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“Hätte nie erscheinen dürfen”: Thüringer Allgemeine entschuldigt sich für antisemitischen Beitrag einer Kulturautorin

Musste sich für antisemitische Äußerungen einer Autorin entschuldigen: Johannes M. Fischer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeine
Musste sich für antisemitische Äußerungen einer Autorin entschuldigen: Johannes M. Fischer, Chefredakteur der Thüringer Allgemeine

Ein Beitrag der Thüringer Allgemeine (TA) über das "Yiddish Summer"-Fest in Weimar hat für Empörung gesorgt. Die Autorin warf dem Festivalleiter vor, er profitiere von "humanitären Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg". Die Organisatoren reagierten entsetzt. Der Chefredakteur des Funke-Blattes hat sich nun öffentlich entschuldigt.

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Die TA-Musikkritikerin Ursula Mielke schrieb am Montag den Artikel “Mantra für den Frieden” (Blendle-Link) über das Eröffnungskonzert des “Yiddish Summer” in Weimar, einem der weltweit wichtigsten Sommerprogramme für traditionelle jiddische Kultur. Doch weniger die Konzertrezension war es, die für Aufsehen sorgte. Denn Mielke ließ sich in ihrem Beitrag zu polemischen Äußerungen über das Festival und dessen Leiter Alan Bern hinreißen.

Sie warf Bern vor, den “Yiddish Summer” allein deshalb in Deutschland und nicht in seiner Heimat USA zu veranstalten, weil hier das Geld wegen “humanitären Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg” zur Verfügung stehe. Dazu schreibt sie: “Künstlich muss man nichts, aber auch gar nichts am Leben erhalten.” Offen blieb, ob sie damit das Festival an sich oder die jiddische Kultur gemeint hat.

Alan Bern, der Leiter des Festivals, reagiert gegenüber dem Deutschlandfunk empört: “Die Sprache, die sie benutzt, ist die Sprache der extrem Rechten in Deutschland.” Das kenne man von dem AfD-Politiker Björn Höcke und von anderen Menschen dieser Gesinnung. Auch die Jüdische Allgemeine äußerte sich entsetzt angesichts der “antisemitischen Codes”, die der Beitrag enthalte. Die Redakteurin habe “binnen weniger Zeilen das gesamte Repertoire modern gewendeter Antisemitismen” eingespielt, schrieb der Autor Johannes Heil. Was sie schreibt, könne man nicht mehr als Entgleisung durchgehen lassen, denn es habe System. “Hier erklingt eine musikalische Variante der ‘Auschwitzkeule’, mit am Ende stets demselben Refrain: dass der Holocaust den Juden immer noch gut genug sei, um damit Kasse zu machen”, so Heil weiter.

“Der Artikel hätte nie erscheinen dürfen”

Die TA reagierte schnell und direkt auf die Kritik. Am Mittwoch sammelte die Zeitung Statements der Verantwortlichen und ließ so die Kritiker des Beitrages zu Wort kommen. Als “geschmacklos, unsensibel und schmerzlich” bezeichnete der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, den Artikel. Die Redaktion distanzierte sich zudem von den Äußerungen Mielkes und bat ihre Leser um Entschuldigung.

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Einen Tag später veröffentlichte der Chefredakteur der TA, Johannes M. Fischer, ein Entschuldigungsschreiben im Netz, das am Freitag in der Zeitung abgedruckt wurde. In seiner Kolumne “Die Gläsernen Redaktion”, in der er regelmäßig hinter die Kulissen des Alltags der Journalisten schaut, distanzierte sich Fischer wortreich von dem Artikel der freien Autorin. Dieser “hätte nie erscheinen dürfen”.

Dass antisemitische Angriffe von außen kämen, daran sei er gewöhnt, schreibt Fischer mit Blick auf die Geschichte seines Hauses. Immer wieder sei die Redaktion Zielscheibe von rechtsextremistischen Angriffen. Doch “von innen” habe ihn der Antisemitismus besonders schockiert, so Fischer weiter. Er kündigte Konsequenzen an:

Dass sich ein solcher Satz an einem sonntäglichen Produktionstag hatte einschleichen können, ist bestürzend. Es nützt wenig, dass ich meinen Freunden und Bekannten, die sich bei mir meldeten, versicherte, dass dieser Artikel nie hätte erscheinen dürfen. Dass sich an der Haltung der Zeitung nichts, aber auch gar nichts geändert habe. Dass wir diesen Fall aufklären werden. Dass es Konsequenzen geben wird.

Wie genau die Konsequenzen aussehen, dazu schrieb Fischer nichts, außer, dass die Redaktion “aufmerksamer werden” und “jede Art von Rassismus, Extremismus und Sexismus” bekämpfen muss. Für den Nachmittag ist jedoch eine Pressmitteilung angekündigt, erklärte die Redaktion auf eine MEEDIA-Nachfrage.

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