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“Jens Spahn will, dass Pfleger mehr arbeiten”: Wie Medien ein Zitat aus dem Kontext reißen und einen Social-Media-Shitstorm anheizen

Gesundheitsminister Jens Spahn sorgt in den sozialen Netzwerken mal wieder für Aufregung
Gesundheitsminister Jens Spahn sorgt in den sozialen Netzwerken mal wieder für Aufregung

Wieder einmal Wirbel um Äußerungen von Jens Spahn. In einem Interview sprach der Gesundheitsminister über den Pflegenotstand in Deutschland. Vor allem eine seiner Aussagen sorgte in den sozialen Netzwerken für Aufregung. Nur: Im Gesamtkontext des Gesprächs betrachtet, taugt diese nicht wirklich zum Skandal – und der Fall beweist, welche Macht Überschriften in den sozialen Netzwerken haben.

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Im Interview mit der Augsburger Allgemeinen sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU): “Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.” Dieses Zitat machte am Donnerstag in den sozialen Netzwerken die Runde, zahlreiche Medien nutzten es entweder alleinstehend oder um einen eigenen Artikel über das Interview zu beschreiben. Dazu gehört beispielsweise auch Spiegel-Online-Redaktion, die ihren Beitrag “Spahn will Pflegekräfte zu Mehrarbeit motivieren” bei Facebook mit entsprechendem Zitat betitelte. Allein im sozialen Netzwerk sammelte dieses Posting knapp 5.000 Reaktionen und mehr als 1.300 Kommentare – und war damit in den sozialen Netzwerken der erfolgreichste journalistische Artikel des Tages.

Wie zu erwarten fielen die Leserreaktionen zum Großteil negativ bis vernichtend aus: “Wenn Jens Spahn nur 3-4 Mal pro Woche was schlaues sagen würde, wäre schon viel gewonnen”, lautet beispielsweise der Top-Kommentar unter dem SpOn-Beitrag. Andere schreiben: “Solche Vorschläge kommen immer von Menschen, die selbst noch nie körperlich gearbeitet haben”. Oder: “Ja klar, die faulen Pflegekräfte wollen nur nicht richtig arbeiten. Aber Gott sei Dank haben wir den fleißigen Herrn Spahn, der auf diesen Mißstand aufmerksam macht.”

Besonders erfolgreich war in den sozialen auch die “heute-show”. Sie postete das Zitat und schrieb dazu: “Wenn Jens Spahn nur drei bis vier Stunden weniger pro Woche nachdenken würde, blieben uns viele beschissene Ideen erspart.” Sagenhafte 142.000 Likes & Co. sammelte die Redaktion der Satire-Sendung dafür.

Und auch bei Twitter hagelte es Kritik für den Gesundheitsminister:

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Liest man das Interview allerdings in voller Länge, zeigt sich, dass Jens Spahn den Pflegenotstand durchaus differenziert betrachtet und eben tatsächlich auch und vor allem über die Arbeitsbedingungen spricht, die es aus seiner Sicht zu verbessern gilt. So sagt Spahn: “Außerdem haben viele Beschäftigte in Heimen und ambulanten Diensten ihre Stundenzahl reduziert, sodass wir auch ein Auge auf die Arbeitsbedingungen werfen müssen. Wenn von einer Million Pflegekräften 100.000 nur drei, vier Stunden mehr pro Woche arbeiten würden, wäre schon viel gewonnen.” Und weiter:

Vieles ist auch eine Frage der Organisation: faire Schichtpläne, verlässliche Arbeitszeiten, auch mal drei, vier freie Tage am Stück. Derzeit ist die Pflege der am wenigsten planbare Beruf, den es gibt. Die meisten Menschen, die in der Pflege arbeiten, arbeiten dort gerne, sie schöpfen viel Kraft aus ihrem Beruf, hadern aber mit den Umständen, die er mit sich bringt. Deshalb müssen wir auch an den Rahmenbedingungen arbeiten.

Genau dies hatten vor zwei Wochen auch bereits der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und Verdi angesichts einer von ihnen vorgestellten Studie zur Überlastung vieler Pflegekräfte gefordert. Demnach fühlen sich Hunderttausende Pflegekräfte durch Überlastung, Dauerstress und geringe Bezahlung ausgezehrt. Nach einer Mitte März vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung vorgelegten Studie gibt es zurzeit 17.000 unbesetzte Stellen in Pflegeheimen. DGB-Vorstand Annelie Buntenbach erklärte dazu Anfang September: “Bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen – das sind die zentralen Hebel, an denen die Bundesregierung in einer konzertierten Aktion Pflege ansetzen muss.”

Dass Jens Spahn letztendlich nichts anderes als eben dies sagt und seine Punkte bei näherer Betrachtung auch durchaus Sinn ergeben, spielt jedoch in den sozialen Netzwerken keine Rolle. Denn die Aussage, Pflegekräfte sollten doch schlicht ein paar Stunden mehr arbeiten, ist – derart aus dem Zusammenhang gerissen – ja auch in der Tat ein Aufreger und dass Jens Spahn mit einem streitbaren Statement für Schlagzeilen sorgt, schließlich auch kein Novum.

Dieser Fall zeigt, welch enorme Wirk- und Strahlkraft einzelne Sätze vor allem bei Facebook und Twitter haben. Viele Nutzer scheinen sowieso nur noch die Überschriften zu lesen und werden durch die Auswahl solcher auf den ersten Blick skandalöser Aussagen selbstverständlich zusätzlich befeuert. Es wäre wünschenswert, wenn (Social-Media-)Redaktionen an dieser Stelle differenzierter, weitsichtiger und schlussendlich auch fairer handeln würden anstatt eine ohnehin emotional aufgeladene Debatte weiter anzuheizen. Auch wenn es dadurch möglicherweise ein paar Interaktionen weniger geben könnte.

Bei Twitter hat sich Jens Spahn noch am Donnerstag selber zu Wort gemeldet und gefordert: “Bitte sachlich bleiben: Ich will die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften verbessern. Und habe nie gesagt, dass sie einfach mal ein paar Stunden mehr arbeiten sollen.”

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Alle Kommentare

  1. Welcher Geist weht eigentlich in einer Redaktion, die einen reaktionären, homophoben Klassenclown nonstop anonym hetzen und trollen lässt?

    1. @Max Schott: Das Zulassen der Kommentare bedeutet ja nicht, dass die Redaktion mit deren Inhalt einverstanden ist. Sie gibt halt auch Charakteren wie RTE2018 die Chance, sich regelmäßig der Lächerlichkeit preiszugeben. Ist doch schön, wenn AfD-Trolle in gesellschaftlichen Fragen so offen kundtun können, dass sie in ihrer mentalen Entwicklung irgendwo in den 50er-Jahren oder vielleicht sogar im deutschen Kaiserreich steckengeblieben sind.

  2. @ Max Schott: Das frage ich mich auch. Kein Artikel auf meedia mit Kommentarfunktion, bei dem nicht sofort RTE2018 seinen rechtsextremen Müll ablädt. Sitzt wohl den ganzen Tag am Rechner und hetzt die Foren voll. Oder ein Troll aus St. Petersburg (RT = Russia Today?) Einfach nur peinlich, auch für meedia.

    1. Kann ich nur bestätigen. Und wenn sich das psydoliberale Pack mit Kritik überschlägt….umso besser

    2. Liebe Frau Romy S.!

      Aus dem Grab heraus spricht es sich bestimmt leichter, nach all den Jahren. Meine Fragen, die ich gerne nur rein hypothetisch stelle: Wie sahen Sie wohl wirklich Ihre Vereinnahmung durch Alice Schwarzer, den damaligen Umgang mit Ihnen von seiten der deutschen Presse, und die Behauptungen über ihre Mutter? Wie fühlte sich das denn nun an, wenn das eigene Leben und der Liebsten in der Öffentlichkeit durchforstet wurde und wird und Unterstellungen laufen? Um sich verstanden zu fühlen, muss man sich zuallererst selbst verstehen, aber wer gibt einem die Gelegenheit dazu?
      Es ist bitter, wenn einem die Würde schon vorab genommen wird, da ist man bereits lebendig tot. Hat man Sie jemals leben lassen?

      Soweit zum Thema: verantwortungsloser Umgang und mit Unterstellungen operierender Umgang von Presseleuten/JournalistInnen am Beispiel Aussage Jens Spahn und anderen

      Alles Gute posthum zum 80.!
      Frau Geierwalli

      1. Mit echter Fanschaft ist es wie mit der wahren Freundschaft. Entweder von Beginn an, wenn jemand seine Freundschaft schon anbietet und der andere einwilligt, sich beide, mehrere dazu entscheiden, dann für immer, fürs ganze Leben, durch dick und dünn, schwere Zeiten, harte Konfrontationen, Diskussionen ebenso, all das muss eine derartige Beziehung aushalten, sonst war es keine ernst gemeinte, sondern nur eine auf Vorteil bedachte Heuchlerei, sowas wie ekelhafte Freunderlwirtschaft, – und natürlich auch über den Tod hinaus.
        Eine Fanschaft, die zerbricht, war keine. Eine Freundschaft, die zerbricht, auch nicht.

        Und ein Gesundheitsminister sollte sich wirklich um die Gesundheit kümmern, das ist nämlich mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit.

        Klingt doch gut:

        “Zuerst hatten am Samstag die Zeitungen der Funke Mediengruppe über die Einigung berichtet. „Die Krankenkassen müssen Tariflöhne künftig als wirtschaftlich akzeptieren“, erklärte Spahn. Das sei „eine gute Nachricht für Pflegekräfte und Patienten“. Tarifbezahlung sei dabei ein Weg von vielen, um den Pflegeberuf wieder attraktiver zu machen. Es sei eines der Hauptziele der Regierung, die Personalprobleme in der Pflege zu lösen. Konkret soll festgeschrieben werden, dass gesetzliche Krankenkassen den ambulanten Krankenpflegediensten den Tariflohn erstatten müssen.”

        aus:
        https://www.ksta.de/politik/spahn-will–lohndumping–beenden-ambulante-pflegedienste-sollen-nach-tarif-bezahlen-31370702

  3. Wenn einer U. v.d. Leyen ohne eine blasse Ahnung zur Gesundheitsministerin macht, nur um gegen Spahn zu stänkern; wenn er dann zurückrudert und wichtigtuerisch behauptet, es sei nur um ein „generisches Femininum” gegangen; wenn er über „Meinungsäußerungen rechts von Lenin und Trotzki” schwadroniert und schließlich Kritiker seiner narzisstischen Daueraufführung mit SED-Kadern vergleicht — dann hat man es mit einen Blender und Schwätzer und Agitator zu tun.

    Was aber immer noch nicht die Frage beantwortet, warum Meedia / Holtzbrinck einen solchen Hofnarren gewähren lässt.

  4. Spiegel Online.. drauf geschissen. Abgewrackte Dummschwärzer!
    Das Dreckspack vom ZDF… neofaschistische Hetzer und antidemokratische Widerlinge! Journalistischer Bodensatz! So viel zur „Demokratieabgabe“ dieser Crackbirnen.
    Aber schön, das dies auch hier mal problematisiert wird.

  5. Haben sich die Dilettanten vom correctiv eigentlich schon zu dieser fakenews gemeldet?
    Ach nee, das sind ja Speichellecker des Staatsfunks und beim Spiegel wird auch noch abgegriffen.

  6. Die Dummtrolle aus dem kommunistischen Kollektiv sind wieder aufgewacht.
    Oder sitzen diese Pöbler etwa beimZDF und beim SPON hinterm Schreibtisch und haben für die Kommentierung hier eine extra Portion Koks bekommen?

  7. Es wäre einfach schön, wenn Herr Spahn sich weniger missverständlich ausdrücken würde. auch wenn man das im Zusammenhang liest, ist zu verstehen, dass Pflegekräfte mehr Stund n machen sollen, anstatt mehr Kräfte einzustellen.

  8. Viel Arbeit hat in der Tat noch keinem geschadet. Das hat aber weder mit Überforderung noch mit Unterforderung zu tun, sondern mit einer falschen Motivation und völlig falschen Vorstellung.

    Ich bin überzeugt, dass wir in Zukunft viel mehr ausländische Pflegekräfte brauchen werden, die das gut und gerne machen und nicht so viel jammern.

    1. Um auf ihren link hinzuweisen:

      Wenn die Homöopathie nutzlos ist, kann man (als Arzt) nicht behaupten richtig und wichtig sei was oder noch unglaublicher gesehn, dass es subjektiv hilft. Was nutzlos ist, kann nicht helfen, vor allem auch nicht subjektiv.
      Was will man den Leuten denn einreden?

      Was machten die denn da in Berlin auf der Onkologie bei dieser summer school 2018 für integrative Medizin?
      Blutegeltherapie? Yoga? Fasten? Massage? Wozu? Antroposophische Pflege? Wozu?

      Viele Fragen.

      Bezüglich Krebs weiß ich wiedermal ein Beispiel aus der Praxis, bei einem Patienten wurde ein Muttermal gelasert, war aber die falsche Methode- , (die Metastasen wucherten bald überall), – hat die Frau dann erfahren, nachdem ihr Mann bereits tot war. Pech gehabt.

      Was sagt eigentlich der Herr Gesundheitsminister zur Homöopathie, zu den Studien, zur Alternativmedizin, zur Komplementärmedizin, zum Schamanismus und zur Kinderonkologie (Ihr link) in Berlin? Haben ihn die Chefredakteure und Fachjournalisten schon interviewt, zb die von der Zeit, welche angeblich immer ganz gründlichst seien beim recherchieren und nix niemals unterstellten?

      1. Apropos Schamanismus: Was sagt der Gesundheitsminister eigentlich über Hoodoo, auch Vodou oder Voodoo genannt?

  9. Viel gewonnen wäre allein schon dadurch, wenn man die unsägliche Bürokratie in der Pflege auf ein wirklich erträgliches Maß reduziert. Noch mehr wäre gewonnen, wenn (wie in Japan derzeit in Entwicklung) den Pflegekräften technische Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden, um die körperliche Belastung während der Pflege auf ein Minimum zu reduzieren. Dazu sollten die Pflegekräfte besser bezahlt werden und (statt mit 67) schon mit 60 Jahren) ohne Abschlag in die Rente gehen können.

    Vieles was der amtierende Gesundheitsminister in der Vergangenheit so von sich gegeben hat, lag immer in der Forderung, dass die Pflegekräfte (also die “anderen”), die Arbeit machen sollen… Fordern kann doch inzwischen jeder Hans-Wurst; nur in dem Wort “machen” lässt sich bei mir ein Prädikat finden.

    Unqualifizierte Dummschwätzer haben wir schon genug in dieser Regierung; es wird Zeit, dass er ganz schnell von der Bildfläche verschwindet. Ich finde diesen Menschen inzwischen unerträglich!

    1. Was ist eigentlich mit der BSG-Krankengeldfalle? Was sagte Spahn dazu?

      “Die Zeit”, der die Schwachen, Armen und Kranken und die sozialen Missstände so sehr am Herzen liegt, hat sich doch darum gekümmert, soweit bekannt. Oder nicht?

  10. Und da wundern sich tatsächlich noch Journalisten über den Begriff Lügenpresse?

    Die müssen sich echt in einem Paralleluniversum aufhalten. Oder nennt man so etwas schon Psychose?

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