Partner von:
Anzeige

Genial, gehasst, gefürchtet: Bild-Briefeschreiber Franz Josef Wagner zum 75. Geburtstag

Eines seiner Bücher heißt “Im September, wenn ich noch lebe”: Franz Josef Wagner wurde 75
Eines seiner Bücher heißt "Im September, wenn ich noch lebe": Franz Josef Wagner wurde 75

Er schreibt an Jan Ullrich, an Deutschland, an den lieben Regen, an das liebe Happy End. Bild-Briefeschreiber Franz Josef Wagner wurde am gestrigen Dienstag, dem 7. August, 75 Jahre alt und er schreibt immer noch (fast) jeden Tag seinen Brief in der Bild, die legendäre "Post von Wagner". Er blickt auf ein außergewöhnliches Journalistenleben, wie es das heute wohl nicht mehr gibt.

Anzeige

Zu seinem 75. Geburtstag hat FJW der Basler Zeitung ein Interview gegeben, das ein bisschen Wagner in a nutshell ist. So ziemlich alles steckt in diesem Interview, was man über Wagner wissen muss: die Gitanes-Zigaretten. Den Weißwein-Tick. Porsche-Fahrer. St. Tropez-Urlaub immer im selben Hotel. Paris-Bar. Das Klischee und die Legende.

Im so genannten sozialen Web hassen viele Wagner, weil er ihnen reaktionär erscheint und menschenverachtend. Wagner ist da die deutsche Eiche, die es nicht jucken muss, wenn sich die Sau an ihr reibt. Er lese das nicht, sagt er im Interview, bekomme aber schon mit, wenn ein Sturm aufzieht. Wagner war Gärtner, Möbelpacker, Saufkumpan von RAF-Terrorist Baader, Kriegsreporter in Vietnam, Chef von Bunte und B.Z. Wagner ist ein Überlebender in der Keith-Richards-Liga. Was soll es so einen schon groß jucken, wenn ein paar Heinis bei Facebook sich aufregen?

Wer Wagner für einen Menschenverächter und Reaktionär hält, hat sich vermutlich nie länger als eine Briefe-Kolumne mit ihm befasst. Tatsächlich ist er ein Menschenfreund, was er bisweilen sehr gut verbergen kann. Einer, der mit viel Zartheit von Schwächen und Gefühlen schreibt. Und er ist ein Romantiker von der rauen Sorte, wie es heute höchstens noch eine Hand voll gibt.

Natürlich ist Wagner auch und nicht zuletzt ein genialer Schreiber. Keiner liefert solche Oneliner wie er. “Ich bin ein professioneller Schreiber. Ich arbeite, weil ich meine Miete bezahlen muss. Es gibt kein Geheimnis”, sagt er im Interview mit der BAZ. Das ist so ein Satz, in dem steckt eigentlich ein kleiner Roman, ein Satz mit Rhythmus. Und natürlich ist man sich sicher, dass es gerade deshalb ein Geheimnis geben muss, weil er schreibt, dass es keins gibt. Wer kann sowas heute noch?

Aber auch bei FJW ist nicht alles shiny. Au contraire. Alkohol und Zigaretten mögen irgendwann ihren Tribut fordern. Dazu kommt die zelebrierte Einsamkeit: “Die Frage meines Lebens ist doch: Was kann ich überhaupt? Ausser ein bisschen Tennis spielen und Porsche fahren.” Wagner entstammt einer Generation, die Hemingway verehrt. Er wär wohl auch gerne der große Romancier seiner Zeit geworden, aber der Herrgott gab ihm nun einmal das Talent für die Kurzform. Darin steckt eine gewisse Tragik, aber es gibt wohl Schlimmeres.

Anzeige

Also, was kann er überhaupt? Chefredakteur kann er wohl nicht sehr gut, obwohl er das viele Jahre lang gemacht hat. Legendär und gefürchtet war seine Regentschaft bei Bunte. Mit Produktionsnächten bis zum Morgengrauen. Welche, die dabei waren, berichten, dass der Alkohol reichlich floß und es wurde oft laut und manchmal hässlich. Auch das war FJW: ein Leute-Schinder, einer der die sensibleren Gemüter in einer Redaktion zum Weinen brachte und die Redaktions-Budgets bis über den Anschlag dehnte. Heute unvorstellbar, dass ein Chefredakteur mit Allmacht ausgestattet Menschen und Material in so atemberaubenden Tempo verschleißt, wie FJW das tat. Denen, die unter ihm litten, war es vermutlich kein Trost, dass Wagner möglicherweise am meisten selbst unter sich litt.

Was bleibt noch? Ein paar legendäre Zeilen. Für Burdas kurzlebige Super-Zeitung textete FJW die berühmte Überschrift: “Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen. Ganz Bernau ist glücklich, dass er tot ist”. Bei der B.Z. flog er, nachdem er getitelt hatte: “Franziska van Speck, als Molch gewinnt man kein Gold”. Gemeint war die Schwimmerin Franziska van Almsick, die bei Olympia den hohen Erwartungen nicht gerecht wurde.

Würde Wagner heute noch so gemein sein? Vermutlich nicht. Altersmilde? Vielleicht. Zur Ruhe gekommen? Vielleicht auch das. Vor allem scheint es so, als habe er mit der täglichen Briefe-Kolumne in der Bild seine Bestimmung gefunden. Immerhin schreibt er die seit 2001. Die kurze, prägnante Form ist die seine. Die Kolumne gibt ihm Struktur für den Alltag. Wagner braucht diese Kolumne. Wer weiß, was sonst wäre.

“Wenn die Flasche offen ist, leere ich sie”, sagt er im Interview mit der Basler Zeitung. Glaubt man ihm sofort. Bis zum letzten Schluck.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. RTE2018 und Ben: Alle warten auf Ihre üblichen und geschätzten ersten Kommentare zum Thema bzw. am Thema vorbei. Also bitte!

    1. Wie geil, ich brauche gar nichts zu schreiben und Sie sind schon präventiv getriggert. Hab ich Sie so traumatisiert? Linksradikale wie Sie sind offensichtlich keinen Widerspruch mehr gewohnt. 😀

      PS: Wagner ist super.

      1. Da wissen wir nun endlich, auf welchem geistigen Niveau Sie sich „bilden“. Danke dafür! Aber welchen „Widerspruch“ soll der „Linksradikale“ Šuhaj nicht mehr gewohnt sein? Ich sehe keinen.

      2. Und trotzdem wusste ich, was ein Volontär macht, im Gegensatz zu Ihnen. Vielleicht überschätzen Sie, Alt-68er-typisch, Ihre Intelligenz?

      3. Und nun weiß ich immer noch nicht, wo denn der vorgebliche Widerspruch liegen soll! Und nebenbei bemerkt: Für einen „Alt-68er“ war ich damals noch zu jung.

        Aber wie immer wieder anderweitig geäußert: Wenn der Verfasser einer Antwort auf einen Kommentar mit dem intellektuellen Niveau des Vorredners nicht mithalten kann, aber trotzdem unbedingt das letzte Wort behalten will, bleiben nur noch Häme und Polemik übrig. Und mit jeder weiteren Antwort sinkt das Niveau unweigerlich.

        Machen Sei weiter so!

      4. Haben Sie den Sermon mit dem “intellektuellen Niveau” als Makro auf einer Ihrer F-Tasten gespeichert?

  2. Alter macht nicht klug und macht nicht weise, macht nicht gerecht und macht nicht leise.

    Womit ich nicht sagen will, daß Alter nichts macht. Macht aber nichts.

    Angela Merkel ist die beste Kanzlerin aller Zeiten und Franz-Josef Wagner der beste Franz-Josef-Wagner=Franz-Josef Wagner, den der Springer je hatte. VIELE würden auf alle drei gerne verzichten. Das hat nichts mit Alter zu tun. Alter ist weder eine Begründung noch eine Rechtfertigung noch eine Ausrede. Das einzige, was zählt, ist das, was diese Leute anrichten. Darin sind sie wahrlich alterslos…

    Man kann es auch anders sagen und man kann und sollte es auch Anderen sagen. Franz-Josef Wagner ist kein Einzelfall.

    Briefe schreiben kann er übrigens auch nicht.

    “FRANZ JOSEF WAGNER: Liebe verschollene Passagiere,”
    http://www.transgallaxys.com/~kanzlerzwo/index.php?topic=8138

  3. Herr Winterbauer: „Er blickt auf ein außergewöhnliches Journalistenleben“?

    Da Franz Josef Wagner über keinerlei journalistische Ausbildung verfügt, sondern lediglich über ein Volontariat zu seinen Tätigkeiten als Reporter und schließlich sogar zum Posten eines Chefredakteurs kam, die er allerdings durch ehrverletzende Behauptung bald wieder verlor: Wollen Sie so jemanden ernsthaft als Journalisten bezeichnen?

    1. ” keinerlei journalistische Ausbildung”

      Was glauben Sie eigentlich, was ein Volontariat ist?

  4. Schade, dass es dieses Jahr keinen Literaturnobelpreis gibt.
    Statt Patty Smith hätte Helene Fischer singen können. Irgendwas von Wagner.

  5. Puh.

    Ist aber auch ein undankbarer Joob, was Nettes über FJW schreiben zu müssen. Wie eine Grabrede auf Erich Honecker.

  6. Puh.

    Ist aber auch ein undankbarer Job, was Nettes über FJW schreiben zu müssen. Wie eine Grabrede auf Erich Honecker.

    1. Liebe Volontäre! Ihr müsst einen zu Porträtierenden gar nicht kennen. Au contraire. Basler Zeitung, Wikipedia und zwei, drei Second-hand-Anekdoten reichen. Dann wird’s shiny.

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia