Anzeige

Gauland-Interview als löbliche Ausnahme: Daten-Auswertung legt die Fixierung der Journalisten auf das Flüchtlingsthema offen

Politiker in Sommer-Interviews: Horst Seehofer, Angela Merkel, Alexander Gauland

Das ZDF, die Redaktion von „Berlin Direkt“ und Interviewer Thomas Walde haben viel Lob bekommen für das Sommer-Interview mit AfD-Chef Alexander Gauland. Grund: Walde befragte Gauland gerade nicht zur Flüchtlings-Problematik und legte so die Defizite der Partei in anderen Politikfeldern offen. Das Interview war aber eine löbliche Ausnahme, wie die Datenjournalismus-Seite „Einfacher Dienst“ nachweist.

Anzeige

Was war anders im Sommerinterview mit Alexander Gauland?„, fragte „Einfacher Dienst“ und gibt die Antwort in Form eine Inhaltsanalyse. Neben Fragen zur eigenen Partei und deren Rolle befragte Walde Gauland zu den Themen Arbeit, Rente & Soziales (viereinhalb Minuten), Wirtschaft & Digitales (dreieinhalb Minuten), Umwelt (knapp drei Minuten) und Bau (38 Sekunden).

Die Antworten Gaulands, da waren sich Beobachter und Kommentatoren einig, waren selbstentlarvend. Es wurde offensichtlich, dass die AfD auf drängende gesellschaftliche Fragen keine Antworten hat. „Ich wollte Herrn Gauland mal nach etwas anderem Fragen“, sagte Walde nach dem Interview gegenüber DWDL.

Offensichtlich hatte der ZDF-Journalist sich die Kritik an der Themenführung der Sommer-Interviews zu Herzen genommen. Vor allem bei dem ARD-Interview mit Innenminister Horst Seehofer war evident, dass praktisch alle Themen außer Asyl und Flüchtlinge ausgeklammert wurden. Das Seehofer-Interview wurde dementsprechend auch satirisch aufbereitet.

Allerdings war das Seehofer-Interview eher die Norm und das Walde-Interview mit Gauland die Ausnahme, wie „Einfacher Dienst“ in einer weiteren Auswertung belegt. Bei insgesamt neun Sommer-Interviews mit einer Gesamtlaufzeit von 165 Minuten (9.900 Sekunden) entfielen 3.666 Sekunden auf die Asylpolitik. Das Thema, das danach den größten Raum einnahm, war die jeweils eigene Partei und deren Rolle. Das Thema Bildung wurde in allen (!) Interviews zusammen insgesamt nur 18 Sekunden lang behandelt, das Thema Gesundheit & Pflege insgesamt 26 Sekunden lang. Die Umwelt (mit dem Klimawandel) kam insgesamt rund eineinhalb Minuten lang zur Sprache. Wie gesagt: Die Zahlen geben die Zeit wieder, die in allen Interviews zusammen auf diese Themen entfielen. Es handelt sich nicht um Durchschnittswerte. Das Gauland-Interview ist in dieser Aufstellung allerdings noch nicht berücksichtig.

Bezieht man das Gauland-Interview des ZDF vom vergangenen Sonntag mit ein, ergibt sich ein leicht verändertes Bild, der allgemeine, überwältigende Trend hin zur Flüchtlings-Thematik bleibt aber bestehen:

Die Themensetzung der Politiker-Interviews steht in krassem Gegensatz zu den Interessensschwerpunkten der Bevölkerung, wie sie in Umfragen ermittelt wurden. So ergab der ARD Deutschland Trend, dass Gesundheit & Pflege das Thema ist, das die Deutschen derzeit am meisten interessiert. Eine Emnid-Umfrage im Auftrag von Axel Springer ermittelte Altersarmut und Bild als Top-Themen in der Bevölkerung. Zuwanderung landete bei der Springer-Umfrage auf Platz 13. Beim ARD Deutschland Trend gaben 39% der Befragten an, dass die Asyl- und Flüchtlingspolitik für sie „sehr wichtig“ ist. Bei Gesundheitspolitik & Pflege waren das 69%.

Update: Der Artikel wurde um den Hinweis ergänzt, dass bei dem ersten eingebundenen Schaubild, das Gauland-Interview noch nicht berücksichtig ist. Außerdem wurde ein aktualisiertes Schaubild inklusive dem Gauland-Interview des ZDF zusätzlich eingefügt.

Anzeige