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Er will sich aber für den Fortbestand der öffentlich-rechtlichen Sender einsetzen: Radio Bremen-Reporter sitzt künftig im AfD-Landesvorstand

Ein freier Mitarbeiter von Radio Bremen (RB) hat sich in den Bremer AfD-Landesvorstand berufen lassen - und das, obwohl die Partei immer wieder den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angreift. Der künftige AfD-Funktionär heißt Hinrich Lührssen, arbeitet auch für "stern tv" und hat Bücher im angesehenen Rowohlt-Verlag publiziert. Bei der AfD will er sich für den Fortbestand der öffentlich-rechtlichen Sender einsetzen.

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Von Eckhard Stengel

Dass ausgerechnet Journalisten in die tendenziell pressefeindliche AfD eintreten, ist schon häufiger passiert. Man denke nur an den früheren ARD-Korrespondenten Armin-Paul Hampel oder den einstigen FAZ- und späteren WELT-Redakteur Konrad Adam. Im Vergleich zu ihnen ist Hinrich Lührssen ein kleineres Licht. Aber immerhin kennen viele seine Rowohlt-Bücher über Amtsdeutsch, über Werbesprüche und über menschliche Missgeschicke. Oder sie haben schon mal satirische Beiträge von ihm bei “stern tv” und im RB-Regionalmagazin „buten un binnen“ gesehen. Dort spießt er vor allem absurdes Verwaltungshandeln auf, oft in einem märchenonkelhaften Tonfall mit überprononcierter Aussprache. Vor Jahren sei er auch fürs ZDF tätig gewesen, unter anderem für das Magazin „Frontal“, berichtet der 59-Jährige auf MEEDIA-Anfrage. „Ich habe im Laufe meiner jahrzehntelangen Tätigkeit für nahezu alle Sender gearbeitet.“

An der Weser betreibt er seit 1998 eine kleine Produktionsfirma namens Studio Bremen Hinrich Lührssen GmbH. Das Firmenmotto: „Grenzen überwinden, das Neue wagen“. Auf seiner Facebook-Seite nennt er als Freunde unter anderem die grüne Europa-Abgeordnete Helga Trüpel, aber auch den Gründer der rechtsgerichteten Wählervereinigung „Bürger in Wut“, Jan Timke.

Seit wann ist es in Deutschland verboten in einer demokratisch gewählten Partei tätig zu sein? Wieso wird hier mit…

Gepostet von Alternative für Deutschland – Bremen am Samstag, 18. August 2018

Mit eigenen rechtslastigen Äußerungen ist Lührssen bisher nicht aufgefallen. Dass er bereits vor Monaten Mitglied der AfD geworden ist, war im Kollegenkreis zunächst ebenso unbekannt wie beim Fernsehpublikum. Publik wurde dies erst jetzt, weil der AfD-Landesvorstand ihn als zusätzliches Mitglied in die Parteiführung aufgenommen („kooptiert“) hat – eine Berufung, die laut Lührssen noch von einer Mitgliederversammlung bestätigt werden muss.

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Der einst Parteilose begründet seinen AfD-Beitritt in einer schriftlichen Erklärung unter anderem so: „Unsere Heimatstädte Bremen und Bremerhaven brauchen eine starke konservative Kraft, die auf die Sorgen der Bewohner endlich eingeht. Mehr denn je geht es um Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit, Recht und Ordnung.“

Aber wieso hält er die AfD nur für konservativ, obwohl Bremer Parteifunktionäre laut Medienberichten sogar Kontakte zu den rechtsextremen Identitären pflegen? Lührssen, der gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, antwortet auf diese Frage am Sonntagabend zunächst so: „Das ist mir jetzt auf die Schnelle zu kompliziert.“ Am Montagmorgen nimmt er dann doch Stellung, unter anderem mit einer Art Entlastungsangriff: „Ich persönlich finde es seltsam, daß kaum ein Kollege sich mit der Tatsache befasst, daß es innerhalb der Linken drei Organisationen (Kommunistische Plattform, Marxistisches Forum, Cuba Si) gibt, die vom Verfassungsschutz nicht nur beobachtet, sondern eindeutig als linksextremistisch eingestuft werden.“ Und er schiebt noch nach: „Ich jedenfalls bin gegen jeden Extremismus.“

Immerhin ist der RB-Reporter auch für den Fortbestand der öffentlich-rechtlichen Sender – auch mit Gebührenfinanzierung. „Da weiche ich von der Parteilinie ab“, sagt er. „Das erlaube ich mir als Neumitglied.“ In seiner Erklärung zum AfD-Beitritt schreibt er dazu: „Gerade auch in der Region sind öffentlich-rechtliche Sender unersetzbar. Eine Berichterstattung, die sich ausschließlich an private Profit-Interessen orientiert, wäre für die Demokratie auf Dauer ein deutlicher Rückschritt.“

Radio Bremen machte das AfD-Engagements des langjährigen Mitarbeiters sofort zum Thema eines Beitrags im Magazin „buten un binnen“. „Das ist eine private Entscheidung von Herrn Lührssen“, sagte RB-Chefredakteurin Andrea Schafarczyk in die Kamera. Aber: „Wir werden uns mit ihm jetzt sehr bald zusammensetzen und gucken, was er da genau vorhat.“ Der Sender vertrete nämlich Werte wie Unabhängigkeit und Vielfalt. „Jeder Mitarbeiter, der hier arbeitet, ist diesen Werten verpflichtet.“ Der Sender werde jetzt darauf achten, dass sich Lührssens privates parteipolitisches Engagement nicht mit seiner RB-Tätigkeit „beißt“.

Dabei kommt beiden Seiten wohl zugute, dass der freie Reporter nicht für politische Berichterstattung eingesetzt wird, sondern nur für „leichte Unterhaltung“, wie die Chefredakteurin sich ausdrückt. Aber auch mit solchen Beiträgen muss er im nächsten Frühjahr wohl pausieren: Die taz-Ausgabe Bremen zitierte am Montag einen RB-Pressesprecher mit den Worten, dass Lührssen während des Bürgerschaftswahlkampfes 2019 „nicht programmpräsent“ sein werde.

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