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Medienwissenschaftler Weichert zur Kommentar-Debatte: „Die Leute arbeiten sich nach wie vor an Flüchtlingsthemen ab“

Prof. Dr. phil. Stephan Weichert

Vor sechs Tage gab die Deutsche Welle auf: Wegen Überforderung schaltet sie die Kommentarfunktion ab. Seitdem tobt eine Debatte über den richtigen Umgang mit und die Relevanz von Lesermeinungen. Medienwissenschaftler Stephan Weichert legt aktuell eine Studie zu dem Thema vor. Im MEEDIA-Interview erklärt er, warum Kommentare wichtig sind, wie Redaktionen ihre Leser erziehen können und warum der Web-Hass in Deutschland eine “besondere Qualität” hat.

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Die Deutsche Welle hat am Freitag ihre Kommentarfunktion abgeschaltet. Die Moderation der Kommentare überforderte die Redaktion. Gibt es noch immer so viel Hass in den Kommentarspalten? Oder täuscht der Eindruck und es gab in der letzten Zeit eigentlich eine gewisse Entspannung?
Journalisten sind Meister darin, ihre Scheuklappen hochzufahren und oft nicht so genau hinzuschauen. Der Eindruck, den ich nach unserer Untersuchung für die Landesanstalt für Medien NRW gewonnen habe ist, dass noch immer wahnsinnig viel Hass im Netz kursiert. Die Leute arbeiten sich nach wie vor an Flüchtlingsthemen ab, inklusive Gutmenschenschelte. Natürlich wird wild über Donald Trump gelästert und die AfD kontrovers diskutiert. Bei all diesen Themen herrscht eine explosive Stimmung.

Darf sich dann ein öffentlich-rechtlicher Sender aus diesen Debatten einfach zurückziehen, wie es die Deutsche Welle nun macht?
Ich kann die Entscheidung von Ines Pohl (Chefredakteurin der DW, Anm.d.Red.) nachvollziehen, weil der Frust in vielen Redaktionen sehr hoch ist. Aber finde das, was die Deutsche Welle machen möchte, sehr gewagt, weil es die Problematik nicht wirklich löst, sondern sich Hassprediger und Trolle einfach in andere Foren verziehen und dort weiter ihr Unwesen treiben.
Gesellschaftlich gesehen wird das Problem damit also nicht gelöst, sondern nur verschoben und verlagert. Außerdem könnte diese Maßnahme, den Dialog zu unterbinden, eine Sackgasse sein für den Fall, dass das Publikum der Deutschen Welle den Eindruck hat, dass es nicht mehr gehört und wahrgenommen wird und sich im schlimmsten Falle abwendet.

Ist es denn überhaupt ein Problem? Wäre es nicht vielleicht sogar schlauer, einigen Kommentatoren im Web eine Art Wutkammer zu geben, in der sie sich anschreien können, bevor sie sich noch auf offener Straße körperlich angehen?
Man könnte schon überlegen, ob es nicht eine Art Echokammer im Netz geben sollte, in der sich Trolle austoben können. Aber es ist wie im öffentlichen realen Raum auch: Da dürfen Sie auch nicht ungefragt Ihre Fäkalien auf der Straße verteilen, ohne das sich die Leute darüber echauffieren oder Sie angezeigt werden. Natürlich muss es kontroverse Debatten geben. Aber da, wo sie abgleiten, muss dringend nachgegärtnert werden: Von Seiten des Gesetzgebers, aber auch seitens der Redaktionen. Es kann schlicht nicht sein, dass unsere Gesellschaft eine solche Hasskultur im Netz duldet.

Ist dieser extreme Kommentarspalten-Hass ein deutsches Phänomen?
Das ist kein deutsches Phänomen. Nach meinem Eindruck geht es in vielen Kommentarspalten hierzulande sogar noch recht gesittet zu. In anderen Ländern gibt es zum Teil noch deutlichere Verbalexzesse, die teilweise subtiler, aber auch wortgewaltiger daherkommen. Durch den aufkommenden Populismus in den vergangenen Jahren und unter Berücksichtigung unserer besonderen Vergangenheit hat dieser Hass bei uns dennoch ein besondere Qualität.

Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie?
Wir raten Redaktionen, in einen offenen Dialog zu treten – auch mit hassgetriebenen Kommentatoren. Mit der Methode, direkt mit den Menschen zu sprechen und zuzuhören, lassen sich selbst die ausfallendsten Kommentatoren zähmen und die wildesten Debatten zivilisieren. Auf diese Weise werden auch Trolle empfänglicher für Argumente.

Ist so etwas überhaupt eine redaktionelle Aufgabe?
Darüber lässt sich vortrefflich streiten. Ich glaube, dass es inzwischen eine ist. Denn der Journalismus ist für das Selbstgespräch der Gesellschaft verantwortlich und dazu gehören selbstverständlich auch dialogische Formen, nicht nur 1a Reportagen und Dokumentationen. Wir müssen mit unserem Publikum stärker ins Gespräch kommen und fragen, wo sie der Schuh drückt.

Das ist neu. So etwas gab es zu Zeiten des reinen Print-Journalismus gar nicht. Ist deshalb diese Form der redaktionellen Debatten-Kultur noch gar nicht richtig gelernt?
Zum Journalistenberuf gehört ein besonders hohes Selbstvertrauen. Manche nennen das Arroganz und damit einher ging früher die Auffassung, dass man mit Lesern oder Usern überhaupt nicht sprechen muss. Der Spiegel hat das etwa über Jahrzehnte praktiziert. Da haben sich die Redakteure einen Jux daraus gemacht, sich die dämlichsten Leserbriefe gegenseitig vorgelesen und sich darüber lustig zu machen. Das kann sich heute kein Medium mehr leisten. Wir müssen anfangen auf das zu hören, was das Publikum sagt. Das ist fester Bestandteil des Journalismus und der Journalistenausbildung an der Hamburg Media School.

Welche Rückschlüsse lässt die Studie auf die Vorwürfe zu, denen sich Journalisten ausgesetzt sehen?
Der Vorwurf der Propaganda und der Lügenpresse zieht sich noch immer durch alle Kommentarspalten, und zwar völlig unabhängig davon, worum es in der Story eigentlich geht. Die Themen werden kuzerhand gekapert und instrumentalisiert. Erfreulich ist, dass es inzwischen Aktivistengruppen wie #ichbinhier gibt, die kollektiv gegen Trolle vorgehen, indem sie die Gegenrede stärken.

Profitieren nicht auch einige Portale von den wilden Kommentarschlachten. Sie wirken sich doch bestimmt positiv auf den Traffic aus. Nehmen sie die teils rohen Debatten dann nicht vielleicht auch billigend in Kauf?
Das ist eine böse Unterstellung. Für alle qualitätsjournalistischen Angebote in Deutschland würde ich das nicht annehmen, bei populistischen Medien würde ich so etwas jedoch nicht grundsätzlich ausschließen, deren Motto könnte lauten: viel Hate, viele Klicks.

Was ist eigentlich mit Menschen, die nicht direkt kommentieren, sondern nur liken?
Wütende Likes und die Bestätigung von extremen Meinungen ist weit verbreitet, das fällt in eine besondere Kategorie, nämlich die des passiv-aggressiven Hasses.

Was sind die Herausforderungen der Redaktionen in den kommenden Jahren?
Das ist die schiere Massen an Kommentare, die es zu bewältigen gilt. Hier gibt es augenscheinlich ein Dominanzgefälle zwischen großen Medienmarken und kleinen Häusern. Einige Redaktionen stehen wie die Deutsche Welle bereits kurz vor der Kapitulation. Sie können die Bearbeitung und Nachverfolgung von Kommentaren oft personell und finanziell nicht leisten. Hier setzen Aktionen wie die „Verfolgen statt nur löschen“ der LfM an, wo Medienaufsicht und Behörden die Redaktionen ermächtigen und bei der juristischen Kärrnerarbeit unterstützen. Künftig wird es außerdem darum gehen müssen, eine funktionierende teil-automatisierte Moderationslösung zu finden, die Redakteuren zwar nicht die ganze Entscheidungsarbeit abnimmt, sie aber generell entlasten kann.

Prof. Dr. phil. Stephan Weichert leitet den Masterstudiengang „Digital Journalism“, das „Urban Storytelling Lab“ und das „Digital Journalism Fellowship“-Programm an der Hamburg Media School (HMS)

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