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Mesut Özil, die Medien und der DFB: die Geschichte eines Missverständnisses

Marke wider Willen? Mesut Özil

Das Medien-Drama um Mesut Özil, sein Erdogan-Foto und seine Leistung bei der zurückliegenden Fußball-WM findet mit Özils Rücktritt nun hoffentlich ein Ende. Die Causa Özil spielt sich auf mehreren Ebenen ab, das macht es kompliziert. Nicht zuletzt basiert die ganze Aufregung auf einem grundlegenden Missverständnis und fehlender Kommunikations-Expertise.

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Zunächst einmal ist die öffentliche Figur Mesut Özil (und nur von ihr soll hier die Rede sein) ein großes Missverständnis. Özil ist in einfachen Verhältnissen im Ruhrpott aufgewachsen. Er wäre einer von zig türkischstämmigen Jungs geblieben, über die keiner groß redet oder schreibt, vermutlich wäre er in seiner „Community“, wie das heute heißt, größtenteils unter anderen türkischstämmigen Leuten geblieben, hätte vielleicht eine Lehre gemacht. Wäre vielleicht ein paarmal im Jahr in die Türkei in Urlaub gefahren. Hätte bei den Türkei-Wahlen sein Kreuz vielleicht bei Erdogan gemacht, vielleicht auch nicht. Der Zufall oder das Schicksal wollte es aber, dass der junge Mesut ein begnadeter Fußballer war. So traf das Migrantenkind aus dem Pott auf den vermutlich größten Medien- und Marketing-Komplex, den wir hierzulande haben: den Profi-Fußball.

Wegen der Kombination aus Biografie und fußballerischem Talent war es fast zwangsläufig, dass Medien und das DFB-Marketing aus Özil eine Story, ein Narrativ machten. Die Geschichte vom Migrantensohn aus einfachen Verhältnissen, der dank König Fußball zum Multimillionär, zum weltweiten Idol wurde. Die sündhaft teuren DFB-Trikots mit Özils Namen verkauften sich mit am besten. Er bekam vom Verlagshaus Burda den „Integrations-Bambi“ aufgedrängt. Der junge Mesut war eine Marke geworden, ob er wollte oder nicht. Ob er diese Rolle als Idol ausfüllen konnte, hat ihn sicher nicht gefragt. Das kommt in dieser Preisklasse des internationalen Spitzenfußballs inklusive.

Man kann sich vorstellen, dass es Mesut Özil wehgetan hat, als er bei einem Fußball-Länderspiel Deutschland-Türkei von türkischen Fans ausgepfiffen wurde. Nun wurden er und sein Teamkollege Gündogan von deutschen Fans ausgepfiffen wegen dieses unsäglich dämlichen Erdogan-Fotos. Natürlich ist das zutiefst unfair. Fußballfans sind freilich nicht für ihr Fingerspitzengefühl bekannt. Ebensowenig wie Boulevardmedien.

In dem Medienteil seiner dreiteiligen, englischsprachigen Generalabrechnung macht Özil „certain German newspapers“ dafür verantwortlich, seine Herkunft und sein Erdogan-Foto für „rechte Propaganda“ genutzt zu haben. Konkreter wird er leider nicht. Der Verdacht wabert im Raume, er könnte die Bild-Zeitung meinen, die bereits vor Özils Einlassung auch in anderen Medien und Blogs dafür kritisiert wurde, eine Kampagne gegen den Nationalspieler zu fahren und zum Teil sein Foto mit Artikeln über das miese Abschneiden der deutschen Mannschaft zu verknüpfen.

Bei Übermedien hat der 11-Freunde-Chefredakteur Philip Köster einen längeren Text dazu veröffentlicht. „Integrationsmaskottchen“ sei Özil erst gewesen und dann Buhmann, schreibt Köster. Das trifft es ganz gut. Durchforstet man die Bild-Berichterstattung zu Özil, dann lässt sich der Kampagnenvorwurf allerdings kaum halten. Klar, die Bild hat Aussagen von allerlei Meinungs-Inhabern wie Stefan Effenberg und ihres Kolumnisten Lothar Matthäus prominent transportiert, die hart mit Özil ins Gericht gingen. Aber auch andere Spieler bekamen ihr Fett weg. Vielleicht hätte Bild die Rolle eines Thomas Müller, der wohl auch nicht auf der Höhe seiner fußballerischen Leistung war, noch stärker anprangern können. Aber bei Özil gab es nun einmal diesen Aufreger mit dem Erdogan-Foto, was ihn automatisch heraushob von den anderen, zur Zielscheibe des Boulevard machte. Özils langes Schweigen in eigener Sache füllten die Medien dann mit anderen Geschichten, teils eigenen Kommentierungen, teils mit Stimmen der stets Gewehr bei Fuß stehenden „Experten“.

Und wenn Özil sich in seiner Medienschelte beklagt, dass etwa das Putin-Handshake-Foto seines Kritikers Matthäus kaum ein Medienecho gefunden hätte, dann hat er wohl keine Zeitung gelesen. Die Bild selbst war es, die ihren eigenen Kolumnisten für das Putin-Foto anklagte. Dass das Boulevardmedium Bild Özil nun vorwirft zu „jammern“ und es thematisiert, wenn Uli Hoeneß über den nunmehr Ex-Nationalspieler herzieht, kann man ihr nicht verdenken. Wenn eine der wichtigsten Fußball-Persönlichkeiten des Landes derart vom Leder zieht wie Hoeneß, ist das natürlich ein Top-Thema. Das ist grob draufgehauen, aber wer eine solche Thematisierung und Ansprache nicht wünscht, der müsste im Prinzip Boulevardmedien gleich ganz verbieten. Und das wird hoffentlich niemand in diesem Land wollen.

Bei alldem ist nicht auszuschließen, dass die Berichterstattung des Boulevards in Teilen des Publikums Ressentiments und sogar Rassismus verstärkt. Beleidigungen, Anfeindungen und Drohungen gegen Özil sind bei aller Kritik an dem Erdogan-Foto und den Debatten um seine fußballerischen Leistungen selbstredend fehl am Platze. Solche Phänomene sind aber leider ein Zeichen der Zeit und eine Begleiterscheinung von Social Media. Was es nicht besser macht. „Den Medien“ alleine die Schuld dafür zuzuschieben, ist beliebt, greift aber zu kurz.

Ein weiterer Aspekt ist die unrühmliche Rolle des DFB, die sich in erster Linie mit Inkompetenz beschreiben lässt. Der Präsident Reinhard Grindel und Manager Oliver Bierhoff haben sich in der ganzen Debatte maximal ungeschickt benommen, wurden dafür in den Medien aber auch auch gebührend kritisiert. Auch die Bild hatte Bierhoff wegen seiner tatsächlich unsäglichen Andeutungen, die Nationalmannschaft habe wegen Özils Erdogan-Foto die WM vergeigt, in einem Kommentar lang gemacht.

Es gibt also viele Dimensionen in diesem Özil-Komplex: Özil selbst, sein Charakter, seine Herkunft. Die politische Komponente mit dem Erdogan-Foto. Die Rolle der Medien. Die Frage nach seiner fußballerischen Leistung und die Rolle des DFB. Im Prinzip kann hier jeder mitreden und tut es ja auch.

Bei alldem darf man nicht vergessen, dass der Fall Özil ein sehr individueller Fall ist. In der deutschen Nationalmannschaft spielen zahlreiche Fußballer mit Migrationshintergrund, um die es keine solchen Riesen-Debatten gibt. Auch die Boatengs und Khediras werden sich öfter als ihnen lieb ist mit Rassismus auseinandersetzen müssen und unfaire Kritik an ihren Leistungen ertragen. Bei Özil ist der Diskurs aus dem Ruder gelaufen, auch weil der DFB so gnadenlos überfordert ist und auch weil Özil selbst in kommunikativen Dingen so maximal tapsig agiert. Zuerst das lange Schweigen, dann dieser schriftliche Ausbruch auf Englisch via Social Media. Dass so etwas eine Gegenreaktion hervorruft, ist klar.

Nach seinem Rückzug aus der Nationalmannschaft, kann sich die Debatte rund um Mesut Özil nun hoffentlich wieder etwas beruhigen. Wenn man eines aus den vergangenen Wochen aus dieser „Affäre“ lernen konnte dann dies: Der Bedarf an kompetenten (!) Medien- und Kommunikationsberatern ist nach wie vor groß. Allerdings müssten die Leute dann auch auf sie hören.

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