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“Schnapsdieb beißt Ladendetektiv” statt Chemnitz-Tweets: Wie Uwe Vetterick die Twitter-Zurückhaltung der SZ erklärt

Chefredakteur der Sächsischen Zeitung: Uwe Vetterick
Chefredakteur der Sächsischen Zeitung: Uwe Vetterick

Nicht lang nach dem faschistischen Aufmarsch inklusive Menschenhatz in Chemnitz wurde noch am selben Sonntag bekannt, dass für Montag ein weiterer rechter Demonstrationszug geplant sei. Wie die Polizei mit dieser Information umgegangen ist – nämlich denkbar schlecht –, ist bekannt. Aber auch die lokale und überregionale Presse, konkret die Sächsische Zeitung, muss sich den Vorwurf des Totalversagens gefallen lassen, was der Chefredakteur allerdings anders sieht.

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von Torsten Gaitzsch

Von einem der nicht nur dem Selbstverständnis nach wichtigsten Medien des Bundeslandes wäre eine ungefilterte und kritische Live-Berichterstattung der Ereignisse nicht nur zu wünschen, sondern auch zu erwarten gewesen. Der zeitungseigene Twitterkanal @szonline mit rund 18.600 Followern hätte sich für einen Vor-Ort-Feed angeboten, doch dort schwieg man sich zu #Chemnitz weitgehend aus. Einem Link am späten Nachmittag zu einem Online-Artikel über die Stellungnahme Michael Kretschmers zu den “Ereignissen” folgte stundenlang nichts zum Thema.

Stattdessen: “Elbe als Wasserstraße ein Auslaufmodell?”

“Zittau: Polizei erwischt Mann mit verbotenem Luftgewehr”

“Dresden: Am Wiener Platz belästigte Frauen gesucht”

Um 18 Uhr 39 immerhin erscheint ein Tweet mit dem Inhalt “Nach Tötungsdelikt und anschließenden Ausschreitungen in #Chemnitz: Zwei Kundgebungen in der Innenstadt”, der auf einen im weiteren Verlauf mehrmals aktualisierten, nüchtern-dokumentarischen Artikel verweist.

Nach der Nachricht einer Fahrkartenautomatensprengung in Heidenau und einem Hinweis auf eine Autobahntunnelsperrung wird der Sammelartikel ein zweites Mal verlinkt, diesmal nebst einem nichtssagenden Foto und der Zeile “Rechte Demonstration : Gewalt und “Ausländer raus”-Rufe. Dann ist Sendepause bis Dienstagmorgen.

Der neue Tag beginnt nicht etwa mit einem Resümee der Ausschreitungen, sondern mit Meldungen betreffend: eine getötete Tramperin, das “Leid” der sog. Verschenkeregale in Dresden-Löbtau, das sächsische FDP-Comeback, den tödlichen Streit bei einer Obstausgabe, den umstrittenen Bau eines 16-Geschossers in Dresden-Johannstadt, den Fall “Verhinderter
Schnapsdieb beißt Ladendetektiv” sowie die Suche nach dem “sächsischen Wort des Jahres” (“So beliebt ist Sächsisch”).

Um 9 Uhr 40 wird das Thema, zu welchem bis Dienstagmittag in der gesamten Twittersphäre fast 200.000 Beiträge abgesetzt wurden, endlich aufgegriffen – indem abermals der SZ-Online-Beitrag verlinkt und darunter ein Videostatement des Polizeisprechers eingebettet wird. Es folgen sechs Provinz-News-Updates, bevor pflichtschuldig darauf hingewiesen wird, dass
heute eine rechtsextreme Versammlung vor dem Dresdner Landtag anberaumt ist – was übrigens seit den Nachtstunden mehreren Quellen zu entnehmen war.

Wer sich via sozialen Medien über die Ausschreitungen in Chemnitz informieren wollte, war mit Privataccounts von freien Journalistinnen, aufmerksamen Gegendemonstranten und sonstigen handybewährten Teilnehmenden besser beraten. Auf das mehrmals mit dem European Newspaper Awards ausgezeichnete Blatt war jedenfalls kein Verlass.

Das sieht der Chefredakteur der SZ allerdings gänzlich anders. Gegenüber MEEDIA erklärt Uwe Vetterick: “Wir sind im regionalen Newsgeschäft tätig. Die Reichweite, die sich über Twitter in der Region erzielen lässt, ist überschaubar. Für uns ergibt ein Twitter-Gewitter darum wenig Sinn. Wir konzentrieren uns auf sauber recherchierte Texte und Hintergrundstücke.”

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Alle Kommentare

  1. Oh mein Gott! Die Sächsische Zeitung hat auf Twitter nicht genug hyperventiliert!

    So ein Skandal! Ermittelt schon der internationale Strafgerichtshof?

  2. Viel wichtiger als ein Twitter-Gewitter ist in einem solchen Fall doch die aktuelle Online-Berichterstattung. Die zu analysieren, wäre meiner Ansicht nach hier sinnvoller gewesen, als von Totalversagen zu schwadronieren.

  3. Statt die Sächsische Zeitung zu kritisieren, dass sie nicht in die Hysterie vieler Online- und sogenannter sozialer Medien eingestimmt hat, gebührt dem Blatt Lob für Zurückhaltung und Besonnenheit.
    Im Übrigen sollte meedia.de den Anlass für den “faschistischen Aufmarsch” und den üblen Versuch von Selbstjustiz nicht weglassen, nämlich das laut Polizei “völlig grundlose” Einstechen auf den Chemnitzer durch mutmaßlich zwei Flüchtlinge. Die Tat ist sehr wahrscheinlich nicht faschistisch, aber dennoch ein Verbrechen.

    1. Aber warum sollte meedia das denn tun, wenn sich ein weiteres Opfer des Migrationsregimes hierzulande so prima für die eigenen politischen Zwecke missbrauchen lässt?

    2. Hätte die Zeitung ähnlich wenig über einen Parteitag der AfD in Sachsen berichtet, wäre der Vorwurf der „Lückenpresse“ ganz schnell zur Stelle gewesen. Wissen Sie überhaupt selbst, was Sie wollen?

      Ich schätze, dass ich die Frage für Sie beantworten kann: In den Medien soll das stehen, was Sie lesen, hören und sehen wollen, richtig?

  4. “Nicht lang nach dem faschistischen Aufmarsch inklusive Menschenhatz …”

    Das klingt wie direkt aus der Feder eines Antifa-Verschwörungs-Trottels
    Gehts nicht etwas seriöser?

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