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Chemnitz und die Worte: Sprachliche Radikalisierung in Medien und Politik findet längst statt

Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli: Häufiger in Twitter-Kontroversen verstrickt

Worte haben Macht. Es ist bezeichnend, wie im Umfeld der Berichterstattung zu den Ausschreitungen in Chemnitz Worte verwendet werden. Teils unachtsam, teils mit einer bestimmten Intention. Teils als Bestandteil einer auch von Eliten im Munde geführten Radikalisierung. Das hat Folgen in der realen Welt.

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Christian Bartels schrieb in der Medienkolumne „Altpapier“ beim MDR: „Dass Worte wieder deutlich mehr auf die sprichwörtliche Goldwaage gelegt zu werden verdienen, dürfte eine gute Lehre aus den Ereignissen in Chemnitz sein.“ Da hat er recht. Es herrscht allgemein eine gewisse Verlotterung der Wortwahl, der Sprache. Das augenfälligste Beispiel ist der Begriff „Selbstjustiz“, der in Politik- und Medienkreisen im Zusammenhang mit den Chemnitzer Ausschreitungen die Runde machte. Es war und ist ja keine „Selbstjustiz“, die wir da beobachten, sondern ein außer Kontrolle geratener Mob. „Selbstjustiz“ würde bedeuten, dass da jemand für ein tatsächliches oder vermutetes Vergehen bestraft, zur Rechenschaft gezogen wird. Auch dies wäre zu verurteilen, die falsche Verwendung erzeugt aber zusätzlich ein schiefes Bild. Es entsteht der Eindruck, hier würden „Bürger“ die Justiz in die eigene Hand nehmen, da der Staat versagt hat. In Bezug auf die tödliche Messerattacke, die Auslöser der Krawalle war, hat der Staat aber ja gerade nicht versagt, sondern zwei Tatverdächtige zügig festgenommen.

Womit wir beim Staat wären. Ein weiteres Wort, das die Runde macht, ist „Staatsversagen“. Die Lesart in vielen Kommentaren geht so, dass der Staat in Chemnitz einen rechtsfreien Raum geduldet hat, in dem der Mob ungestört wüten konnte. Das erinnert an die Ereignisse jener verhängnisvollen Kölner Silvesternacht oder auch an den aus dem Ruder gelaufenen G20-Gipfel in Hamburg. In allen Fällen haben sich die Verantwortlichen in den Polizeibehörden nicht mit Ruhm bekleckert, aber rechtfertigt das die Maximal-Vokabel vom „Staatsversagen“? Kritik an dem Vorgehen bzw. Nicht-Vorgehen von Polizei und Regierung ist notwendig. Welche Begrifflichkeiten will man aber aufrufen, wenn wirklich mal alles den Bach runtergeht? Von einem tatsächlichen „Versagen“ des Staates sind wir hierzulande gottlob noch immer ein gutes Stück entfernt. Wer derartige Vokabeln gebraucht, muss gute Gründe dafür haben und diese darlegen – auch das gehört zur Verantwortung des Journalismus.

Die Beliebtheit des Begriffs ist Teil einer längst stattfindenden sprachlichen Radikalisierung, an der sich nicht nur Pöbler in den sozialen Netzwerken beteiligen, sondern auch die gesellschaftlichen Eliten aus Politik und Medien. Es fällt zum Beispiel auch auf, dass im Diskurs immer häufiger Vokabeln wie „widerlich“ und „ekelhaft“ fallen. Begriffe, die eine absolute Abscheu ausdrücken, für die es kaum noch eine Steigerungsform gibt.

Es ist mittlerweile salonfähig, eine Art „gute“ Radikalität einzufordern, die man der schmutzigen „Radikalität“ der Straße entgegensetzen will. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli hat das gerade bei Twitter getan, angesichts des einsetzenden Shitstorms ihren Tweet aber schnell wieder gelöscht. Wie sie selbst schrieb, möchte sie das R-Wort „angesichts der ekelhaften rechten Gewalt“ nicht weiter verwenden, weil „es als gewalttätig verstanden werden könnte.“ Na sowas.

Der Geist des Radikalismus ist aber längst aus der Flasche. Leute wie der FAZ-Redakteur Patrick Bahners oder Sophie Passmann klatschen dem ursprünglichen Radikalisierungs-Aufruf von Frau Chebli öffentlich Beifall.

Die Spiegel-Männer Nils Minkmar und Georg Diez sind gleich auch dabei, ebenso der Mega-Influencer vom ZDF, Jan Böhmermann. Sie sehen sich womöglich ganz auf einer Linie mit Publizist Sascha Lobo, der neulich ein einer seiner Spiegel-Online-Kolumnen mit Bezug auf Donald Trumps Lügen erklärte, man müsse „Kotze“ auch „Kotze“ nennen. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was die einstige First Lady der USA, Michelle Obama einmal einer Rede als Umgangsform mit dem Sittenverfall á la Trump einforderte: „When they go low, we go high.“ Das ist den neuen Radikalinskis aus Politik und Medien vielleicht zu fein.

Aber muss man denn gleich „radikal“ werden? Täte es nicht auch ein „konsequent“? Zugegeben: Es fällt nicht leicht, den Blutdruck unter Kontrolle zu halten, wenn man sieht, wie beispielsweise der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) in der Causa Chemnitz agiert. Zuerst war von ihm wenig, bis nichts zu hören. Als er sich dann via Pressekonferenz zu Wort meldete, wünschte man fast, er hätte weiter geschwiegen. Im festen Griff der Schluffigkeit las er Allgemeinplätze und Phrasen vom Blatt ab. In einem Akt bemerkenswerter Realitätsverleugnung bescheinigte er der Polizei, eine „hervorragende Arbeit“ geleistet zu haben, obwohl alle Welt gesehen hatte, dass eben dies nicht der Fall war. Gleich mehrfach brachte er den schrägen Begriff von „Wahrheitssystemen“ in die Diskussion ein. Was soll das sein, ein Wahrheitssystem? Und es gibt laut Kretschmer sogar mehrere davon! Meint er die Regierung? Das Parlament? Die Justiz? Die Medien? Es ist eine gefährlich diffuse Vokabel, in die die wenig Wohlmeinenden sofort einen versteckten Hinweis auf eine Art „Wahrheitsministerium“ von Staats wegen witterten und twitterten. Was Kretschmer sagte, ist nicht radikal, aber was bringt den Regierungschef eines Landes dazu, derart sorglos und verantwortungslos mit Worten zu hantieren?

Kommen wir zu des Pudels Kern bei der grassierenden Sprach-Verirrung: dem altbekannten Links-Rechts-Spiel. Waren es nun „rechte Demonstranten“, die da in Chemnitz auf „linke Demonstranten“ getroffen sind? Oder waren es allesamt „Nazis“, die einer Gruppe von „Chaoten“ gegenüberstanden? Die Zuschreibungen „links“ und „rechts“ waren schon immer schwierig, weil grob vereinfachend. Mittlerweile sind beide Begriffe stark mit zusätzlichen Bedeutungen und negativen Konnotationen aufgeladen. Bei „rechts“ schwingt in den meisten Fällen mindestens „rechtsradikal“ oder „rechtsextrem“ mit, häufig „Nazi“. Wer „links“ sagt denkt oft an „Chaoten“ oder „Randalierer“. Wobei es „links“ auch noch in der Ausprägung des „linken Mainstreams“ gibt, der manchmal auch „links-grün versifft“ ist, wenn es sprachlich ein wenig robuster bzw. radikaler zugeht. Die Zuschreibungen „links“ und „rechts“ sind hoffnungslos kontaminiert und taugen nicht länger für eine um Objektivität bemühte Berichterstattung. In Teilen haben das auch Medien selbst erkannt. Steffen Grimberg thematisierte das beispielsweise in der taz, als er schrieb:

Wenn in der medialen Berichterstattung in solchen Zusammenhängen simplizistisch von „Rechten“ und „Linken“ die Rede ist, ist das keine Zuspitzung mehr, sondern schlicht falsch. Und in einem Land wie Sachsen, in dem – wie auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt – nach einer aktuellen Umfrage von infratest dimap die AfD zweitstärkste politische Partei ist, ist so eine Darstellung brandgefährlich.

Grimberg prangert zurecht an, dass es in die Irre führt, wenn Demonstranten, die sich gegen Nazis oder Rechtsextremismus wenden, reflexhaft als „links“ bezeichnet werden. In der Bildunterschrift zu dem Kommentar wird gefragt: „Ist, wer sich den Nazis gegenüberstellt, automatisch ein Linker?“ Die Antwort lautet: Nein. Die umgekehrte Frage wird dann aber nicht gestellt. Sie müsste lauten: „Ist, wer sich gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung wendet, automatisch ein Rechter?“ Die Antwort auch hier: Nein. Das wäre sonst die berühmte „rechte Ecke“, in der Nazis, Pöbler, Hooligans und andere Subjekte hocken und in die der dauerbesorgte CDU-Politiker Wolfgang Bosbach seine besorgten Mitbürger nicht gestellt sehen will, wie er unlängst mal wieder bei „Maischberger“ verriet.

Die von Sawsan Chebli, Patrick Bahners und anderen geforderte Radikalisierung von oben hat sprachlich längst stattgefunden. Das ist einerseits natürlich eine Folge der Auswüchse und Ausschreitungen, wie wir sie leider aktuell beobachten müssen. Allerdings können Worte eben auch Rückkopplungseffekte auf die Wirklichkeit haben und weitere Eskalationen begünstigen oder verstärken. Unklar ist, ob sich die Wortführer eines radikalen Republikanismus (Bahners) einer solchen Verantwortung in allen Konsequenzen bewusst sind.

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