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Von einer Ära Brinkbäumer kann keine Rede sein: Warum der aktuelle Spiegel-Chefredakteur gescheitert ist

Klaus Brinkbäumer (r.) konnte als Chefredakteur dem Spiegel keinen Stempel aufdrücken. Nun soll es sein Nachfolger Steffen Klusmann richten
Klaus Brinkbäumer (r.) konnte als Chefredakteur dem Spiegel keinen Stempel aufdrücken. Nun soll es sein Nachfolger Steffen Klusmann richten

Der Spiegel bekommt eine neue Chefredaktion. Mal wieder. Mit rund dreieinhalb Jahren hat es Klaus Brinkbäumer länger auf dem Chefsessel des Nachrichtenmagazins ausgehalten, als sein glückloser Vorgänger Wolfgang Büchner, aber das ist nur nach Spiegel-Maßstäben eine lange Zeit. Von einer Ära Brinkbäumer kann man nicht sprechen. Das neue Führungsteam um Steffen Klusmann muss nun richten, was er versäumte. Ein Kommentar.

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Dass Klaus Brinkbäumer als Chefredakteur des Spiegel abberufen wird, ist keine Überraschung. Gerüchte und Spekulationen, dass nach einem Nachfolger für ihn gesucht wurde, waberten schon seit einiger Zeit durch die Branche. Aus der Redaktion drang immer lauter auch die Unzufriedenheit, wie unter Brinkbäumer das Nachrichtenmagazin gemanagt, bzw. eher nicht gemanagt wurde. Hausinterne Kritiker beklagten sich, dass der Chef zu passiv sei, keine Richtung vorgebe.

Symptomatisch ist die Geschichte, dass Brinkbäumer vor dem schrecklich aus dem Ruder gelaufenen G20-Gipfel in Hamburg eine Rundmail verschickte, in der er die Redaktion darauf einschwor, bei diesem wichtigen Großereignis vor der eigenen Haustür klug zusammenzuarbeiten und sich nicht von anderen Medien vorführen zu lassen. Der flammende Appell des Chefs endete mit dem lapidaren Hinweis, dass ab sofort seine Stellvertreterin Susanne Beyer die Geschäfte führe und er sich in den Urlaub verabschiede. Das kam bei einigen nicht so gut an, um das Mindeste zu sagen. Vier Tage vor Beginn des Gipfels (6. und 7. Juli 2017) kehrte Brinkbäumer dann an seinen Arbeitsplatz zurück. Während bei G20 auf den Straßen Hamburgs die Gewalt eskalierte, weilte der Spiegel-Chefredakteur bei einem exklusiven Abendkonzert in der Hamburger Elbphilharmonie. Die Geschichte steht für eine Entfremdung von der Redaktion, wie sie Brinkbäumer von verschiedenen Seiten attestiert wird.

Mit strategischen Projekten ging es unter Brinkbäumers Leitung nur holprig voran. Neue Print-Objekte, wie das Best-Ager Heft Spiegel Classic oder die TV-Zeitschrift Spiegel Fernsehen floppten. Letztere schaffte es sogar nicht einmal bis über den Markttest hinaus. Die “digitale Tageszeitung” Spiegel Daily, die schon lange entwickelt, aber unter Brinkbäumer eingeführt wurde, erwies sich ebenfalls als herbe Enttäuschung, was die Zahl der Abos betraf. Zum Start von Daily hagelte es von vielen Seiten Kritik am Konzept. Das alles liegt freilich nicht alleine in der Verantwortung der Chefredaktion, aber eben auch. Erst als das Haus mit Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger) einen anerkannten Digital-Experten von der Süddeutschen holte, wurde ein stringentes digitales Pay-Konzept beim Spiegel eingeführt. Vorher gab es einen Wildwuchs aus drei verschiedenen Bezahlsystemen.

Und das Kernprodukt, das Heft? Der Spiegel hat natürlich nach wie vor exzellente Rechercheure und Schreiber, die auch entsprechend gute Geschichten liefern. Klaus Brinkbäumer gelang es aber nicht, in Titelgestaltung und Heftführung dem Magazin einen eigenen Stempel aufzudrücken. Abgesehen vielleicht von der zuletzt fast inflationären Verwendung von Zeichnungen des kubanischen Illustratoren Edel Rodriguez mit Trump-Karikaturen auf dem Cover. Kurzum: Brinkbäumer fand kein Rezept gegen den Auflagenschwund des Spiegel. Manche sagen, er hat auch nicht wirklich danach gesucht. Böse Zungen behaupten, der Chefredakteur habe mehr Energie in die Vorbereitungen auf den zweiten Segel Media Cup auf der Alster gesteckt als in sein Heft. Und auch beim Cup musste er sich mit Abstand seinem Vor-Vorgänger Mathias Müller von Blumencron geschlagen geben.

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Der Auflagen-Rückgang hat unter Klaus Brinkbäumer an Dynamik gewonnen. Seit seinem Antritt als Chefredakteur verlor das Magazin über 118.000 verkaufte Exemplare pro Ausgabe (II/2015: 822.761 / II/2018: 704.656). Die nun erreichte verkaufte Auflage ist für den Spiegel der schwächste Wert seit dem Jahr 1966. Insbesondere im Einzelhandel läuft es für den Spiegel mies: 179.411 in Supermärkten, Kiosken, etc. abgesetzte Hefte entsprechen im 3-Jahres-Vergleich einem Minus von über 20%. Keine Neugeschäfte, Auflagenverfall beschleunigt. Das ist eine schlechte Bilanz.

Und der neue Chef? Steffen Klusmann ist als Vorsitzender des neuen Chefredakteurs-Gremiums zusammen mit Barbara Hans und Ullrich Fichtner ein “Erster unter Gleichen”. Wie es heißt, haben die Gesellschafter darauf gedrängt, dass einer in dem Führungsteam offiziell den Hut aufhat. Wer könnte es den Gesellschaftern verdenken? Klusmann gilt als Teamplayer und Journalist, der stark in Konzepten denken kann. Gerade erst hat er ein neues digitales Bezahlkonzept für das von ihm verantwortete manager magazin vorgelegt. Die Wirtschaftszeitschrift erscheint auch im Spiegel Verlag, was den nicht zu unterschätzenden Vorteil hat, dass Klusmann zur Verfügung steht. Sein Ruf ist zudem tadellos. Dass die Financial Times Deutschland unterging, kann ihm nicht zur Last gelegt werden. Allerdings steht bei ihm der Nachweis, dass er ein schwieriges, großes Medien-Objekt wie den Spiegel dauerhaft erfolgreich führen kann, auch noch aus. Der Spiegel mit all seinen Befindlichkeiten, Traditionen und Schrullen ist eine ganz andere Hausnummer als das vergleichsweise kleine manager magazin oder die damals chronisch defizitäre FTD. Nicht zuletzt darum werden ihm mit Barbara Hans und vor allem dem erfahrenen Print-Mann Ullrich Fichtner zwei Kollegen zur Seite gestellt, die den berüchtigten Stallgeruch haben. Offiziell soll der Wechsel zum Jahresbeginn 2019 vollzogen werden. Vermutlich wird Klusmann aber schon vorher tätig, wie aus Verlagskreisen zu hören ist. Mit Brinkbäumer werden nun Gespräche über eine neue Aufgabe beim Spiegel geführt.

Digital ist der Spiegel aktuell recht gut aufgestellt. Spiegel Online hat im vergangenen Jahr sogar soviel Geld verdient wie nie zuvor. Die vorrangigen Aufgaben des neuen Führungsteams werden sein, den Auflagenverfall des Heftes zumindest zu bremsen und erfolgreicher als bisher neue Erlösquellen zu erschließen. Und dann ist da ja auch noch das Dauerthema mit dem Verhältnis zwischen Online und Print und der anstehenden Redaktions-Fusion. Beim Spiegel gehen Arbeit und Ärger so schnell nicht aus. Das wird auch der Neue merken.

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Alle Kommentare

  1. Brinkbäumer wird übrigens mit “Diese Entscheidung kann ich nicht nachvollziehen.” zitiert 🙂

    Schätze er lässt sich freistellen und tauch auf einem dieser Flüchtlingshelfer-Boote im Mittelmmer wieder auf.

    1. Flüchtlinge! Asylanten. Fremde. Angst. Flüchtlinge. Asylanten. Fremde. Angst. Flüchtlinge! Asylanten. Fremde. Mehr Angst! Flüchtlinge. Asylanten. Fremde. Große Angst!! Muss mir Luft machen!

      Sabbelsabbelsabbel.

  2. “Während bei G20 auf den Straßen Hamburgs die Gewalt eskalierte, weilte der Spiegel-Chefredakteur bei einem exklusiven Abendkonzert in der Hamburger Elbphilharmonie”. Tja, da saß er dann ja neben dem damaligen Bürgermeister, der auch die Gesellschaft der Reichen, Schönen und Mächtigen genoss, während draußen seine Stadt brannte. Der war allerdings nur Politiker und wurde unabhängig von seinem Ansehen bei den Sicherheitskräften befördert, während Brinkbäumer wahrscheinlich bis heute nicht nachvollziehen kann, was er damals falsch gemacht haben soll.

  3. Zitat: “Der Spiegel hat natürlich nach wie vor exzellente Rechercheure und Schreiber, die auch entsprechend gute Geschichten liefern.”

    Ja – teilweise ist das immer noch so. Tatsache ist aber auch das sichd er Spiegel zu einem politisch extremst einseitigen Meinungsmache Magazin entwickelt hat. Möglicherweise honoriert das ein Teil der ehemaligen Käufer nicht mehr. Allerdings muss ich zugeben das Spiegel Online in dieser Hinsicht noch schlimmer ist – von bento gar nicht zureden.

    Zu den G20-Krawallen – na das passt doch. Brinkbäumer in der Oper und die Person Namens Jakob Augstein hetzt noch per Twitter – wohl vom heimischen Salon aus. Passt – warum Spiegel kaufen.

  4. Sieht man sich das ganze Segment an, also Focus, Stern und Spiegel, ist der Spiegel immer noch das erfogreichste Wochenmagazin. Nur wenn man die Zeit mit hinzuzieht, bekommen die Hamburger wirklich Konkurrenz insofern, als das die Zeit trotz Netz sogar wieder zulegen konnte

  5. Die Kritik an Brinkbäumer bezüglich seines Verhaltens zum G20-Gipfel finde ich sehr ressentimentgeladen.

    Da ist er doch tatsächlich einer Einladung gefolgt, in eine sündhaft teures Konzerthaus (ich werde alle baschen, die einmal den BER benutzen, wenn er denn fertig wird), wo uncoole klassische Musik gespielt wurde (nicht jeder kann und will mit akkuratem Seitenscheitel in Wacken headbangen) und hat dort die Nähe der zentralen Protagonisten (wenn man denn noch an das System repräsentativer Politik glaubt) der internationalen Konferenz gesucht.

    Gibt es ernsthaft Journalistenkollegen, die erwarten, dass der Chefredakteur eines Printmagazins diese Gelegenheit ausschlägt und sich statt dessen mit seinen Volontären in den Straßen der Schanze rumtreibt, in Erwartung der Auseinandersetzungen, die hinterher jeder in diesem Ausmaß kommen gesehen haben will?

  6. Excellente Rechercheure und Schreiber sind vorhanden, waren aber wohl bisher nicht ausreichend.

    Irgendwie scheint eine Neuausrichtung notwendig zu sein. Nur: in welche Richtung?

    Verbildlichen wir das: wenn alle auf einer Stelle stehen und diese Stelle für unser Beispiel der Nordpol sein soll, dann weist jede neue Richtung nach Süden.
    Man muß den Mut aufbringen, auch tatsächlich losgehen zu wollen. Die Richtung steht fest.

    Es könnte mit dem Lostreten einer öffentlichen Diskussion beginnen, was bedeutet eigentlich Demokratie. Das ist in wenigen Worten gesagt, auch wenn fast niemand diese wenigen Worte zu kennen scheint.

    Würde dies die Leute interessieren?

    Bei dieser Gelegenheit würde sich dann auch die Frage klären lassen, welche Haltung ein Journalist einzunehmen hat.

    Es gibt für einen Journalisten in einer Demokratie nur eine Haltung: die der bedingungslosen Ermöglichung von abweichender Meinung. Nur so kann es Demokratie geben. Gute Rechercheure und Schreiber müßten schnell darauf kommen, warum sich dies so verhält.

    Natürlich kann und darf und muß ein Journalist seine eigene Meinung haben, die er vertreten können muß, sofern er unmißverständlich deutlich macht, daß er damit keinen Absolutheitsanspruch erhebt. Jede andere Meinung muß ihm willkommen sein, sonst sollte er seinen Beruf aufgeben. Er ist dann eher ein Prediger, oder Missionar, letztendlich also ein Ideologe.

    So abwegig ist es nicht für ein vermeintlich freies Land, sich für die Möglichkeit der anderen Meinung einzusetzen. Dies hätte den Vorteil für alle, wonach dieses Land seine Chance erhielte, wieder freier zu werden, sich von der Garotte der Denk-und Artikulierungs-Verbote befreien zu können.

    Der Spiegel könnte bei diesem Reset eine bedeutende Rolle spielen, die ihm selber auch wieder zu Bedeutung und Ansehen verhelfen würde.

    Viel Glück, Spiegel. Wir hätten es verdient.

    1. Wie wäre es einfach, wenn sie neutral berichten würden, wie es Journalisten einmal getan haben? Meinungen könnten dann in Kommentaren veröffentlicht werden. Eine Mixtur bzw. plakative Hasstitel bringen nichts…

  7. Wenn auch das neue 3er-Politbüro beim SPIEGEL verschlissen ist, dann bleibt nur noch die Beförderung der bento-Chefredaktion übrig.

    Ich drücke schon ganz fest die Daumen und freue mich auf den ersten Menstruations-Titel (“Wieso es sexistisch ist, dass Männer keine Periode haben”) bei der Printausgabe.

  8. Es gibt eine Krise der Mediatisierung, der Social-Mediatisierung und der Digitalisierung.

    Journalisten, Verleger und Redaktionen und Verlegerverbände haben hier jedoch “systemhafte Beißhemmungen”, um Veränderungen und Forderungen in
    eigener existenzsichernder Sache “Journalismus” & “Ökonomie der Meinungsfreiheit” voranzutreiben!

    Doch es ist zwingend notwendig – wenn Demokratie nicht “system- und komplexitätsbedingt” untergehen soll!

    Incipit vita nova!

    Mindestens ein Querkopf muss damit anfangen!

    Demnächst auch hier:

    http://www.berlin-mitte-zeitung.de

  9. Der Spiegel (Brinkbäumer) hat seinen Lesern nur nicht richtig erklärt, wie toll das ehemalige Nachrichtenmagazin eigentlich immer noch ist. Eigentlich ist die AfD schuld. Und Trump. Oder war es der Putin?

  10. Die neue Formation an der Spitze des Spiegel könnte gleich loslegen unter der Losung: Restitution von Demokratie und Rechtsstaat.

    Als Bezugspunkt könnten die den aktuellen Fall in Dresden heranziehen. Der hat ziemlich viel von dem, was falsch läuft, sofern wir uns noch als Demokratie verstehen und das Rechtsstaatsprinzip wieder aufpolieren sollten.

    Thema: LKA- Mann auf Pediga- Demo. Behinderung der ZDF-Presse. Datenschutz. Instrumentalisierung des Kodex für Behörden- Mitarbeiter. Behauptung einer unzutreffenden Bedeutung einer vorgeblichen, oder auch tatsächlich sich vollziehenden Beobachtung durch den Verfassungsschutz durch die Medien.

    Da ist alles drin und dran, was einen Rechtsstaat und seine Schutzgarantie von Minderheiten ausmacht, was also die für eine Demokratie unverzichtbare Ausübung von Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit für das Ausbringen anderer Meinungen betrifft.

    Klar, der Spiegel wird natürlich auch weiterhin mit der Verteidigung des Rechts auf Mehrheits-Meinung fortfahren, auch wenn die das natürlich verklären und abstreiten. Der Spiegel wird wie alle anderen Qualitätsmedien damit fortfahren, die Beschneidung der Grundrechte zu übersehen, für unbequeme Ausrichtungen zu relativieren, zu bagatellisieren, und damit diese Rechte beseitigen.

    Womit das Schicksal des Spiegel besiegelt ist. Verblühte, verratene Avantgarde.

    Das haben die nicht kapiert, obwohl das Wasser bei denen immer höher stieg.
    Das werden die, die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, auch am bitteren Ende abgekommen nicht kapiert haben. Churchill wußte: Gefolgschaft bis zur bedingungslosen Kapitulation aus prinzipiellem Mangel an jeglicher Einsichtsfähigkeit. Dies stellt unsere ganz besondere Flexibilität dar.

    In Wirklichkeit ist es wohl ganz einfach unsere Feigheit. Diesmal jedoch direkt gegen uns instrumentalisiert.

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