Anzeige

„Der Beruf des Journalisten, eine Firewall der Demokratie“: das bewegende Manifest „Deadline“ des krebskranken Alpha-Journalisten Michael Jürgs

Michael Jürgs

„Eine freie Welt braucht freien Journalismus. Wir müssen ihn retten, und können es auch.“ So lautet die Unterzeile eines Artikels von Michael Jürgs, der heute im Handelsblatt erschienen ist. Es geht um Demokratie, die Freiheit und die Zukunft des Journalismus. Die Titelzeile „Deadline“ hat auch biografischen Bezug. Denn der 73-Jährige ist an Krebs erkrankt – sein Essay gleicht einem Vermächtnis.

Anzeige

Die schwere Erkrankung des Vollblutjournalisten Jürgs, der als Studienabbrecher bereits mit 23 Jahren das Feuilleton der Münchner Abendzeitung leitete und später zum Chefredakteur des stern aufstieg, ist Grund dafür, dass sich der Autor in den letzten Monaten zurückgezogen hatte. Sein langjähriger Kontakt zum früheren Spiegel-Journalisten und heutigen Handelsblatt-Vize Thomas Tuma dürfte der Grund dafür sein, dass Jürgs seinen bewegenden Appell in der Wirtschaftszeitung veröffentlicht, nach der Devise: Wer schreibt, der bleibt. So entstand ein Essay, der die Branche aufrütteln und zum Nachdenken anregen soll.

Blattmacher Tuma sieht in dem Stück weit mehr als eine Standortbestimmung der Medienszene: „Jürgs weist zwar auch Wege aus der Branchenkrise. Vor allem aber empfiehlt er dem Nachwuchs: Macht euch nie gemein mit den Mächtigen! Wahrt Unabhängigkeit! Kommentiert weniger, recherchiert mehr! Nur so ist der Journalismus zu retten – und damit auch die Freiheit. Schon die Überschrift ist – so traurig, so schön – ein echter Jürgs: ‚Deadline‘.“ In seiner Karriere als Chefredakteur (u.a. auch von Tempo) und Schreiber hat Jürgs die großen Themen nie gescheut, sondern im Gegenteil stets gesucht. Die Bandbreite seiner Neugier und Veröffentlichungen ist beeindruckend: Romy Schneider, die Waffen SS-Vergangenheit von Günter Grass, Axel Springer, Churchills Geheimagentin oder Serienmörder – Jürgs recherchierte und veröffentlichte Artikel oder Bücher, die zu Bestsellern wurden.

In Chefetagen gefürchtet waren auch seine Abrechnungen mit den Verlagsmanagern, die ebenso kenntnisreich und präzise wie wortgewaltig ausfielen. So attestierte er einem Hamburger Verlags-Vorstandschef, dass die freie Rede nicht zu dessen zehn größten Tugenden gehöre. In seinem Handelsblatt-Essay geht es aber nicht mehr um Einzelne. Jürgs beschäftigen die großen Zusammenhänge – und die großen Gefahren für Demokratie und Medien. So schreibt er über:

– die digitale Medienwelt: „Online gibt es keine Deadline mehr. Allein schon deshalb tummeln sich im Digitalen ungehemmt Trolle und Hassprediger, die analog bereits an einer Deadline gescheitert wären.“

– die Verantwortung der freien Presse: „Erfahrene Profis, die keine anderen Beruf schwänzen, sondern den ihren erlernt haben, weil sie unbeugsam daran glaubten, dass die Welt durch das Wort zu verändern ist, sind in diesen Zeiten wichtiger denn je. Die vierte Säule der Demokratie, was friedlicher anmutet als die Metapher von der vierten Gewalt, ist überlebensnotwenig zur Verteidigung derselben gegen ihre Feinde.“

– die Aufgabe von Kommentatoren und Leitmedien: „Wäre (…) hilfreich, wenn sich die Herren der öffentlichen Meinung, Leitartikler von unterschiedlicher Güte, nicht als belehrende Oberlehrer aufspielen, sondern beobachtend aufklären über die Strategien der Volksverdummer. Die Nähe zu Politikern meiden, weil die Mächtigen nur dann zu kontrollieren sind, wenn man sie im Blick behält, statt sich mit ihnen, vor allem in der Arena Berlin, bei gegebenen Anlässen vertraut blicken zu lassen. Kurzum: unberechenbar bleiben.“

– die Skepsis als journalistische Tugend: „Die zum Journalismus angemessene Farbe ist nicht Schwarz, nicht Weiß, sondern Grau. Das ist die Farbe des Zweifels. Gegen moralfreie Populisten braucht es in Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunkanstalten und Fernsehsendern, analog wie digital, eine moralische Haltung ebenso wie den Widerstand der Zivilgesellschaft gegen ihre Feinde von rechts und links, von Pegida und AfD bis zum autonomen Block und wieder auferstandenen SED-Bütteln.“

– den Wert der Recherche: „Ohne eine moralische Haltung ist alles nichts, sie allein genügt aber nicht. Es gilt, erst recht in Zeiten, da die Wahrheit als Lüge diffamiert wird, das eherne Gebot: Bevor auch nur ein Wort geschrieben wird, ist erst zu recherchieren, ob das, was verlockend nach einem Scoop riecht, auch stimmt. Zu viele Meinungsmacher halten sich zum Volkstribun berufen, statt sich zu besinnen auf die Wurzeln des Berufs: Neugier auf das, was man nicht kennt. (…) Comments are free, facts are sacred. Meinungen sind frei, richtig, aber Fakten sind heilig.“

– den Verleger Axel Springer: „Sein bei Wilhelm Raabe entlehntes Motto ‚Blick auf zu den Sternen und gib acht auf die Gassen‘ darf zu den Essentials des Journalismus gerechnet werden. Dass zu viele seiner Plattmacher ‚Gosse‘ statt ‚Gasse‘ darunter verstanden, ist allerdings auch Fakt.“

– die Vorteile der digitalen Medienwelt: „In den blühenden Landschaften gab es damals in stetig nachwachsender Zahl Alkoholiker und Machos, Hohlschwätzer und Besserwisser. Männerbünde geeint in der Arroganz der Macht, was nicht nur für das Haus Springer galt, sondern auch für die auf der anderen Straßenseite. Sie hätten im digitalen Zeitalter keine Chance mehr. Das ist ein großer Fortschritt. Grundsätzlich gilt jedoch, dass Schrott weiterhin Schrott bleibt, auch wenn er online schneller beim Kunden ankommt als in gedruckter Form.“

– den Verdrängungswettbewerb durch digitale Konkurrenz: „Auflagenrückgänge kosteten viele als sicher geltende Arbeitsplätze in den Verlagen. Sowohl die der Journalisten als auch die der Manager. Aber es geht längst nicht mehr um digital ODER analog, sondern um analog UND digital im gemeinsamen Kampf gegen die schrecklichen Vereinfacher aller Art. Junge Journalisten stemmten sich als Erste gegen die vorgebliche Endzeit des Berufs. Zum einen, weil es um ihre Zukunft ging, die wir zumeist schon hinter uns hatten, zum anderen, weil sich die Manager eher auf ihnen eingebläute, naheliegende Lösungen konzentrierten – Kosten runter, Rendite rauf – und an der für ihr Geschäft nun mal unabdingbar wertvollen Software Journalisten sparten.“

– die Anforderungen an Führungskräfte in Verlagen: „Es braucht Manager, die aus Respekt vor einem Beruf, den schon immer auch viele Wahnsinnige ausüben, mit ihren Marketingideen neue Hardware generieren, um ihre Software zu schützen. Dazu gehören Nebengeschäfte mit Immobilien, Autoanzeigen oder Hundefutter, deren Gewinne wie bei Burda oder Springer die Verluste bei Print ausgleichen. Dazu gehört die Gründung vieler kleiner Beiboote wie bei Gruner + Jahr, weil die großen Dampfer an Fahrt verlieren.“

– den Wert des Journalismus: „Für eine freie, offene Gesellschaft sind Ethos, Moral und Qualität von Journalismus überlebenswichtig. Im unter uns Journalisten berühmten „Columbia Journalism Review“ liest sich das selbstbewusst so: ‚Du bist ein Journalist, und du bist nicht Teil des Staates. Deine Aufgabe ist die Aufdeckung und nicht die Geheimhaltung. Du stehst abseits der Macht, um sie zu hinterfragen. Deine Aufgabe ist es, das öffentliche Interesse an deiner Geschichte im Blick zu haben und verantwortungsbewusst zu veröffentlichen, was du für wichtig hältst. Als Journalist darfst du über das, was von öffentlichem Interesse ist, genauso urteilen wie ein Richter.'“

Jürgs versöhnliche Prognose zum Schluss nimmt Bezug auf die historischen Erfolge der Presse- und Meinungsfreiheit: „Rückblickend bleibt der Trost, wie oft letztlich das freie, gedruckte Wort siegte. Gegen riesige Armeen von Millionen Wörtern, die überall auf der Welt lauerten, hatten Despoten und Völkerschlächter dann eben doch keine adäquaten Waffen.“

Den vollständigen Handelsblatt-Essay „Deadline“ von Michael Jürgs finden Sie hier (Paid Content). Anmerkung: MEEDIA gehört zur Handelsblatt Media Group.

Anzeige