Anzeige

„Darf man sich freuen, dass Assads Frau Krebs hat?“ Bild stößt mit pietätlosem Gedankenspiel auf Irritation und Kritik

In der Online-Ausgabe der Bild schreibt der Autor: "Darf man sich freuen, dass Syriens mörderische Mutter Krebs hat?" Im Printteil ist die Schlagzeile etwas abgeschwächt

Asma al-Assad, 42, Ehefrau des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, ist an Brustkrebs erkrankt. Die Bild-Zeitung nimmt dies zum Anlass, um einen – für die Chefredaktion – „ehrlichen“ Gedanken zu diskutieren: „Darf man sich freuen, dass Syriens mörderische Mutter Krebs hat?“, titelt das Boulevard-Blatt auf seiner Webseite. Im Social Web hagelt es dafür heftige Kritik, beim Presserat Beschwerden.

Anzeige

Wenn eine Frau Brustkrebs bekommt, ist dies sicher kein Grund zur Freude – für niemanden. Die Bild-Zeitung stellt das Thema in ihrer heutigen Ausgabe (Schlagzeile in der Druckausgabe: „Bestie Assad bangt um seine Frau“) trotzdem in den Vordergrund. Sie fragt sich: „Darf man sich freuen, dass Syriens mörderische Mutter Krebs hat?“. Denn schließlich ist es nicht irgendeine Frau, bei der dieser bösartige Tumor diagnostiziert wurde. Es ist die Frau des „Chemiewaffen-Schlächters“ Baschar al-Assad. Und, so das Blatt weiter: „In aller Ehrlichkeit liegt ein Gedanke nicht fern, so schäbig er auch ist. Nämlich: ‚Das trifft die Richtige!'“

„Gerechtes Gottes-Urteil“ für die „mörderische Mutter Syriens geben“

Bild-Autor Daniel Böcking, der „seit fünf Jahren Christ“ ist, versucht die Frage mit einer religiösen Ethik zu beantworten. Es mag „menschlich sein“ sich über den Brustkrebs der Frau zu freuen. „Aber christlich ist das nicht. Denn nach christlichem Verständnis straft Gott so nicht“, fährt Böcking fort. „Vielleicht fällt es bei all der Abscheu gegenüber dem Ehepaar Assad schwer: Doch Christen sind aufgerufen zu beten. Auch für ihre Feinde, auch für die Bösen.“

Es sei falsch sich über das Unglück der anderen zu freuen, so der Tenor des Beitrages. Aber „es wird ein gerechtes Gottes-Urteil geben für Asma al-Assad, die mörderische Mutter Syriens“, nämlich dann „wenn sie einmal vor Gott treten muss“. Soweit die christliche Sichtweise der Bild-Redaktion.

Elf Beschwerden beim Deutschen Presserat

Während die Bild in der Online-Ausgabe des Beitrages die Frage nach der Legitimität der Schadenfreude stellt, ist die Redaktion in der Printausgabe etwas verhaltener, wenn auch nicht besser. Dort lautet die Schlagzeile zum Text: „Ist das Gottes Strafe für Syriens mörderische Mutter?“. Ein Sprecher von Axel Springer begründet den Unterschied gegenüber MEEDIA damit, dass die Redaktion für Print und Online „jeweils den Aspekt für die Überschrift gewählt hat, den wir für die jeweilige Plattform für besonders relevant halten“. Auf die anderen Fragen, insbesondere nach der moralischen Legitimität der Zeile, ist der Verlag nicht eingegangen.

Dass sich das Boulevard-Blatt überhaupt an so ein infames Gedankenspiel wagt, stößt auf heftige Kritik. Der Presserat erhielt bereits elf Beschwerden von Lesern und Nutzern zu dem Thema, heißt es auf Nachfrage von MEEDIA. Nun wolle man prüfen, ob der Rat ein Verfahren gegen Bild Online und die Bild einleitet. „Die Leser kritisieren, dass die Schlagzeile möglicherweise die Menschenwürde von Asma al-Assad verletzt (Ziffer 1 Pressekodex)“, erläutert eine Sprecherin weiter.

Der Bild-Autor Böcking reagiert auf Twitter auf die Kritik. „Manches ist stumpf verletzend, anderes hilfreich“, schreibt er. „Würde mich aber freuen, wenn der Text auch gelesen wird, eh jemand behauptet, ich würde Leid bejubeln oder einem Menschen den Tod wünschen.“ Wie er es begründet, eine derart pietätlose Frage zu stellen, die Böcking so wortreich und christlich beantwortet, erklärt der Stellvertreter von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt indes nicht.

Im Social-Web ist insbesondere die Zeile des Textes im Visier der Kritiker. Wie auch schon bei der Zeit-Debatte über die private Seenotrettung ist sie nicht nur unglücklich formuliert, sondern spiegelt auch den Tenor des Beitrages nicht wider. „Ich empfinde die Frage als abstoßend“, schreibt ein Twitter-Nutzer über den Titel. Ein anderer kritisiert die „Geschmacklosigkeit, die Frau von Assad, die offenbar sehr krank ist, mit Giftgas-Attacken Assad’s zu vermengen“. Teresa Bücker, die Chefredakteurin der Edition F, schreibt zudem: „Das Medium, in der ‚weiße Männer‘ nicht verstehen, warum sie kritisiert werden, fragt heute, ob man sich über die Brustkrebserkrankung einer Frau freuen darf. Ich weiß nicht, ob man deutlicher zeigen kann, dass man keinen einzigen Leser verdient.“

#Darfmansichfreuen

Der Satire-Account Postillleaks rief unterdessen zu einer „Hashtag-Challenge“ auf: Nutzer sollten unter dem Hashtag #darfmansichfreuen Fragen Richtung Bild schicken. Zahlreiche Nutzer sind dem Aufruf auf Twitter gefolgt:

Anzeige