber wenn dann doch wieder nur vier Minuten Intelligenz auf 41 Minuten Kalauer kommen, ist man halt angefressen.

Haltung

„Politisches Kabarett“ ist, so geht das Narrativ, vor allem „Haltung“: gern gegen „die da oben“, oder was man dafür hält. Haltung wird mit Ehrenpreisen gepriesen. Ich zum Beispiel habe einmal einen Ehrenpreis der ZEIT-Redaktion für den meist-geklickten ZEIT-Online-Text aller Zeiten gekriegt. Es war eine sehr schöne Preisverleihung.
Haltung als Botschaft ist zwar ein Kennzeichen der Kabarettistik, denn dort soll ja  der Mensch erfahren, wer er oder sie ist oder sein sollte. Das hochverehrte  Publikum begibt sich daher, nach Maßgabe der Anordnungen der jeweiligen Produktionsfirma  GmbH & Co. KG, in den Zuschauerraum, um die vorhersehbaren Versprecher und Metaphern des Künstlers einmal sozusagen live zu erleben. Es gibt möglicherweise vorher ein paar gesponserte Apfelsäfte. Daher kennt die  Begeisterung kaum Grenzen, wenn man es schafft, die Imitation von Horst Seehofer oder Angela Merkel zu erkennen und dabei gefilmt zu werden.
Das war aber schon immer so. Ich erinnere mich, wie die Reiz-Reaktion-Verstoffwechslung in den Jahren 1960 bis 1970 funktionierte: Ursula Noack sagte, dass Ludwig Erhardt dick sei, Heinrich Lübke peinlich und Hans-Georg Kiesinger ein Nazi-Mitläufer.  Das wussten auch vorher schon alle; es galt aber trotzdem als „Tabubruch“. Dieter Hildebrandt versprach sich exakt an den Stellen, die der Zuschauer hatte kommen sehen, und im Tabubruch des Ostdeutschen Fernsehfunks (DFF) durfte später ab und zu ein als Dachdecker verkleideter Künstler sagen, dass ihm das Dach auf den Kopf gefallen sei. Auf diesem Niveau dichtet Uwe Steimle bis heute.
Im Westen, an den Rändern der Aufklärung, dichteten ganz andere Lichtgestalten. Ho-Ho-Ho, sagte das hochverehrte Publikum, das mehrheitlich aus Lehrkörpern bestand und die Werktätigkeit der Frau in der DDR im Grundsatz eigentlich gar nicht so schlecht fand, jedenfalls solange man es nicht übertreibt. Also durchaus gern auch einmal der Baggerführer Willibald, oder „Sonntags in der kleinen Stadt“, aber immer auf dem Boden der fdGO (siehe Lebenszeit-Anstellung etc. pp.). Kabarett gnadenlos entlarvend wg. Starfighter, Flick und so weiter. FJS stellte zuverlässig Strafantrag wegen Beleidigung, was das Geschäft belebte. Draußen in der Kälte schlugen die Vampire Neuss und Teufel die Trommeln der Anarchie, aber sie waren war nicht kompatibel.

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Was ist an Kunst geblieben? Der geniale Qualtinger zerfiel. Achternbusch und Ringsgwandl haben die Jugend hinter sich. Polt und Schramm zitieren Schramm und Polt. Daher jetzt Nuhr, Welke, Priol. Herr Mittermeier bringt seine berühmte Behinderten-Nummer, und Herr Sträter seine extrem witzige Mütze: Er sagt, dass er Fußpilz hat oder dass er Sauerkraut-Auflauf furzen muss. Das reicht für eine öffentlich-rechtliche 10-Minuten-Performance. Für die Intellektuellen unter dem prekariativen Publikum sitzen Malmsheimer Rether und Pelzig auf der Einwechselbank. Aber damit sind wir schon im Übergangsmodus zur Prunksitzung.

Frauen-Kabarett

Es gab und gibt großartige Kabarett-Künstlerinnen. Ohne Karlstadt wäre Valentin nicht gewesen und ohne Schneeberger nicht Polt (und umgekehrt). Schwarzmann und andere können auch ohne Max+Moritz aus Nichts Bemerkenswertes machen, wenn sie gut drauf sind und einmal ein Lied schreiben, das nicht von Cellulite handelt.
Auch hier dominiert aber Kabarett 2.0. Wie Sie wissen, hat der deutsche Humor der „Bettwurst“- und „Nichtsdestotrotz“- Generation sich mit Hilfe der ARD über Jahrzehnte zur so genannten „Comedy“ emporgearbeitet. Dies ist eine Kunstform aus den USA, deren für alle Zeiten gültige Definition man in dem Monroe-/Montand-Film „Let’s make Love“ (Machen wir’s in Liebe, 1960) in Gestalt eines kleinen Auftritts von Bob Hope erleben kann. Wenn man das Laufen auf den Innenknöcheln mit dem gefühlt einzigen Thema kombiniert, zu welchem Frauen im deutschen Humorgeschäft etwas Witziges sagen möchten – also entweder Vaginalausfluss oder die Sieben Zwerge – ist man relativ dicht dran.
Damit kommen wir nun unweigerlich zu Carolin Kebekus & The Screaming Sisters. Das Schreien als solches ist eigentlich eine Kommunikationsform für besondere Gelegenheiten. Es verliert wie alles an Wirkung, wenn es zum Standard wird. Aus mir nicht erkennbaren Gründen neigt eine Mehrheit weiblicher Humor-Künstlerinnen  dazu, 75 Prozent ihrer Wortbeiträge im Schrei-Modus zu performen. Die Gegenbewegung unter Leitung von Hazel Brugger bevorzugt den albernen Schräter-Modus geringstmöglicher Intonation zwecks Vortäuschung höchstmöglicher Hintergründigkeit. Vermutlich hat das mit Lampenfieber zu tun. Ich finde den unlustigen Depri-Sound oft einfach deshalb besser, weil er leiser ist.
Frau Kebekus jedenfalls schreit besonders viel und und zappelt dabei auch noch besonders hektisch herum. Sie ist überdies der Ansicht, dass sie besonders intensiv wirkt, wenn sie in einem Satz mit zehn Worten neun betont. Das zeigt ein zutreffend geringes Vertrauen in die Kraft des eigenen Gedankens. Das wiederum führt zu  „paradoxen Reaktionen“, indem die Verfehlung des Ziels zum Anlass für immer noch schrecklichere Hervorbringungen genommen wird.
Apropos Gedanke! Hier kommt eine Kebekus-Inspiration aus der jüngsten „Anstalt“:

Oder letztes Jahr, als die Pille danach zu haben war, hat Jens Spahn, unser Gesundheitsminister, gesagt: Nein, das kann man nicht machen, das sind ja schließlich keine Smarties. Jens Spahn ist eh der Beste: Mann, schwul, und sagt mir, wie ich mich mit meiner Sexualität zu verhalten habe. Das ist ja, als würde mir’n  blinder Veganer erklären, wie mein Mettbrötchen auszusehen hat.

Da ist das Publikum im ZDF begeistert und muss herzlich lachen. Ich hätte daher  Vorschläge für ähnlich lustige Hinweise von Uthoff/von Wagner in kommenden Folgen: „Frau, lesbisch, und will mir erzählen, welchen Arsch ich geil finden soll“; oder: „Muslima, Kopftuch, und sagt mir, wie man Zigeunerschnitzel brät.“ Ich bin sicher, dass alle das sehr lustig fänden.
Noch ein Gag gefällig?

Jedes Mal, wenn ein Recht reformiert werden soll, ein Gesetz, dann wird ewig rumdiskutiert, ob die Frauen denn auch umgehen können mit dem neuen Privileg (…) Sehr schönes Beispiel ist die Diskussion um die Reformierung des Paragrafen 219a. Der verbietet die Werbung für Abtreibung in Deutschland. Und letztes Jahr wurde eine Frauenärztin zu 6.000 Euro Strafe verurteilt, weil sie auf ihrer Homepage Information zu Schwangerschaftsabbrüchen veröffentlich hat. Keine Werbung – Information! Sie hat keine Werbung gemacht (…). Für wie blöd hält man uns eigentlich?

Kleine Ergänzung zur Faktenlage: Die „Frauenärztin“ ist keine Frauenärztin, sondern Allgemeinärztin. Sie hat deshalb auch keine Kassenzulassung für die Abtreibungen, die sie anbietet. Auf Ihrer Homepage darf sie so viel Information verbreiten, wie sie will, nur halt nicht werben. Hierzu schrieb sie zwar nicht: „Hier super, zwei für eins, alles muss raus“ (Kebekus), aber doch immerhin: „Bitte Bargeld mitbringen“. Das scheint mir denn doch eher Richtung „Werbung“ zu gehen als Richtung Information.

Deutschland, „gespalten“

Der zweite Blick soll – kurz – dem 3. Oktober gelten. Natürlich nur peripher und angedeutet. Der Tagesspiegel aus Berlin hat am 2. Oktober 2018 einen langen Seite-Eins-Text von Gerd Appenzeller herausgehauen: „Nur mit Euch?“ Er gibt sich als „besorgte“ Diagnose, ist aber, auch nach dem zweiten Lesen, eher das Gegenteil: ein populistisches Pamphlet gegen demokratische Gelassenheit und für die Großartigkeit verantwortungsfreien Motzens.
Deutschland, so Appenzeller, sei „gespalten“. Das ist eine Diagnose, die so neu und sensationell ist wie die Information, dass es in München zwei Profi-Fußballvereine gibt. Die „Spaltungen“ zwischen Flick und dem Malocher, Strauß und Wehner, Brandt und Barzel, Kohl und Kelly, der Hoechst AG und Jutta Ditfurth, Ho Chi Minh und Axel Springer, Thomas Anders und Dieter Bohlen gehören zum  tausendjährigen deutschen Erfolgsreich wie die erotische Männer-Vereinigung von A. Gauland und L. Bachmann.
Herr Appenzeller, ein Autor mit einem großen Namen, hat das Folgende herausgefunden:

Diese Welt wird regiert von Politikern, denen die Sorgen der Bürger fremd sind. Viele von Ihnen haben nie das erlebt, was man als die Ungewissheit eines Brotberufs benennen könnte. Die Angst, arbeitslos zu werden. Die Sorge, ob das Geld bis zum Monatsende reicht. Zweifel, ob die Rente am Lebensabend auskömmlich sein wird. Die Furcht vor zu viel Einwanderung (…)

Aus all dem generiert der Analytiker die Diagnose, dass „Deutschland gespalten“ sei zwischen Volk und „Regierenden“. Was für eine erbärmliche Vereinfachung! „Wenn sich die Parteien mehr um sozialpolitische Gerechtigkeitsthemen kümmern würden, könnten sie dem Populismus entgegenwirken“ (Appenzeller). Welchen Populismus meint er: Seinen eigenen oder den der jeweils anderen? Welche „sozialpolitischen Gerechtigkeitsthemen“ sind gemeint? Rente, Niedriglohn, Kommunikation, Wohnen, Bildung, Vermögensverteilung? Welche Vorschläge und Lösungen haben der Tagesspiegel und Herr Appenzeller dazu, und um welches Nicht-„Kümmern“ konkret geht es? Wie hoch ist eigentlich die „Rente“ des „Spaltungs“-Kritikers Appenzeller? Welchen Brotberuf kennt er, außer dem des Redens, Schreibens und „Leitens“; wieviel Brot hat er im Leben gebacken? Was unterscheidet sein eigenes werktätiges Wirken von dem einer Bundestags-Abgeordneten aus Brandenburg oder eines Ministers im Saarland? Was sagt er zur „Spaltung“ der deutschen Geldvermögen?
Unter den Texten zur angeblichen Lage Deutschlands im Jahr 2018 scheint mir dieser symptomatisch falsch: Die vorgeblich anti-populistisch gerichtete Kritik hat nichts zu bieten außer einem Populismus des Besserwissens, einer Klage des Zu-kurz-Kommens, wie sie das Deutsch-Nationale seit 150 Jahren mit „Sinn“ erfüllt.
Es gibt vermutlich viele „Spaltungen“ in Deutschland. Die wahrscheinlich am wenigsten entscheidenden davon sind solche zwischen „den Politikern“ und „dem Volk“, jedenfalls der Art, wie sie von Appenzeller & Cie. behauptet werden. Seriosität würde überdies erfordern, dass man sagt, wer „die Regierenden“ sind, die man beschuldigt, keinen Brotberuf und keine Rentenlücke und keine Angst zu kennen. Sind es die Abgeordneten der Bezirke, in denen die Chefredaktion des Tagesspiegels wohnt? Staatssekretäre und Referatsleiter? Die Landtagsabgeordneten und ihre Lebens- und Ehepartner? Welches Politbüro meint  Herr Appenzeller? Wie hoch ist die Rentenerwartung der Eigentümer des Tagesspiegel, wie hoch die des Bezirksbürgermeisters von Neukölln oder des Anstaltsleiters der JVA Tegel? Wie viele Mindestlohn-Empfänger und Aushilfs-Kassiererinnen hat Herr Appenzeller in den letzten fünf Jahren zum Abendessen ausgeführt und nach ihren Sorgen befragt?
Es geht natürlich nicht um einzelne Journalisten und ihre Ahnungen vom  Untergang. Ich habe schon vor 40 Jahren die düsteren Fantasien des Redakteurs Thankmar von Münchhausen in der FAZ gelesen, aus Anlass der Einführung der Sommerzeit oder der Reformierten Oberstufe in Hessen, und dachte schon damals, im Innern solch hohler Schokoladengestalt  müsse sich eine recht wichtelmäßige Seele verbergen.
Ich finde, kurz gesagt, die larmoyante „Spaltungs“-Rhetorik verantwortungslos und unzutreffend. Wenn Herr Appenzeller meint, dass Berliner Gelegenheitsarbeiter und Zeitungsausträger zu wenig verdienen, soll er Vorschläge und Aktivitäten zur Abhilfe unternehmen. Dem „Wir-sind-das-Volk“ nach dem Maul zu reden, ist nicht hilfreich. Und die Spaltung zwischen „Regierenden“ und „dem Volk“ zu verorten und das auch noch als das entscheidende „Oben und Unten“ auszugeben, scheint mir nicht nur an den Problemen vorbeigeredet, sondern auch ein echtes Hemmnis auf dem Weg zur Erkenntnis.

Eilmeldung

Der Berliner Schriftsteller Ferdinand von Schirach, so meldet der DLF, ist am 3. Oktober  mit dem „Ricarda-Huch-Preis“ ausgezeichnet worden: für seine aufklärerische Enthüllung der Psychologie des Verbrechens. Ich missgönne Herrn Schirach die 10.000 € wirklich nicht – andere kriegen viel mehr für viel weniger. Ich möchte dennoch einmal mehr anmerken, dass man, nach meiner Ansicht, in wenigen „Dramatiker“-Oevres so wenig Neues, Wahres oder Wichtiges über die „Psychologie des Verbrechens“ erfahren kann wie im Panoptikum des Künstlers Schirach, der, bildlich gesprochen, meist auf einer Mauerkrone zwischen Großvater S., vorgetäuschtem Mandantenverrat und Karl May balanciert und für Enthüllungen der Art, dass der Mörder zum Frühstück ein Käsebrot aß, demnächst noch mit der Neu-Isenburger Hemingway-Medaille „Fliegenfischen heute und morgen“ ausgezeichnet werden wird.
Von Schirach ist natürlich kein Kabarett, sondern, wie wir wissen, Wirklichkeits-Dramatik der Tiefe: Ja, dachte Müller, heute muss es sein. Er würde dem Regierenden  ein weichgekochtes Ei an den Kopf werfen und von dem Security-Mitarbeiter in den Bauch geschossen werden. Im Notarztwagen würde er dann offenbaren, dass er der uneheliche Sohn von Dagmar Berghoff und Rudi Dutschke ist. Dann würde ein Zwerg aus dem Busch springen und ihn in ein großes Schloss bringen. Eine wunderschöne Königstochter würde ihm einen Preis verleihen.
 

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