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Nach “Wir sind Radio Hamburg”-Aktion: Streit um Arbeitsbedingungen wird zur PR-Schlacht

Wollen einen Tariflohn: Mitarbeiter von Radio Hamburg
Wollen einen Tariflohn: Mitarbeiter von Radio Hamburg

Vor einigen Wochen starteten Mitarbeiter des lokalen Senders Radio Hamburg in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften eine Protestaktion unter dem Motto "Wir sind Radio Hamburg". Dabei forderten sie ihren Arbeitgeber dazu auf, Verhandlungen über einen Tarifvertrag aufzunehmen. Nun hat der Sender reagiert – mit einer Gegen-Homepage und einem "Fakten-Check" der Gewerkschaftsargumentation.

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Nachdem vor etwas über einem Monat Mitarbeiter von Radio Hamburg in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften eine Initiative “Wir sind Radio Hamburg”, in der sie einen Tarifvertrag fordern, gestartet hatten, taucht nun eine ähnliche Internetpräsenz auf. Neben der Gewerkschaftsseite wirsindradio.hamburg ist mittlerweile die Homepage wirsindradiohamburg.de zu finden. Sie ist die Antwort des Unternehmens, das sich nicht mit den Gewerkschaften zur Abstimmung eines Haustarifs an einen Tisch setzen, wohl aber gemeinsam mit dem Betriebsrat über eine Lösung verhandeln will.

Für die Aktion haben die Macher wohl einige Ressourcen aufgewendet, um in den Rankings von Suchmaschinen besser abzuschneiden, als dieProtest-Website. So haben sie für ihre Seite Anzeigen geschaltet und auch in den SEO-Rankings schneidet die Antwortseite besser ab.

Radio Hamburg hat dort einen “Fakten-Check” der Gewerkschaftsargumentation veröffentlicht. “Die Gewerkschaften hatten ein düsteres Bild von den Arbeitsbedingungen bei Radio Hamburg gezeichnet”. Die Behauptungen würden einer Überprüfung jedoch nicht standhalten.

So entgegnet Radio Hamburg beispielsweise, dass die Zahl der festangestellten Mitarbeiter in den vergangenen Jahren zugenommen habe und listet für die vergangenen fünf Jahre einen Zuwachs von 60 Prozent auf. Auch seien die Honorare stetig erhöht, Urlaubs- und Weihnachtsgeld nicht gestrichen, sondern aus Verwaltungszwecken von 13,7 auf zwölf Monate umverteilt worden. Ein Redakteur verdiene im Schnitt 53.000 Euro brutto. Den Eintritt in den Tarif lehnte Radio Hamburg bereits vor Wochen mit der Begründung ab, dass dieser “politisch” und angesichts der Digitalisierung und Marktveränderungen nicht zeitgemäß sei.

Als Kompromiss schlägt die Geschäftsführung von Radio Hamburg, in das neben dem Hamburger Morgenpost Verlag weitere Häuser wie Axel Springer, die Bauer Media Group oder auch die RTL Group investiert sind, eine Betriebsvereinbarung vor. Diese bringe den Mitarbeitern im Schnitt eine Gehaltserhöhung von sechs Prozent, darüber hinaus gewähre der Sender je nach Angestelltenverhältnis Zuschüsse. “Unsere tief verwurzelte Verbundenheit mit Radio Hamburg paart sich mit unserer sozialen, konzeptionellen, programmatischen und wirtschaftlichen Verantwortung, die wir für das gesamte Unternehmen tragen”, schreiben die Geschäftsführer Patrick Bernstein und Marzel Becker.

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Die Gewerkschaften halten dagegen. Sie hatten die Reaktion des Unternehmens bereits vor einigen Wochen als Nebelkerzen kritisiert. Sie beharren darauf, dass die Verhandlung mit dem Betriebsrat allein nicht rechtens sei und unter Gewerkschaftsbeteiligung verhandelt werden müsse. Verdi wie auch der DJV seien als Tarifkommission von den Arbeitnehmern beauftragt worden, das müsse der Arbeitgeber akzeptieren, so DJV-Geschäftsführer Stefan Endter und Verdi-Vertreter Martin Dieckmann gegenüber MEEDIA. Die Geschäftsführung wolle mit ihrer Aktion ablenken.

Betriebsrat wie Gewerkschaften wollen einen Haustarifvertrag aushandeln, um Mitarbeitern den Rechtsanspruch auf regelmäßige Gehaltserhöhungen zu ermöglichen. Anstatt sich an einen Verhandlungstisch zu setzen, habe das Unternehmen versucht, die Protestaktion juristisch zu untersagen. So habe Radio Hamburg die Initiatoren von wirsindradio.hamburg aus markenrechtlichen Gründen abgemahnt. Weitere juristische Schritte seien bislang aber ausgeblieben, so der Gewerkschaftsvertreter weiter.

Den vorgelegten Fakten trauen die Arbeitnehmer nicht über den Weg. So weisen die Gewerkschaften darauf hin, dass bei der Nennung des Jahresgehaltes von 53.000 Euro unklar sei, ob es sich um Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerangaben handelt. Auch sei unklar, ob hier Alt-Verträge von Angestellten aus Tarifzeiten berücksichtigt worden seien. Diese würden das Ergebnis bereits deshalb verfälschen, weil es den Gewerkschaften vor allem um Neueinstellungen aus Zeiten nach dem Tarifaustritt gehe. “Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen an der jetzigen Situation etwas ändern, das haben sie uns deutlich gemacht”, so Endter.

Wie es im Streit um Tarifverhandlungen weitergeht, ist noch unklar. Es ist davon auszugehen, dass die Gewerkschaften versuchen werden, die Geschäftsleitung mit Streikwarnungen an den Verhandlungstisch zu bewegen. Ein Geheimnis machen sie derzeit noch daraus, was geschieht, wenn ein auf ihrer Homepage gestarteter Countdown in fünf Tagen ausgelaufen ist.

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