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Zeit-Reporter Grunert: „In Sachsen ist es schon länger so, dass Videoteams auf Demos nicht mehr frei berichten können“

Johannes Grunert war für die Hamburger auf der Demo in Chemnitz

Seit Sonntag dominieren die Ereignisse in Chemnitz die Berichterstattung. Am Montag kulminierten die Geschehnisse in Sachsen, nach dem Tod eines jungen Mannes in Folge einer Messerstecherei. Über 5.000 rechte Demonstranten zogen durch die Stadt. Für Zeit Online berichtete Johannes Grunert. Mit MEEDIA hat er über die Zustände für Journalisten vor Ort gesprochen.

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Deutsche Journalisten gingen am Dienstag hart mit der sächsischen Landespolizei ins Gericht, sprachen von „Staatsversagen“ und Zuständen, die nichts mehr mit Demokratie zu tun hätten sondern schlicht mit „Selbstjustiz“. Vor Ort waren zahlreiche Journalisten unter anderem vom MDR, von Watson.de, Spiegel Online und Zeit Online. Sie berichten von Übergriffen der Demonstranten auf die Pressevertreter und einer offensichtlichen Überforderung der Polizei gegen den zahlenmäßig überlegenen rechten Aufmarsch (Anm. d. Red.: Laut Polizei Sachsen waren rund 600 Beamte im Einsatz). Johannes Grunert, freier Journalist und Fotograf, war für Zeit Online in Chemnitz.

Herr Grunert, wie sicher haben Sie sich während Ihrer Berichterstattung gefühlt?
Johannes Grunert:
Natürlich habe ich mich nicht sicher gefühlt. Ich weiß auch, dass Kollegen mit Kameras teils mehrmals die Beine in die Hand nehmen mussten. Mir wurde ein Handy aus der Hand geschlagen, als gesehen wurde, dass ich gefilmt habe. Das ist nun kaputt.

In Ihrer Reportage schreiben Sie: „Journalistinnen und Journalisten haben sich am Montagabend so gut wie möglich gewappnet: Videoteams brachten eigene Sicherheitskräfte in die Chemnitzer Innenstadt mit, Fotojournalisten Helm und Stichschutzhandschuhe.“ Für die Sicherheit sollte eigentlich die Polizei sorgen. Seit wann übernehmen Journalisten das selbst?
Tatsächlich seit Pegida. Natürlich sind die Vorkommnisse in Chemnitz ein Novum, aber sie sind letztlich zum großen Teil mit Pegida in Dresden vergleichbar, wo über 25.000 auf der Straße waren. Auch dort war die Polizei nicht in der Lage, den ganzen Aufzug abzusichern, der ja meistens solange friedlich ablief, solange nichts Feindliches am Rand war. Es ist in Sachsen schon länger so, dass es den Videoteams auf Demos nicht mehr möglich ist, frei zu berichten, weil die Polizei nicht an jeder Stelle sein kann und die Aufmärsche so groß sind, dass die offenbar zahlenmäßig dermaßen unterlegen ist. Das fing mit dem MDR an und gestern waren es definitiv mindestens zwei Videoteams, die Sicherheitspersonal dabei hatten.

„Vermummte Greiftrupps haben Pressevertreter bedroht und angegriffen“

Wie haben Sie die Stimmung auf der Demo gegenüber Pressevertretern wahrgenommen?
Sehr aggressiv. Ich habe eher wahrgenommen, dass die Rechten gleichermaßen auf alles losgegangen sind, was am Rand stand und sich als Feindbild geeignet hat. Insgesamt war es gespenstisch, aber nicht alle Teilnehmer haben sich wirklich für die Presse interessiert. Es gab immer wieder besonders junge, aktionsorientierte Gruppen, vermummt und in dunkler Kleidung, im Prinzip kleine Greiftrupps, die Pressevertreter bedroht und angegriffen haben. Dadurch war vor Ort eine massive Bedrohungslage.

In welcher Hinsicht stellt Chemnitz ein Novum dar?
In der Hinsicht der Kürze der Mobilisierung und des Spektrums, das dort aufgetreten ist. Es war kein typisches Pegida-Spektrum. Natürlich sind da auch die älteren Herrschaften mit den seltsamen Fahnen mitgelaufen – und ebenfalls die Lügenpresse-Schreier. Allerdings war das ein im Durchschnitt sehr junges, aktionsorientiertes Publikum, in Teilen mit Hogesa vergleichbar. Außerdem waren viele Hooligan-Gruppen vor Ort, zudem aggressive, betrunkene Leute. Hinzu kommt, dass sich innerhalb von zwei Tagen derart viele Menschen auf den Straßen versammelt haben.

Der DJV-Vorsitzende Frank Überall hat heute auch ein Statement herausgegeben, in dem betont er, Journalisten müssten sich bewusst sein, dass sie von „gewaltbereiten Rechtsextremisten als Gegner und nicht als unparteiische Beobachter gesehen werden.“ Außerdem sei es Aufgabe der Polizei, dass diese ihren Job machen könnten und sie schützen müssen. Nun soll es in den nächsten Tagen weitere Demonstrationen geben. Wie schätzen Sie dahingehend die Lage ein? Werden Journalisten geschützt sein?
Wenn die Polizei so weitermacht, was eine politische Entscheidung ist, dann werden die Journalisten wieder nicht geschützt sein. Wenn wieder so ein massives Aufkommen an Demonstranten da ist, wird die Polizei vermutlich erneut unterlegen sein. Natürlich braucht es ein enormes Personal, um Straftaten zu verfolgen und auch ggf. den Marsch zu stoppen. Zumindest momentan scheint das nicht gewollt. Heute ist in Dresden eine Versammlung angekündigt. Da wird sich zeigen, ob es dort und in anderen Städten bis zum Wochenende noch größere Aufmärsche geben wird und eine Dynamik entsteht, die sich weiter aufschaukelt oder ob es in Chemnitz eine einmalige Sache war, bei der sich die Teilnehmer die Wut rausschreien und marschieren mussten.

Sie haben mit rechten Aufmärschen in der Vergangenheit Erfahrungen gemacht. Die Teilnehmer sind offensichtlich gewaltbereit. Wie sollten sich Journalisten verhalten?
Es sind alles Verhaltensweisen, die letztlich auf eine eingeschränkte Berichterstattung hinauslaufen. Das wäre zum Beispiel, sich hinter Polizeiketten zu halten. Aber wenn man frei und ohne Polizeikette berichten möchte, gerade für Foto- und Videoteams wichtig, ist das schwierig. Dann muss wahrscheinlich jeder mit einem Sicherheitsteam loslaufen, denn wenn man geschlagen und getreten wird, hilft ein Helm eben auch nicht mehr.

Bei diesem Szenario hätte der Staat endgültig versagt.
Der Staat hat da versagt, wo er die Presse nicht schützen kann.

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