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Wieder mal ist Merkel-Dämmerung: die unstillbare Lust der Medien am nahen Untergang

Angela Merkel: in den Medien immer am Ende
Angela Merkel: in den Medien immer am Ende

Jetzt ist Angela Merkel mit ihrer Koalition wegen der Wahl-Niederlage von Volker Kauder also am Ende. Wieder mal. Wenn man den Medien glaubt. Berichterstatter vermelden seit vielen Jahren schon die "Kanzlerinnen-Dämmerung". Die unstillbare Sehnsucht der Medien nach der Apokalypse lässt sich aktuell mit ein paar weiteren chronischen Krankheiten des Betriebs gut beobachten. Versuch einer Diagnose.

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Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen! Die Medien machen nur das, was sie immer machen und wohl immer schon gemacht haben: Sie schreiben, senden und kommentieren das nahende Ende herbei. Der Medienbetrieb an sich war und ist von einer unstillbaren Sehnsucht nach der Apokalypse, dem großen Knall, dem Untergang geprägt. Sei es der Euro, das Abendland, die Hochkultur oder die Kanzlerschaft der Angela Merkel. Jetzt muss aber auch wirklich bald mal Schluss sein! Das kann so echt nicht mehr weitergehen!

Der aktuelle Grund für das kollektive mediale Hyperventilieren ist die Niederlage Volker Kauders bei der Wahl zum CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden. Kurz davor war es das Gezänk rund um Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Davor war es der Streit um Zurückweisungen von Flüchtlingen an der Grenze, den CSU-Chef und Innenminister Horst Seehofer angezettelt hatte. Nein, man kann wirklich nicht sagen, dass wenig los wäre, in dieser Koalition. Und, ja, es läuft alles andere als rund. Aber wird die Groko deshalb zerbrechen, muss Merkel nun ihren Kanzlerinnen-Hut nehmen, wie es die Medien atemlos herbeischreiben? Wer weiß das schon? Aber die Antwort lautet vermutlich dann doch eher: nein.

Übermedien.de hat eine nette Chronologie der medialen Merkel-Abgesänge seit 2001 veröffentlicht. Das Ende der politischen Karriere der Angela Merkel begann demnach schon vor ihrer Kanzlerschaft. Der Journalist Martin Hoffmann hat bei Twitter einige Schlagzeilen dazu gesammelt:

So ist es auch diesmal wieder. Gabor Steingart findet in seinem Morning Briefing gewohnt große Worte zur “Koalition ohne Zukunft”: “Der Sturz Kauders bedeutet im Regierungsalltag einen Energieabfall, der vom nahenden Ende der Kanzlerschaft kündet. Die Große Koalition kommt in diesem Zustand politischer Erschöpfung niemals bis zum Ende der Legislaturperiode.” Naja. Schaun mer mal.

Hans-Jürgen Jakobs schreibt für das Handelsblatt Morning Briefing über “Angela Merkels Endspiel” und hat das Zitate-Brevier gleich neben der Tastatur liegen: “Es herrscht Fragilität, eine Lage, aus der leicht neue Führungsfiguren wachsen. Die Landtagswahlen in Hessen und Bayern könnten Annegret Kramp-Karrenbauer, Armin Laschet und Jens Spahn näher an die Macht bringen, und erst einige Zeit danach wird man sich besser erinnern, wie wichtig und verdienstvoll die Frau aus der Uckermark war. Einstweilen wohnen wir live ihrer Demontage bei und zitieren Shakespeare: ‘Kein König seufzte je / Allein und ohn’ ein allgemeines Weh.'”

René Pfister orakelt im Spiegel-Letter “Die Lage”, die CDU müsse nun “ihren Weg ohne Merkel gehen”. Gerade so, als sei sie schon weg. Sie “könnte” ja die Vertrauensfrage stellen, bzw. beim nahenden CDU-Parteitag in Hamburg sollten sich die potenziellen Merkel-Nachfolger “ein Herz fassen und gegen Merkel kandidieren”, meint Herr Pfister. Ob sich Annegret Kramp-Karrenbauer, Armin Laschet, Jens Spahn oder Peter Altmeier an den Rat des Spiegel-Lettermannes halten werden? Keine Ahnung, aber vermutlich eher nicht.

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Die Lust am Flirt mit der Apokalypse ist kein Merkel-exklusives Medien-Phänomen. Auch schon Helmut Kohl wurde von Medien, dem Spiegel vor allem, immer wieder aus dem Amt geschrieben, als er noch sehr lange im Sattel saß.

Irgendwann stimmt’s dann halt mal, weil jeder irgendwann gehen muss oder gegangen wird. Jedem Anfang wohnt eben nicht nur ein Zauber, sondern auch irgendwann ein Ende inne. In Zeiten von Social Media, Digitalmedien und Meinungs-Inflation hat die Apokalypsitis deutlich an Tempo und Schärfe zugenommen.

Die Kehrseite der medialen Untergangslust ist eine manchmal erschreckende Blindheit für mögliche tatsächliche Entwicklungen. Den Namen Ralph Brinkhaus dürften die allermeisten Medien-Konsumenten nach dessen Überraschungskandidatur zum ersten Mal bewusst in der Berichterstattung wahrgenommen haben. Die Leitmedien fixieren sich stets auf die bekannten Leitfiguren. Für Personen am Rand oder in der zweiten Reihe haben sie kein Sensorium. So schrieb auch der als best-informiert geltende Welt-Chefreporter Robin Alexander jüngst über Kauders Wiederwahl, als könne es gar keine andere Option geben: “Genau so wird es kommen.” Kam dann aber doch anders.

Es gehört nun mal zum Mediengeschäft, immer ganz genau Bescheid zu wissen, den Lesern den Eindruck zu vermitteln, dass man Informanten am Tisch der Mächtigen sitzen hat. Bisweilen wird so geschrieben, als hockten die Reporter direkt im Hirn der handelnden Personen. Vor allem der Spiegel kultiviert diese Stilform der subjektiven Reportage, bei der ganz genau beschrieben wird, was jemand wann tut, was er oder sie denkt, wie sich die Kanzlerin fühlt und was das Glas Orangensaft in irgendeinem Tagungshotel kostet. Motto: Wir sind sowas von nah dran, wir kriegen einfach alles mit. Wenn es dann doch anders kommt, ist’s halt blöd gelaufen. Dabei ist aber gut möglich, dass durch diese Art der Berichterstattung mit der Zeit auch Vertrauen verloren geht, falls Leser den Eindruck gewinnen, dass hier in erster Linie Show-Journalismus praktiziert wird.

 

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Das mit der Nähe ist sowieso noch einmal ein ganz eigenes und auch nicht ganz neues Problem. Irgendjemand wird Robin Alexander in dem oben genannten Beispiel das schon so gesagt haben, dass es “genau so” kommen wird mit der Wiederwahl von Kauder zum Unionsfraktionschef. Man kann aber nicht an jedem gleichzeitig nah dran sein, und manchmal ist die eigene Quelle dann doch nicht die entscheidende. War es vielleicht auch Nähe, die Leute wie den Spiegel-Online Hauptstadtbüro-Leiter Stefan Kuzmany dazu veranlassten zu kommentieren, der erste Kompromiss in der Personalfrage Maaßen, seine geplante Beförderung zum Staatssekretär, sei einer, bei dem “alle Koalitionspartner gewonnen” hätten? Wo es in Wahrheit doch recht offensichtlich war, dass niemand dabei “gewonnen” hatte und alle Beteiligten maximal beschädigt wurden. Auch der SPD-Experte in der Zeit, Peter Dausend, schrieb, die SPD habe durch die Beförderung Maaßens, die dann doch nicht stattfand, “ihr Ziel erreicht”. Die Sozialdemokraten unter der Führung von Scholz und Nahles hätten hier ihren Mut wiedergefunden. Das sind Einschätzungen, die nahe an den Führungsfiguren scheinen und weniger an der Basis, wo es bekanntermaßen kräftig rumorte.

Das Grundproblem bei alldem ist, dass Zweifel und Zögerlichkeit bei Analysen und Einordnungen in den Medien nicht gefragt sind. Ein abwägendes “einerseits, andererseits”, lockt kaum einen hinter dem Ofen hervor. Ein “man muss einfach mal abwarten” bringt weder Klicks, Quote, noch Auflage. Ein “ich weiß nicht”, entzückt keinen Chefredakteur. Andererseits ist es aber auch nicht so, dass die Medien mit der beschrieben Form des Dauer-Hyperventilierens große Nachhaltigkeitserfolge feiern würden. Die Klicks mögen steigen, doch die Auflagen sinken.

Vielleicht wäre es an der Zeit, es einfach mal mit ein bisschen mehr Zögerlichkeit – man könnte auch sagen: Vorsicht – bei der Berichterstattung zu probieren. Wir würden vermutlich einige Klicks verlieren, könnten aber langfristig wieder etwas Vertrauen gewinnen. Träumen darf man ja mal.

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Alle Kommentare

  1. Lieber Herr Winterbauer, es ist noch viel ärger, als Sie schreiben.
    Der Journalismus beschädigt durch die Bank durch unsere Demokratie und schürt die Politik- und Demokratieverdrossenheit. Und viele Oppositionspolitiker tun da kräftig mit.

    Es ist doch so: In unserer Demokratie ist die Gewaltenteilung mit das höchste Gut. Wenn nunmehr ein Teil der Legislative (CDU-Bundestagsfraktion), der auch Minister und Kanzlerin (Exekutive) stellt, beschließt, als Vorsitzenden eine Persönlichkeit zu bestimmen, die unabhängiger von der Exekutive ist als der Vorgänger, dann ist das erst einmal rundherum positiv. Ohne wenn und aber ein Gewinn für unsere Denmokratie, jenseits jeder persönlichen Prägung.

    Welche Verdrehtheit hat inzwischen die Köpfe der deutschen Journalisten errreicht, bis hin zu sogenannten “Edelfedern” mit ihren völlig widersinnigen Kommentaren? Begreift Ihr Journalisten denn gar nichts mehr? Hat die Journalistenausbildung und -weiterbildung so versagt?

    Was zB. die Tageschau gestern abend an Berichten und Kommentierung geboten hat, war ein einziges Demokratie-Desaster. Ich bin wirklich erschrocken über die Entwicklungen im politischen Journalismus und kann mich als Kommunikations- und Medienwissenschaftler nur noch fremdschämen.

    Welche Konsequenzen aus der Wahl für die Kanzlerin folgen? Sie muss nun wieder stärker nach demokratischen Spielregeln regieren – mit einer CDU-Fraktion, die Parlament und nicht Regierung ist.

  2. Frau Merkel und die Journallie haben die BRD, insbesondere Rechtstaat und Demokratie, irreparabel beschädigt. Frau Merkel wird als die schlechteste Kanzlerin in die Geschichte eingehen. Das Vertrauen der Deutschen in den Staat, Verwaltung und Medien wird nicht wieder hergestellt werden. Falls jetzt noch eine Wirtschaftskrise kommt, wie von den Profis antizipiert, dann ist die BRD Geschichte. Linksgrüne merkelische Steigbügelhalter werden nicht verstehen…

  3. Völlig richtig, Hérr Winterbauer. Merkel wird Brinkhaus indirekt die Kanzler-Nachfolge antragen – schon ist wieder Ruhe im Kommentatoren-Körbchen.

    Die Taktikerin Merkel wird Brinkhaus konsequent einwickeln, sich mit ihm verbünden, ihre Politik gemeinsam absprechen. Beide wissen, dass sie nur gemeinsam und ohne Streit erfolgreich sein werden. Merkel wird gegenüber Brinkhaus andeuten, das sie jetzt ihn als künftigen Kanzler-Nachfolger sieht. Wenn er jetzt zwei Jahre fehlerfrei arbeitet, sind Spahn und AKK als “Kronprinzen” vergessen Brinkhaus braucht für seine Kandidatur unbedingt Merkels Unterstützung – also wird er sich Angie “ergeben”.

  4. Wenn man die Medienberichtserstattung in den letzten Jahren verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Journalisten regelrecht Angst davor haben, dass die Merkel-Ära und mit ihr die fortdauernden Rechtsbrüche einmal enden könnten. Eine Regierung, die das Land sozial und wirtschaftlich ins Desaster steuert, soll dauerhaft an der Macht bleiben, jede oppositionelle Bewegung wird niedergeschrieben. Nach dem Sturz Merkels gehört auch das Totalversagen der Medien geschichtlich und rechtlich aufgearbeitet.

  5. Trump ist in GroKo-Mediaworld hierzulande seit vier Jahren ‘am Ende’.

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