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"Sensationsgeilheit", "Gefährdung der Demokratie": Journalismus-Professor rechnet mit Döpfners BDZV-Rede ab

Journalismus-Professor Klaus Meier kritisiert Mathias Döpfners Forderung einer anderen Gewichtung der journalistischen Berichterstattung

Springer-CEO Mathias Döpfner hat in seiner Rede beim BDZV-Kongress eine andere Gewichtung der journalistischen Berichterstattung gefordert und nahm auf die Vorfälle in Chemnitz und Köthen Bezug. Der Journalistik-Professor Klaus Meier widerspricht ihm nun vehement. Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Forderung des BDZV-Präsidenten nicht haltbar und stelle eine Gefahr für den Kern der Demokratie dar. Ein offener Brief.

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Von Klaus Meier
Sehr geehrter Herr Dr. Döpfner,
in Ihrer Rede als Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger auf dem BDZV-Kongress (die Rede in voller Länge, Anm. d. Red.), die zudem in der Welt veröffentlicht ist, fordern Sie eine andere Gewichtung der journalistischen Berichterstattung. Sie beklagen, dass über die Straftaten von Asylbewerbern, Flüchtlingen und anderen Ausländern ausführlicher und mehr auf den Titelseiten der überregionalen Medien berichtet werden solle. „Am Tag nach dem möglichen Mord in Chemnitz berichteten null von zwölf überregionalen Medien, die ich mir angeschaut habe, auf der Titelseite“, beklagen Sie. Auch eine Tat in Paris hätte größer aufgemacht werden sollen: „Und als am Tag nach dem Todesfall in Köthen ein Afghane in Paris sieben Menschen mit einem Messer verletzt, bleibt die Tat auf den meisten Portalen eine Randnotiz.“ Sie beschweren sich darüber, dass die Zeitungen mit dieser Gewichtung der „Verpflichtung zur Wahrheit“ nicht gerecht geworden seien.
Dieser Klage und Forderung muss ich aus wissenschaftlicher Sicht deutlich widersprechen.
Dass die Zeitungen zu wenig und zu wenig prominent über die Straftaten von Asylbewerbern, Flüchtlingen und anderen Ausländern berichten würden, ist ein wesentlicher Teil der Propaganda rechtsnationaler Gruppierungen. Und das nicht erst seit dem Aufkommen und dem Erstarken der AfD, der Pegida oder der Identitären Bewegung, sondern im Grunde seit Jahrzehnten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Seit vielen Jahren belegen Inhaltsanalysen, dass Journalismus das Bild des „kriminellen Ausländers“ und verwandter Stereotype vermittelt. Fremde Menschen werden deutlich überproportional im Vergleich zur Realität als Täter dargestellt. Dies betraf in den 1960er und 1970er Jahren Gastarbeiter und seit den 1990er Jahren Asylsuchende und Flüchtlinge. Und jetzt – insbesondere nach der Silvesternacht in Köln – wählen die Zeitungen erneut vermehrt Ereignisse aus, an denen Ausländer als mutmaßliche Täter beteiligt sind, und sie erwähnen verstärkt die Nationalität von ausländischen Tätern. Sie berichten grundsätzlich mehr über Straftaten – und deutlich öfter und intensiver über die Beteiligung von ausländischen mutmaßlichen Tätern als von deutschen.
Die verstärkte Berichterstattung über Kriminalität führt dazu, dass viele Menschen Angst haben, Opfer zu werden. Und das, obwohl die Straftaten in Deutschland auf einem niedrigeren Niveau sind als in den 1990er Jahren. Unser Land ist so sicher wie lange nicht mehr. Kriminologen stellen fest, dass die Kluft zwischen realer und gefühlter Kriminalität extrem geworden ist. Und Studien belegen, dass dies vor allem an der übertriebenen journalistischen Berichterstattung liegt. Zudem trägt die systematische Nennung ausländerspezifischer Attribute in der Kriminalitätsberichterstattung zu einer stereotypen Weltsicht der Menschen bei. Beides – die gefühlte Unsicherheit und die Forcierung von Stereotypen – sind ein Nährboden für das Gift des Nationalismus. Mit ihrer Berichterstattung tragen Zeitungen dazu bei, dass sich eine rechtsnationale Ideologie, die Angst vor Fremden, Vorurteile und Verunsicherung befeuert, in die Mitte der Gesellschaft frisst.
Die von Ihnen beschworene „Verpflichtung zur Wahrheit“ bedeutet also ganz im Gegenteil, dass die Zeitungen die Realität nicht übertrieben verzerren und in der Gewichtung der Kriminalitätsberichterstattung sich an den Tatsachen orientieren sollten. Dass null von zwölf überregionalen Tageszeitungen über einen Totschlag in Chemnitz berichten, entspricht absolut den journalistischen Qualitätsstandards. Die Zeitungen müssten sonst im Schnitt an jedem Tag im Jahr über einen Mord oder Totschlag auf der Titelseite berichten. Dass über die Verletzung von sieben Menschen durch eine Messerattacke in Paris alleine eine Randnotiz in deutschen Zeitungen erscheint, ist schon fragwürdig und bedient eher das Sensations- als das Informationsbedürfnis der Leserinnen und Leser.
Noch größer zu berichten, wie Sie es fordern, wäre Sensationsgeilheit und würde unser vertrauensvolles Zusammenleben und damit die Demokratie im Kern gefährden.
Zum Autor: Klaus Meier ist seit 2011 Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt –  davor war er an der Technischen Universität Dortmund und der Hochschule Darmstadt. Meier ist Autor und Herausgeber verschiedener Lehrbücher zur Journalistik. Weitere Infos zu seiner Person gibt es unter journalistik.ku.de oder klaus-meier.net.

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