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“Das ‘Hinterfragen’ wieder zum Standard machen” – Foodwatch-Chef Martin Rücker über das Verhältnis zwischen Lobby, NGOs und Medien

Martin Rücker ist Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland
Martin Rücker ist Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland

In einem Gastbeitrag für MEEDIA hatte der Geschäftsführer des Spitzenverbands der Deutschen Lebensmittelwirtschaft (BLL), Christoph Minhoff, Journalisten dafür kritisiert, dass sie oft ungeprüft die Sichtweise von NGOs übernähmen und in die Rolle von Aktivisten schlüpften. In einer Replik erklärt Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch, Minhoff gehe es statt um ehrliche Medienkritik um eine "pauschale Diskreditierung zivilgesellschaftlicher Organisationen".

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Ein Gastbeitrag von Martin Rücker

„Die Wiederentdeckung von Heimat, Zwänge einer Bevormundungsgesellschaft und die Lust am freien Denken“: Es sind große Themen, über die Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch und der Christsoziale Peter Ramsauer bei gepflegtem Essen und einem Gläschen Wein ins Plauschen kommen, aufgezeichnet von Kameras und nachzusehen auf der Internetseite des Cicero. „Küchenkabinett“ nennt sich die Show, und unter zwei Anzeigenplätzen auf der Website wird ein wenig näher erläutert, was der dezente Hinweis „Sponsored Video“ bedeutet: Das „neue Talk-Format“ präsentieren „in Kooperation“ Cicero und der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft BLL, einer der einflussreichsten Lobbyverbände der Republik. Praktisch, dass dessen Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff eine Fernseh-Vergangenheit hat (BR, ZDF, Phoenix)– so kann der Cicero die einzige „journalistische“ Rolle der Talk Show, die des Moderators, dem Lobbyisten überlassen.

Dass sich der Cicero auf eine solche Form der Reklame-Zusammenarbeit einlässt, kann man getrost ein wenig fishy finden – und das liegt keineswegs am Ostseedorsch, die ein Spitzenkoch den Diskutanten serviert. Es ist nur eines vieler Beispiele, in denen Medienhäuser und Verlage inzwischen gemeinsame Sache machen mit Unternehmen und Verbänden, gerade auch aus der Lebensmittelwirtschaft. Insofern ist es wohlfeil, wenn Herr Minhoff in seinem Gastbeitrag auf Meedia nicht nur bewerten möchte, welcher Journalist „wertvoll“ und welcher wertlos ist, sondern auch ungefragt ein Bekenntnis „zu einem starken, unabhängigen, qualitativ hochwertigen Journalismus“ abgibt. Es ist doch wohl eher so: Herr Minhoff möchte, dass Medien positiv über ihn und seine Branche berichtet. Das ist auch legitim, schließlich wird er dafür von gleich zwei Lobbyverbänden bezahlt.

In der Sache ist eines richtig: Wir brauchen eine breitere Qualitätsdebatte im Journalismus. Wir brauchen einen Journalismus, der sich der Wahrheitssuche verschreibt, der schreibt: „So ist es“, anstatt Beiträge nach dem Muster „Der eine sagt so – der andere so“ zu produzieren. Der Kritisierte nicht nur um Stellungnahme fragt und diese dann unkritisch übernimmt, sondern nachhakt, wenn das Statement wieder einmal komplett an der Kritik vorbei geht. Der die Hintergründe und Interessen von Gesprächspartnern und vermeintlich neutralen „Experten“ offenlegt. Der überprüfbare Behauptungen auch wirklich überprüft, statt die Flucht in die indirekte Rede anzutreten. Der über Umfragen nur berichtet, wenn der Auftraggeber Fragestellungen und Rohdaten offen legt. Der auf manchen Liveticker lieber verzichtet und stattdessen Zeit in Einordnung und Hintergrundrecherchen investiert. Der dran bleibt, wenn es drauf ankommt – und das ist eben nicht nur, wenn ein Lebensmittelskandal auf seinem Höhepunkt geht, sondern dann, wenn die Christoph Minhoffs dieser Welt dafür Sorge tragen, dass die eiligst angekündigten „Aktionspläne“ noch vor der gesetzgeberischen Umsetzung bis zur Unkenntlichkeit verwässert werden.

Ja, ein Journalismus, wie ihn der BLL-Chef fordert, wäre wünschenswert. Allein: Gäbe es ihn – Herrn Minhoff müsste noch viel mehr als heute angst und bange werden um das Image seiner Branche. Deshalb dürfte es dem Lobbyisten in seinem Appell auch um etwas ganz anderes gehen.

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Erstens um die einseitige wie pauschale Diskreditierung zivilgesellschaftlicher Organisationen, die ihren Finger in offene Wunden legen. Seine Punkte dabei sind wenig originell: Sollten Journalisten Informationen von NGOs kritisch hinterfragen? Selbstverständlich! Sollten sie – ernsthaft und im Sinne des Erkenntnisgewinns – auch auf „der anderen Seite“ recherchieren? Aber hallo! Sind NGOs auch Lobbyisten? Natürlich sind sie das – und wer würde es bestreiten? Übrigens: Während sich der BLL in seinen Statuten so harmlos wie ein Angorakaninchenzuchtverein präsentiert, nennt die foodwatch-Satzung die „Lobbyarbeit“ ausdrücklich als Aufgabe des Vereins. Der Unterschied zwischen Lobby und Lobby besteht im „Wofür“ und in den verfügbaren Mitteln. Und darin, dass der Hintergrund eines NGO-Vertreters bekannt ist im Gegensatz zu so manchem industrienahen „Wissenschaftler“ oder „Autor“. 

Zweitens zielt die Kritik offenbar darauf ab, gesellschaftliche Debatten zu unterbinden. Laut Minhoff hatten sich Unternehmen jahrzehntelang allein am „gesetzlich vorgegebenen Rechtsrahmen“ orientieren müssen –  heute aber wollten sich „zunehmend“ auch „Aktivisten der sogenannten Zivilgesellschaft“ am Setzen von Leitplanken beteiligen. Nein, wirklich: Die Gesellschaft nimmt es sich heraus mitreden zu wollen, wenn es um die Auswirkungen von Wirtschaftspraktiken auf das Gemeinwohl, auf unsere Gesundheit, auf die Umwelt geht – wie frech! Von einem solchen, demokratisch zweifelhaften, „Argument“ sollte sich wahrlich kein Journalist verunsichern lassen.

Wichtig wäre es, das „Hinterfragen“ wieder zum Standard zu machen, gleich, woher eine Information kommt. Das gilt gerade auch für Behörden und Ministerien, die noch viel zu oft wie interessenlose Neutren behandelt werden. Den Spin aus ihren Pressemitteilungen übernehmen nicht selten selbst Nachrichtenagenturen unkritisch und sorgen so für massenhafte Verbreitung. Es gibt also genügend Anlässe zu fragen, wie gut Medien ihrer wichtigen Rolle als „vierte Gewalt“ gerecht werden. Diese Debatte muss geführt werden.

Über den Autor: Martin Rücker studierte Journalistik an der Fachhochschule Hannover und arbeitete zunächst als freier Journalist für das dpa-Landesbüro Niedersachsen/Bremen sowie für verschiedene Tageszeitungen, Magazine und Hörfunksender. Nach Stationen als Lokal- und Politikredakteur bei der Neuen Presse in Hannover ging er als politischer Korrespondent für diverse Zeitungen nach Berlin. Danach folgte der Wechsel zu Foodwatch. Im April 2017 übernahm er als Nachfolger von Gründer Thilo Bode die Geschäftsführung von Foodwatch Deutschland.

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Alle Kommentare

  1. Herrn Rücker Recht zu geben, heißt, Eulen nach Athen zu tragen.

    Der Satz:
    “..Wichtig wäre es, das „Hinterfragen“ wieder zum Standard zu machen, gleich, woher eine Information kommt….”

    zeigt doch genau das, was die nichtkonformen Bürger (vulgo “Nazis”) seit Jahren, und da speziell nach der Grenzöffnung für leistungssuchende Migrationsverweigerer an den Medien bemängeln.

    Nicht, daß ich seinen Ansatz nicht begrüßen würde.
    Aber nach den Erfahrungen der letzten Jahre bis zum heutigen Tag wird er keinen, der sich von den Systemmedien abgewandt hat, damit zurückholen.
    Diese Leute haben gelernt, ohne sie zu leben.

    Zu spät, zu wenig.
    Und keine Entschuldigung für das, was vielen Menschen hier durch die Medien erleiden mussten, nur weil sie sich zu Wort gemeldet hatten.
    In einem Konflikt, den die Politik verschuldet und in dem sie ihre Bürger allein gelassen hat.

  2. @ Herr Rücker

    Sie arbeiten für Foodwatch? Sie kritisieren sicherlich einen zu hohen Zuckerverbrauch. Da dürfte dann eine der Reibungsflächen zwischen Ihnen als Lobbyist und einem Zucker-Lobbyisten bestehen.

    Wie kommt es zum hohen Zuckerverbrauch ?

    Vor Jahren zog die Gängelungs-Industrie los, um der Menschheit die Zigarette aus der Hand zu schlagen. Rauchen ist ungesund. Weil dies nicht im Verstand der Belehrten annschlug beschloß die internationale Erziehungs- Brigade, Zigarettenpackungen mit entsprechend abschreckenden Bildern zu versehen.

    Da es beim Rauchen um die Stillung emotionaler Bedürfnisse geht – Frustbewältigung, Selbstbelohnung, soziale Funktionen etc. ist es nicht verwunderlich daß man mit an den verstand gerichteten Strategien nicht weiterkommt. Der Mensch ist eben überwiegend eben nicht Verstandes- sondern emotional gesteuert.

    Was geschah ? Die emotionalen Bedürfnisse werden durch Fressen, durch Nahrungsmittel- Mißbrauch ausgelebt. Frust. Selbstbelohnung etc, man wirft sich jetzt etwas ein, statt eine zu rauchen.

    Ergebnis? Fettleibigkeit greift um sich. Massen- Diabetes.

    Was geschieht ? Die Industrie der operativen Magenverkleinerung blühte auf.

    Ergebnis ? Die Leute fangen/ fingen an zu saufen.

    Höchste Zeit, daß besserwissende Journalisten ihre mit selbsternannten Erziehungseliten abgestimmte Vorgehensweise um die entscheidende Komponente erweitern, also den Zuckerverbrauch regulieren, mit sanften Verboten belegen.

    Auch der Fleischkonsum ist ein pädagogisches Thema, das man den Massen wegen Klimawandel noch näher bringen wird. Schafft Eine Lösung, die zumindest Platz für mehr Menschen schafft.

    Statt ner Kippe, statt Zucker braucht es halt Opfer, die der Verbreitung Eurer vermeintlichen Weisheiten auf den Leim gehen.

    Vielleicht ist es für eine Gesellschaft unvergleichlich viel gefährlicher, Journalisten in deren verdeckter Missionierung zu folgen ohne Chance, sich dessen bewußt werden zu können.

    So jedenfalls könnte man, wenn man denn unbedingt wollte den Beitrag von Minhoff verstehen.

  3. Es ist ein Zeichen unseres unglaublichen Wohlstandes, der durch den Vergleich mit wirklich armen Staaten und Kommunen für Außenstehende und im Rest der Welt lebende Menschen noch zusätzlich an Bedeutung gewinnt, auf diese Weise in selbstverzerrter Fehlbeurteilung viel größer erscheint, als er es in der Realität ist. Zwei Beispiele: Kaum können sich Normalverdiener weite Reisen und luxuriöse Urlaube leisten, beginnt der Jammer über Massentourismus und seine Folgen – nicht nur für die Umwelt. – Seitdem durch die Möglichkeit, Zucker aus der Zuckerrübe zu gewinnen und jedermann die Möglichkeit gegeben, sich an Süßigkeiten zu erfreuen, so, wie es in Zeiten des importierten Rohrzuckers und des für Normalmenschen zu Preises von Bienenhonig undenkbar war, beginnt das Gejammer über die Nachteile von Rübenzucker als Dickmacher. Bei naiver Beurteilung dieses Wehklagens baut sich bei Normalbürgern die Überzeugung auf, dass Zucker ein Gift ist. – Niemand bedenkt, dass Paracelsus schon vor Jahrhunderten gepredigt hat: DIE DOSIS MACHT DAS GIFT. Demnächst, so ist zu befürchten, wird unser großartiges Trinkwasser zum Gift erklärt. – Und ideologiegesteuerten Gutmensch-Apologeten wird es wie den Weltverbesserern vom Schlag der Nationalsozialisten und der Kommunisten gelingen, die Welt ins Chaos zu stürzen. Denn “SIE HABEN JA DAS BESTE GEWOLLT” und “WEDER BEI DEN NAZIS NOCH IN DER DDR WAR ALLES SCHLECHT”. Leider tragen die Folgen solcher Verlogenheiten am wenigsten die Verursacher, sondern fast allein “der sogenannte kleine Mann”.

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