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„Bild missbraucht ihre Machtposition“: Medienethikerin Jessica Heesen über die Berichterstattung im Fall Özil

Medienethikerin Jessica Heesen, Berichterstattung über Ex-Nationalspieler Mesut Özil: "Ausdruck einer unterkomplexen Herangehensweise"

In der Diskussion um den aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetretenen Star-Fußballer Mesut Özil geht es längst nicht mehr nur um sein Foto mit Recep Tayip Erdogan. Es ist eine allgemeine Debatte über die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft, aber auch die Salonfähigkeit von Rassismus entbrannt. Özil bezichtigte diesbezüglich deutsche Medien, eine Kampagne gegen ihn gefahren zu haben. Medienethikerin Jessica Heesen attestiert in diesem Kontext vor allem bei Bild „einen aktiven Willen der Redaktion, Özil an den Pranger zu stellen“.

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Inwieweit gab es vor, während und nach der Fußball-WM, speziell durch die Bild-Zeitung, eine Medienkampagne gegen Mesut Özil?
Jessica Heesen: Der Begriff Medienkampagne ist schwierig, da er den Anschein erweckt, als handelte es sich um eine abgesprochene Maßnahme verschiedener Medienorgane, was in diesem Fall nicht zutrifft. Die Medienberichterstattung zu Özil ist nicht einheitlich, und immer gab und gibt es die Möglichkeit, viele Stimmen zu dem Fall zu hören – also von einem pluralen Medienangebot Gebrauch zu machen. Spezifisch für die Bild-Zeitung ist aber festzustellen, dass man sich hier offenbar auf eine Redaktionslinie geeinigt hat, die insbesondere Özil, und das, was offenbar Bild-Redakteuren an ihm stört, zum Thema zu machen. Die Bild-Zeitung ist ja der Auffassung, für „den Mann auf der Straße zu sprechen“, der immer schon sinnbildlich dafür stand, der Bevölkerung populistische Auffassungen in den Mund zu legen. Die Bild-Zeitung wird hier nicht der journalistischen Verantwortung gerecht, eine ausgewogene Berichterstattung zu liefern. Im Gegenteil missbraucht sie ihre Machtposition als relativ stark rezipiertem Presseorgan und erzeugt selbst genau die Stimmungen und Meinungen, die sie dann durch vermeintliche Sensationsberichterstattung bedient.

Auf welchen Ebenen/ in welchem Ausmaß bestand diese Kampagne?
Sensationsberichterstattung, das Einholen von „Stimmen“, die Özil gegenüber kritisch sind und vor allem eine Sprache, die Özil abwertet und ihm schlechte Handlungsmotive unterstellt.

Wo lag der Unterschied zur Berichterstattung über andere Nationalspieler?
An Özil werden nicht die gleichen Standards angelegt wie an andere Spieler in Bezug auf ihr spielerisches Können. Ihm wird die Rolle eines Sündenbocks zugeschrieben, während doch im Vorfeld beschworen wurde insbesondere durch den Markennamen „Die Mannschaft“, dass ein Fußballspiel eine Gemeinschaftsleistung ist.

„Warum muss es ‚Heimat‘ immer nur im Singular geben?“

Wurde Ihrer Ansicht nach Mesut Özil auf seine Herkunft oder auf andere rassistische Weise reduziert und Niederlagen der DFB-Elf damit in Zusammenhang gebracht?
Offenbar herrscht in Teilen des deutschen Fußballs die Vorstellung vor, dass die Mitgliedschaft in der deutschen Nationalmannschaft gleichzeitig mit der Distanzierung von anderen nationalen Wurzeln verbunden sein muss. Warum muss es „Heimat“ immer nur im Singular geben? Offenbar greift man hier auf überkommene Vorstellungen von einheitlichen Identitäten, Glaubensvorstellungen und politischen Meinungen zurück.

Mesut Özil nimmt auch Bezug auf das Foto von Lothar Matthäus gemeinsam mit Wladimir Putin und kritisiert, dass darüber nicht so prominent berichtet wurde und keine Erklärungsforderungen laut wurden – inwieweit hat er damit Recht?
Özil hat insofern Recht, als er damit auf die Doppelmoral des Fußballgeschäfts hinweist. Offenbar werden hier Doppelstandards angelegt und nicht zuletzt findet ja auch die nächste WM in Katar, also in einem autokratischen Staat, ohne Sicherung von Menschenrechten und Pressefreiheit, statt. Trotzdem muss natürlich individuell jeder und jeder der eigenen Verantwortung nachkommen und darauf hinzuweisen, dass andere Personen und Institutionen auch nicht gemäß vorgeblich proklamierten moralischen und politischen Standards agieren, entlässt Özil nicht aus berechtigten kritischen Fragen nach seiner eigenen Rolle.

Wo hört ganz grundsätzlich berechtigte kritische Berichterstattung auf, wo fängt eine „Hetz“-Kampagne an?
Eine „Hetz-Kampagne“ fängt da an, wo die Medienberichterstattung einen Menschen persönlich herabwürdigt, einseitig berichterstattet, im privaten Umfeld recherchiert und eine Sprache benutzt, die unnötig skandalisiert und den Standards einer Sensationsberichterstattung entspricht – der wichtigste Punkt ist jedoch, dass hier ein Thema in den medialen Fokus gerückt wird, das aktiv insbesondere von der Bild-Zeitung „aufgebauscht“ wurde, es also einen aktiven Willen der Redaktion gab, insbesondere Özil an den Pranger zu stellen und damit viele rassistische Ressentiments zu bedienen.

Wie steht es um die Berichterstattung über Mesut Özil in anderen Medien in diesem Zusammenhang?
Auch hier gibt es fragwürdige Stellungnahmen, insgesamt gibt es jedoch in den Qualitätsmedien viele kritische Stellungnahmen, was die Mediendynamik selbst betrifft und die eine ausgewogene und kritische Berichterstattung bieten. Ein Beispiel dafür stellt etwa der Artikel „Alle verlieren“ von 11Freunde dar.

Berichten nach seinem Statement einige Medien zu sehr pro Özil, indem sie ihn in der Opferrolle bestätigen? Ist er aufgrund des Erdogan-Fotos nicht auch zum Teil Täter?
Die gesamte Situation, die mit der WM und dem Statements von Özil verbunden ist, ist sehr komplex und nicht dazu geeignet, hier eindeutig von „Opfern“ und „Tätern“ zu sprechen. Diese Zuschreibungen sind selbst Ausdruck einer unterkomplexen Herangehensweise. Gutem Journalismus sollte es gelingen, genau die Ambivalenzen des Geschehens zu schildern, die ja gerade spannend sind, um sich den „State of Mind“ der verschiedenen Akteure und der Rolle der Medien in diesem Zusammenhang bewusst zu werden.

Dr. Jessica Heesen ist Privatdozentin und Leiterin des Forschungsschwerpunktes „Medienethik und Informationstechnik“ an der Universität Tübingen. In diesem Rahmen engagiert sie sich auch beim Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, einem Forschungszentrum für ethische Fragen.

Die Fragen wurden der Interviewpartnerin per Mail gestellt.

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