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Kollegahs Macho-Machwerk „Das ist Alpha!“: mit Steinzeit-Sexismus und Arroganz vom "Lauch" zum "Boss"

In der vergangenen Woche veröffentlichte Kollegah seinen Ratgeber „Das ist Alpha! Die 10 Boss-Gebote“. Das Buch des Rappers will zeigen, wie jeder noch so große „Lauch“ zum waschechten „Boss“ werden kann. Das Buch bietet jedoch nicht mehr als Beleidigungen, Frauenfeindlichkeiten und Selbstherrlichkeit. Eine Rezension.

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Von Lena Rymkiewitsch
„Das Nervensystem ist die wichtigste Kommunikationssäule im Körper! Jeder Herzschlag, jeder Gedanke, jede Muskelkontraktion beginnt mit einem elektrischen Impuls im Nervensystem“. Was anfänglich klingt, wie der Auszug aus einem Biologiebuch für Einsteiger, ist eine Passage aus Kollegahs neuem Buch „Das ist Alpha! Die 10 Boss-Gebote“. Kollegah, der mit bürgerlichem Namen Felix Blume heißt, schlussfolgert darauf hin: „Das Nervensystem befähigt den Boss überhaupt erst dazu, zu vollamplitudigen Bitchslaps auszuholen!“
Auf 256 Seiten begleitet Kollegah seine Leser vom „Lauch“ zum „Alpha-Boss“. Dabei bleibt er seiner vulgären Sprache treu und scheut sich nicht, seinen Leser auch mal als „absolut unterfickte[n] TOTAL-LAUCH“ zu betiteln. Aber das soll sich ja nun ändern. Kollegah verspricht, aus jedem noch so langweiligen Mann einen echten Boss zu machen – koste es, was es wolle. Dass er hierzu auf frauenfeindliche Klischees zurückgreifen muss, nimmt er gerne in Kauf.
Sexismus ist ein fester Bestandteil und zieht sich durch das ganze Buch, man könnte fast meinen, es sei der einzige rote Faden, an dem es sich verzweifelt entlang hangelt.

Mache Frauen nicht wichtiger, als sie sind. Stelle sie nicht auf ein Podest oder erhöhe ihren Wert zu sehr. Das erzeugt nichts als Unwohlsein bei der Frau, denn es ist nicht ihre natürliche Rolle. […] Frauen sind wie Katzen. Rennst du ihnen hinterher, rennen sie weg, ignorierst du sie, kommen sie kuscheln.

Da hilft es dann auch nicht mehr, einen Abschnitt lang über Toleranz zu quatschen:

Ich muss es eigentlich nicht erwähnen, aber genauso wie mit Weltanschauung und Religion verhält es sich natürlich mit Hautfarbe, Ethnie, Rasse und Geschlecht. Befreie dich von allen Vorurteilen und begegne jedem Menschen als Individuum.

Die „10 Gebote der Bosshaftigkeit“

Nachdem Kollegah detailreich analysiert, was einen echten Lauch bzw. Boss ausmacht und ständige Unzufriedenheit mit sich selbst als etwas positives deklariert, widmet er sich in der zweiten Hälfte seines Buches den „10 Geboten der Bosshaftigkeit“. Während einige dieser „Gebote“ bereits in etlichen anderen Ratgebern zu finden sind und keine Besonderheit darstellen („Du sollst dir realistische Ziele stecken“, „Du sollst aus deinen Fehlern lernen“), kommt man bei Geboten wie „Du sollst niemals den leichten Weg gehen“ ins Schmunzeln. Auch Aussagen Kollegahs, er habe sieben Jahre lang auf dem nackten Boden geschlafen, um sich „abzuhärten“ klingen eher ungesund als hilfreich.
Zwischendurch wird Kollegahs Buch immer wieder durch Erzählungen aus seinem Leben ergänzt. Unter der Überschrift „Realtalk vom Boss“ spricht der 34-Jährige über eigene Erfahrungen und protzt mit Kontoauszügen, Gerichtsbeschlüssen und Urkunden aus der Schulzeit. Natürlich spielt auch das Geld eine wichtige Rolle, denn ohne dieses könne man laut Kollegah bei den Frauen direkt wieder einpacken. In dieser Passage versucht er sich als Hobby-Investmentbanker und stellt überaus durchdachte Rechnungen auf wie: „Investition: 2+1=3, Ausgabe: 2-1=1“.
Auf ein langes Kapitel über Sport, in dem Kollegah seinen Lesern erklärt, „wie Training dein Hirn weiterentwickelt“ (ohne die nötige Muskelmasse kann man bei den Frauen direkt einpacken), folgt eine Motivationsrede, in der er seine neugewonnenen Bosse dazu aufruft, hinaus in die Welt zu treten: „Und jetzt ANGRIFF!!!“. Das Buch endet mit einer Hall-of-Fame, vier Seiten geballter Kollegah-Transformationsbilder. Die obligatorische Danksagung besteht aus nur einem Satz. Gut so, denn dadurch passte noch ein weiteres Poser-Bild des Rappers auf das Blatt Papier.

Kollegah zeigt sich gewohnt einseitig

Kollegahs Buch „Das ist Alpha! Die 10 Boss-Gebote“ strotzt vor Primitivität und gefährlichem Halbwissen. Neben für Kollegah typischen Ausrufen und Beleidigungen versucht sich der Rapper als Investitionsberater, Ernährungscoach, Liebesdoktor und Biologe, was ihm jedoch nicht ansatzweise gelingt. Aussagen wie „Von Chipstüten und Bier ist noch keiner zum Herkules geworden“ kann man sich getrost schenken. Folgendes lässt sich abschließend festhalten: alle Frauen sind „Bitches“ und wollen nur dein Geld, als netter Mann hast du keine Chancen, ein schlaffer Händedruck ist mit einem schlaffen Glied gleichzusetzen – und auf etwas anderes achten Frauen ja sowieso nicht.


Wer sich dieses Buch kauft, sollte es mit einer gesunden Distanz betrachten. Der Rapper versucht zwar, seriöse Ansätze zu finden, welche auch faktisch nicht unbedingt falsch sind, doch dann, wenn es knapp über das Niveau eines 6. Klasse-Biologiebuches hinauszugehen scheint, ja gerade wenn man denkt „Ach Mensch das könnte ja zur Abwechslung mal interessant werden“, bricht Kollegah ab. Eine ordentliche Ausarbeitung dieser Thesen würde wohl seine Kompetenzen übersteigen, weshalb sich der „unangefochtene Boss der deutschen Rapszene“ lieber wieder in altbekannte Beleidigungen und Oberflächlichkeit flüchtet.
Nichtsdestotrotz legte das „Motivationsbuch“ des selbsternannten Life-Coachs einen guten Verkaufsstart hin. Innerhalb einer Stunde platzierte sich „Das ist Alpha!“ auf den zweiten Platz der Bestseller-Liste bei Amazon. Von dem stolzen Preis von 22,00 Euro lassen sich Kollegah-Anhänger offenbar nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil, ein Fan schreibt über Instagram: „Die 22€ sind nichts für dieses Buch, ich hätte so eine Pracht für mehr verkaufen lassen“. Wieder andere „sehe[n] die Welt jetzt schon anders“ und das, obwohl sie gerade einmal auf Seite 100 angelangt seien.
Dennoch: Kollegahs Buch wird von überholten Klischees und einer Stumpfsinnigkeit dominiert, das Ganze gepaart mit einer ordentlichen Portion Überheblichkeit. Der Rapper wettert gegen alles und jeden, sieht seine Lebensweise als die einzig Wahre an. Vor allem Männer, die nicht auf Macho-Gehabe setzen, und Frauen im Allgemeinen bekommen in diesem Buch ihr Fett weg. In einer Welt voller Oberflächlichkeit trägt „Das ist Alpha!“ nicht gerade dazu bei, jungen Menschen die eigentlichen Werte wie Individualität und Selbstakzeptanz näher zu bringen.

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